text:der_gasthof_zum_riesen
Unterschiede
Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.
| Nächste Überarbeitung | Vorhergehende Überarbeitung | ||
| text:der_gasthof_zum_riesen [2022/05/25 11:14] – angelegt ewusch | text:der_gasthof_zum_riesen [2024/04/17 08:38] (aktuell) – gelöscht ewusch | ||
|---|---|---|---|
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
| - | [[|]] | [[Buch: | ||
| - | ====== Der Gasthof zum Riesen ====== | ||
| - | |||
| - | Ein junger Mann ging einmal über das Gebirge, um sein Glück zu machen. Er tat sehr geziert, ächzte auch öfters, denn das Steigen machte ihm Mühe. Bald holte er einen anderen Jüngling ein, der den gleichen Weg hatte, und da es sich in Gesellschaft besser geht, entschloss er sich, die Bekanntschaft des anderen zu suchen. Bald hatten sich die jungen Herren mit tiefer Verneigung vorgestellt, | ||
| - | |||
| - | Das Einfachste wäre nun wohl gewesen, wenn die beiden jungen Leute einander die Wahrheit gesagt hätten und offen und ehrlich geblieben wären. Statt dessen nahmen sich die Gecken vor, sich gegenseitig tüchtig zu belügen und recht großzutun. | ||
| - | |||
| - | »Ihr müsst wissen«, begann der eine, »dass meine Mutter von altem Adel ist. Natürlich hat dadurch meine Familie sehr wichtige Beziehungen, | ||
| - | |||
| - | »So geht es auch mir«, log der andere. »Daheim darf es keiner wissen, dass ich zu Fuß über die Berge will, denn mein Vater hat einen Marstall von einigen zwanzig Rassepferden, | ||
| - | |||
| - | »Da Ihr gerade von Gesundheit redet, so kann ich davon auch ein Liedchen singen. Plagte mich da neulich eine lästige Heiserkeit. Glaubt Ihr, dass ich, um das Ding loszuwerden, | ||
| - | |||
| - | »Ja, mit den Lakaien! Da hatte mein Vater einen solchen Kerl, der ganz vertrauenswürdig schien und sich lange Zeit bewährt hatte. War auch aus gutem Hause, denn sein Vater war kaiserlicher Offizier gewesen. Was meint Ihr? Vorige Woche schickt ihn mein Vater mit zwölftausend Gulden fort, und der Schlingel ist bis heute nicht wiedergekommen. Er ist einfach damit durchgegangen. Mehrfach wurde nun dem Vater nahegelegt, Polizei und Gerichte davon zu verständigen, | ||
| - | |||
| - | Als die jungen Herren eine Zeit lang so aufgeschnitten hatten, wobei sie immer hochmütigere Mienen aufsetzten, erblickten sie am Weg einen anderen Reisenden, der sich ein wenig ausruhen wollte. Es war ein Handwerksgeselle, | ||
| - | |||
| - | »Es ist köstlich!«, | ||
| - | |||
| - | »Ein Drechsler bin ich, der Arbeit sucht.« | ||
| - | |||
| - | »Zum Kugeln? Arbeit sucht Er? Und wie kommt Er denn in diese Gegend?« | ||
| - | |||
| - | »Nun, wie Ihr auch, Ihr Herren. Der Handwerksbursch wirft seinen Stock in die Luft, und wo die Spitze hinzeigt, dahin wird gewandert.« | ||
| - | |||
| - | Die Herren lachten nun unbändig. Aber der Drechsler durfte mitgehen, wohl, damit sich die beiden Großhänse von ihren Prahlereien auf seine Kosten etwas erholen konnten. Er erzählte ihnen dies und jenes, und die Herren kamen aus dem mitleidigen Gelächter nicht heraus, lachten auch dann, wenn jede Veranlassung dazu fehlte. | ||
| - | |||
| - | Einmal aber blieb der Neffe der Fürstin Liliental stehen, machte ein sehr bedenkliches Gesicht und sagte: »Ich bitte sehr um Verzeihung, allein ich kann mir nicht anders helfen, ich habe einen Riesenhunger.« | ||
| - | |||
| - | »Und mir geht es nicht anders. Mein Vater gab gestern Abend ein Nachtmahl, zu dem eine Menge angesehener Leute geladen waren, sechs Gänge, wie gewöhnlich, | ||
| - | |||
| - | »Hätte ich mir wenigstens einige Pasteten eingesteckt, | ||
| - | |||
| - | »Mir wäre ein Stück Brot und ein Handkäse schon recht«, sagte treuherzig der Drechsler, »aber der Herr vom Berge duldet hier, so nahe an seiner Wohnung, kein Wirtshaus.« | ||
| - | |||
| - | Nun hatten die Herren Barone wieder etwas zu lachen. »Er meint den Rübezahl! Haha! Den Rübezahl! Der doch bloß in den Köpfen der Einfältigen spukt.« | ||
| - | |||
| - | »Es muss auch Einfältige geben, sonst hätten die Gebildeten niemanden, der ihre Arbeiten verrichtet.« | ||
| - | |||
| - | »Und hätten nichts zu lachen.« | ||
| - | |||
| - | »Und zu bedauern.« | ||
| - | |||
| - | »Sehe ich recht, da ist doch ein Wirtshaus! Das war doch früher nicht?«, rief der Drechsler. | ||
| - | |||
| - | In der Tat lugte durch die Bäume ein Gebäude mit Ställen und Schuppen, das nichts anderes als ein Wirtshaus sein konnte. Näher gekommen sahen sie, dass der Drechsler sich nicht geirrt hatte. | ||
| - | |||
| - | Da stand breit am Wege allerdings eine Herberge. Gasthof zum Riesen lasen sie auf dem Schild, und in der Tür wartete ihrer schon der Wirt, der mit pfiffigem Lächeln die Mütze zog und die Herren einlud, bei ihm einzukehren. Ohne Besinnen und ohne den Gruß zu erwidern, traten die beiden vornehmen Herren ein und flegelten sich auf eine Bank. | ||
| - | |||
| - | »Ich glaube nicht«, meinte der Liegnitzer, »dass man in einer solchen Spelunke ein standesgemäßes Unterkommen findet. Man muss eben fürliebnehmen.« | ||
| - | |||
| - | Der Ölser meinte: »Es riecht hier sehr nach armen Leuten.« | ||
| - | |||
| - | Nun trat der Wirt lächelnd hinzu und fragte nach ihren Wünschen. | ||
| - | |||
| - | »Was gibt es denn bei Ihm zu genießen? | ||
| - | |||
| - | »Was der Herr Baron wünschen.« | ||
| - | |||
| - | »Gebackene Gans?« | ||
| - | |||
| - | »Sehr wohl. Und was befehlen der Herr Baron zu trinken?« | ||
| - | |||
| - | »Sagen wir Burgunder.« | ||
| - | |||
| - | »Soll sofort zur Stelle sein. Und der Herr Doktor wünschen? | ||
| - | |||
| - | Dem Ölser gefiel es außerordentlich, | ||
| - | |||
| - | Und so sagte er denn vornehm nachlässig, | ||
| - | |||
| - | Dabei ahnte er nicht, dass es dem »Baron« nicht anders zumute war als ihm. Dem verging der Appetit bereits, wenn er an die Bezahlung der Zeche dachte. | ||
| - | |||
| - | Der Drechsler war der Einzige, dem es in der Wirtsstube wohl war. Er hatte Rübezahls Gruß – denn der Wirt war kein anderer als der Berggeist – freundlich erwidert und sich dann bescheiden in ein Eckchen gesetzt, Hut, Felleisen und Stock abgelegt. Auch ihn fragte der Wirt nach seinen Wünschen. Er bestellte aber nur eine Scheibe Brot und, wenn es möglich sei, ein wenig Koppenkäse. | ||
| - | |||
| - | »Nicht auch etwas Butter dazu?«, fragte Rübezahl. | ||
| - | |||
| - | »Das möchte mir zu teuer kommen«, antwortete ehrlich der Handwerksbursche, | ||
| - | |||
| - | »Wird schon nicht zu teuer kommen. Und wie ist es mit einem Fläschchen Ungarwein, Niersteiner, | ||
| - | |||
| - | »Behüte!«, | ||
| - | |||
| - | Bald brachte Rübezahl die Speisen und Getränke: Gesottenes und Gebratenes für die Herren; Brot, Butter und Käse für den Handwerker. Dann kamen auch die Getränke. Alles war vom Besten. | ||
| - | |||
| - | Die Herren schmausten, im Innern sehr bedrückt, nur der Drechsler griff fröhlich zu und aß mit Appetit. Nach Art der Wirte kam Rübezahl nach einiger Zeit und fragte die Herren, wie es ihnen munde. | ||
| - | |||
| - | »Wie kann das schmecken? | ||
| - | |||
| - | »Ich biete meinen Lakaien einen solchen Fraß nicht an«, meinte der andere, »und den Wein, solchen Wein, den schütten wir in die Teiche, wenn wir die Fische vergiften wollen.« | ||
| - | |||
| - | Nun fragte Rübezahl auch den Drechsler, wie ihm die Mahlzeit behage. | ||
| - | |||
| - | »Ei, das seht Ihr wohl, Herr Wirt«, antwortete der ehrlich, »dass es mir schmeckt wie lange nicht. Das Brot ist wunderbar kräftig, die Butter schmeckt wie Nuss so süß, und den Käse habe ich noch nie so schön gefunden. Solche Leckerbissen bin ich freilich nicht gewohnt. Seid so gut, Herr Wirt, und sagt mir, was ich für die Zeche zu bezahlen habe.« | ||
| - | |||
| - | Da fing Rübezahl scheinbar ernsthaft an, zusammenzurechnen, | ||
| - | |||
| - | »Das kann doch nicht stimmen, Herr Wirt«, sagte er, »ich habe eine gute Mahlzeit gehabt.« | ||
| - | |||
| - | »Es hat schon seine Richtigkeit«, | ||
| - | |||
| - | Damit reichte er ihm einen sehr kunstvoll gedrehten Kegel. Der Handwerker dankte dafür, besah das schöne Stück mit Kennermiene, | ||
| - | |||
| - | Auch die wollten gehen und bezahlen. Der Liegnitzer hatte beobachtet, dass Standesherren in den Gasthäusern die Gewohnheit haben, ihre Börse auf den Tisch zu legen. Der Wirt nimmt dann heraus, was ihm zukommt, und legt den Beutel wieder hin. Also nahm auch er sein Beutelchen heraus, tat recht gleichgültig und warf es dem Wirt zu. | ||
| - | |||
| - | »Mache Er sich bezahlt!« | ||
| - | |||
| - | Der Ölser beeilte sich, die vornehme Zahlweise seines Begleiters nachzuahmen, | ||
| - | |||
| - | Rübezahl steckte beide Beutel ein und räumte ab. Da sahen nun die beiden Großhänse, | ||
| - | |||
| - | Da wurden sie ärgerlich über die eigene Torheit, aber, anstatt auch hier ehrlich zu bleiben wie der Drechsler, den sie im Stillen beneideten, ließen sie ihren Verdruss lieber an dem Wirt aus. | ||
| - | |||
| - | »Seine Wirtschaft ist eine rechte Spelunke, Herr Wirt. Er sollte wirklich etwas Besseres tun, als den Fremden mit erbärmlichem Essen und Trinken aufwarten und ein solches Loch auftun, das sich allenfalls für Wegelagerer, | ||
| - | |||
| - | Da wurde Rübezahl böse. Streng sah er sie an und sprach mit lauter Stimme: »Feine Leute seid ihr? Meint ihr, ich wüsste nicht, dass ihr Handelsbuben seid, die die Lehre eben hinter sich haben? Du willst den Liegnitzer Baron herausbeißen, | ||
| - | |||
| - | Und nun regnete es Prügel auf die beiden verdutzten Bürschchen, | ||
| - | |||
| - | Als sie dort nun saßen und ihr Geschick beklagten, und nun zum ersten Mal ehrlich gegeneinander waren, da fasste der Liegnitzer zufällig in seine Tasche und fand darin zu seinem höchsten Erstaunen seine Börse wieder, die er oben in dem verhexten Wirtshaus gelassen zu haben glaubte. Er öffnete sie und machte die Entdeckung, dass nicht nur das ganze Sümmchen bis auf den letzten Heller darin war, sondern dass Rübezahl auch noch einen neuen schönen Dukaten hinzugefügt hatte. Nun fasste auch der Ölser in seine Tasche und fand sein Eigentum ebenfalls wieder und einen goldenen Notpfennig dazu. Da waren beide froh, dass sie von dem Berggeist so gelinde gestraft worden waren. | ||
| - | |||
| - | Sie kamen dann nach Wien und fanden dort gute Stellen. Wenn sie sich später am Ring oder am Prater einmal begegneten, der eine mit einem Paket Tuch unter der Achsel, der andere mit einer verschnürten Last, dann lachten sie sich an und führten ein anderes Gespräch als damals, etwa so. | ||
| - | |||
| - | »Servus! Wie geht’s, Herr Baron?« | ||
| - | |||
| - | »Dank’ vielmals, Herr Doktor, leidlich. Ihnen auch? Freut mich. Hab’ die Ehr’!« | ||
| - | |||
| - | »Hab’ die Ehr’!« | ||
| - | |||
| - | Noch seltsamer erging es dem Drechsler, der munter mit seinem Kegel talab trabte. Er war mit sich und der Welt wohlzufrieden und pfiff lustige Weisen. Da kam es ihm vor, als ob der Kegel immer schwerer würde, zuletzt schien es ihm, als ob er mit Blei ausgegossen wäre. | ||
| - | |||
| - | Gern hätte er sich der Last entledigt, aber weil es ein so schönes seltenes Holz war und ein Geschenk, so quälte er sich damit bis ins nächste Städtchen. Als er sich dort den Kegel genau besah, entdeckte er, dass das seltene Holz sich in pures Gold verwandelt hatte. Das machte er nach und nach zu Geld, kaufte sich ein Haus und eine Werkstatt und fing an rüstig zu arbeiten. Er bekam gute Kundschaft und hatte nichts auszustehen. | ||
| - | |||
| - | In späterer Zeit ging er einmal am Sonntag mit Frau und Kind auf den Berg, um jenes Gasthaus zu besuchen, in dem ihn Rübezahl einst so reichlich bewirtet und so herrlich beschenkt hatte. Er hatte sich die Gegend damals wohl gemerkt, fand aber jetzt keine Spur eines Hauses oder Gehöftes mehr vor. Rübezahl hatte die Geisterherberge nur errichtet, um jungen, unverständigen Leuten eine weise Lehre zu geben. | ||
| - | |||
| - | // | ||
| - | * // | ||
| - | * // | ||
| - | |||
| - | ---- | ||
| - | {{tag> | ||
text/der_gasthof_zum_riesen.1653470049.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
