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sagen:tss0001

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-**[[buch:tss|Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes]]** |  
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-====== Thüringen ====== 
- 
-Ich bring' Euch treu gewunden den reichen Sagenkranz;\\ 
-Ich reich' ihn dar den Freunden des trauten Heimathlands.\\ 
-Oft war in stillen Stunden, die Musengunst beschied,\\ 
-Thüringen meine Freude, mein Saitenspiel, mein Lied.\\ 
- 
-Und sollte nicht erwecken das Land der Lieder Klang?\\ 
-Und sollt' es nicht begeistern zu feierndem Gesang?\\ 
-Das Land, so reich an Reizen, so mancher Sage Schoos,\\ 
-Deß Gegenwart so blühend, Vergangenheit so groß?\\ 
- 
-Schon alte Lieder tönen Dein Lob, Thüringerland,\\ 
-Die Herzen Deiner Kinder sind stets Dir zugewandt.\\ 
-Aus Palästina's Fluren kehrt' heim ein Rittersmann,\\ 
-Der prieß die güldne Aue hoch über Kanaan.\\ 
- 
-Die Bergesgipfel ragen empor zur Wolkenbahn,\\ 
-Und kräft'ge Wälder tragen die Kronen himmelan.\\ 
-Süßtraulich murmelnd plätschert ein Bach durch jedes Thal;\\ 
-Von manchem Felsen stürzt sich ein lichter Wasserstrahl.\\ 
- 
-Auf Deinen Bergen stand ich, oft rastend, ohne Ruh,\\ 
-Und Deinen Thälern sand' ich dann tausend Grüße zu.\\ 
-In Deinen Seen erglänzte der Sonne Flammenbild,\\ 
-Und Abendroth umkränzte manch liebliches Gefild.\\ 
- 
-Die stillen Seen, umflüstert von windbewegtem Rohr,\\ 
-Sie schlagen Liebesaugen zum Himmel fromm empor;\\ 
-Der Himmel tauchet nieder in die krystall'ne Fluth,\\ 
-Als woll' er drunten kühlen sich von des Tages Gluth.\\ 
- 
-Der Burgen Trümmer schauen herab von wald’gen Höh'n;\\ 
-Wir wollen drum nicht trauern, daß sie zerbrochen stehn,\\ 
-Noch glühn die alten Warten, geküßt vom Abendstrahl,\\ 
-Gleich blutigen Standarten hoch über manchem Thal.\\ 
- 
-Und in der Thåler Schatten ruht mancher Klosterbau,\\ 
-Verlassen und verfallen, die Mauern starr und grau.\\ 
-Wo Hymnen fromm ertönet und Psalm und Bußgesang,\\ 
-Schallt jetzt des Schäfers Flöte zu Heerdenglockenklang.\\ 
- 
-Oft ist mir in Ruinen im Abenddimmer, spät,\\ 
-Der Vorzeit Geist erschienen, und hat mich leis umweht,\\ 
-Als wollt er mich zum Sånger des Heimathlandes weihn,\\ 
-Und ich will nun nicht länger dem Ruf entgegen sein.\\ 
- 
-Thüringerland, Du hast mich zum Dichter ja geweiht,\\ 
-Du sandest einen Stern mir, ach, in gar trúber Zeit,\\ 
-Und eine Rose zeigtest Du mir, so blühend schön;\\ 
-Gut, daß wir Rosen weiter, als ihre Dornen, sehn.\\ 
- 
-Wer mußte nicht erfahren Verkennung oder Neid?\\ 
-Auch mir, in frühen Jahren, ward oft mein Lied zum Leid.\\ 
-Doch da nun schön're Richtung der Himmel mir beschied,\\ 
-Ward oft mein Schmerz zur Dichtung, und ward mein Leid zum Lied.\\ 
- 
-Mir blühn Erinnerungen an schöne Zeiten still,\\ 
-Die hält mein Herz umschlungen, das sie nicht missen will.\\ 
-Ich las der Freundschaft Segen aus manchem treuen Blick\\ 
-Und fand auf Blumenwegen der Jugendliebe Glück.\\ 
- 
-Die Gera sah ich wallen durchs Thal mäanderisch,\\ 
-Dort sangen Nachtigallen sanftflötend im Gebüsch;\\ 
-Wie hab' ich Lustaccorden stilllauschend oft gesäumt,\\ 
-Und an den Blumenborden der Werra süß geträumt!\\ 
- 
-Wie rauschen Ilm und Saale an heitern Städten hin!\\ 
-Wie blickt zum Hörselthale der Burgen Königin!\\ 
-Die Unstrut kommt gezogen gar brausend oft und wild,\\ 
-Und tränkt mit vollen Wogen ein blühendes Gefild.\\ 
- 
-Du, Wartburg, schaust herunter vom Berg, Du stolze Zier,\\ 
-Ein Greisenbild, doch munter naht frohe Jugend Dir.\\ 
-Ihr Gleichen, einsam ragend auf Euern Bergeshöhn,\\ 
-Scheint nicht ein Flüstern klagend von Euch durchs That zu wehn?\\ 
- 
-Die Sage wandelt sinnend durchs Land von Ort zu Ort\\ 
-Und pflanzt in ihren Garten der Dichtung Blumen fort.\\ 
-Sie weilet in Ruinen, sie lauscht am Felsenhang,\\ 
-In Hainen rauscht ihr Flüstern, wie ferner Harfenklang.\\ 
- 
-Sie schwebt um stolze Burgen, sie weilt beim Halmendach,\\ 
-Sie thront auf Felsenstirnen, sie spielt am Waldesbach,\\ 
-Sie hat sich mit dem Lande so liebend treu vermählt,\\ 
-Daß sie fast aller Orten von alter Zeit erzählt.\\ 
- 
-Wie duften kühl im Schatten die Waldeskräuter frisch,\\ 
-Wie blühn die grünen Matten so bunt und zauberisch !\\ 
-Melodisch klingt im Walde das läutende Getön,\\ 
-Wenn auf der Bergeshalde die Heerden weidend gehn.\\ 
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-Waldeinsamkeit ! Wie grüßt mich die grüne heil’ge Nacht!\\ 
-Von weitem seh' ich prangen der Wunderblume Pracht!\\ 
-Die Zauberglocken klingen, zum Berg hinan! hinan!\\ 
-Bald sind dem sel❜gen Finder die Pforten aufgethan!\\ 
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-//Quellen:// 
-  * //[[autor:bechstein|Ludwig Bechstein]] - [[buch:tss|Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes]], Meiningen und Hildburghausen, 1857, Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung, S. 25-27//  
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-{{tag>sagen bechstein tss thüringen gedicht}} 
sagen/tss0001.1703236183.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)