sagen:sagenundvolksmaehrchen02
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| ====== Die drei Schwestern aus dem See ====== | ====== Die drei Schwestern aus dem See ====== | ||
| - | Was dem Städter im [[zeit:Winter]] Schauspiel, Oper und Ball ist, das ist dem einfachen Landvolke die vertrauliche | + | Was dem Städter im Winter Schauspiel, Oper und Ball ist, das ist dem einfachen Landvolke die vertrauliche Spinnstube. In den langen Winterabenden kommen da die Spinnerinnen zusammen, die jungen Bursche gesellen sich dazu, man singt ein fröhliches Liedchen, man scherzt, man löset Pfänder ein, oder erzählt sich Mährchen und Gespenstergeschichten. |
| So war es vor uralten Zeiten, und so ist es noch jetzt, im Süden wie im Norden. | So war es vor uralten Zeiten, und so ist es noch jetzt, im Süden wie im Norden. | ||
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| Auch in dem Dörfchen [[geo: | Auch in dem Dörfchen [[geo: | ||
| - | Aber damals traten, seit dem Gedenken der Aeltermutter, | + | Aber damals traten, seit dem Gedenken der Aeltermutter, |
| - | Man harrte ihrer jeden Abend mit Sehnsucht, und wie gute [[typ:Engel]] nahm man die holden Schwestern auf; denn sie brachten jeden Abend ein neues Lied mit einer Melodie, ein munteres Spiel oder ein unbekanntes Mährchen mit. Jedermann liebte sie, und besonders verweilten die Blicke der jungen Bursche mit Wohlgefallen auf den schönen Zügen der Jungfrauen; aber eine besondere Hoheit verscheuchte jede Vertraulichkeit. Auch sie brachten immer ihre Rocken und [[typ: | + | Man harrte ihrer jeden Abend mit Sehnsucht, und wie gute [[wesen:Engel]] nahm man die holden Schwestern auf; denn sie brachten jeden Abend ein neues Lied mit einer Melodie, ein munteres Spiel oder ein unbekanntes Mährchen mit. Jedermann liebte sie, und besonders verweilten die Blicke der jungen Bursche mit Wohlgefallen auf den schönen Zügen der Jungfrauen; aber eine besondere Hoheit verscheuchte jede Vertraulichkeit. Auch sie brachten immer ihre Rocken und Spindeln mit, und keine der Spinnerinnen übertraf sie an Behendigkeit und ihre Fäden an Feinheit. So wie aber die Glocke eilf schlug, so packten sie ihre Rocken zusammen, und nichts in der Welt konnte sie bewegen, auch nur eine Minute länger zu bleiben. Fröhlich und eilig verschwanden sie aus dem Kreise, wie sie gekommen waren. Keine Spur verrieth ihren Weg, wenn sie »gute Nacht« gesagt hatten. Niemand wagte es aber auch, ihnen nachzugehen. Man wußte nicht, woher sie kamen, man wußte nicht, wohin sie gingen, man sah sie nur in die Stube treten und wieder hinausgehen, |
| - | Alle jungen Bursche des Dorfs brannten im Stillen für die wunderbaren Mädchen, keiner wagte aber seine Empfindungen gegen sie laut werden, noch sie ihnen merken zu lassen. Besonders heftigen Eindruck hatte ihr liebes Wesen und das Geheimnißvolle ihres Aufenthaltes auf des [[typ: | + | Alle jungen Bursche des Dorfs brannten im Stillen für die wunderbaren Mädchen, keiner wagte aber seine Empfindungen gegen sie laut werden, noch sie ihnen merken zu lassen. Besonders heftigen Eindruck hatte ihr liebes Wesen und das Geheimnißvolle ihres Aufenthaltes auf des Schulmeisters Sohn gemacht. Ihm that es so leid, wenn sie gingen; ihm währte immer die Zeit zu lang, bis sie wieder kamen, und war erst der Abend nahe, so dünkte ihm jede Stunde, ehe er zur Spinnstube gehen durfte, eine Ewigkeit. Wenn sie nun hereintraten, |
| Lange sann der liebende Jüngling hin und her, wie er es wohl anfinge, den Anblick der Unbegreiflichen länger zu genießen. Endlich kam er auf den Gedanken, die Thurmuhr um eine Stunde zurück zu stellen, um sie zu täuschen. Er that' | Lange sann der liebende Jüngling hin und her, wie er es wohl anfinge, den Anblick der Unbegreiflichen länger zu genießen. Endlich kam er auf den Gedanken, die Thurmuhr um eine Stunde zurück zu stellen, um sie zu täuschen. Er that' | ||
| - | Mit recht freudigem Behagen ging er nun in die [[typ:Spinnstube]]; denn er sah ja die lieben Mädchen heute eine Stunde länger. Sie kamen, wie gewöhnlich, | + | Mit recht freudigem Behagen ging er nun in die Spinnstube; denn er sah ja die lieben Mädchen heute eine Stunde länger. Sie kamen, wie gewöhnlich, |
| - | Aber er hatte sich vergebens gefreut. Als am folgenden Tage einige Leute am See vorübergingen, | + | Aber er hatte sich vergebens gefreut. Als am folgenden Tage einige Leute am See vorübergingen, |
| - | Bald sagte dem trauernden Jüngling eine leise Ahndung, daß er die Ursache ihres Verschwindens sey; daß wohl sein unschuldiger Betrug ihren Lebensfaden zerrissen habe. Und das quälte und nagte ihm an der Seele. Er schlich umher, ward bleich und krank, suchte Ruhe, und – fand sie im [[typ:grab|Grabe]]. | + | Bald sagte dem trauernden Jüngling eine leise Ahndung, daß er die Ursache ihres Verschwindens sey; daß wohl sein unschuldiger Betrug ihren Lebensfaden zerrissen habe. Und das quälte und nagte ihm an der Seele. Er schlich umher, ward bleich und krank, suchte Ruhe, und – fand sie im Grabe. |
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