sagen:sagenundvolksmaehrchen24
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| - | Aber er kehrte nicht wieder, und da stand sie an ihrem einsamen Erkerfenster Morgens, Mittags und Abends, und oft auch um [[zeit:Mitternacht]], und schaute hinüber in den Wald, oder hinab in den Neckar, oder hinauf zum stillen Himmel. Aber wie lange sie auch hinausschaute in die ruhige Nacht, so wollt’s doch nicht ruhig werden in ihrer Brust. Und wenn der [[typ: | + | Aber er kehrte nicht wieder, und da stand sie an ihrem einsamen Erkerfenster Morgens, Mittags und Abends, und oft auch um Mitternacht, |
| Da trat der Kaiser, ihr Vater, eines Tages zu ihr, und sprach mit seinem rauhen Tone: | Da trat der Kaiser, ihr Vater, eines Tages zu ihr, und sprach mit seinem rauhen Tone: | ||
| - | „Mach’ dich gefaßt, Burga, dein [[typ:Bräutigam]] wird in drei Tagen kommen.“ | + | „Mach’ dich gefaßt, Burga, dein Bräutigam wird in drei Tagen kommen.“ |
| Darauf ging er wieder von ihr. Aber Notburga sank auf einen Stuhl, und verhüllte ihre Augen. Und als nun die Nacht kommen war, stand sie an ihrem Erkerfenster, | Darauf ging er wieder von ihr. Aber Notburga sank auf einen Stuhl, und verhüllte ihre Augen. Und als nun die Nacht kommen war, stand sie an ihrem Erkerfenster, | ||
| - | „Mein Otto, mein Otto!“ sprach sie, „so hast du mich vergessen, hast vergessen deine treue Notburga, – vergessen in den Armen fremder Dirnen, und ist dein Herz kälter worden im Lande, wo die Sonne wärmer scheint? – Oder, fielst du unterm Schwertstreich der Feinde, und ruhst nun unter der braunen Erde, oder schläfst unterm grünen Rasen, die gelben Schlüsselblumen über deinem Herzen? – Ach, daß ich bei dir ruhen könnte in der Grabesstille! – Muß so einsam trauern in der Welt, schwanke nur noch, wie ein dünnes Rohr, das der Wind zu knicken droht, und meine Wangen sind erbleicht. – Und soll nun mit den bleichen Wangen sitzen unter den Gästen, und als [[typ:Braut]], als Braut, und mein Bräutigam, mein Otto, soll nicht bei mir sitzen! – O, daß ich eine treue [[typ:Seele]] hätte, die mich führte weit, weit von hier, die mich geleitete in eine Wildniß, wo ich, fern von den Menschen, nur mir lebte, nur dein gedächte und Gottes, unsers Gottes, und Christi, und der gebenedeieten Jungfrau!“ | + | „Mein Otto, mein Otto!“ sprach sie, „so hast du mich vergessen, hast vergessen deine treue Notburga, – vergessen in den Armen fremder Dirnen, und ist dein Herz kälter worden im Lande, wo die Sonne wärmer scheint? – Oder, fielst du unterm Schwertstreich der Feinde, und ruhst nun unter der braunen Erde, oder schläfst unterm grünen Rasen, die gelben Schlüsselblumen über deinem Herzen? – Ach, daß ich bei dir ruhen könnte in der Grabesstille! – Muß so einsam trauern in der Welt, schwanke nur noch, wie ein dünnes Rohr, das der Wind zu knicken droht, und meine Wangen sind erbleicht. – Und soll nun mit den bleichen Wangen sitzen unter den Gästen, und als Braut, als Braut, und mein Bräutigam, mein Otto, soll nicht bei mir sitzen! – O, daß ich eine treue Seele hätte, die mich führte weit, weit von hier, die mich geleitete in eine Wildniß, wo ich, fern von den Menschen, nur mir lebte, nur dein gedächte und Gottes, unsers Gottes, und Christi, und der gebenedeieten Jungfrau!“ |
| - | So klagte die holdselige | + | So klagte die holdselige Jungfrau, und wußte sich keinen Rath und keine Hülfe. Denn ihrem Vater traute sie sich nicht zu widersetzen, |
| - | Aber ihr alter treuer | + | Aber ihr alter treuer Diener, Kaspar, hatte ihre Klage gehört unter ihrem Fenster, und rief ihr zu, und versprach ihr, sie zu führen, wohin sie begehre. Das schoß ihr durch die Seele wie ein Blitzstrahl, |
| - | Aber kaum war sie an die Waldhöhe gekommen mit ihrem Diener, so sprang’s schnell hinter ihnen her, und als sie sich umsahen, siehe! da erkannte Notburga den weißen | + | Aber kaum war sie an die Waldhöhe gekommen mit ihrem Diener, so sprang’s schnell hinter ihnen her, und als sie sich umsahen, siehe! da erkannte Notburga den weißen Hirsch, den Otto gefangen und gezähmt hatte. Und er hielt still bei der Jungfrau, und blickte sie mit Augen an, die, wie bei den Menschen, vor Freude glänzten. Und Notburga küßte das fromme Thier, als ob’s ihr Otto selber wäre, und lachte und weinte dazwischen, und setzte sich auf den bekannten Sattel, auf den sie Otto selbst oft gehoben. Aber kaum fühlte der Hirsch, daß sie fest saß, so machte er einen Satz über den Weg hinüber, und verschwand mit ihr zwischen den Bäumen. |
| Da stand der alte, treue Kaspar, und wollte nacheilen, und vermocht’s nicht, so zitterten ihm die Kniee; er wollt’ ihr nachrufen, und vermocht’s nicht, so zitterte ihm die Stimme. Doch als er noch so stand, und gern helfen wollte, wenn er nur gekonnt hätte, da sah er hinab, und sah den Hirsch in den Neckar springen, und hinüberschwimmen, | Da stand der alte, treue Kaspar, und wollte nacheilen, und vermocht’s nicht, so zitterten ihm die Kniee; er wollt’ ihr nachrufen, und vermocht’s nicht, so zitterte ihm die Stimme. Doch als er noch so stand, und gern helfen wollte, wenn er nur gekonnt hätte, da sah er hinab, und sah den Hirsch in den Neckar springen, und hinüberschwimmen, | ||
| - | Als der Vater am andern Morgen erwachte, dachte er daran, seiner Tochter Notburga die goldenen Spangen und die kostbaren Ringe und Perlen ihrer verstorbenen Mutter zu geben, daß sie sich an ihrem Brauttage damit schmücke, und sie fortan trage. Als er aber zu ihr schickte, war sie nicht zu finden, nicht in ihrem Gemach, nicht im [[typ:Garten]], nicht unterm | + | Als der Vater am andern Morgen erwachte, dachte er daran, seiner Tochter Notburga die goldenen Spangen und die kostbaren Ringe und Perlen ihrer verstorbenen Mutter zu geben, daß sie sich an ihrem Brauttage damit schmücke, und sie fortan trage. Als er aber zu ihr schickte, war sie nicht zu finden, nicht in ihrem Gemach, nicht im Garten, nicht unterm Apfelbaum, wo sie sonst oft saß. Und der Vater fragte bei allen, ob niemand erfahren, wohin seine Tochter verschwunden sey; aber niemand konnte ihm Nachricht geben. Und er fragte auch Kasparn, aber Kaspar fürchtete sich, und sagte: er habe davon keine Kunde. |
| - | Da sandte der Vater bekümmert | + | Da sandte der Vater bekümmert Boten aus, aufwärts und abwärts am Neckar, und im Gebirge, aber niemand brachte von Notburga Kunde zurück. Und er sandte Boten von neuem aus, die nach ihr späheten, und ritt selbst hinab, und fragte in allen Burgen, bis an das Schloß Minneberg, und die Ritter der Burgen geleiteten ihn mit ihren Mannen, und zeigten ihm die verborgensten Winkel der [[typ: |
| - | Auf Hornberg hatte aber die Mittagsglocke geläutet, und der alte Kaspar stand an seinem Fenster, da kam Notburga’s Hirsch in den Zwinger, und schaute durch die Scheiben, und es däuchte Kaspar, der Hirsch sey traurig, und sprach für sich: „Ja könntest du nur reden, gutes Thier, und sagen was dir fehlt, ich wollte dir ja gern helfen. Hast du vielleicht | + | Auf Hornberg hatte aber die Mittagsglocke geläutet, und der alte Kaspar stand an seinem Fenster, da kam Notburga’s Hirsch in den Zwinger, und schaute durch die Scheiben, und es däuchte Kaspar, der Hirsch sey traurig, und sprach für sich: „Ja könntest du nur reden, gutes Thier, und sagen was dir fehlt, ich wollte dir ja gern helfen. Hast du vielleicht Hunger?“ fragte er, und ging hin, und nahm das Brot vom Tisch, den er sich schon gedeckt hatte, und wollt’ ihm ein Stück abschneiden. Als er aber wieder an’s Fenster kam, hielt der Hirsch den Kopf nieder, und bot ihm sein Gehörn dar, und blieb ruhig stehen. |
| - | „Ja was soll ich denn damit machen?“ sagte Kaspar lachend, und besann sich, was der [[typ:Hirsch]] wohl damit meine. Endlich sagte er: „Soll ich dir denn ein Stück an’s Geweih stecken? Ei nun, man sagt ja, ein Stück Brot sey besser, als eine Feder auf dem Hut,“ und damit schnitt er ein Stück ab, und steckt’s dem Hirsch an ein Ende seines Geweihes, und schnell richtete sich der Hirsch auf, und lief damit fort, dem [[region: | + | „Ja was soll ich denn damit machen?“ sagte Kaspar lachend, und besann sich, was der Hirsch wohl damit meine. Endlich sagte er: „Soll ich dir denn ein Stück an’s Geweih stecken? Ei nun, man sagt ja, ein Stück Brot sey besser, als eine Feder auf dem Hut,“ und damit schnitt er ein Stück ab, und steckt’s dem Hirsch an ein Ende seines Geweihes, und schnell richtete sich der Hirsch auf, und lief damit fort, dem [[region: |
| - | Und als Kaspar des andern Tages wieder an sein Fenster kam, stand der Hirsch schon wieder da, und hielt sein Gehörn hin. Aber er sah ein großes Eichenblatt daran gebunden mit einem Band. Doch als er dieß los machte, erkannt’ es seine Frau, die er herzurief, für Notburga’s Strumpfband; | + | Und als Kaspar des andern Tages wieder an sein Fenster kam, stand der Hirsch schon wieder da, und hielt sein Gehörn hin. Aber er sah ein großes Eichenblatt daran gebunden mit einem Band. Doch als er dieß los machte, erkannt’ es seine Frau, die er herzurief, für Notburga’s Strumpfband; |
| „Gott zum Gruß!\\ | „Gott zum Gruß!\\ | ||
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| der Wüsten.“\\ | der Wüsten.“\\ | ||
| - | Als aber Kaspar und Else mit Mühe diese Worte gelesen, da liefen den alten Leuten die Augen über von Thränen. „So hat der fromme Hirsch das Brot gebracht!“ rief Kaspar; und „Gott, ach Gott!“ schluchzte Else, „die zarte Jungfrau in der Wüste, nur genährt von unserm trocknen Brote!“ und ging, und holte ein gekochtes | + | Als aber Kaspar und Else mit Mühe diese Worte gelesen, da liefen den alten Leuten die Augen über von Thränen. „So hat der fromme Hirsch das Brot gebracht!“ rief Kaspar; und „Gott, ach Gott!“ schluchzte Else, „die zarte Jungfrau in der Wüste, nur genährt von unserm trocknen Brote!“ und ging, und holte ein gekochtes Huhn, und band’s dem Hirsche mit dem Strumpfbande an, und der Hirsch trug’s schnell wieder bergab, dem Neckar zu, und kam erst am zweiten Tage wieder, und nur von Zeit zu Zeit, und die alten Leute gaben ihm immer ihr Bestes mit. Dafür brachte er manchmal ein paar dankbare Worte auf einem Blatte. |
| - | Aber der Vater Notburga’s war heimgekommen von seinem Streifzuge, und hatte nichts von seiner Tochter erforscht; denn an das andere Ufer dachte er nicht, weil hinauf und hinab keine Fähre war, weit und breit, die sie hätte hinüberfahren können; auch der [[typ:Bräutigam]] Notburga’s war kommen mit hochzeitlichem Geleite und im festlichen Schmucke, aber er war auch wiederum heimgezogen, | + | Aber der Vater Notburga’s war heimgekommen von seinem Streifzuge, und hatte nichts von seiner Tochter erforscht; denn an das andere Ufer dachte er nicht, weil hinauf und hinab keine Fähre war, weit und breit, die sie hätte hinüberfahren können; auch der Bräutigam Notburga’s war kommen mit hochzeitlichem Geleite und im festlichen Schmucke, aber er war auch wiederum heimgezogen, |
| Flugs machte sich nun der Kaiser auf mit seinen Rittern und Edelknechten, | Flugs machte sich nun der Kaiser auf mit seinen Rittern und Edelknechten, | ||
| - | Drüben verschwand der Hirsch zwischen den [[typ: | + | Drüben verschwand der Hirsch zwischen den Sträuchern, |
| - | Notburga aber sprach: „Ich habe mein Leben Gott gelobt, und suche nichts mehr bei den Menschen.“ Und wenn der Vater in sie drang, antwortete sie immer mit diesen Worten. Da ward er endlich | + | Notburga aber sprach: „Ich habe mein Leben Gott gelobt, und suche nichts mehr bei den Menschen.“ Und wenn der Vater in sie drang, antwortete sie immer mit diesen Worten. Da ward er endlich zornig, und faßte sie beim Arm, und wollte sie mit Gewalt mit sich ziehen. Sie aber legte ihre andere Hand an ihr Crucifix, da trennte sich der Arm von ihrem Leibe, und blieb dem zornigen Vater in den Händen, daß ihn und alle, die mit ihm waren, ein grauses Entsetzen ankommt, und alle von hinnen fliehen. Und keiner begehrte mehr der Höhle und dem andern Ufer zu nahen. |
| - | Aber von Stund an ward sie als eine Heilige vom Volke geehrt, und wenn zum frommen | + | Aber von Stund an ward sie als eine Heilige vom Volke geehrt, und wenn zum frommen Klausner bei der Kapelle zu St. Michael reuige Sünder kamen, so schickte er sie wallfahrten nach der frommen Notburga, und Notburga betete für die Büßenden, und hoch begnadigt kehrten sie mit ruhigem Herzen zurück. |
| - | Als darauf im Herbste die Blätter fielen, und Notburga auch zu [[typ:sterben]] kam, da schwebten die [[typ: | + | Als darauf im Herbste die Blätter fielen, und Notburga auch zu sterben kam, da schwebten die [[wesen: |
| - | Damit entschwebte ihre [[typ:Seele]]. Die Engel hüllten ihre [[typ:Leiche]] in ein Todtengewand, | + | Damit entschwebte ihre Seele. Die Engel hüllten ihre Leiche in ein Todtengewand, |
| - | Als aber Notburga dort war, kam Otto’s und Notburga’s | + | Als aber Notburga dort war, kam Otto’s und Notburga’s Hirsch nicht mehr vor Kaspars Fenster, um Manna für die Jungfrau in der Wüste zu holen. Er war verschwunden. |
| In der Kirche des Dorfs [[geo: | In der Kirche des Dorfs [[geo: | ||
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