text:der_zauberringruebezahl
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| - | ====== Der Zauberring ====== | ||
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| - | In Schweidnitz lebte ein Apothekergehilfe, | ||
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| - | Einmal sandte ihn sein Brotherr, der ihn im Stillen bedauerte, in das Gebirge, damit er dort Kräuter sammle, die in der Apotheke zur Bereitung von Tee oder zum Ausziehen von kräftigen Heilmitteln verwendet werden können. In Wirklichkeit wollte er nur, dass der brave junge Mensch einmal aus dem düsteren Gewölbe heraus in die frische Bergluft käme. Daher gab er ihm ein wenig Zehrgeld, hieß ihn, sich mit Brot zu versorgen und verlangte nur, dass er am nächsten Abend vor Torschluss zurück sei. | ||
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| - | Der junge Mann dankte mit leuchtenden Blicken, machte sich in der Frühe marschbereit und wanderte vergnügt der Schneekoppe zu. Allein das Glück war ihm nicht günstig, denn es regnete und stürmte so, dass ihm die Aussicht und die Laune bald verdorben waren. Dennoch kam er bis Hermsdorf und wollte den Berg, wenn möglich, am nächsten Morgen in der Frühe ersteigen. | ||
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| - | Am anderen Tage hatte er mehr Glück. Er stieg bei gutem, klarem Wetter auf das Gebirge. Dort suchte er sich einen schönen Punkt und sah von da aus freudig in die Ferne, sah die Kuppen des Gebirges, ermittelte die vielen Ortschaften in der Runde sowie die Flussläufe und Täler. Auch an großem und kleinem Getier hatte er seine Freude. Ein drolliger, feister Waldhase, der in großen Sätzen über den Weg sprang, stimmte ihn heiter. Er beobachtete eine große Schwarzamsel in ihrem sorglosen Tun, belauschte einen Schmetterling auf einer Distelblüte und half einem kleinen Käfer, der im Übereifer von seinem Zweiglein heruntergepurzelt war und dummerweise auf dem Rücken lag, mit aller Vorsicht wieder auf die Beine. | ||
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| - | Dann aber dachte er auch an den Auftrag seines Herrn und sammelte Königskerzen, | ||
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| - | Er merkte erst später, dass ihn ein alter, unfreundlich blickender Mann, der auch Kräuter zu suchen schien, schon lange beobachtete. Dann aber grüßte er den Herrn, der wie ein Arzt aussah, sehr artig, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen. | ||
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| - | Jetzt erhob sich der Alte und rief dem jungen Mann zu: »Darf man fragen, was Ihr da treibt?« | ||
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| - | »Ich sammle heilsame Kräuter für die Offizin, werter Herr.« | ||
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| - | »Und welchem Zweck dienen sie in Eurer Offizin?« | ||
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| - | »Wir machen daraus nützliche Arzneien gegen das Heer der Krankheiten.« | ||
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| - | »Weshalb lässt man den Krankheiten nicht ihren Lauf? Weshalb dieser Kampf gegen die Natur?« | ||
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| - | »Weil sonst doch die Kranken sterben würden.« | ||
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| - | »So lasst sie sterben! Gibt es nicht Menschen genug?« | ||
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| - | »So dürfen wir Leute von der Heilkunst nicht reden. Ob es genug Menschen gibt, kann ich nicht sagen. Ich sah so selten welche.« | ||
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| - | »Ei seht doch! Wieder einer von den vielen jungen Leuten, die vorgeben, keine Zeit zu haben. Was sollen die Alten dann sagen, deren Tage gezählt sind?« | ||
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| - | Darauf erzählte der junge Apotheker dem Alten, wie kümmerlich er lebe, und wie wenig Aussicht auf Erfüllung seine heiße Sehnsucht habe, die ihn in die weite Welt führen möchte. | ||
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| - | Die Ehrlichkeit und Bescheidenheit des jungen Mannes gefielen dem Alten vom Berge – der kein anderer war als Rübezahl – so gut, dass er zu dem jungen Manne sagte: »Daheim ist’s schließlich immer am besten, und fremde Länder haben viele Schattenseiten. Nehmt diesen Ring. Wenn Ihr ihn dreht, mag er Euch von Nutzen sein! Braucht Euch nicht zu bedanken! Lebt wohl!« | ||
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| - | Mit diesen Worten schob er dem Apotheker den Ring an den Finger und ging mürrisch davon, ohne den Dank abzuwarten, auch ohne sich umzudrehen. | ||
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| - | Der junge Mann wusste nun zwar nicht, was er von dem Benehmen des alten Herrn halten sollte, aber es kam ihm auch eine andere Sorge. Die Zeit war ihm rasch vergangen, und er hatte jetzt den weiten Rückweg vor sich. Der kurze, schöne Aufenthalt im Gebirge war teuer erkauft durch große Strapazen, besonders gestern bei dem unfreundlichen Wetter. Da dachte er so recht aus Herzensgrund: | ||
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| - | Sobald er nun freie Zeit hatte, probierte er Rübezahls herrliches Geschenk. Wenn er einen Wunsch aussprach und den Ring drehte, befand er sich nach Gutdünken an dem Ort, wohin er sich wünschte, und ebenso konnte er schnell wieder daheim sein. | ||
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| - | »In Madrid in Spanien möchte ich sein!«, rief er einstmals aus, indem er den Ring drehte, und sogleich befand er sich in jenem Theater, wo die Stiergefechte abgehalten werden. Da sah er den mächtigen Herrscher des Landes in feierlicher, | ||
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| - | Oder er wollte Rom sehen. Blitzschnell stand er in Sankt Peter, wo gerade der Papst die Messe zelebrierte, | ||
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| - | Kam er nach Konstantinopel, | ||
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| - | Manchmal erlebte er die wundersamsten Abenteuer. Einmal war er gegen Abend in London und sah mit Vergnügen dem Leben und Treiben im Hafen zu, sah Tausende von Schiffen und beobachtete das Ein- und Ausladen der mannigfaltigsten Güter. | ||
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| - | Da fühlte er sich plötzlich durch starke Arme von hinten gepackt und konnte nicht verhindern, dass ihm seine Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt wurden. Jemand warf ihm einen Sack über den Kopf, und dann wurde er mit Püffen und Scheltworten vorangedrängt und konnte merken, dass man ihn auf ein Schiff brachte. Dort ging es eine Treppe hinunter in einen mit stickiger Luft erfüllten Raum. Hier nahm man ihm den Sack und die Fesseln ab, und seine Häscher gingen davon. | ||
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| - | Der junge Mann sah, dass er nicht allein in dem Raum war, und erfuhr von einem anderen Gefangenen, dass er »gepresst« worden sei. | ||
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| - | Die Schiffskapitäne der großen Stadt machten sich nämlich in jener Zeit das Vergnügen, durch ihre Helfershelfer junge Leute, deren sie am Abend habhaft werden konnten, für den Dienst auf ihrem Schiffe zu kapern oder sie nach dem fernen Ostindien in die Zuckerplantagen zu schicken. Wenn da Rübezahls Ring nicht gewesen wäre! Aber es kostete dem jungen Gefangenen nur einen Wunsch und einen kleinen Druck, und er fand sich im lieben Schweidnitz wieder. | ||
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| - | Ein anderes Mal machte der Günstling des Berggeistes sogar eine weite Reise nach Amerika und befand sich schließlich in einer damals der Kultur noch nicht erschlossenen Gegend am Rande der unendlichen Prärie. Da sah er mit den Augen des Naturfreundes die seltsamen Pflanzengebilde, | ||
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| - | Auf einmal merkte er, dass der Boden zitterte, und zugleich sah er den weiten Horizont in Flammenglut. Die Prärie brannte, und die verheerenden Flammen kamen mit Windeseile näher, der Himmel verfinsterte sich durch schwarze, funkendurchzuckte Rauchwolken, | ||
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| - | Um alles kennenzulernen, | ||
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| - | »Mrwabu krokwa trlbi quorru«, zu deutsch. »Dieser weiße Kerl muss gut schmecken«. Worauf der Chor erwiderte: »Tschorr bwil koku«, das heißt: »Scheint so, tranchieren wir ihn.« | ||
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| - | Alsbald kam der Oberkoch samt seinen Gehilfen zähnefletschend auf den jungen Schweidnitzer zu, um ihn für die Seinen mundgerecht zu machen, aber mit Rübezahls Hilfe verschwand er zu deren Verblüffung im Handumdrehen. | ||
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| - | Schlimm wäre es für ihn beinahe auch in Ostindien geworden. | ||
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| - | Am Ganges duftet’s und leuchtet’s, | ||
| - | Und Riesenbäume blühn, | ||
| - | Und schöne stille Menschen | ||
| - | Vor Lotosblumen knien. | ||
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| - | Dieser Vers, den er irgendwo einmal gelesen hatte, trieb ihn mächtig, das märchenhafte Wunderland mit eigenen Augen zu sehen, und da ihm das Reisen ja weder Mühe noch Kosten verursachte, | ||
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| - | Wenn er reiste, fand er öfters schöne Dinge, nach denen in der Heimat starke Nachfrage war. Nach einiger Erfahrung und Übung verstand er es, Gewürze einzuhandeln, | ||
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| - | Fortan nahm er Rübezahls Güte nicht mehr in Anspruch und fühlte sich wohl daheim unter seinen Mitbürgern. Nur, wenn er erfuhr, dass durch Naturgewalten irgendwo schweres Unheil entstanden sei, da reiste er hin, um den Armen und Unglücklichen zu helfen. Ebenso wenn ihm Kunde kam, dass da oder dort eine böse Seuche ausgebrochen sei, versah er sich mit den erforderlichen Heilmitteln und verteilte sie unentgeltlich an die Notleidenden. | ||
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| - | So war Rübezahls Geschenk zum Segen für die Menschheit geworden. | ||
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