Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


sagen:sagenpotsdam02

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

Nächste Überarbeitung
Vorhergehende Überarbeitung
sagen:sagenpotsdam02 [2023/07/12 07:59] – angelegt ewuschsagen:sagenpotsdam02 [2025/01/30 17:57] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1
Zeile 1: Zeile 1:
-[[sagen:sagenpotsdam32|<<< zurück]] | +[[sagen:sagenpotsdam01|<<< zurück]] | 
 **[[buch:sagenpotsdam|Sagen und Mährchen aus Potsdams Vorzeit]]** | **[[buch:sagenpotsdam|Sagen und Mährchen aus Potsdams Vorzeit]]** |
-[[sagen:sagenpotsdam02| weiter >>>]]+[[sagen:sagenpotsdam03| weiter >>>]]
  
-====== Der tiefe Grund ======+====== Die alte Mühle ======
  
-(An der Chaussee nach Berlin dicht hinter Glienicke.)+Vor vielen Jahrhunderten, als die Gegenden der blauen [[region:Havel]] noch von dem slavischen Volksstamm der [[volk:sorben|Wenden]] bewohnt wurden, war das Land - über welches in den ältesten Zeiten die Wogen des Meeres rollten - weit und breit mit Wald und Sumpf bedeckt; alljährlich, wenn der Schnee schmolz, traten die Wasser weit aus ihren Ufern, über welches dann die höheren Punkte gleich Inseln empor ragten, und da es nur wenig Brücken und Dämme gab, war es langwierig und beschwerlich, von einem der Wohnplätze zum andern zu gelangen, die, verborgen und geschützt durch die dichten und tiefen Brücher, über die Gegend zerstreut waren.
  
-Langelange Zeit schon, ehe die slavischen Völker des Asowschen Meeres verließen und sich nach vielen blutigen Kämpfen mit den Urbewohnern, in den Ländern zwischen der [[region:Elbe]] und Weichsel, festsetzten, wurde die Gegend an der Havel und [[region:Spree]] von den [[volk:Semnonen]]einem mächtigen germanischen Völkerschaft, bewohnt. Es war ein Volk mit trotzigen blauen Augen, von hohem Wuchse und gelbem [[typ:Haar]]arglos und zutraulich gegen Freunde, listig und stark im Kriege und stets bereit dazu, seine wilde Unabhängigkeit betrachtete es als sein höchstes Gut und duldete trotzig lieber Marter und Tod, als daß es sich das Leben mit der Freiheit erkaufte.+Jagd und Fischfang nährten einen großen Theil der Bewohner derselben; nur wenige Rübenarten und andere einheimische Gewächse bauten sie auf ihren kleinen Ackerfeldern. Um so größer aber waren ihre Herdenwelche reichliche Nahrung auf den weiten Mooren und Wiesen fanden. Von den Ländern südlich der [[region:Elbe]] hatte sich zwar der Anbau einiger Getreidearten auch bis hierher verbreitetdoch war es mühselige und gar schwere Arbeitdie Hafer- und Gerstenkörner zu einem groben Mehle zu zerstampfen oder auf unbeholfenen Handmühlen zu zerkleinen.
  
-Jagd und Viehzucht ernährten den Germanen, der, unbekannt mit dem Ackerbau, dem Gebrauche der Metalle, der Buchstabenschrift und allen Künstendie das Leben verschönenin feinen dunkeln Wäldern die Lage zwischen träger Ruhe, groben Genüssen und harten Beschwerden verbrachteNur der Muth und die Stärke berechtigten zum Herrschen; der Tapferste wurde zum Anführer und der Weiseste unter den Greisen zum Fürsten erkorender nach altem Herkommen und Gebrauche Recht sprach und den Streit entschied mit den Ältesten. Von der Gottheit hatten diese Völker nur sehr einfache und rohe Begriffe; das [[typ:Feuer]] und die Erde, die [[typ:Sonne]] und der [[typ:Mond]] wurden von ihnen göttlich verehrt und außerdem mancherlei sichtbare und unsichtbare gute und böse Wesendenen sie einen mächtigen Einfluß auf ihr Leben und ihre Handlungen zuschrieben, und deren Willen die [[typ:Priester]] nach ihrem Vorgeben erforschen und durch [[typ:Opfer]] und Beschwörungen zu bestimmen vermochten. Durch die Verehrung vieler Geschlechter geheiligte Orte unter hohen Bäumen[[typ:höhle|Höhlen]] und Felsengrotten waren ihre Tempelwo die Kriegszeichen aufbewahrt und die Feste der Götter mit blutigen Opfern gefeiert wurden.+In dieser Zeit lebte auf dem Glienicker Werder ein Mann, der solche Maschinen machen konnte; er arbeitete sie mit Beil und Messerverkaufte sie, und nährte sich so gar kümmerlich mit Weib und KindDenn weil er die Handmühlen immer besser und leichter machen wollte, verbrachte er viel unnütze Zeit, und wenn er eine Mühle fertig hatte, die anders warals die gebräuchlichenwollte sie ihm Niemand abkaufen. So wurde er immer ärmer, und dazu plagte ihn seine Frau noch sehr mit Vorwürfen über seine Ungeschicklichkeit und Faulheitwelche Schuld seidaß sie und die Kinder hungern mußten.
  
-Die [[region:Oder]], damals weit breiter, mit ihrer tiefen und bruchigen Niederung und die undurchdringlichen Wäldern an ihren Ufern hatten die westlich gelegenen Länder eine lange Reihe von Jahren gegen den Andrang der Slaven geschütztAus diese sich aber immer mehr ausbreiteten, entspann sich in jenen Gegenden ein langer verheerender Kampf, der mit immer größerer Grausamkeit geführt wurde und bei dem die Semnonenobgleich sie bald mit kühner Tapferkeit ihre Grenzen vertheidigtenbald durch verstellte Rückzüge den Feind in grundlose [[typ:moor|Moore]] und Brücher verlocktenimmer mehr Boden verlorenDa, wo sich der Oder- und der Elbstrom am meisten nähernziehen sich zwischen den Hügelketten und Landhöhen die mehrfachen Reihen der Spree - Brücher und die Seen und Arme der Havel hinin der damaligen Zeit bei weitem reicher an [[typ:Wasser]] und fast undurchdringlich. Bis an diesen leicht zu vertheidigenden Abschnitt hatten sich die verschiedenen Stämme zurückgezogen; hier aber machten sie Halt und behaupteten siegreich lange Zeit diese neue [[typ:Grenze]]. Immer größer aber wurde die Menge der Feinde und immer schneller folgten sich ihre Anfälle.+Der arme Mann war sehr unglücklich und wollte fast verzweifelnDa trat einmal in der Mitternachtals er eben ein Rad schnitzteein schwarzer Mann in seine Hütte. Das war aber ein böser Geist. Der sagte ihmer wolle ihn reich machen, wenn er ihm eine Seele zur Qual übergebeDer Mann aber erschrak sehr und wollte nicht. Im nächsten Monat kam der böse Geist wiederund dann den dritten Monat auch, und während der Zeit gelang dem armen Manne nichts, und er und die Seinen mußten fast verhungen.
  
-Auf dem Glienicker Werder, der damals auch auf jenen Strecken mit Wasser umgeben warwo jetzt bei Stolpe niedrige Wiesen sich hinziehenhatten die Semnonen einen der Erde geweihten [[typ:Tempel]]zu welchem sie in den Nächten des [[typ:neumond|Neumonds]] weit her mit ihren Opfergaben zogen. Hier vernahmen sie die geheimnißvollen Sprüche der Priester und saßen dann, begeistert von den Heldengesängen der Barden und trunken von dem mit [[typ:Honig]] vermischtenaus zerstoßener [[typ:Gerste]] bereiteten Getränkeauf dem Thingplatze zu RatheDie Abhänge des fast kreisrunden Grundes, der beim Bau der Chaussee eine ganz andere Gestalt erhalten hatauf dessen Boden man aber noch jetzt ein mit [[typ:Schilf]] umzogenes Wasserbecken sieht, waren mit hohen tausendjährigen [[typ:eiche|Eichen]] bewachsen, die ihre grauen zackigen Äste über den kleinen See zu einer dichten Wölbung verflochten, welche auch zur Mittagszeit den moosbedeckten Boden des Grundes in geheimnißvolle grüne Dämmerung hüllte. An der Nordseite des dunklen tiefen Wassers war in der Bergwand eine [[typ:Höhle]] aus rohen Steinen gebildet, und im Hintergrunde aus der knorrigen Wurzel eines Eibenstammes, fast ganz ohne künstliche Hülfe geformt, stand das blutbeflecktemit der Beute vieler Kämpfe geschmückte Götzenbild. Auf dem schmalen Raume zwischen dem Eingange der Höhle und dem See lag der flache [[typ:Opferstein]] mit den Blutrinnenund auf der anderen Seite des Sees waren im Halbkreise die [[typ:stein|Steine]] aufgerichtet, welche den Häuptern und Ältesten zum Sitze dienten, während das Volk auf den Stufen des südlichen Abhanges stand, wenn bei dem rothen knisternden [[typ:Feuer]] der Kienbrände und dem dumpfen Zaubergesange der Priester das Opfer sein Leben stöhnend vor dem [[typ:götzenbild|Götzenbilde]] aushauchte.+In dieser Nacht wachte aber seine Frau auf, als er wieder: „nein! nein!“ riefund als sie hörte, was der böse Geist wolltekam sie herbei und beredete den Mannsie müßten eine Seele weg gebendamit sie nicht Alle umkämenAls nun aber der Mann ja gesagt hatteund der böse Geist eins der neun Kinder haben wollteda schrie und heulte das Weib sodaß dem Geiste bange wurde, und als der Mond aufging, mußte er weg. Vorher aber fuhr er mit seiner Hand über den Kopf der Frau; da gingen alle ihre schönen langen Haare aus, die nahm der böse Geist mit und sagte„Warte!“ 
  
-Eine Strecke von diesem Orte auf der breiten Kuppe des Schäferberges war in dem dichten Walde ein kreisförmiger Raum ausgehauenvon welchem nach allen Himmelsgegenden hin Wege ausliefen. In der Mitte lag ein mächtiger [[typ:felsen|Felsbloc]]k, und rings umher in immer größeren Bogen waren auch hier Sitzsteine aufgerichtet, die erst in der neuesten Zeit von dort zum Wegebau fortgeführt sind. Auch die „weiße Bank“ bei der schönen Aussicht auf dem Schäferberge ist von ihnen erbaut. Dies war der Thingplatz; hier versammelten sichvon den Fürsten durch Feuerzeichen und Rauchsäulen auf den Bergen hergerufen, die wehrhaften Männer der Stämme, hier wurden für Krieg und Frieden Beschlüsse gefaßt, und hier wurde unter dem Einflusse der Priester die Ausführung derselben berathen. Wenn die Ältesten, welche im Schmucke ihrer Waffen, und der Siegeszeichen aus manchen Kämpfen den inneren Raum einnahmen, in kurzen Worten ihre Meinung gesagt hatten, dann gab das Zusammenschlagen der Waffen oder das dumpfe Gemurmel der Menge ihren Beifall oder ihre Abneigung kund. Hiernach wurde der Beschluß gefaßt und schnell ausgeführt, wenn nicht etwa warnend oder Zweifel erregend die Stimme des Priesters sich erhob oder geheimnisvolle Töne und Zeichen vom geweihten Steine in der Mitte her die Meinung der Männer umstimmten. Noch jetzt erzählt mandaß von der Stelle, wo der Tempel im tiefen Grunde stand, einst ein unterirdischer Gang bis zu der Kuppe des Schäferberges führte.+Die andere Nacht klopfte der böse Geist an die Thürrief den Mann leise heraus und führte ihn auf den Berg bei [[geo:kleinglienicke|Glienicke]], da wo jetzt die große Sandgrube ist. Dort warf er drei Rabenfedern in die Luft, und alsbald kam ein großer Sturm; der Gribnitsee brauste hoch auf, seine Wellen brachen durch zwischen ihnen und dem Babelsberge, und stürzten in die Havel; und als die Wasser wieder ruhig geworden warenfloß ein heller Bach aus dem Gribnitzsee in den Fluß.
  
-Immer weniger waren der Männer beim Thing gewordenimmer tieferes Schweigen ruhte auf der Versammlung wenn nach einem neuen Vordringen der [[volk:sorben|Wenden]] die Feuerzeichen sie berufen hattenZwar verhießen der Priester Worte den Beistand der Götter, und alle Vorzeichen kündeten nahe Siege; zwar kämpften die Führer mit der Kraft der Verzweiflung und die Schaar der Jünglinge, welche ihre Leibwache bildete, zeigte sich der erwählten Führer würdigaber zu groß war die Masse der andringenden Feinde, und ohne die Vortheile des Bodensohne das undurchdringliche Weichland, und den Schoß der dicht verwachsenen Wälderhätten die Semnonen längst den ungleichen Kampf aufgeben müssen.+Da führte der Geist den armen Mann an den Bach und lehrte ihm eine Mühle bauenderen Rad das Wasser trieb. Das war die erste Wassermühle weit und breit in diesen Landen, und dreimal vierzig Jahre hat auf drei Hahnenrufe weit keine andere gebaut werden könnenDer Mann aber wurde gar reich und lebte lange, und die neun Kinder waren seine Mühlknappen. Da kam die Pest ins Landalle die Kinder starben nur er blieb leben in der Mühle und seine Frau; doch da er sich sehr grämtestarb er auch bald, und die Mutter begrub ihn zu den neun Söhnenwo jetzt die große Linde vor dem Försterhause steht.
  
-Noch einmal, zum letzten Male, war der Thing berufen, zum letzten Male übergab der greise Priester die heilige Fahne aus dem Tempel dem kühnsten der Führer, und die Barden sangen den Schlachtgesang. Dann zog das ganze Volk dem Feinde entgegen, dessen mächtiges Heer zwischen der Nuthe und Becke in der Gegend des Sterns sich zum Kämpfe rüstete. Jünglinge und Greise zogen mit; Frauen und [[typ:jungfrau|Jungfrauen]] folgten Waffen tragend, und Barden und Priester munterten mit ihnen die Streiter zum letzten entscheidenden Kampfe auf. Er war blutig aber kurz. Das kleine Häufchen der Semnonen wurde erdrückt von der Menge; keiner floh, Alle erlagen. +In die Mühle aber setzte der Grundherr einen andern Müller, der vertrieb die Mutter; doch kam diese in jeder Nacht wieder zu den Gräbern am See. Wo sie gestorben ist und begrabendas weiß Niemanddoch soll noch jetzt eine graue Alte sich in der Nacht unter den hohen Linden bei der Mühle zeigen.
- +
-Nur der alte, hundertjährige Priester war beim Tempel zurück geblieben. Hier im heiligen Grunde hatte er die Kinder um sich versammelt, und zum letzten Male floß das Blut auf dem Opfersteine: Das Götzenbild war aus dem [[typ:Tempel]] herausgebracht und stand dicht am Wasser, geschmückt mit allen seinen Schätzen. Vor ihm auf dem Boden lag betend der Priester, rings um ihn die zitternden Kinder. +
-Der blutige Kampf hatte bis zum Abend gewährt. Vorsichtig, einen Hinterhalt fürchtenddrang in der Nacht die starke Vorhut der [[volk:sorben|Wenden]] vorbald war der tiefe Grund umringt, doch erst am Morgen wagten sie unter seine Eichen hinab zu steigen. Alle Kinder wurden ihre Beute; zu [[typ:sklave|Sklaven]] auferzogenbildeten sie den Überrest des einst so mächtigen Stammes der Semnonen; noch jetzt sind ihre Nachkommen an dem hellen Haar und den blauen Augen unter den Wendischen Abkömmlingen zu erkennen. +
- +
-Der [[typ:Priester]] aber und das reiche [[typ:Götzenbild]] waren verschwunden; der tiefe, dunkle See barg beide in seinem Schoße.  +
-Lange Zeit betrachteten die Nachkommen der [[volk:Semnonen]] den Ort noch als heilig, und wagten nicht, ihn durch Suchen nach den Schätzen zu entweihen; späterhin verwuchs der See immer mehr, und es wurde unmöglich, durch Schlamm und Wurzelgeflecht bis auf seinen Grund zu dringen.+
  
 //Quelle: [[autor:karlvonreinhard|Karl v. Reinhard]], [[buch:sagenpotsdam|Sagen und Mährchen aus Potsdams Vorzeit]], Potsdam 1841, Verlag der Stuhrschen Buchhandlung// //Quelle: [[autor:karlvonreinhard|Karl v. Reinhard]], [[buch:sagenpotsdam|Sagen und Mährchen aus Potsdams Vorzeit]], Potsdam 1841, Verlag der Stuhrschen Buchhandlung//
 ---- ----
-{{tag>sagen karlvonreinhard sagenpotsdam potsdam markbrandenburg semnonen sorben tempel met heiden schlacht götzenbild opferstein opfer blut höhle eiche}}+{{tag>sagen karlvonreinhard sagenpotsdam potsdam markbrandenburg kleinglienicke Griebnitzsee mühle hunger müller armut haar mühlrad geist mond beil messer pest sterben linde altesweib v2}}
sagen/sagenpotsdam02.1689141551.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)