text:99._von_einer_entfuehrung
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| - | ====== 99. Von einer Entführung ====== | ||
| - | (Um 1635) | ||
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| - | Den sagenhaften Stoff zu dieser Geschichte giebt Meyer, Domkirche S. 69. | ||
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| - | Zur Zeit des 30-jährigen Krieges, da die Schweden im Lande Holstein gehauset hatten und eben abgezogen waren, ereignete sich eine denkwürdige Entführungsgeschichte. Ein Schwedischer Oberst, ein noch junger schöner Herr, der durch seine wunderbare Tapferkeit so schnell vorgerückt war, hatte im Holsteinischen auf einem gräflichen Schlosse im Quartier gelegen und einen ernsthaften Liebeshandel mit des Burgherrn Tochter angesponnen. Die junge Gräfin liebte den schönen Kriegshelden herzinnig, obschon er als Feind des Landes ihrem Vater in den Tod verhaßt war, und dessen Einwilligung zu einer Heirath nicht zu erhoffen stand. Die Liebe eines jungen Mädchens aber kehrt sich nicht an Krieg und politischen Hader, wie bekanntlich einquartirte feindliche Soldaten stets unter den Töchtern des Landes Liebschaften genug finden. Hier war aber mehr als Liebschaft, eine gewaltige heiße Liebe auf Leben und Tod, bekräftigt durch viel theure Eide, bestätigt hernach durch den hingebendsten Opfermuth. Darum, als der Oberst mit seinem Regimente das Land verlassen mußte, verabredete er mit der schönen Gräfin eine Entführung. Und kaum hatte er seine Truppen über die Elbe ins Stift-Bremische geführt, so kehrte er heimlich mit den trefflichsten schnellsten Pferden zurück, und in einer stillen dunkeln Nacht entführte er seine Angebetete, die aus Liebe zu ihm Vater und Mutter, Heimath, guten Namen, Alles verließ. Er nahm sie auf sein Roß und jagte mit ihr von dannen, bis dahin, wo er ein zweites hatte stehen lassen, um schneller fortzukommen, | ||
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| - | Die Thore der Festung Hamburg sollten grade geschlossen werden, da sahen die erstaunten Wächter und Hellebardierer im Steinthore, einen schwerbewaffneten Kriegsmann auf schaumbedecktem Rosse hereinsprengen, | ||
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| - | Als der Oberst nämlich mit seiner holden Beute die Steinstraße heraufgesprengt war und an den Dom kam, da entsann er sich, daß die Domkirche das Asylrecht habe, nämlich eine Freistätte sei, wo jeder hineingeflüchtete Verfolgte völlig unangefochten weilen könne. Solche Ruhe auf der Flucht winkte ihm einladend, und da er die große Thüre beim Reventer offen sah, stieg er mit seiner schönen Geliebten vom Pferde, dem er einen Schlag gab, daß es weiter lief. Dann trat er, die ohnmächtige Gräfin auf den Armen tragend, zu den Dom hinein. Es mochten wohl zu der späten Abendstunde grade wenig Menschen auf dem Speersort gewesen sein, da’s kein Aufsehen gemacht hat, wie er gekommen und in den Dom gewichen ist. | ||
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| - | Als er nun das uralte große Gebäude mit seinen vielen Kreuzgängen und Hallen durchschritt und nicht wußte, wohin sich wenden in der zunehmenden Dunkelheit, da ist er zufällig etliche Stufen hinabgestiegen und in ein halb unterirdisch Gewölbe gekommen, das lag unterm hohen Chor und hieß die Kluft oder die Krypte; zur katholischen Zeit war auch hier Gottesdienst gehalten, seitdem aber war’s ein Grabgewölbe geworden für vornehme Domherren oder fremde Ritter und Edelleute. Und als der Oberst dort angelangt, wo’s fast nächtig düster ist, da bricht seine gewaltige Heldenkraft zusammen, – kaum daß er seine noch immer bewußtlose Geliebte vorsichtig auf eine steinerne Ruhebank niederlassen kann, da sinkt er zu Boden; mag’s die ungeheure Erhitzung und allgewaltige Anstrengung des langen Rittes im schweren Harnisch gethan haben, oder auch die Gemüthserregung der Sorge, der Hoffnung, der Furcht; genug, als ob ihn der Schlag rühre, so sinkt er todt zu den Füßen seiner ohnmächtig daliegenden Geliebten nieder. | ||
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| - | Um Mitternacht mag’s gewesen sein, als sie in diesem schauerlichen Orte von der langen Ohnmacht zum Bewußtsein erwacht; – der Mond schien durch die kleinen Gitter-Fensterchen oben am Kreuzgewölbe in die Gruft. Als sie sich umschaut, nicht fassend, wo sie sei, noch wie sie hergekommen, | ||
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| - | Am andern Tage, als der alte Graf in die Stadt kam und aller Orten nachforschen ließ, fand man sie nirgends, denn im Dom und zumal in der Krypte suchte sie Niemand. Und der Graf zog zornig, wie er gekommen, wieder von dannen, und soll seiner Tochter geflucht haben. Und die ruchtbar gewordene Entführungsgeschichte wurde schnell wieder von andern Ereignissen verdrängt; bei den Schweden wurde der Oberst anfangs sehr vermißt, dann aber, als der Marsch weiter ging, bald auch vergessen im wechselvollen Soldatenleben. | ||
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| - | Ich weiß nicht, wie viele Jahre es gedauert hat, bis endlich einmal Jemand in die vergessene Kluft unterm Dom kam. Da fand man zwei Leichen nebeneinander, | ||
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