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sagen:temmepommern276b

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 +====== Die Steinprobe (in Versform) ======
  
 +Ein Rügenscher Dichter hat übrigens diese Sage in folgende Verse gebracht, welche auf der Insel Rügen ehr verbreitet sind:
 +
 +**Die Steinprobe**\\
 +(Eine Rügische Sage.)\\
 +
 +Auf der Stubnitz waldumkränzten Höhen,\\
 +In des Haines stiller Dunkelheit,\\
 +Stand, wo wir noch jetzt die Stätte sehen,\\
 +Eine Burg, dem Hertha-Dienst geweiht.\\
 +
 +In der Götter schauerlichen Hallen\\
 +Sah man Rügens schönste Mädchenschaar;\\
 +Eine mußte ihr zum Opfer fallen\\
 +Von den Priesterinnen jedes Jahr.\\
 +
 +Aus den edelsten Geschlechtern strebten\\
 +Holde Jungfrau’n dieser Ehre nach;\\
 +Wonnetrunken ihre Herzen bebten\\
 +An der Weihe feierlichem Tag.\\
 +
 +Aber Allem mußten sie entsagen,\\
 +Was des Lebens Lenz uns Schönes beut,\\
 +Durften kaum entfernt zu ahnen wagen\\
 +Treuer Liebe stille Seligkeit.\\
 +
 +Wie die Sonne alle andern Sterne\\
 +Weit an Glanz und Schönheit überstrahlt,\\
 +Glänzt von Rügens Jungfrau’n nah und ferne\\
 +Wunna, kaum erst sechszehn Sommer alt.\\
 +
 +Früh bestimmte schon der Aeltern Wille\\
 +Sie zum Dienst der Göttin; aber ach!\\
 +Gumbert liebte sie, und in der Stille\\
 +Hingen Beide ihrer Liebe nach.\\
 +
 +Als sie nun in Hertha’s finstern Hallen\\
 +Ihren Dienst mit trübem Sinn versah,\\
 +Wagte Gumbert oft dahin zu wallen,\\
 +Jeden Abend stand er lauschend da.\\
 +
 +Wunna schlich, wenn Alle um sie ruhten,\\
 +Leise durch die Pforte in den Hain\\
 +Und genoß dort selige Minuten\\
 +Bei der Sterne mildem Dämmerschein.\\
 +
 +Bald vernahm der Priester schon die Kunde,\\
 +Daß der Jungfrau’n eine ihn betrog\\
 +Und in stiller mitternächt’ger Stunde\\
 +In die Arme eines Jünglings flog.\\
 +
 +Drob ergrimmt’ er sehr und ließ erscheinen\\
 +Alle Priesterinnen, solche That\\
 +Streng zu rächen an der schuld’gen Einen;\\
 +Wunna bebte, als sie vor ihn trat.\\
 +
 +Doch die Schuld’ge wußt’ er nicht und fragte;\\
 +Alle schwiegen, Wunna schöpfte Muth;\\
 +Keiner hielt sie für die Angeklagte,\\
 +Denn sie war so fromm und schön und gut.\\
 +
 +Laut erscholl des Priesters zornig Wüthen,\\
 +Gleich dem Donner durch den öden Thurm,\\
 +Und die sonst so bleichen Wangen glühten\\
 +Wie der Abendhimmel vor dem Sturm.\\
 +
 +„Folget mir hinaus!“ rief er, und Alle\\
 +Thaten schweigend, wie sein Wort gebot.\\
 +„Eh’ ich diesen Frevel dulde, falle\\
 +Diese Burg und gebe mir den Tod!“\\
 +
 +Hundert Schritte aufwärts in dem Haine\\
 +Steht er still und winkt der Mädchen Schaar.\\
 +„Hier,“ ruft er, auf diesem breiten Steine\\
 +„Wird die Schuldige uns offenbar.“\\
 +
 +„Nackten Fußes tretet auf die Mitte\\
 +Dieses Steines nach einander hin;\\
 +An dem deutlich eingeprägten Tritte\\
 +Kennen wir die freche Sünderin.“\\
 +
 +Sprach’s, und Alle schritten kühn hinüber;v
 +Wunna blieb zuletzt. Noch keine Spur.\\
 +Ach da wurden ihre Augen trüber\\
 +Und sie wankte, bleich und zitternd, nur.\\
 +
 +Trat hinauf. Doch wehe! schallt’s im Haine\\
 +Aus des Priesters und der Jungfrau’n Mund.\\
 +In dem wunderhaften Göttersteine\\
 +Thaten sich zwei Spuren deutlich kund.\\
 +
 +Von dem eig’nen Fuße war die eine\\
 +Und die and’re zart wie Kindestritt.\\
 +Deutlich war die Schuld, als sie vom Steine\\
 +Bleich und überrascht herniederschritt.\\
 +
 +Was sie selbst sich nicht gestehen wollte,\\
 +Ja, was ihr vielleicht noch Räthsel war,\\
 +Daß sie nämlich Mutter werden sollte,\\
 +Lag nun Aller Augen offenbar.\\
 +
 +Gleich dem Aar, der mit gespreizten Klauen\\
 +Pfeilschnell auf die Beute niederfährt\\
 +Und das Lamm von unbewachten Auen\\
 +Mit sich führt, weil ihm kein Schäfer wehrt,\\
 +
 +So umfaßt mit grimmig-starken Armen\\
 +Schnell der Priester Wunna’s zarten Leib;\\
 +Reißt sie fort ohn’ jegliches Erbarmen,\\
 +Fast zerdrückend das ohnmächt’ge Weib.\\
 +
 +Droben auf der hohen Stubbenkammer\\
 +Hält er an, und mit gewalt’ger Wucht\\
 +Stürzet er, – o unerhörter Jammer! –\\
 +Wunna in die tiefe Bergesschlucht.\\
 +
 +Doch mit ew’ger Liebe und Erbarmen\\
 +Schützet auch den Sünder Gottes Hand;\\
 +Engel trugen Wunna auf den Armen\\
 +Sanft hernieder an des Meeres Strand. –\\
 +
 +Als aus langem Schlummer sie erwachte,\\
 +Lag sie an des Jünglings treuer Brust;\\
 +Und der Liebe goldne Sonne lachte\\
 +Ihrem Leben nun in reiner Lust.\\
 +
 +Wenn Du auf der Stubbenkammer weilest,\\
 +Wandle doch zum alten Götterhain,\\
 +Ehe Du von Jasmunds Fluren eilest;\\
 +Noch erblickst Du dort den Wunderstein. –\\
 +
 +Welch ein Glück, daß wir in unsern Tagen\\
 +Sicher auf den breiten Steinen stehn,\\
 +Und daß unsre Tritte nicht mehr sagen,\\
 +Wie viel stille Sünden wir begehn.\\
  
 //Quelle: [[autor:Temme|J. D. H. Temme]], [[buch:temmepommern|Die Volkssagen von Pommern und Rügen]], Berlin, 1840, In der Nicolaischen Buchhandlung// //Quelle: [[autor:Temme|J. D. H. Temme]], [[buch:temmepommern|Die Volkssagen von Pommern und Rügen]], Berlin, 1840, In der Nicolaischen Buchhandlung//
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