sagen:sagenundvolksmaehrchen50
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| ====== Der Ring der ehelichen Treue ====== | ====== Der Ring der ehelichen Treue ====== | ||
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| Iris, ein Taschenbuch für 1805, herausgegeben von J. G. Jacobi. Zürch, 12. S. 210. | Iris, ein Taschenbuch für 1805, herausgegeben von J. G. Jacobi. Zürch, 12. S. 210. | ||
| - | Vor Zeiten hauste einmal, in einer schauerlichen Gegend des [[region: | + | Vor Zeiten hauste einmal, in einer schauerlichen Gegend des [[region: |
| - | Schwermüthiger Gedanken voll, ging er einst im einsamen Forste, klagte und jammerte bei sich über das harte [[typ:Schicksal]], das ihm alles gab, nur kein Kind, und warf sich endlich unter einer [[typ:Eiche]] nieder, seinem Kummer recht nachzuhängen. Siehe, da stand plötzlich ein unbekannter | + | Schwermüthiger Gedanken voll, ging er einst im einsamen Forste, klagte und jammerte bei sich über das harte Schicksal, das ihm alles gab, nur kein Kind, und warf sich endlich unter einer Eiche nieder, seinem Kummer recht nachzuhängen. Siehe, da stand plötzlich ein unbekannter Jäger vor ihm, von seltner Gestalt und Geberde, und sprach: |
| „Ritter Kuno, seyd fröhlich und guter Dinge! Ihr sollt eine zahlreiche Nachkommenschaft haben, wenn ihr euch mir zum Eigenthum verschreiben wollt!“ | „Ritter Kuno, seyd fröhlich und guter Dinge! Ihr sollt eine zahlreiche Nachkommenschaft haben, wenn ihr euch mir zum Eigenthum verschreiben wollt!“ | ||
| - | Dem Ritter fuhr’s eiskalt über die Haut. Er stand auf, betrachtete den Jäger genauer, und da sah er erst den Pferdefuß, und erkannte den „Gott sey bei uns“. Flugs schlug er andächtig ein [[typ:Kreuz]], und der tückische [[typ:teufel|Satan]] verschwand; aber Kuno’s Gemüth ward düsterer und schwermüthiger, | + | Dem Ritter fuhr’s eiskalt über die Haut. Er stand auf, betrachtete den Jäger genauer, und da sah er erst den Pferdefuß, und erkannte den „Gott sey bei uns“. Flugs schlug er andächtig ein Kreuz, und der tückische [[wesen:Satan]] verschwand; aber Kuno’s Gemüth ward düsterer und schwermüthiger, |
| - | Schon standen die Rosse für ihn und seine drei Knappen im Vorhofe, als Kuno sein trauerndes Weib noch ein Mal umarmte, und ihr, nach damaliger | + | Schon standen die Rosse für ihn und seine drei Knappen im Vorhofe, als Kuno sein trauerndes Weib noch ein Mal umarmte, und ihr, nach damaliger Sitte, die Hälfte seines entzwei gebrochenen Eheringes darreichte. |
| - | „Nimm!“ so sprach er ernst, „nimm hin die Hälfte unseres Ringes ehelicher Treue, den des [[typ: | + | „Nimm!“ so sprach er ernst, „nimm hin die Hälfte unseres Ringes ehelicher Treue, den des Priesters Hand weihte, er möge der wieder vereinigenden Liebe Probe seyn. Sieben Jahre harre meiner, kehre ich auch dann noch nicht heim, so denke – ich sey gefallen, und dann – sey unser Eheband gelöst.“ |
| Eine Thräne der Trennung entschlüpfte ihm, noch eine herzliche stumme Umarmung, und dann schwang er sich auf sein Roß. Fort ging es nun durch Feld und Wald, durch Gebirge, über Flüsse und Meere. | Eine Thräne der Trennung entschlüpfte ihm, noch eine herzliche stumme Umarmung, und dann schwang er sich auf sein Roß. Fort ging es nun durch Feld und Wald, durch Gebirge, über Flüsse und Meere. | ||
| - | Schon hatte sein [[typ:Schwert]] der Ungläubigen | + | Schon hatte sein Schwert der Ungläubigen Blut, schon hatte die heilige Stätte seine frommen Thränen getrunken, und noch immer kehrte kein Friede in seine Brust zurück. Oft war ihm der Böse in mancherlei Gestalten erschienen, und hatte sein Anerbieten erneuert; aber Kuno blieb standhaft, und wies jeden Antrag von sich. |
| - | So verflossen einige Jahre unter blutigen | + | So verflossen einige Jahre unter blutigen Kämpfen und grausamem Gemetzel im Heere der Ungläubigen, |
| - | „Ritter Kuno, ich befreie dich aus diesem Kerker, gebe dir des Sultans Tochter zum Weibe und eine [[typ:Krone]] zur Mitgift, wenn du dich und deine Seele mir verschreibst!“ | + | „Ritter Kuno, ich befreie dich aus diesem Kerker, gebe dir des Sultans Tochter zum Weibe und eine Krone zur Mitgift, wenn du dich und deine Seele mir verschreibst!“ |
| Kuno schwieg in sich gekehrt. | Kuno schwieg in sich gekehrt. | ||
| - | „Oeffne dir eine Ader,“ fuhr der Böse fort, „hier ist [[typ:Papier]], schreibe flugs mit deinem eigenen warmen Blute, und im Hui bist du frei!“ | + | „Oeffne dir eine Ader,“ fuhr der Böse fort, „hier ist Papier, schreibe flugs mit deinem eigenen warmen Blute, und im Hui bist du frei!“ |
| - | Da sprang Kuno voll [[typ:Zorn]] auf von dem Lager, und sprach: | + | Da sprang Kuno voll Zorn auf von dem Lager, und sprach: |
| - | „Hebe dich von mir, du böser Geist! Ehe soll das Gewürm hier meinen | + | „Hebe dich von mir, du böser Geist! Ehe soll das Gewürm hier meinen Leichnam fressen, als daß ich mich dir ergebe. Fort!“ |
| Und es verschwand der Böse aus dem Kerker, und versuchte nicht wieder den Kuno. | Und es verschwand der Böse aus dem Kerker, und versuchte nicht wieder den Kuno. | ||
| - | Nach zwei schrecklichen Jahren endlich öffnete der Sultan seinen Kerker. Kuno wurde entlassen, erhielt seine Freiheit, und durfte wieder heimziehen in das Land, wo seine Väter ruhten. Allein, und ohne einen Gefährten, trat er die lange Reise an. Sein Körper war siech, sein Geist schwach. Mit Mühe schleppte er sich durch große Steppen und wüste Felder einem weiten, unabsehbaren Walde zu. Ohne Steg, ohne Weg, irrte er darin herum, hoffend, er werde doch endlich seinen Ausgang erreichen; aber ein ganzer heißer Tag verging, und noch nahm das Dickicht kein Ende. Am dritten Tage hatte er am frühen Morgen kaum seinen Weg fortzusetzen begonnen, als er auf einer freien Stelle drei Menschen in der Kleidung seines Landes vor sich sah. Er erreichte sie bald, und fand zu seinem größten Erstaunen und Freude in ihnen seine drei Knappen wieder. Wie umarmte er sie brüderlich und herzinnig, wie wohl ward ihm, seine alten treuen | + | Nach zwei schrecklichen Jahren endlich öffnete der Sultan seinen Kerker. Kuno wurde entlassen, erhielt seine Freiheit, und durfte wieder heimziehen in das Land, wo seine Väter ruhten. Allein, und ohne einen Gefährten, trat er die lange Reise an. Sein Körper war siech, sein Geist schwach. Mit Mühe schleppte er sich durch große Steppen und wüste Felder einem weiten, unabsehbaren Walde zu. Ohne Steg, ohne Weg, irrte er darin herum, hoffend, er werde doch endlich seinen Ausgang erreichen; aber ein ganzer heißer Tag verging, und noch nahm das Dickicht kein Ende. Am dritten Tage hatte er am frühen Morgen kaum seinen Weg fortzusetzen begonnen, als er auf einer freien Stelle drei Menschen in der Kleidung seines Landes vor sich sah. Er erreichte sie bald, und fand zu seinem größten Erstaunen und Freude in ihnen seine drei Knappen wieder. Wie umarmte er sie brüderlich und herzinnig, wie wohl ward ihm, seine alten treuen Diener nun wieder bei sich zu haben, und mit ihnen den weiten Gang zur Heimath vollbringen zu können. Gestärkt fühlte er sich an Kraft, und zum ersten Male wieder heitern Sinnes zog er mit ihnen vorwärts. Aber sie zogen viele Tage und viele Nächte und immer im Walde umher. Da war nirgends ein Pfad, nirgends eine Hütte, nirgends Lebensmittel, |
| „Nun habe ich noch dich,“ sprach Kuno zum dritten, „wenn auch du mich verlässest, | „Nun habe ich noch dich,“ sprach Kuno zum dritten, „wenn auch du mich verlässest, | ||
| - | „Ich bleibe euch [[typ:treu]] bis in den Tod,“ sprach der Knappe, „helft mir nur auf die Mauer, und ich entdecke euch redlich, was ich sehe.“ | + | „Ich bleibe euch treu bis in den Tod,“ sprach der Knappe, „helft mir nur auf die Mauer, und ich entdecke euch redlich, was ich sehe.“ |
| - | Der Ritter that’s. Auf seinen Schultern stieg er den gefährlichen Weg hinan. Und als er oben war, und Kuno voll [[typ:Angst]] zu ihm aufschaute, und der Kunde des ihm noch einzigen Gefährten harrte, siehe, da blickt auch dieser | + | Der Ritter that’s. Auf seinen Schultern stieg er den gefährlichen Weg hinan. Und als er oben war, und Kuno voll Angst zu ihm aufschaute, und der Kunde des ihm noch einzigen Gefährten harrte, siehe, da blickt auch dieser treulos auf den Herrn zurück, nickt ihm zu, und fort ist er, gleich den andern. |
| - | Kuno schauderte, und sein sich sträubendes Haar ließ ihn hier die unsichtbare Nähe seines tückischen Feindes vermuthen. Er zitterte an allen Gliedern, sank auf seine Kniee, und sprach andächtig ein [[typ:Gebet]], das ihn ein frommer | + | Kuno schauderte, und sein sich sträubendes Haar ließ ihn hier die unsichtbare Nähe seines tückischen Feindes vermuthen. Er zitterte an allen Gliedern, sank auf seine Kniee, und sprach andächtig ein Gebet, das ihn ein frommer Priester gelehrt hatte. Drei Mal rief er dabei den Namen des heiligen Gottes mit lauter Stimme aus, da wich die Verblendung. Die Mauer verschwand, und der Ritter erkannte, daß Satan ihn durch die drei falschen Knechte irre geführt habe, und daß jenseits der Mauer das verwünschte Paradies oder Satans Reich gewesen sey, in das er ihn locken wollen. |
| - | Mit angestrengter Kraft floh Kuno von der unheimlichen Stelle, ging raschen Schrittes vorwärts, aber ob er wirklich nach seiner Heimath hin ging, das wußte er nicht. | + | Mit angestrengter Kraft floh Kuno von der unheimlichen Stelle, ging raschen Schrittes vorwärts, aber ob er wirklich nach seiner Heimath hin ging, das wußte er nicht. Hunger und Ermattung warfen ihn endlich nieder. Er glaubte, sein Ende nahe sich, aber ein wohlthätiger Schlummer war es, der ihn überfiel. Kaum hatten sich seine Augen geschlossen, |
| „Morgen, | „Morgen, | ||
| - | Kuno war in der schrecklichsten Angst und Verzweiflung. Er liebte sein Weib so herzlich, und liebte doch auch Gott und seine Lehre so von ganzer | + | Kuno war in der schrecklichsten Angst und Verzweiflung. Er liebte sein Weib so herzlich, und liebte doch auch Gott und seine Lehre so von ganzer Seele. Was sollte er beginnen! Fürchterlich war der Kampf in seinem Innern. Er weinte und jammerte, und hob die Hände ringend zum Himmel. Das sah der Satan, und sprach: |
| „Noch eins will ich dir gewähren: Du bist deines Versprechens wieder ledig, schläfst du auf der weiten Reise nicht ein!“ | „Noch eins will ich dir gewähren: Du bist deines Versprechens wieder ledig, schläfst du auf der weiten Reise nicht ein!“ | ||
| - | Zwar war Kuno vom langen Wachen, von der weiten Reise erschöpft und matt, und fürchterlich schien sich ein tiefer Abgrund vor ihm zu öffnen, wenn er, auch unter dieser Bedingung, den [[typ:pakt|Vertrag]] einginge; aber die [[typ:Liebe]] zu seinem Weibe und Vertrauen auf Gott, der seine Augen ihm offen erhalten werde, ließen ihn endlich den kühnen Bund schließen. Mit seinem warmen Blute schrieb er die schrecklichen Worte nieder, die ihn zu Satans Eigenthum machten. Kaum war das unglückliche Blatt in des Teufels Klauen, und kaum hatte er grinsend und mit feurigen Augen die blutige Schrift überlesen, als die Hülle des Jägers von ihm abfiel, und er nun in der Gestalt eines gewaltigen | + | Zwar war Kuno vom langen Wachen, von der weiten Reise erschöpft und matt, und fürchterlich schien sich ein tiefer Abgrund vor ihm zu öffnen, wenn er, auch unter dieser Bedingung, den Vertrag einginge; aber die Liebe zu seinem Weibe und Vertrauen auf Gott, der seine Augen ihm offen erhalten werde, ließen ihn endlich den kühnen Bund schließen. Mit seinem warmen Blute schrieb er die schrecklichen Worte nieder, die ihn zu Satans Eigenthum machten. Kaum war das unglückliche Blatt in des Teufels Klauen, und kaum hatte er grinsend und mit feurigen Augen die blutige Schrift überlesen, als die Hülle des Jägers von ihm abfiel, und er nun in der Gestalt eines gewaltigen Löwen vor dem bleichen Kuno stand. |
| - | „Setze dich auf!“ schnaubte das Thier, „ich trage dich sicher.“ Und Kuno setzte sich mit christlichem Muthe und Vertrauen in Gott auf den Löwen. Nun ging’s in sausendem Gallop über Berg und Thal, über Land und Meer. Schneidend pfiff die Luft in Kuno’s Locken, so schnell durchflog er sie, und oft schwindelte ihn ob des raschen Laufs. Aber er blieb dabei immer wach. Sein fester Glaube, und die mit seiner Reise verknüpfte Gefahr, verscheuchte jeden [[typ:Schlaf]], und ängstlich hielt er sich in der rauhen Mähne des Löwen fest, um nicht herab zu taumeln, und im raschen Fluge an [[typ:Felsen]] zu zerschellen. | + | „Setze dich auf!“ schnaubte das Thier, „ich trage dich sicher.“ Und Kuno setzte sich mit christlichem Muthe und Vertrauen in Gott auf den Löwen. Nun ging’s in sausendem Gallop über Berg und Thal, über Land und Meer. Schneidend pfiff die Luft in Kuno’s Locken, so schnell durchflog er sie, und oft schwindelte ihn ob des raschen Laufs. Aber er blieb dabei immer wach. Sein fester Glaube, und die mit seiner Reise verknüpfte Gefahr, verscheuchte jeden Schlaf, und ängstlich hielt er sich in der rauhen Mähne des Löwen fest, um nicht herab zu taumeln, und im raschen Fluge an Felsen zu zerschellen. |
| - | Doch, als der Abend herandunkelte, | + | Doch, als der Abend herandunkelte, |
| - | Glücklich und ohne eingeschlafen zu seyn, langte der Ritter in seinem Dorfe [[geo: | + | Glücklich und ohne eingeschlafen zu seyn, langte der Ritter in seinem Dorfe [[geo: |
| „O! verzeih mein Gemahl! den Gott mir wiedergab; verzeih meinen Irrthum, und nimm als liebendes Weib von neuem mich an!“ | „O! verzeih mein Gemahl! den Gott mir wiedergab; verzeih meinen Irrthum, und nimm als liebendes Weib von neuem mich an!“ | ||
| - | „Du bist, entgegnete Kuno, durch sieben Jahre [[typ:treu]] mir geblieben. Der Herr hat uns nach vielen Gefahren, nach großer Prüfung wieder vereint, nun soll uns nur der Tod trennen!“ | + | „Du bist, entgegnete Kuno, durch sieben Jahre treu mir geblieben. Der Herr hat uns nach vielen Gefahren, nach großer Prüfung wieder vereint, nun soll uns nur der Tod trennen!“ |
| - | Es war indessen der Freier, es waren die Hochzeitsgäste still fortgegangen, | + | Es war indessen der Freier, es waren die Hochzeitsgäste still fortgegangen, |
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