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sagen:sat332

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-====== Sagen von Möbisburg ====== 
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-    Thuringia. 1842. S. 67 ff. 
- 
-1. 
-Am nördlichen Ende des Dorfes Möbisburg erhebt sich eine runde mässige Anhöhe, theils von der Natur, theils von Menschenhänden so gebildet und geschaffen. Oben, wo jezt die Kirche und der Gottesacker liegt, stand vor alten Zeiten eine Burg, daher den Hügel noch heute das Volk den Burgberg nennt.  
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-Auf dieser Burg, erzählt die Sage, wohnte in uralten Zeiten ein mächtiger Fürst, dem das ganze Land weit und breit umher gehörte. Aber er hasste den Frieden, führte das ganze Jahr Krieg und je mehr er Feinde hatte, desto lieber war es ihm. Lange war er glücklich in diesen Kriegen, zulesst aber zogen der Feinde zu viele gegen ihn, schlugen ihn überall aus dem Felde und belagerten endlich seine Burg. Der Burgberg ragte damals aus einem See empor, der das ganze Thal bedeckte und erst später durch Mönche abgeleitet worden ist. Der belagerte Fürst hielt sich sicher vor den Feinden auf seiner Burg im See, aber der Hunger zwang ihn endlich die Burg den Feinden zu übergeben. Die Feinde wollten Niemand freien Abzug gestatten, nur die Fürstin sollte frei abziehen mit soviel ihrer Habe, als sie zu tragen vermöchte, doch sollte dabei nichts Lebendiges sein. Da versteckte sie ihren Gemahl in eine Lade und trug die Last zur Burg hinaus, über die Brücke und durch die Feinde hindurch. Noch war sie in der Nähe der letzten Kriegsknechte, als der Fürst an den Deckel der Lade klopfte und ihr zurief: "mach auf, mir fehlt es an Luft.“ „Ich darf noch nicht," flüsterte die brave Frau zurück, „die Feinde sind noch ganz nahe. "Abermals nach einer Weile pochte der Fürst an die Lade, und abermals erwiederte sie: „ich darf noch nicht, die Feinde schauen uns nach; harre noch ein Weilchen, bald find wir im Walde. “ Endlich schirmt sie der dichte Wald, da setzt sie Gott dankend die schwere Last ab, öffnet die Lade und findet ihren Gemahl todt in derselben. Jammernd hebt die Fürstin die Lade noch einmal auf ihre Schultern, um der Leiche ein ehrliches Grab zu verschaffen. Als sie nach Riechheim kam und die Bauern, denen sie früher Gutes gethan, um eine kurze Rast und ein Grab für ihren Gatten bat, erlauben ihr diese nicht einmal nieder zu sizen, sondern jagen sie fort über die Grenze. Schweigend und bitter weinend geht die Fürstin weiter mit ihrer Bürde. Im Walde ruht sie die Nacht unter einer Eiche, die man noch lange gezeigt hat, und dann kommt sie nach Osthausen. Die Osthäuser Bauern nehmen die arme Frau gutherzig auf, begraben ihren Gemahl in geweihter Erde und helfen ihr weiter nach Osten fort. Wo sie geblieben, darüber ist alle Kunde verschollen, aber zum Danke hat sie den Osthäusern und den Bauern der andern Dörfer, die ihr Obdach und Hilfe gewährt, Waldungen geschenkt auf ewige Zeiten. So ist es gekommen, dass Osthausen und die meisten Dörfer von da nach Tannroda und Kranichfeld hin Gemeindewaldung bis auf den heutigen Tag haben, nur Riechheim nicht, obgleich es fast im Holze liegt. 
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-Noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts war es Brauch, dass die erwachsenen männlichen Einwohner jener Dörfer alljährlich an einem bestimmten Tage gemeinschaftlich auf einen nahen Berg, der Königsstuhl genannt, zogen, um das Andenken an ihre frühere Gemeinschaft zu erneuern. 
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-2 . 
-Auf der „Burg“ und selbst in der Kirche, weil sie auf den Fundamenten eines alten Fürstenschlosses steht, ist es von jeher nicht ganz geheuer gewesen. Wenn zuweilen Leute, die sich verspätet, in der Mitternacht vorüber gehen, orgelt es in der Kirche. Das ist kein gutes Zeichen, denn wer es hört, muss bald sterben. 
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-Zwei Männer, die an den Birnbäumen auf der Burg, wo der Thurm des Schlosses gewesen ist, sich Nachts auf den Anstand postirt hatten, haben ein weisses Schaf von ungeheurer Grösse langsam die Runde innerhalb der alten Burgmauer machen sehen. 
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-3. 
-Der Schulmeister in Möbisburg ging einmal noch in dunkler Nacht in die Kirche zum Frühläuten. Da lag ein feuriger Hund vor dem Altare. Darüber erschrack der Schulmeister so heftig, dass er den dritten Tag darauf starb. Nach seinem Tode mussten nun zunächst die jungen Burschen der Reihe nach, jedesmal zwei, zur Frühkirche läuten. Da geschah es, dass einmal zwei gute Freunde zusammen auf den Thurm stiegen. Der eine hatte den andern in der Nacht abgerufen, in der Meinung, dass es bald fünf Uhr sei. Als sie den Thurm erstiegen haben, schlägt es aber erst zwölf, zugleich hören sie auch ein Geräusch auf dem Gottesader. Zur Thurmluke hinausschauend erblicken sie im Mondschein einen Fremden, der hastig über die Gräber läuft, auf einem Grabe niederkniet, es aufscharrt, den Todten entkleidet, auf die Achsel wirft und mit ihm von dannen rennt. Was gilts," spricht der eine Bursche zu dem andern", ich hole mir das Leichentuch da unten." Der andere sucht ihn davon abzubringen so gut er kann, aber der verwegene Bursche hört nicht, holt das Leichentuch und kommt damit auf den Thurm zurück. 
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-Nach einer Weile kommt der Fremde mit dem Todten auf der Achsel wieder zurück, wirft ihn hin und vermisst, als er ihn wieder ankleiden will, das Leichentuch. Sogleich ruft er zum Thurmloche hinauf, an dem die erschrockenen Burschen stehen: „ gib das Leichentuch zurück!“ Weil aber der Bursche nicht Folge leistet, so sehr ihn auch sein Freund bittet, so reisst jener Fremde sofort die Thurmthür auf und stürmt die Treppe hinauf. In ihrer Angst kriechen die beiden Burschen unter die Glocke, weil man unter Glocken vor Gespenstern und allem Bösen sicher ist. Der Fremde rennt und tobt um die Glocke herum, doch ohne sie anzurühren. Weil aber ein kleiner Zipfel des Leichentuchs hervorsah, erfasst er es und trabt mit ihm die Stufen hinab. In dem Augenblicke aber, als er unten den Todten erfasst um ihn zu bekleiden, schlägt die Thurmuhr eins. Da sahen die Burschen am Thurmloche, wie er Leiche und Leichentuch hinwirft und gleich dem Sturmwinde entflieht. Am andern Morgen fand man die Leiche auf dem Gesichte liegen und über dieselbe das Leichentuch gebreitet. 
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-4. 
-Ein junges Mädchen aus Bischleben war einst Disteln zu suchen auf die Burg gegangen. Da glänzt ihr plötzlich eine wunderschöne Blume entgegen, wie sie noch nie eine gesehen hatte. Sie pflückt die Blume und in demselben Augenblicke sieht sie ein offenes Thor, das in den Berg führt. Schüchtern geht sie einige Schritte hinein. Da starrte alles von Gold und Silber und am Eingange stand ein grosser, glänzender Wagen. Wenn das Mädchen zugegriffen hätte, so wäre alles ihr gewesen, aber so war sie zu furchtsam und nahm nur den Radnagel von dem einen Rade des Wagens. Darüber war ihr die Blume aus der Hand gefallen. Im Augenblicke fängt der Wagen an fort zu rollen. Das Mädchen flieht schnell zurück und als sie eben den Ausgang erreicht hat, schlägt das Thor mit heftigem Krachen hinter ihr zu. Sie läuft nun ins Dorf und erzählt, was ihr begegnet ist. Da machte sich die ganze Gemeinde auf, aber Niemand konnte das Thor wiederfinden. 
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-5. 
-Ein Bauer aus Möbisburg hatte noch eines Abends spät auf seinem kleinen Ackerstücke auf der Burg mit der Hacke gearbeitet; es war schon um Mitternacht, als er heimging. Beim Herabgehen wirft er noch einen Blick auf den Kirchhof. Da steht oben eine grosse Mulde voll Thaler und daneben eine wilde Sau. Der Bauer wusste wohl, dass ein Schatz nicht verschwinden kann, wenn man etwas darauf wirft. Er schwang also seine Hacke und warf sie auf die Mulde, dann ging er ruhig heim. Der Wurf musste aber nicht genau gewesen sein, denn als er am frühen Morgen den Plaz wieder betrat, lag neben seiner Hacke nur ein einziger grosser alter Thaler von dem feinsten Silber. Der Thaler soll noch lange zu sehen gewesen sein. 
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-6. 
-Vor vielen Jahren hatte ein armer Mühlknappe, weil er kein Unterkommen in einer Mühle finden konnte, sich als Knecht in der Bischleber Pfarre vermiethet. Die ungewohnte Feldarbeit kam ihn zwar sauer an, aber er blieb munter und unverdrossen. Einmal sollte er eine Leede nahe unter der Burg umhacken. Erst spät Abends um eilf wurde er damit fertig. Er will nun heimgehen, da sieht er plösslich auf der Burg zwei Männer stehen in langen Mönchskutten und aschgrauen Angesichts, zwischen beiden eine Braupfanne voll Gold. Sie winken ihm und als er unerschrocken näher tritt, sprachen beide zugleich: "nimm, es ist dir beschieden!" "Wenn ich das haben soll, " antwortet der Mühlknappe, „ so tragt mir's auch heim." Da heben die beiden Mönche stillschweigend die Braupfanne auf und tragen sie ihm nach bis vor die Thüre der Bischleber Pfarre. Dort sessen sie das Gold nieder, grüssen ihn noch einmal mit ernsthaftem Nicken und verschwinden. Wer war froher als der Mühlbursche, der eben noch blutarm und jetzt steinreich) war. Er bauete alsbald drei Mühlen, die Möbisburger, die Bischleber und die Kühnhäuser, und war und blieb ein reicher Mann bis an seinen Tod. Nach seinem Tode haben die Söhne das Geld mit Mezen getheilt. 
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-Vor Jahren, als Soldaten in Möbisburg einquartirt waren, stand eine Schildwache nahe am Brunnen bei der alten Linde. Um Mitternacht sieht der Soldat eine weisse Frau mit langem Schleier angethan langsamen Schrittes von der Kirche die Stufen hinab an den Brunnen gehen. Dort lehnt sie sich auf den Brunnenrand, schaut lange in die Tiefe hinab, dann wendet sie sich und geht so langsam und unhörbar, wie sie gekommen, die Stufen wieder hinauf und verschwindet. Der Soldat hat nicht das Herz gehabt sie anzurufen. 
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-//Quellen:// 
-  * //[[autor:Witzschel|Dr. August Witzschel]]: [[buch:sat|Sagen aus Thüringen]]. Meersburg und Leipzig 1930// 
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-{{tag>sagen witzschel sat thüringen v1}} 
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