text:gau057
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| - | ====== Alle neun Kegel ====== | ||
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| - | Moritz Bermann | ||
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| - | Es ist gar wenigen in Wien bekannt, daß sich auf dem Stephansturm eine Kegelschiebstatt befindet. Diese ist noch heute in dem kleinen Zimmer neben der Wohnung des Turmwächters, | ||
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| - | An einem heiteren Septemberabend unterhielten sich auf dem Berghofe nach dem Abendbrot einige lustige Männer aus Wien bei Geigenspiel, | ||
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| - | Die Gäste hatten sich in der Abenddämmerung bis auf den einen bereits verloren. Dieser stand aber noch immer da, ein Mann von hoher, kräftiger Gestalt, jedoch verliederlicht im Anzug, den Ausdruck tierischer Leidenschaft in den durch Trunk und andere Laster unschön verzerrten Zügen, und schob Kegel ohne Ruhe und Rast. Wie gewohnt, warf er stets alle neun, und er begleitete diese seine Geschicklichkeit mit lautem Beifallsgeschrei. Nebenbei goß er einen Becher Wein nach dem andern in den nimmersatten Schlund, weshalb ihn auch die Wiener den »Ewigtrunk« hießen. | ||
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| - | Konrad der Ewigtrunk spielte und zechte so eine gute Weile fort, als der Wirt des Berghofes zu ihm trat. | ||
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| - | »Nun, Konrad,« sagte er freundlich, »habt Ihr noch nicht genug gespielt? Es wäre Zeit, davon abzulassen. Ich begreife überhaupt nicht, wie es Euch Vergnügen machen kann, da so allein fortzukegeln.« | ||
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| - | »Kümmert Euch nicht darum, sondern bringt lieber noch Wein her, mich dürstet fieberisch.« Der Wirt entfernte sich kopfschüttelnd, | ||
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| - | Indessen ermannte er sich, stürzte einen Becher Wein hinunter und rief zornig: »Was wollt Ihr denn von mir? Ihr treibt sehr dumme Narrenspossen; | ||
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| - | »Das ist zu arg, bei allen Höllenkünsten!« fluchte Konrad. »Treibt meine Geduld nicht aufs Äußerste. Geht fort und stört mich nicht länger!« | ||
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| - | Da erscholl es mit eintöniger Stimme, die wie aus einem Grabe kam: »Laß ab, ewiger Trunkenbold, | ||
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| - | »Spare deine weisen Lehren,« erwiderte Konrad. »Folge mir lieber zur Stephanskirche, | ||
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| - | Da flüsterte beinahe tonlos der Graurock: »Nun, so komm, du unverbesserlicher Wüstling; wenn du Mut hast, kannst du oben mit mir eine Kegelpartie machen.« | ||
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| - | Konrad stürzte den letzten Rest seines Weines hinunter und machte sich mit seinem Begleiter auf den Weg. Sie gingen durch die menschenleeren Gassen, aber nur die schweren Tritte des Säufers waren zu vernehmen, das Graurücklein schien über dem Boden zu schweben, denn seine Schritte gaben keinen Nachhall. | ||
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| - | Wie Blei hing es sich an Konrads Schuhe, und als sie auf dem Turme oben angelangt waren, triefte der Wüstling von Schweiß. Aber er bemeisterte sein Grauen und fragte übermütig und höhnisch: »Wirfst du auch auf jeden Schub alle neun Kegel um?« | ||
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| - | »Auf jeden Schub alle neun,« erwiderte der Unheimliche; | ||
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| - | »Angenommen. Merke aber auf, was ich sage; du mußt dich mit dem Rücken gegen die Kegel aufstellen, zur Erde bücken und zwischen den ausgespreizten Beinen die Kugel nach dem Ziele werfen. Kannst du das?« | ||
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| - | »Laß es gut sein. Gib die Kugel her!« | ||
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| - | »So wirf denn alle neun!« rief hohnlachend Konrad und warf einen der Kegel zum Turmfenster hinab auf die Straße. | ||
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| - | »Erst du, dann ich!« donnerte ingrimmig der Graurock. Die Kleider fielen von ihm ab und ein Entsetzen erregendes Totengerippe von riesiger Höhe, Sense und Stundenglas schwingend, zeigte sich den Blicken des vor Schreck halbtoten Trunkenbolds. »Also vorwärts!« rief es, »vorwärts, | ||
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| - | Es schlug gerade zwölf Uhr. | ||
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| - | Zentnerschwer fiel die Geisterstunde auf das Herz des Liederlichen, | ||
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| - | Da rief der Tod: »Nun, du toller Bursche, glaubst du etwa, ich brauchte den neunten Kegel? Der Tod trifft auch neune, selbst wenn es nur acht sind!« | ||
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| - | Darauf warf der schreckliche Menschenwürger die Kugel gewaltig vorwärts, die Kegel stürzten mit Geprassel zusammen, und Konrad, der Ewigtrunk, sank neben ihnen leblos zu Boden. So fand ihn am andern Morgen der Turmwächter. | ||
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| - | Noch einige Jahrhunderte nachher war es Sitte, daß die Besucher dieser Kegelschiebstatt auf die Erlösung der armen Seele des Verunglückten einen Schub tun mußten. | ||
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| - | Der Schlemmer hatte sich wahrscheinlich in seinem trunkenen Übermute auf den Kirchturm begeben und da, nachdem er im Rausche einen der Kegel aus dem Turmfenster geworfen, sich wie wütend auf die übriggebliebenen Kegel gestürzt, wobei ihn die von der Wand abprallende Kugel an den Kopf getroffen und getötet haben mag. Der fromme Sinn unserer Vorfahren unterlegte der Tatsache den sagenhaften Grund, um auch hier vor Übermaß der Leidenschaftlichkeit, | ||
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