sagen:sagenundvolksmaehrchen14
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| + | ====== Der Wunderfisch ====== | ||
| + | Aus dem neuen Hannöv. Magazin von 1807. N. 40. | ||
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| + | Vordem war er nicht. An seiner Stelle prangte dagegen auf einem mäßigen Hügel das stattliche Schloß der reichen Grafen von Isang. | ||
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| + | Der letzte Erbe dieses alten gräflichen Geschlechts war ein schöner, von der Mutter Natur gar köstlich geschmückter Jüngling, aber wild und ausschweifend über die Maße. | ||
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| + | Sein Vater sah mit Leidwesen diesen unglücklichen Hang, daher er ihn noch auf seinem Sterbelager zu sich rief und beschwor, sich zu zähmen und ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen; aber die Ermahnung ward bald vergessen. Denn kaum war der Entseelte in der Gruft der Ahnherren beigesetzt, die Trauerzeit vorüber, so ließ der Jüngling allen Leidenschaften den Zügel schießen. Reich, jung und schön, frei und fessellos, setzte er seinen Begierden keine Grenzen. Mit gleich lockern Spießgesellen durchzechte und durchbuhlte er die Nächte, und am Tage zogen sie umher, die Töchter des Landes zu besehen und freiwillig oder gezwungen nach Seeburg zu führen. Bald war Graf Isang das Schrecken der ganzen Gegend. Ritt er durch ein friedlich Dörflein, so liefen die Dirnen wie vor einem Unhold. Die Männer sperrten ihre Weiber, die Väter ihre Töchter ein, bis das Ungethüm vorüber war. Die alten Freunde des Vaters kamen nicht mehr nach Seeburg, und kein Ritter, der auf Ehre und Tugend hielt, kehrte bei ihm ein. | ||
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| + | So trieb er es mehrere Jahre lang, und stürmte wild in seine Gesundheit ein. Einst saßen auch die lockern Gesellen beisammen und zechten, als er vorschlug, einen Raubzug nach dem Kloster Lindau zu machen, und die dem Himmel geweihten Töchter zu bekosen. Mit teuflischem Jauchzen wurde der Vorschlag bewillkommt und ausgeführt. In einer stürmischen Nacht, wo Dunkel und Graus die Erde umgab, stahlen sie sich mit List in das sonst wohlverwahrte Kloster. Die Wächter wurden geknebelt, die Aebtissin eingesperrt, | ||
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| + | Als Hermann, so hieß Graf Isang, mit der seinigen vor Seeburg ankam, hob man sie ohnmächtig vom Pferde. Der Unmensch benutzte diesen Zustand, und krönte seine Schandthat. | ||
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| + | Das Gewissen ist ein übler Gesellschafter für den, den’s immer was vorschwatzt. Niederdrücken läßt es sich wohl, man kann ihm auf eine Weile Schweigen gebieten, aber es arbeitet sich doch wieder hervor, und spricht so lange mit, bis man antwortet. Hermann hatte es nun zwar zu einer ziemlichen Fertigkeit gebracht, das seinige zum Schweigen zu zwingen; aber nach diesem Morde einer dem Himmel geweiheten Unschuld erwachte es mit aller Kraft und klopfte so unsanft an, daß er sich entschloß, das Opfer seiner Lust nach dem Kloster zurück zu schicken. | ||
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| + | Doch, welche schreckliche Post brachte ihm sein Diener von da her. Die Nonne war seine Schwester gewesen. Hermann wußte zwar von seinem Vater, daß er eine Schwester habe, daß sie sich der Kirche geweiht; aber wo sie lebe, das hatte ihm dieser nie sagen wollen. Diese Nachricht war daher ein Donnerwort für den im Laster versunkenen Jüngling, ein Schwert, das ihm die Seele durchbohrte. Er weinte und klagte acht Tage lang, zechte nicht und hatte keine Gelage, ging in die Kirche und betete, spendete reichliche Gaben an das Kloster, schenkte ihm einige Dörfer, zum Heil seiner Seele, und als er nun glaubte, daß er hinreichende Buße gethan habe und der Himmel nun wohl beruhigt seyn könne, fuhr er in der alten Lebensweise wieder fort. Er fröhnte allen gewohnten Leidenschaften auf das ausschweifendste, | ||
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| + | Uebersättigt und abgespannt lag Graf Hermann eines Morgens auf dem Faulbette, und gähnte mißgelaunt den Tag an. Da trat sein Mundkoch – der schon lange den abgestumpften Gaumen seines Herrn durch kein Würznäglein mehr zu reizen vermochte – herein, und brachte in einem Netz einen silberweißen Aal getragen. | ||
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| + | „Schauts ’mal, gestrenger Herr,“ sagte er, „da hat der Fischer einen weißen Aal im Schloßgraben gefangen. Hab’ in meinem Leben so ein wunderbarlich Thier nicht gesehen, und bin doch ein eisgrauer Kerl!“ | ||
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| + | Graf Isang staunte lange das seltene Thier an, zweifelte anfangs, daß es ein Aal sey, und meinte, es könne eine Schlange seyn. Da aber der erfahrne Koch versicherte, | ||
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| + | Es geschah. Der Fisch wurde aufgetragen, | ||
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| + | Noch ein Stückchen lag in der Schüssel, als sein treuer Diener Arnold eintrat. | ||
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| + | „Da, du treuer Bursche,“ sprach er, „du mußt auch etwas von dem wunderbaren Fische haben!“ | ||
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| + | Arnold aß, und fand den Bissen köstlich. | ||
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| + | In sanftem Schlummer lag Graf Isang nach der Tafel auf dem Lotterbette hingestreckt, | ||
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| + | „Gott! was ist das! Hülfe! Hülfe!“ | ||
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| + | Schrecklich brüllte er diese Worte heraus. Einige Diener stürzten herbei; denn die übrigen Bewohner der Burg arbeiteten auf dem Felde, aber entsetzt blieben diese stehen vor ihrem Herrn, dessen Haare sich sträubten, dessen Augen verworren und gräßlich rollten, der einem Wahnsinnigen glich. Zur Thür stürzte er hinaus auf den Burghof. „Luft, Luft!“ schrie er von neuem gegen die hohen Mauern, die es dumpf zurückgaben, | ||
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| + | Das ganze Hofgesinde versammelte sich erschrocken um ihn her. Aber er sah keinen, er hörte keinen. Wild lief er umher, stand still, griff gierig in die Luft, zerriß die Luft, als wollte er ein ihm vorschwebendes Bild zernichten, und floh dann in den Garten. Umsonst, die gräßlichen Bilder verließen ihn nicht, sie flohen mit ihm, sie verfolgten ihn überall. | ||
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| + | In diesem Augenblicke brachte ein Eilbote aus dem Kloster Lindau ein Schreiben von der Aebtissin. Hastig riß er es von einander, und las: | ||
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| + | „Heute früh ist Eure unglückliche Schwester gestorben. Ihre Seele steht vor Gott und klagt Euch, Graf Isang, an. Ihr Tod ist die Folge Eurer himmelschreienden Schandthat. Im Wahnsinn schied ihr Geist, und ihre letzten Worte waren: Wehe, Wehe über ihn! Gott sey Euch gnädig.“ | ||
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| + | Hermann stürzte nieder zur Erde, krümmte sich heulend, und schrie wie einer, dem tausend Messer das Herz durchschneiden. | ||
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| + | „Schrecklich, | ||
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| + | Die Diener sprachen ihm zu, hoben ihn auf, wollten ihn ins Schloß zurückbringen, | ||
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| + | „Nun, so hole ich sie selbst!“ rief er, und wollte fort, aber – sieh, eine unwiederstehliche Macht hielt ihn zurück. Seine Handlungen hingen nicht mehr von seinem Willen ab, eine unsichtbare Hand schien sie zu leiten. Die Fieberwuth ging in stille Betäubung über, innerliche Angst schien ihm das Herz sprengen zu wollen, ohne von neuem auszubrechen. So ging er zitternd und langsam aus dem Garten in den Schloßhof zurück. Hunde, Katzen, und Geflügel aller Art gingen da durch einander herum, und Isang vernahm unter ihnen ein dumpfes Gemurmel wie leise Menschenstimmen. Er stutzte, schien mit einem Male seine volle Besinnung wieder zu erhalten, wandte sich bald nach diesem Hunde, nach jener Katze, neigte sich hier herab zu einer Ente, dort zu einer Taube, fuhr dann heftig auf, streckte die Hände zum Himmel und weinte bitterlich. Seine Begleiter sahen sich erstaunend an, begriffen von allem dem nichts, und meinten zuletzt, ihr Herr habe nun den Verstand rein verloren. | ||
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| + | Freilich mußten sie so etwas vermuthen; denn sie wußten es nicht, daß durch den Genuß des wunderbaren Fisches dem Grafen die Gabe verliehen war, die Sprache dieser Thiere zu verstehen, daß diese sich eben jetzt von den Schandthaten ihres Herrn unterhielten, | ||
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| + | „Deine prächtige Seeburg wird, ehe heute die Sonne sich neigt, untergehen. Du und wir alle finden unsern Tod, du schuldig, wir unschuldig. Bereite dich, und bete!“ | ||
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| + | Ergeben in den Willen des Schicksals, setzte sich Graf Isang auf einen Stein vor der Thür seines Pallastes. Hier, wo so oft die Freude eingezogen, und eben so oft, gleich jungen Weins, die wilden Spießgesellen herausgebraust waren, wo manch liebes Mädchen hineingeschleppt und hohnlächelnd herausgestoßen war, hier wollte er das Ende seines Lebens ruhig abwarten und unter den Ruinen seiner Burg sich begraben lassen. Der Gedanke an eine Rettung, an eine Flucht aus der Burg, kam ihm nicht bei. Alle Kräfte des Geistes und des Körpers hatten ihn verlassen, in stummem Hinbrüten ließ er mit sich geschehen, was geschehen wollte. | ||
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| + | Da von seiner Dienerschaft keiner von der bevorstehenden Gefahr etwas wußte, so konnte ihm auch keiner einen Rath ertheilen. Alle standen sie traurig und mit verschränkten Armen von ferne, sahen ihren Herrn mitleidig an, voll Angst, wie das enden werde. | ||
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| + | Da schritt der alte Haushahn, der wegen der Pracht seines Gefieders der Liebling des Grafen war und manches Weizenkorn aus seiner Hand erhalten hatte, zum Grafen, schlug mit den weiten Fittigen, krähte und sprach: | ||
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| + | „Herr, noch kannst du dich retten, aber du mußt sogleich dein schnellstes Roß besteigen, und vor Sonnenuntergang, | ||
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| + | „Wie! ist’s möglich? | ||
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| + | „Ja, sprach das Thier, aber eile, denn schon senkt sich die Sonne hinab.“ | ||
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| + | „Aber meine treuen Diener, kann ich sie nicht mit mir retten?“ | ||
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| + | „Du allein, du ganz allein, eile, eile!“ und dort lief er hin, der treue Hahn. | ||
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| + | Dieselbe unsichtbare Macht, die den Grafen vorhin vom Selbstmorde zurückgehalten hatte, trieb ihn jetzt an, für die Erhaltung seines Lebens zu sorgen. Er sprang auf, lief zum Stalle, zog sein bestes Pferd heraus, schwang sich hinauf, und sprengte, zum Erstaunen der Zurückgelassenen, | ||
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| + | „Herr,“ schrie er ängstlich und athemlos, „nehmt mich mit, nehmt mich hinten auf Euer Pferd!“ | ||
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| + | „Ich kann nicht, ich darf nicht,“ erwiederte der Graf. | ||
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| + | „Ihr müßt, um Gottes Willen nehmt mich mit!“ | ||
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| + | „Ich kann nicht, laßt mich los!“ | ||
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| + | Da kam der alte Haushahn geflattert, und schrie in eins fort: „eile, eile, die Sonne sinkt.“ | ||
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| + | Schon glühte ihr scheidender Strahl auf den Gipfeln der Berge, als Graf Isang, von Furcht überwältigt, | ||
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| + | Rund um ihn her lag die Natur im Schleier eines heitern Abends gehüllt. Ueber ihm schwirrten die Lerchen, ein kühlender Westwind säuselte in seinen Locken, und im Glanze der scheidenden Sonne blitzten die vergoldeten Spitzen der vier schönen hohen Thürme seiner Stammburg ihn an. Bitterlich weinte der leichtsinnige Jüngling, und aufrichtige Reue keimte ihm im Herzen. | ||
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| + | Da stieg tröstend der Gedanke in ihm auf: „wie, wenn alles Täuschung meiner Einbildungskraft wäre?“ und ein Strahl von Hoffnung und Freude, daß es so seyn könne, fiel in seine Seele. Schon wollte er aufspringen und nach dem Schlosse zurückkehren, | ||
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| + | Nach dieser wundervollen Begebenheit bekehrte sich Graf Isang, und büßte in dem Kloster zu [[geo: | ||
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| + | //jmWenn man in dieser Sage die Wahrheit von der Fabel scheidet, so bleibt die Vermuthung nicht unwahrscheinlich, | ||
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