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sagen:vsfreiburg13

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 +====== Der neue Münsterstern ======
  
 +Was schimmert dort oben vom [[kirche:muensterfreiburgbreisgau|Münsterthurm]]\\
 +Auf einmal so hell und so rein;\\
 +Im Kreislauf gehalten von Wind und Sturm,\\
 +Und ähnlich dem sonnigen Schein?\\
 +
 +Das Sternenbild ist es, des Thurmes Zier\\
 +Für’s alte, das müde und matt\\
 +Ergrauet und schwach nach des Alters Gebühr,\\
 +Des luftigen Dienstes war satt!\\
 +
 +Und stolz schaut der jüngere Stern in die Welt,\\
 +Scheint weit hin über das Thal,\\
 +In luftiger Höhe gar wohl ihm’s gefällt\\
 +Mit seinem hellleuchtenden Strahl!\\
 +
 +Potz tausend! so stolz schon du schimmernder Stern\\
 +Bei kaum deines Lebens Beginn!\\
 +Wird’s lange wohl dauern, bis du auch gern\\
 +Veränderst den muthigen Sinn?\\
 +
 +Du bist zwar des Meisters gerathenes Kind\\
 +Und schimmerst von Kopf bis zum Fuß;\\
 +Doch aber Jahrhundert in Regen und Wind\\
 +Ist wahrlich kein Leckergenuß!\\
 +
 +Wie, wenn der brüllende Donner kracht\\
 +Ob deinem glänzenden Haupt,\\
 +Und flammender Blitz bei dunkler Nacht\\
 +Dich deines Glanzes beraubt;\\
 +
 +Wenn Güsse von Wasser und Hagelschau’r\\
 +Vom zürnenden Himmel herab,\\
 +Dir kürzen des Lebens hochmüth’ge Dau’r,\\
 +Bereiten dir gar noch dein Grab!\\
 +
 +Betrachte des Vorfahrers kläglichen Rest,\\
 +Bescheidener war er als du;\\
 +D’rum stund er manch hundert Jahre so fest,\\
 +Kam jetzt erst zur völligen Ruh! –\\
 +
 +Viel hat er erfahren im Zeitenlauf,\\
 +Sah einst schon die [[volk:schweden|schwedische Macht]]\\
 +Daherzieh’n, als Herrin der Stadt hellauf,\\
 +Ja dreimal nach blutiger Schlacht!\\
 +
 +Und sechszehnhundert und vierzig und vier\\
 +Schlug Mercy, der baier’sche Held,\\
 +Türenne und Enghien, am Berglein dahier\\
 +Mit kräftigem Arm aus dem Feld.\\
 +
 +Vertrieben ward er dort ans Stadt und Gebiet\\
 +Der Erbfeind von [[land:Deutschland]] für jetzt;\\
 +Und [[geo:freiburgbreisgau|Freiburg]] von dort an zu [[land:bayern|Baiern]] gerieth,\\
 +Das sich schon verloren geschätzt.\\
 +
 +Dieß alles erlebte das Sternengebild\\
 +Hoch oben auf luftiger Höh’;\\
 +Sah oft auch verwüsten das schöne Gefild\\
 +In Freiburg’s romantischer Näh!\\
 +
 +Es sah auch der Bürger so muthiges Korps\\
 +Im Waffenschmuck gegen den Feind,\\
 +Wo keiner von Allen den Muth je verlor,\\
 +Denn Bürgerpflicht hat sie vereint!\\
 +
 +Von einer zur andern Dynastie\\
 +Sah kommen es Stadt und Land;\\
 +Der Hauptstadt Verordneter Energie\\
 +Wies Uebermuth stets von der Hand.\\
 +
 +Einst wirbelt und kreißet auf seinem Sitz\\
 +Gar furchtbar der wachsame Stern,\\
 +Der Sturmwind heulte und Donner und Blitz\\
 +Die drohten von nah und fern.\\
 +
 +Ein panischer Schrecken ergriff die Stadt,\\
 +Denn Unheil verkündet das Bild;\\
 +Bald kam auch Bericht dem versammelten Rath,\\
 +Der ihn mit Entsetzen erfüllt.\\
 +
 +Bekanntlich zu Nimwegen an der Waal\\
 +War wiederum Frieden gemacht,\\
 +Und Freiburg dort wieder zu seiner Qual\\
 +An Galliens Krone gebracht!\\
 +
 +Doch wiederum kreisete heftig und wild\\
 +Jetzt ohne den Donner und Blitz,\\
 +Prophetisch das glänzende Sternengebild\\
 +Auf seinem erhabenen Sitz.\\
 +
 +Zu Ryßwik war nach manch blut’gem Strauß\\
 +Die Sehnsucht von Freiburg gestillt;\\
 +Denn Freiburg fiel wieder an’s Kaiserhaus,\\
 +Sein heißer Wunsch war erfüllt!\\
 +
 +Doch Vielerlei hat im Verlauf der Zeit\\
 +Wohl oft noch erfahren der Stern,\\
 +Beim fernern Wechsel der Staatshoheit,\\
 +Die Ruhe blieb immer noch fern!\\
 +
 +Er mußte noch schauen den Sanscüllot\\
 +Aus Galliens blutigem Land,\\
 +Die grause verwilderte wüste Rott,\\
 +Und Galliens ewige Schand!\\
 +
 +Und sah auch mit Hilfe des nord’schen Koloß\\
 +Erobert das fränkische Land.\\
 +Doch bangt es jetzt Deutschland, so mächtig und groß,\\
 +Als hätt’ sich das Blatt schon gewandt!\\
 +
 +Wohl dreihundert Jahre in stürmischer Luft\\
 +Verlebte der Vorgänger schon,\\
 +Bis er herabkam zur städtischen Gruft,\\
 +Empfangen die Martyrer-Kron’.\\
 +
 +Nimm jetzt nur ein Beispiel, du schimmernder Stern,\\
 +Vom Schicksal des Vorfahrers Dir;\\
 +Dein Schimmern und Tanzen, das sieht man wohl gern\\
 +Doch Alles mit Maß und Gebühr!\\
 +
 +Was wird uns noch werden in kommender Zeit?\\
 +Ihr Anfang, der sagt uns nicht zu!\\
 +Wir wissen ja nicht, ob von Morgen auf heut\\
 +Gestört wird die friedliche Ruh’!\\
 +
 +Ja Krieg oder dauernder Friede ist heut\\
 +Der bangen Erwartungen Ziel,\\
 +Ob Deutschland, wie früher, auch jetzt noch bereit,\\
 +Betrogen zu werden im Spiel?\\
 +
 +„Nicht haben sollen sie unsern Rhein“\\
 +Liest sich in Gedichten recht gut!\\
 +Doch wahrlich die Floskel, die leuchtet nicht ein,\\
 +Nur Vorsicht entscheidet und Muth.\\
 +
 +Franzosen-Politik hat lange nichts mehr\\
 +Mit Kriegeserklärung gemein;\\
 +Sie hüpfen dereinstens nach Schiller’scher Lehr\\
 +Leicht über den duldenden [[region:Rhein]]!\\
 +
 +Bedenke dieß Alles du leuchtendes Bild\\
 +Auf deines Thurms festem Gestein,\\
 +Und richte beharrlich ins ferne Gefild\\
 +Die Blicke weit über den Rhein!\\
 +
 +Und steckt in Dir auch der prophetische Geist,\\
 +Der eigen dem Vorfahrer war,\\
 +So kreise und tanze nur lebhaft und dreist,\\
 +Zeigt sich woher immer Gefahr.\\
 +
 +Sei gleichsam die Hochwacht fürs Vaterland,\\
 +Nimm stets seine Gränze in acht,\\
 +Und raße, wenn’s Noth thut, auf deinem Stand,\\
 +Bis endlich ganz Deutschland erwacht!\\
  
 //Quelle: [[autor:heinrichschreiber|Heinrich Schreiber]], [[buch:vsfreiburg|Die Volkssagen der Stadt Freiburg im Breisgau und ihrer Umgegend]], Druck und Verlag von Fr. Xav. Wangler, 1. Auflage von 1867// //Quelle: [[autor:heinrichschreiber|Heinrich Schreiber]], [[buch:vsfreiburg|Die Volkssagen der Stadt Freiburg im Breisgau und ihrer Umgegend]], Druck und Verlag von Fr. Xav. Wangler, 1. Auflage von 1867//
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sagen/vsfreiburg13.1753951049.txt.gz · Zuletzt geändert: von ewusch