sagen:sagenundvolksmaehrchen40
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| + | ====== Der Thomaspfennig, | ||
| + | Volkssagen von Otmar, S. 203. | ||
| + | Annalen der Grafschaft Mannsfeld von 1806, 8s u. 9s St. | ||
| + | Anhalt-Bernburg. wöchentl. Anzeigen von 1806, 32s Stück. | ||
| + | Halberstädter Neue gemeinnützige Beiträge, 1797, 20s Stück. | ||
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| + | Zwei Stunden von dem Anhaltischen Städtchen [[geo: | ||
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| + | Den 20sten December, als am Tage vor dem Thomastage, tritt des Abends um acht Uhr der Stangeröder Bauermeister((Schulze, | ||
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| + | „Gebt unserm Herrn den Thomaspfennig, | ||
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| + | Er wiederholt diese Worte vor jedem der 13 Häuser. Die Hausbesitzer stehen dann vor den Hausthüren, | ||
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| + | „Wir bringen unserm gnädigen Herrn den Thomaspfennig, | ||
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| + | So geht der Zug nach Endorf hin, wo er gewöhnlich Nachts zwischen 10 und 11 Uhr ankommt. Die Hauptpersonen treten in einem Hause am äußersten Ende des Dorfes ab, und während dem mehrt sich die Schaar der lärmsüchtigen und theilnehmenden Zuschauer um dasselbe. Gegen Mitternacht treten die Stangeröder Bauermeister und Begleiter aus diesem Hause, und nun schreiet der ganze Haufe aus voller Kehle: | ||
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| + | „Wir bringen unserm gnädigen Herrn den Thomaspfennig, | ||
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| + | Durch das ganze Dorf hindurch erschallt die Luft von diesen Worten, bis der Zug vor der Gerichtsstube ankommt. Diese ist nun schon geöffnet, der Justizbeamte steht da, nimmt den Zins von sechs Pfennigen in Empfang, giebt dem Bauermeister eine Quittung darüber, und ein den Werth der Abgabe jetzt weit übersteigendes Trinkgeld. Der Volkshaufe hat sich indessen immer noch vergrößert, | ||
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| + | „Wir haben gebracht – unserm gnädigen Herrn – den Thomaspfennig – den Thomaspfennig – den Kuttenzins!“ | ||
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| + | Zahllose Stimmen schreien tausendfach diese Worte nach, von wildem Gelächter begleitet. Der Zug geht wieder durch’s Dorf durch, und die Stangeröder Abgeordneten kehren mit dem Empfangschein nach Hause. | ||
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| + | Von dem Entstehen dieser sonderbaren und auffallenden Sitte, bei der für unsere Zeiten gar kein Zusammenhang mit irgend einer weltbürgerlichen oder auch nur provinziel wichtigen Idee, gar kein Vortheil weder auf Seiten der Gebenden, noch der Empfangenden, | ||
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| + | „Von Stangerode aus wird berichtet, wie auch in dem Erbenzinsregister zu finden, daß der Thomaspfennig, | ||
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| + | Uns bleibt daher zur Erklärung dieses Gebrauchs nichts übrig, als folgende Volkssage, die sich sehr ausführlich auf uns fortgepflanzt hat. | ||
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| + | Nahe bei Endorf und bei dem Städtchen Ermsleben liegt Konradsburg, | ||
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| + | Unter diesen Klosterherren Konradsburgs war auch Bruder Markus. Er hatte die Aufsicht über die weitläufigen Forste des Klosters, die sich mehrere Meilen weit in die Harzgebirge erstreckten. Eins dieser Gehölze lag dicht bei Stangerode, und heißt noch jetzt das Mönchsholz. Da es ihm aber wahrscheinlich mehr um menschliche Gesellschaft, | ||
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| + | Unter seinen Liebschaften war auch das junge rasche Weib des Einwohners Hartung in [[geo: | ||
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| + | Hartung fand nach einiger Zeit seine Ilsabe ganz verändert. Sie, die sonst so arbeitsam und häuslich, und dabei immer vergnügt gewesen war, war jetzt bei der kleinsten Arbeit träge und verdrossen, reichte dem heimkehrenden Manne nicht mehr freundlich die Hand, trocknete ihm nicht den Schweiß von der Stirn, sondern kehrte ihm oft den Rücken zu, und knurrte und brummte. Schon entfielen ihr Klagen über ihr elendes Schicksal, über grobe Arbeiten, zu denen ihre Hände nicht gemacht wären, über Nichtschätzung ihrer Verdienste, und dergleichen mehr. Hartung starrte sein Weib an, verstand selten, was sie sagte, und konnte nicht errathen, woher ihr solche Gelehrsamkeit kam. | ||
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| + | Bald verleidete Ilsabe ihrem Manne das Haus so, daß er sich nicht mehr um Weib, Kind und Wirthschaft bekümmerte, | ||
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| + | Sie erzählten ihm dann, daß sie schon zwei Mal, während seiner Reise nach Halle, einen Mönch auf Händen und Füßen kriechend, hinter Hartungs Scheure gesehen hätten; daß er hier, unter einem dick belaubten Nußbaume so lange wie ein Kalb blöke, bis ihm Ilsabe durch nachgemachtes Hundegebell das Zeichen gebe, oder ihm die Hinterpforte des Hauses öffne. Probst sagte dabei, er habe Markus den Tod geschworen, weil er seinen beiden unverheiratheten Töchtern nachgehe, und der jüngsten geradezu gesagt habe, daß er sie bald in seine Gewalt bekommen wolle. Lange wollte es Hartung nicht glauben, was seine Nachbarn gesehen und gehört hatten. Aber endlich schwur auch er Markus den Tod. | ||
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| + | Den 20sten November rüstete sich Hartung zu einer neuen Reise, und erfuhr noch am Abend dieses Tages, daß sich Markus schon in dem Mönchenholze habe sehen lassen. Bald nach Mitternacht fuhr er von seinem Hofe. Aber kaum war er eine Stunde gefahren, als er, in einer ihm wohlbekannten Tiefe des Waldes bei [[geo: | ||
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| + | Bald hörten sie ein immer näherkommendes Blöken, und dann das beantwortende Hundegebell; | ||
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| + | Hartung eilte zu seinem Wagen, fuhr nach Halle, kam mit der gewöhnlichen Ladung zur bestimmten Zeit zurück, und fand keinen Verdacht gegen sich. | ||
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| + | Zwar war Markus vermißt, und man hatte an mehrern Orten nach ihm gefragt. Denn der ganze Convent zu Konradsburg sah auf ihn als das würdigste Subject zu der erledigten Würde eines Küchen- und Kellermeisters, | ||
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| + | Aber Stangerode war, seit dem dritten Tage nach Markus Ermordung, ein Ort des Schreckens und des Grausens. Nicht bloß im Mönchenholze ging das blökende Ungethüm um, sondern es kam auch in die Häuser, und setzte sich auf Männer und Weiber. Einige Ortsbewohner, | ||
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| + | Dieser kam, traf den [[wesen: | ||
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| + | Ganz Stangerode zitterte vor der Wuth der hochgebietenden Herren. Es fürchtete nicht ohne Grund, mit Feuer und Schwert verwüstet, oder doch ins Interdict gelegt zu werden. Aber, sey es, daß man in Konradsburg die genaue Untersuchung einer Geschichte scheute, die das tausendzüngige Gerücht schon zu weit ausgebreitet hatte, oder, daß der Thäter nicht zu entdecken war, oder, daß das Kloster auf die Ausfüllung eines leeren Plätzchens im Märtyrer- und Heiligen-Kalender nach Jahrhunderten speculirte; kurz, das Urtheil der dieß Mal nicht ganz ungnädigen Herren fiel dahin aus: „Auf ewige Zeiten sollte Stangerode, für den dort, an einem Amtsgeschäften begriffnen Mönch, frevelhaft verübten Mord, einen Kuttenzins bezahlen, und zwar jedes der dreizehen Häuser (aus so vielen bestand damals der Ort) Einen silbernen Pfennig. Dieser Kuttenzins sollte alle Jahre, am Sanct-Thomastage, | ||
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| + | Von diesem Thomastage an erschien der Geist des erschlagenen Markus nicht mehr in menschlicher Gestalt, sondern entweder als Hund, oder als Kalb. – Und noch jetzt läßt er sich zuweilen (doch der glaublosen Zeiten wegen immer seltner), zwischen dem 20sten November und 20sten December, als Kalb oder Hund im Mönchenholze sehen. Doch nur erleuchtete Geisterseher sehen ihn. Andere hören sein Blöken, mehrere aber fühlen seine zentnerschwere Last, wenn er sich auf ihre Schultern oder ihre Hüften setzt, oder, als [[wesen: | ||
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| + | //Diese Volkssage, wahrscheinlich aus dem 15sten Jahrhundert, | ||
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| + | //Nur darin weichen die Erzähler von einander ab, daß sie den erschlagenen Mönch bald mit, bald ohne Kutte verscharren lassen. Der Ausdruck: Kuttenzins, der noch jetzt in den gerichtlichen Acten von dieser Abgabe der Stangeröder Gemeine gebraucht wird, hat übrigens von der Kutte, dem klösterlichen Obergewand, seinen Namen.// | ||
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| + | //Noch behauptet das Volk, daß, wenn bei Abtragung des Kuttenzinses die Amtsstube nicht geöffnet sey, so müsse das Amt, zur Strafe, der Stangeröder Gemeine eine ganz weiße Henne mit zwölf weißen Küchlein geben.// | ||
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| + | //Die Abgabe von 13 Pfennigen, die uns jetzt so unbedeutend scheint, war damals, als man für einige Pfennige ein Paar Schuhe, eine Tonne Bier, einen Sack voll Getreide kaufen konnte, und wo baares Geld überhaupt selten, in manchen Dörfern kaum zu finden war, keine so kleine Last; zumal, wenn, wie die Sage will, ehedem nur die selten vorkommenden Thomaspfennige angenommen wurden, die vielleicht erst mühsam aufgesucht, und mit hohem Aufgelde eingewechselt werden mußten.// | ||
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| + | //In unsern Tagen des Verschwindens alter Formen hat die Art der Entrichtung des Kuttenzinses auch aufgehört. Im Jahre 1803 geschah sie zum letzten Male auf obige Weise, und seitdem geschieht sie in aller Stille bei Tage, durch den Bauermeister in Stangerode.// | ||
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