text:gau040
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| - | ====== Der starke Hermel ====== | ||
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| - | Johann Georg Theodor Gräße | ||
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| - | Vor alten Zeiten kamen große Heidenheere den Rhein herabgezogen, | ||
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| - | Es lebte in jenen Bergen ein junger Bursche, den sie alle den starken Hermel nannten. Er war von hoher Gestalt, wohl sechs Ellen lang, breitschultrig, | ||
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| - | Die freuten sich sehr des kräftigen Gesellen und meinten, daß er ihnen manch schönes Stück Arbeit verrichten solle. Das tat er denn auch, aber viel besser, als den Herren lieb war. Als der Tag kam, wo er seine Arbeit beginnen sollte, da schlief er, bis die Sonne hoch am Himmel stand, und es kümmerte ihn wenig, daß die andern Dienstleute schon lange in der Scheune gedroschen hatten. »Fauler Tagedieb,« sprach man zu ihm, »du wirst wohl dein Tagewerk nicht mit andern fertig bekommen.« Da sah er sich um nach dem, was die andern schon gedroschen hatten, und nach dem, was noch übrig war, und sprach dann ruhig: »Um so geringer Arbeit willen hättet ihr mich wohl nicht so frühe in meinem Schlaf zu stören brauchen, mit dem ganzen Vorrat mag ich noch vor Mittagszeit fertig werden, wenn man mir nur danach genug Bier und Fleisch zur Mahlzeit und Stroh zum Lager geben will.« Dies wurde ihm versprochen. | ||
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| - | Darauf ging der starke Hermel in den Wald und zog einen mannshohen Eichenstumpf aus der Erde, wie man eine Rübe aus dem Felde zieht, hierauf riß er eine der längsten Tannen aus und befestigte daran den Eichenstumpf mit einem tüchtigen Seil. »So,« sprach er, »nun hab' ich einen guten Dreschflegel.« Damit ging er zur Scheune, deckte vorsichtig das Dach ab, wie man einen Deckel nimmt, und stellte es beiseite, daß es keinen Schaden litt beim Dreschen. Wer hat jemals solch Dreschen gesehen? Das Stroh stob umher nicht anders, als habe es ein Wirbelwind ergriffen. So war er denn in einer halben Stunde mit dem ganzen Vorrat zu Ende. Darauf kehrte er das Dach um, schüttete das gesamte Korn in die Höhlung desselben und schüttelte es wie eine Futterschwinge, | ||
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| - | Das war den Heiden denn doch zu viel. Sie sprachen: »Wenn der starke Hermel also mit Bäumen, Häusern, Ochsen und Wagen umspringt, so kann er uns am Ende wohl mehr schaden als nützen. Es ist Zeit, daß wir ihn los werden.« Sie hielten also Rat, wie sie ihn am besten aus dem Wege räumen könnten. Unterdessen aber gaben sie ihm einige Malter Mehl, damit er daraus für sich und seine Genossen Brot backen möge. Als man hinkam, es abzuholen, da lag der starke Hermel wieder auf seinem Stroh und schnarchte laut. Der Ofen war längst erkaltet und weder Brot noch Mehl zu finden. Man weckte ihn endlich auf und fragte danach. Er rieb sich die Augen und die Stirn und sagte nach langem Besinnen: »Ihr hattet mir keine Zuspeise zu meinem Ochsenbraten gegeben, da habe ich das Brot, wie es aus dem Ofen kam, zu dem Fleisch verspeist. Für solche Mahlzeit will ich euch wohl alle Tage arbeiten, so viel ich vermag.« Da meinten die Heiden, daß es Zeit sei, ihren Plan auszuführen, | ||
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| - | Der starke Hermel stieg getrost in den tiefen Brunnen und füllte unten den Eimer mit Schlamm, der alsdann heraufgezogen wurde. Unterdessen wälzten die Heiden hinterlistig eine Menge großer Steine an den Rand des Brunnens und stürzten sie dann plötzlich hinab, um den starken Hermel zu zerschmettern. Der sang aber ein lustiges Lied zur Arbeit und ließ sich darin gar nicht durch die stürzenden Steine stören. Nur zuletzt, als immer gewaltigere Blöcke fielen, rief er hinauf: »So jagt doch die Hühner dort oben vom Brunnenrande hinweg, die scharren mir soviel Kieselsteine und Staub in die Augen, daß ich nicht mehr arbeiten kann.« | ||
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| - | »Ei,« dachten die Heiden, »wenn du das Kieselsteine nennst, so wollen wir dich schon etwas anderes lehren.« Da mußten zehn Mann mit Hebebäumen einen gewaltigen Mühlstein an den Brunnenrand rollen und ihn endlich hineinstürzen. »Jetzt wird er nicht mehr spotten,« jubelten die feigen Männer. Aber da lachte der starke Hermel recht herzlich aus der Tiefe des Brunnens herauf und rief: »Tausend Dank, ihr lieben Herren, für den schönen, dauerhaften Halskragen, den ihr mir da heruntergeworfen habt.« Da schauten sie erstaunt hinab, und siehe da, der Hermel arbeitete ruhig fort und trug den Mühlstein um seinen Hals, wie ein Knabe ein feines Sonntagskräglein. | ||
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| - | Das war den Heiden denn doch zu arg, und sie beschlossen, | ||
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| - | Da berieten sie unter sich und schickten ihn endlich in die Teufelsmühle, | ||
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| - | Bei Tagesanbruch riefen die Heiden Hermel wieder und sprachen zu ihm: »Hermel, du machst uns zu armen Leuten, wenn du noch länger bei uns bleibst; geh also in die Hölle zum Teufel und sag' ihm, er möge dir einen Sack mit Geld geben, so groß und schwer, wie du ihn tragen kannst. Den bring uns herauf, dann sollst du gute Tage haben.« Der Hermel war's zufrieden und bat nur, daß sie ihm einen Wegweiser mitgäben, der ihn bis ans Tor der Hölle führe. Da gaben sie ihm einen Jungen, der führte ihn bis zum Heidenkeller bei Vollberg. Dort stieg der Hermel hinab, und der Bursche kehrte zurück und erzählte das den Herren, da jubelten sie wiederum und sprachen: »Nun endlich sind wir ihn los, jetzt ist es ganz gewiß um ihn geschehen. Nirgends ist der Hahn so frech als auf dem Mist, und den Teufel in der Hölle wird auch der Hermel nicht unterkriegen.« Der Hermel hatte unterdessen saure Arbeit. Er arbeitete sich stundenlang unter dem Berge in langen, dunklen Gängen durch, wohin niemals ein Sonnenstrahl gefallen war. Endlich stand er vor einem eisernen Tore. Er pochte und rüttelte daran, aber lange Zeit vergebens. Da tat er einen gewaltigen Fußtritt dagegen, daß die Tür mit Krachen zusammenbrach. Nun blickte er tief unten in einen großen Raum, der von unzähligen Feuern erhellt war, um die sich seltsame Gestalten bewegten, wie er sie nie gesehen hatte. Er stieg nun die große Treppe in die Tiefe hinab und verscheuchte mit dem Sacke, den er mitgenommen, | ||
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| - | Der Hermel wurde nun zu dem Höllenfürsten selbst geführt. Der saß auf einem feurigen Thron und fragte ihn, wer er sei und was er hier wolle. Da erzählte der Hermel ihm treulich, wie seine Herren ihn nicht mehr auf der Erde ernähren könnten, und wie sie ihn deshalb in die Hölle geschickt hätten, um Geld zu holen. Der Teufel lächelte und sagte: »Du bist ein wackerer Bursche, ich will dir drei Stücklein vorschlagen, | ||
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| - | Darauf holte der Teufel einen Stein, so groß wohl wie ein Backhaus, und warf ihn gerade in die Höhe, daß er wohl den Wipfel eines Pappelbaumes erreicht hätte. Nun sollte der Hermel werfen. Er wog den Stein lange in der Hand und sagte dann: »Ich will, ehe ich werfe, doch hinausgehen in den Wald und einige Eichbäume holen, die stärksten, die ich finden kann.« – »Was willst du denn damit?« fragte der Teufel. »Das Gewölbe stützen,« antwortete der Hermel, damit es nicht über uns zusammenbricht, | ||
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| - | Da wurde dem Teufel angst und bange, er wollte sich nicht wieder besiegen lassen und machte sich unter einem Vorwande, woran er allzeit Überfluß hat, still davon. Der starke Hermel aber packte seinen Sack voll Geld und ging damit zu seinen Herren, die ihren Augen nicht trauten, als sie ihn kommen sahen. Sie hatten ihre Freude über den erworbenen Schatz und gedachten nicht, dem treuen Hermel ihr Wort zu halten, vielmehr sannen sie sogleich auf einen neuen Anschlag, wie sie den wackern Burschen aus der Welt schafften. | ||
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| - | Eines Tages schickten sie ihn in den Wald, um dort Holz zu fällen. Nachdem er hier viele Bäume geschlagen und aufeinandergeschichtet hatte, legte er sich nach seiner Gewohnheit hin, um ein Mittagschläfchen zu machen. Rings um ihn her waren viele Haufen gefällten Holzes aufgeschichtet, | ||
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| - | Mit einem Male aber fing er an zu husten und rief: »Was ist das für ein Rauch, und wie ist meine schöne Kappe so warm geworden?« Und sogleich sprang er über die brennenden Holzhaufen hinweg, schrecklich anzusehen in seinen versengten Haaren und Kleidern, und ergriff, als er die Verräter erblickte, einen Eichbaum, riß ihn mit den Wurzeln aus der Erde und schlug sie tot, wo er sie traf. Die erschlagenen Menschen steckte er, als wären es kleine Vöglein, an eine lange Stange und hing sie über seine Schultern. Nur wenige Heiden entkamen über den Rhein, und sie haben sich seit dieser Zeit in unsern Landen nicht wieder sehen lassen. | ||
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