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-065 
-====== Die Löwenbraut ====== 
- 
-    Moritz Bermann 
- 
-Außerhalb Simmerings, gegenüber dem großen Leichenfelde Wiens, liegt das sogenannte 
-Neugebäude, ein umfangreicher Bau, welcher jetzt als Pulvermagazin und Niederlage für 
-Kriegsbedarf benutzt wird. An dieser Stelle soll während der ersten Türkenbelagerung der Stadt 
-(1529) das kostbare Zelt des Sultans Soliman gestanden haben. Als steinerne Nachbildung 
-desselben ließ Kaiser Rudolf II. im Jahre 1587 mit vielem Aufwand ein Lustschloß bauen, 
-welches samt dem umgebenden Garten von einer hohen Mauer eingeschlossen war, die zehn in 
-weiten Abständen stehende niedere Türme unterbrachen. Im Mittelteil der rückwärts liegenden 
-Hauptseite befand sich ein dreitürmiges Gebäude, umgeben von einer gewölbten Galerie, an 
-deren Enden abermals turmähnliche Anbauten angebracht waren, welche durch einen bedeckten 
-Gang auf der Oberseite miteinander in Verbindung standen. 
- 
-Außer dem zierlichen Lustgarten gab es hier auch einen Tiergarten mit den seltensten und 
-reißendsten Tieren, welche in stark vergitterten Zwingern gehalten wurden. Im Nebengebäude 
-fanden manche glänzende Festlichkeiten und Lustbarkeiten statt. An einem schönen Maientag 
-versammelten sich in den ebenerdigen Hallen die Mitglieder der kaiserlichen Familie, umgeben 
-von ihren Edelleuten, um das Geburtsfest eines holden Prinzeßleins zu feiern. 
-Nach mancherlei prächtigen Aufzügen und Maskeraden erschien ein Gesangschor, welcher ein 
-Lied vortrug. Hierauf trat aus einer Rosenlaube ein vierjähriges Mädchen, Berta, die Tochter des 
-Schloßverwalters Georg Glüheisen, hervor; sie war gekleidet als Schutzgeist von Österreich; in 
-den Armen ein Füllhorn tragend, nahte sie dem Thronhimmel und sprach einen Glückwunsch. 
-Dann jubelten Trompeten und donnerten Kanonen, als plötzlich all das Getöse durch 
-herzzerreißende Schreckensrufe übertäubt wurde. 
- 
-Es war nämlich ein gelbweißer Berberlöwe, das wunderbarste Exemplar des ganzen Tiergartens, 
-durch den Lärm zur Wut gebracht, aus seinem Käfig gebrochen, stürzte sich windesschnell in die 
-Laubgänge des Gartens, kam zum Lustschloß und in den Tempelsaal, wo er verdutzt die 
-Versammlung anstarrte. Die Wachen eilten mit den Feuerrohren herbei, die Edelleute zogen ihre 
-Degen und drangen auf den König der Tiere ein. Da warf sich der kleine Schutzgeist, Berta, an 
-den Hals des Tieres, umschlang es mit seinen Ärmchen und rief flehend: »Nichts tun, meinem 
-guten Hans, nichts tun, geht schon wieder nach Haus mit mir!« 
-Der Löwe ließ ein sanftes Grollen hören, schmiegte sich demütig zu den Füßen des Kindes und 
-ließ sich dann ruhig in denselben Käfig zurückführen, dessen starken Bau er wutentbrannt 
-zertrümmert hatte. 
- 
-»Ein merkwürdiges Beispiel, wie Milde die Kraft zu bezähmen vermag!« rief der Kaiser aus. 
-»Wir sehen darin eine glückliche Vorbedeutung für unser schönes Land, das Wohl vom 
-stürmischen Wogendrange bedroht werden kann, doch der Schutzgeist des Landes wird alle 
-Stürme beschwichtigen. Dem holden Mägdlein sei der Löwe geschenkt und sie führe – bis in 
-späteren Jahren ein wackerer Jüngling sie nach Hause nimmt – von nun an den Beinamen: »die 
-Löwenbraut«. – 
- 
-Jahre vergingen, Berta war inzwischen eine reizend erblühte Jungfrau geworden, ohne daß das 
-zärtliche Freundschaftsbündnis mit dem Löwen aufgehört hätte; ja es war, wenn möglich, noch 
-inniger geworden; denn das Tier duldete nicht, daß ein männlicher Begleiter mit Berta seinem 
-Käfig nahte, ohne durch dumpfes Brüllen seine Eifersucht zu erkennen zu geben. Da wurden aber 
-auf einmal die Besuche des Mädchens am Käfige seltener. 
- 
-Ein wackerer Jüngling, ihr Jugendgespiele Hans Rechberger, der Sohn des vermöglichen 
-Gastwirtes auf dem Salzgries – die Väter waren alte Freunde – hatte um ihre Hand geworben und 
-sowohl bei den Eltern als bei dem Mädchen gute Aufnahme gefunden. Die Hochzeit wurde 
-bestimmt; da gab es viel zu schaffen, so daß die Braut ihren Löwen immer seltener zu besuchen 
-kam. Das Tier merkte dies genau, denn es zeigte bei jedesmaligem Erscheinen ungewöhnliche 
-Traurigkeit in seinen Gebärden und Liebkosungen, welche Berta oft bis zu Tränen bewegten. 
-Es kam die Stunde der Vermählung. Im weißen Brautkleide, das Haupt mit Myrten bekränzt, 
-erschien sie noch zuvor beim Käfig, um Abschied von dem treuen Tiere zu nehmen. Der Wärter 
-schloß die Türe auf, Berta trat ein, und der Löwe schmiegte sich sogleich huldigend zu den Füßen 
-derjenigen, die bisher sein alles gewesen und die er so lange schmerzlich vermißt hatte. Die 
-»Löwenbraut« beugte sich über das treue Tier, schloß die Arme um das Mähnenhaupt und sprach 
-bewegt einige Worte des Abschiedes zu ihrem Liebling, den sie nie wiedersehen sollte. Der Löwe 
-mußte sie verstanden haben. Seine Augen erglühten in unheimlichem Feuer, die Rute machte 
-einen Halbbogen und ein drohendes Gebrüll verkündete nahe Zornesausbrüche. 
- 
-Der Tierwärter sah die Abschiedsszene, ihm bangte für das Mädchen, und er ermahnte dasselbe, 
-sich zu entfernen. Berta drückte den letzten Kuß auf die majestätische Stirne und wollte gehend 
-da erhob sich der zürnende Löwe in aller Majestät und trat vor den Ausgang, ihr den Weg 
-verbietend. Nicht Schmeichelkünste, nicht Drohungen bewogen den Löwen, sich zu entfernen, er 
-wollte seine untreue Braut nicht ziehen lassen zum Ehebund mit einem anderen. 
- 
-Der Wächter rief Hilfe herbei. Mit Blitzesschnelle kam der junge Rechberger, sein Bräutchen mit 
-bewaffneter Faust zu holen; einen Dolch, den er in der Eile aufgerafft, in der Hand, so stürzte er 
-zu dem Käfig. Der Löwe erblickte ihn, mochte sein Vorhaben instinktmäßig ahnen, sprang mit 
-einem Satze auf die Jungfrau los, schlug sie mit der Tatze machtvoll zu Boden und riß ihr eine 
-tiefe Wunde am Herzen, so daß ihr Lebensstrom mit einem letzten Seufzer entfloh und das weiße 
-Brautkleid sich zum dunkelroten Totengewand färbte. Widerstandslos ließ er sich dann von des 
-Jünglings Dolch durchbohren und sank blutend auf den Körper seiner Braut hin. 
- 
-Hans Rechberger küßte den letzten Atemzug von den Lippen der teuren Braut und leistete den 
-Schwur ewigen treuen Angedenkens. Sein Haus, worin sie als glückliche Frau hätte einziehen 
-sollen, nannte er »zur Löwenbraut«, welche Bezeichnung erst im siebzehnten Jahrhundert in die 
-»zum Weißen Löwen« umgewandelt wurde. Dieses Gasthaus ist eines der ältesten der Stadt 
-Wien. 
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-Dem Dichter Chamisso hat aber die hier erzählte Geschichte den Stoff zu seiner schönen Ballade »Die Löwenbraut« geliefert. 
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-//Quelle: [[buch:gau|Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen]], Verschiedene Autoren,//  
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-{{tag>sagen gau}} 
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