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sagen:sagenbuesching056

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 +====== Historie und Geschichte von Herzog Heinrich dem Löwen ======
 +
 +Man sagt von starken Helden,\\
 +Sie sein zu preisen hoch;\\
 +Darum so muß ich melden\\
 +Von [[vip:heinrichderlöwe|einem Herren]] auch,\\
 +Er ist von edlem Stamme\\
 +Und ist ja lobenswerth,\\
 +Von wegen großer Thaten\\
 +Führt er billig das Schwerdt.\\
 +
 +Preis wollte er erlangen,\\
 +Zog weit in fremde Land,\\
 +Abentheuer anzufangen,\\
 +Das kam ihm auch zur Hand,\\
 +Wagte sein Leib und Leben,\\
 +Wie ihr jetzt hören werd't,\\
 +Wie man findet beschrieben;\\
 +Er war von ed'ler Art.\\
 +
 +Er nahm mit Ritter und Grafen,\\
 +Der hochgebor'ne Fürst,\\
 +Es waren seine Unterthanen,\\
 +Nach Preis der Ehr sie dürst't.\\
 +Sie kamen an ein Wasser,\\
 +Die Pferde ließen sie stehn,\\
 +Und säumten sich nicht lange,\\
 +Zu Schiff sie thäten geh'n.\\
 +
 +Der Schiffer sich fertig machte\\
 +Und fuhr sehr schnell davon,\\
 +Sie fuhren Tag und Nachte,\\
 +Kein Land sie trafen an.\\
 +Es brachen ihre Segeln,\\
 +Sie kamen da in Noth,\\
 +Groß Kummer stieß ihn'n entgegen,\\
 +Jeder wünschet sich den Tod.\\
 +
 +Sie lagen da sehr lange,\\
 +Die Speise nahm ein End',\\
 +Dem Herzog ward sehr bange,\\
 +Er hub auf seine Händ';\\
 +»Ach Gott! laß dich erbarmen,\\
 +Wir leiden große Noth,\\
 +Ach! komm zu Hülf' uns Armen,\\
 +Es mangelt an Speis und Brod.«\\
 +
 +Einer klagt dem andern den Kummer,\\
 +Als auch dies groß Elend,\\
 +Sie waren matt von Hunger\\
 +Und wunden ihre Händ'.\\
 +Der Herzog sprach zu den Seinen:\\
 +»Wir stehen alle bloß,\\
 +Es hilft ja hier kein Weinen,\\
 +Jeder mache sich ein Loos.«\\
 +
 +Die Loose wurden gemachet,\\
 +Wie man nun hören thut,\\
 +Ein jeder darnach trachtet,\\
 +Man legt sie in einen Hut\\
 +Und ward gänzlich beschlossen,\\
 +Wer zum ersten 'raus käm',\\
 +Soll sein Leben unverdrossen\\
 +Geben den andern anheim.\\
 +
 +Das Loos fiele zum ersten\\
 +Auf einen kühnen Held.\\
 +Er sprach gar bald von Herzen:\\
 +»Macht's, wie es euch gefällt.\\
 +Meinen Leib will ich euch geben\\
 +Dahin zu eurer Speis',\\
 +Nehmt mir nun bald das Leben,\\
 +Theilt unter euch mein Fleisch.\\
 +
 +Ihr mögt mich braten oder sieden,\\
 +Ich geb's euch herzlich gern,\\
 +Gott wolle nur behüten\\
 +Unsern frommen Landesherrn.\\
 +Es geh' gleich über uns alle,\\
 +Wir sein klein oder groß;\\
 +Ach Gott! daß ja nicht falle\\
 +Auf unsern Herrn das Loos.«\\
 +
 +Der Held wurde geschlachtet,\\
 +Wie man das lieset noch,\\
 +Speise davon gemachet,\\
 +Hunger war der beste Koch.\\
 +In Stücken ihn zerhieben\\
 +Die Mitgesellen sein,\\
 +Der Hunger sie antriebe,\\
 +Jeder mußt sich stellen ein.\\
 +
 +Auf wen das Loos gefallen,\\
 +Thät sich herstellen gern',\\
 +Gott gab das Glück für allen,\\
 +Er schont immer den Herrn.\\
 +Er stund mit einem Knechte,\\
 +Der war, nächst Gott, sein Trost,\\
 +Groß waren sie in Nöthen,\\
 +Der Herr ward nicht erlos't.\\
 +
 +Der Hunger hielt nicht stille,\\
 +Er war bei ihnen groß.\\
 +Der Herr sprach: »es ist mein Wille,\\
 +Wir beide werfen das Loos;\\
 +Auf wen es dann thut fallen,\\
 +Der soll den andern verzehr'n.«\\
 +Der Knecht rief laut mit Schallen,\\
 +»Solch's thu' ich nicht mein'm Herrn.«\\
 +
 +Sie thaten beide loosen,\\
 +Der Knecht sah das ungern,\\
 +Das Loos fiel auf den großen,\\
 +Edlen, liebwerthen Herrn.\\
 +Der Knecht sollte ihn tödten,\\
 +Befahl der hochwerthe Mann;\\
 +Hoch waren sie in Nöthen,\\
 +Der Knecht wollt' nicht daran.\\
 +
 +Der Knecht sagte mit Treuen:\\
 +»Herr, es ist alles verlor'n,\\
 +Ich müßt' mein Leben bereuen,\\
 +Ihr seid ja hochgeborn.\\
 +Von Leder will ich euch machen\\
 +Gar bald ein'n neuen Sack,\\
 +Ihr mögt des Glück's erwarten,\\
 +Ihr seid noch jung und stark.«\\
 +
 +Der Knecht nahm in der Güte\\
 +Den treuen Helden werth,\\
 +Näht ihn in Ochsenhäute\\
 +Und legt zu ihm sein Schwerdt:\\
 +»Ach Gott, thu dich erbarmen,\\
 +Wie steck' ich in der Noth!\\
 +Mein'n Herrn hab' ich jetzt begraben\\
 +Und er ist noch nicht todt.«\\
 +
 +Gar bald kam da geflogen\\
 +Der Vogel Greif sehr groß,\\
 +(Ist wahr und nicht erlogen),\\
 +Und auf den Herrn zuschoß,\\
 +Faßt ihn mit seinen Klauen,\\
 +Trug ihn bald in sein Nest,\\
 +Der Herr thät sich erfreuen,\\
 +Sprach: »Gott, thu bei mir das Best'!«\\
 +
 +Der Greif flohe von hinnen,\\
 +Mehr Speise er begehrt',\\
 +Der Herr thät sich besinnen,\\
 +Ergriff sein scharfes Schwerdt.\\
 +Er dankte Gott dem Herren\\
 +Und schnitt sich aus der Haut,\\
 +Er sah sich um vor Freuden\\
 +Und faßt' einen guten Muth.\\
 +
 +Die jungen Greifen schrien,\\
 +Begehrten bald den Herrn,\\
 +Ich sag's aus wahrer Treue,\\
 +Er thät sich ihrer wehr'n.\\
 +Er rief an Gott den Herren,\\
 +Der half ihm aus der Noth,\\
 +Thät sich der Vögel erwehren\\
 +Und schlug sie alle todt.\\
 +
 +Er stieg gar bald herunter,\\
 +Schnell aus dem großen Nest.\\
 +Es nahm den Herren Wunder\\
 +Der ungeheuren Gäst!\\
 +Man kann noch jetzt anschauen\\
 +Zu [[geo:Braunschweig]] in dem Thum (Dom),\\
 +Da hängt die Greifenklauen,\\
 +Die er mitgebracht zum Ruhm.\\
 +
 +Der Herr thät sich von weiten\\
 +Im Wald ziemlich umschau'n,\\
 +Da sah' er grimmig streiten\\
 +Einen Lindwurm mit einem Leu'n.\\
 +Er sprach: »ich will es wagen\\
 +Und sollt' ich bleiben todt;«\\
 +Thät auf den [[wesen:Lindwurm]] schlagen,\\
 +Sprach: »nun hat's wohl keine Noth,\\
 +
 +Ich hab' oft hören sagen,\\
 +Der Löw' sei ein treues Thier,\\
 +Drum will ich's mit ihm wagen\\
 +Gegen den Lindwurm hier.\\
 +Ich hoff mir soll's gelingen,\\
 +Der Lindwurm soll bleiben todt;\\
 +Dem Löwen will ich beispringen,\\
 +Ihm helfen aus der Noth.«\\
 +
 +Sie thäten da fast ringen,\\
 +Jeder sein Stärk' bewährt,\\
 +Der Herr thät dazu springen\\
 +Mit seinem blanken Schwerdt.\\
 +Der Löw' ward dies bald innen,\\
 +Vor'm Lindwurm er stets weicht,\\
 +Der Herr aus kühnen Sinnen\\
 +Bald auf den Lindwurm streicht.\\
 +
 +Der Lindwurm sperrt auf den Rachen\\
 +Gegen den hochwerthen Mann;\\
 +Der Herr fing an zu lachen,\\
 +Er sprach den Löwen an,\\
 +Der Leu mit frohem Muthe\\
 +Schnell auf den Lindwurm sprang.\\
 +Der Lindwurm schrie sehr laute,\\
 +Daß es im Wald erklang.\\
 +
 +Der Herr mit frischem Muthe,\\
 +Schlug auf das wilde Thier,\\
 +Mit seinem Schwerdt so gute,\\
 +Daraus wild Feuer fuhr.\\
 +Da sah der Löw' das Gute,\\
 +Sein' Treu dem Herrn anbot.\\
 +Der Herr aus freiem Muthe\\
 +Schlug da den Lindwurm todt.\\
 +
 +Der Leue thät sich legen\\
 +Zum Herrn und seinem Schild,\\
 +Er thäte seiner pflegen,\\
 +Er fing ihm Hirsch und Wild;\\
 +Groß Treu empfing der Herre\\
 +Von diesem wilden Thier.\\
 +Er pflegt's ihm machen gare,\\
 +Ohn' alles Feuer hier.\\
 +
 +In diesem großen Walde\\
 +Waren sie mit Wasser umgeb'n:\\
 +Er besann sich hierauf balde:\\
 +Wie komme ich von dem Löwen?\\
 +Eine Hord' thät er bald machen,\\
 +Von Holz und auch von Reis,\\
 +Der Löw' thät darnach trachten,\\
 +Wie er bekäm die Speis.\\
 +
 +Die Hord' wurde gebunden,\\
 +Er legt sie auf das Meer,\\
 +Setzte sich drauf von Stunden,\\
 +Sah sich sehr weit umher.\\
 +Der Löwe kam gegangen,\\
 +Hatt' ihm ein Wild gehetzt,\\
 +Der Herr säumt' sich nicht lange,\\
 +Hat sich erst niedergesetzt.\\
 +
 +Der Löwe trauret' sehre,\\
 +Fand seinen Herren nicht,\\
 +Lief hin und her so sehre;\\
 +Von weitem er ihn erblickt,\\
 +Hörte des Herren Stimme\\
 +Und sah ihn auf dem Schiff,\\
 +Schwamm bald mit großem Grimme\\
 +Zum Herren in das Schiff.\\
 +
 +Sie fuhren Tag und Nachte,\\
 +Wo sie der Wind hintrieb,\\
 +Der Herr auch immer wachte,\\
 +Für Angst er wenig schlief,\\
 +Hätt' auch lieber gesehen,\\
 +Der Löw' wär' blieben da.\\
 +»Wie wird es mir nun gehen,\\
 +Das Unglück kommt mir nah'!\\
 +
 +Ach Gott! thu' dich erbarmen, –\\
 +Rief er – hub auf sein' Hand',\\
 +Hilf doch an's Land uns Armen,\\
 +Die Speise hat ein End'.«\\
 +Es war Gott zu erbarmen,\\
 +Wie man erachten kann;\\
 +Der Löw' in seinen Armen\\
 +Sah' ihn ganz traurig an.\\
 +
 +Ja, Wunder muß ich sagen,\\
 +Wie man es oft empfind't,\\
 +Mancher Feind thut Haß tragen,\\
 +So bös er auch gesinnt,\\
 +Aber Gott kann es wenden,\\
 +Muß kommen ihm zu gut,\\
 +Sein Unglück auch so enden\\
 +Und helfen aus der Noth.\\
 +
 +Der Herr beständig wachet,\\
 +Hat Tag und Nacht kein' Ruh.\\
 +Gar bald sich zu ihm machet\\
 +Der [[wesen:teufel|Satan]] sprach ihm zu:\\
 +»Neue Post, so nicht erlogen,\\
 +Hör' wohl auf meine Wort',\\
 +Du liegst in Wasserwogen,\\
 +Mußt endlich sterben todt.\\
 +
 +Zu Braunschweig eingezogen\\
 +Vorgestern zu Mittag,\\
 +Ist wahr und nicht erlogen,\\
 +Was ich dir jetzund sag':\\
 +Man wird Beilager halten,\\
 +Welches jedem wohl bekannt;\\
 +Ein Fürst aus fremden Landen,\\
 +Der kriegt dein Weib und Land.«\\
 +
 +Der Herr saß sehr in Trauren,\\
 +Er glaubte es fürwahr:\\
 +»Meine Reise that dauren\\
 +Länger denn sieben Jahr,\\
 +Sie werden nicht anders denken,\\
 +Ich sei weg von der Welt.\\
 +Zu Gott will ich mich lenken,\\
 +Er mach's, wie ihm's gefällt.« –\\
 +
 +»Ja, hör', ich will dir sagen,\\
 +Du red'st noch viel von Gott;\\
 +Du liegst in Wasserwogen\\
 +Er hilft dir nicht aus Noth.\\
 +Ich will dich heute führen\\
 +Zu der Gemalin dein,\\
 +Auch zu den Freunden vielen,\\
 +Wenn du willt meine sein.«\\
 +
 +Sie hatten ein lang Gespräche,\\
 +Der Herr wollt' willigen nicht:\\
 +»So ich mein Gelübde bräche\\
 +Gegen Gott, dem ewigen Licht,\\
 +Ob ich gleich bin ein Herre\\
 +Zu Braunschweig hochgeboren,\\
 +Fiel' ab von Gott meinem Herren,\\
 +Wär' ich ewig verloren.« –\\
 +
 +»Ein's will ich dir vorschlagen,\\
 +Geh' nur nicht lang' zu Rath,\\
 +Ich will dich heut' hintragen\\
 +Nach [[geo:Braunschweig]] vor die Stadt,\\
 +Ohn' den geringsten Schaden\\
 +Auf den Giersberg legen hin.\\
 +Da kannst du meiner warten,\\
 +Bis ich komm' wieder hin.\\
 +
 +Dann will ich auch verschaffen\\
 +Den Löwen an den Ort,\\
 +So finde ich dich schlafen –\\
 +Nun merk' wohl auf die Wort' –\\
 +Sodann sollt du mein eigen\\
 +In meinem Reiche sein.«\\
 +Wollt' ihn gerne betreugen\\
 +Um Leib und Seele sein.\\
 +
 +»Ach Gott, thu mich erretten,\\
 +Sehr böse ist die Sach',\\
 +Ich will gar treulich beten,\\
 +Will halten fleißig Wach'.\\
 +Ach Gott! thu mir bescheeren\\
 +Heut einen sel'gen Tag;\\
 +Ich befehl' mich Gott dem Herren,\\
 +Bis der Löwe kommet nach.«\\
 +
 +Der Herr thät sich besinnen,\\
 +Gab seinen Willen drein,\\
 +Wie er möcht' kommen von hinnen\\
 +Zu der Allerliebsten sein.\\
 +»Ach Gott! woll'st mich bewahren\\
 +Diesen Tag und auch die Nacht,\\
 +In Gottes Geleit zu fahren,\\
 +Eh' die Hochzeit wird vollbracht.«\\
 +
 +Er nahm alsbald den Herren,\\
 +Führt ihn in Lüften hin,\\
 +Vermeint', er soll' sein werden,\\
 +Hätt' einen guten Gewinn.\\
 +Vor Braunschweig legt er nieder\\
 +Den edlen Herren fromm:\\
 +»Ich komme gar bald wieder,\\
 +Du kannst wohl wachen thun.«\\
 +
 +Der Herre war sehr müde,\\
 +Es war kein Wunder nicht:\\
 +»Ach Gott! mich heut' behüte,\\
 +Sonst mir sehr weh' geschieht.\\
 +Hilf ja, daß ich mög' wachen,\\
 +Es möcht' mir übel sein,\\
 +Möcht' kommen in Satan's Rachen,\\
 +Dazu in die ew'ge Pein.«\\
 +
 +Er that sich niedersenken,\\
 +Der Schlaf setzt ihm sehr zu;\\
 +Es war nicht zu verdenken,\\
 +Hatte lang gehabt keine Ruh'.\\
 +Er lag auf dem Giersberge\\
 +Zu Braunschweig vor der Stadt;\\
 +Wie man gar leicht kann merken,\\
 +Von der Reise war er matt.\\
 +
 +Es währete drauf nicht lange,\\
 +Der Teufel kam gefloh'n,\\
 +Hatte sehr fest umfangen\\
 +Den allzutreuen Leu'n.\\
 +Der sah den Herren liegen,\\
 +Gedacht', er wär' schon todt;\\
 +Er ruhete am Berge,\\
 +Wär kommen bald in Noth.\\
 +
 +Der Löwe thät laut schreien,\\
 +Weil sich der Herr nicht rührt;\\
 +Dem Teufel thäts gereuen,\\
 +Daß er ihn hatt' geführt.\\
 +Der Herr von solchem Schreien\\
 +Gar bald und schnell erwacht;\\
 +Den Teufel thät's gereuen,\\
 +Warf den Löwen, daß es kracht.\\
 +
 +Denn, so der Herr geschlafen,\\
 +Wär' kommen um Leib und Seel',\\
 +Allein Gott thät es schaffen,\\
 +Von ihm kommt Leben und Heil,\\
 +Half ihm in diesem Leben\\
 +Aus solcher großen Noth,\\
 +That seiner ferner pflegen,\\
 +Half ihm bis in den Tod.\\
 +
 +Der Herre fiel darnieder\\
 +Und dankte Gott dem Herrn,\\
 +Richt't sich darnach auf wieder,\\
 +Es wollt' bald Abend werd'n.\\
 +Wär' er den Tag nicht kommen,\\
 +Wär' ihm ein großer Schad',\\
 +Wie ihr jetzt habt vernommen,\\
 +Er kam sobald zu spat.\\
 +
 +Er kam in Braunschweig gangen,\\
 +Der Löwe folgt ihm nach,\\
 +Er war gar schlecht empfangen,\\
 +Nach der Burg war sein Gang.\\
 +Er hört' ein groß Getöne,\\
 +Dacht': was mag dieses sein?\\
 +Thät sich bald lenken schöne\\
 +Nach dem Mosthaus hinein.\\
 +
 +In's Haus wollt' er eintreten,\\
 +Man wollt' ihn nicht einla'n,\\
 +Trabanten und Soldaten,\\
 +Die drohten ihn zu schla'n.\\
 +»Was willt du denn hier machen,\\
 +Wohl in dem Fürstenhaus?\\
 +Du hast hier nichts zu schaffen,\\
 +Geh', packe dich hinaus.«\\
 +
 +Groß Wunder nahm den Herren,\\
 +Was er da hört' und sah:\\
 +»Es dürfte wohl wahr werden,\\
 +Was der Teufel mir gesagt.\\
 +Was heißt das Getön' und Pfeifen,\\
 +Ist hier ein fremder Herr?\\
 +Gebt mir Bericht ihr Leutchen,\\
 +Was sind's für neue Mähr?« –\\
 +
 +»Der Herr ist gar nicht fremde,\\
 +Er ist uns wohl bekannt;\\
 +Ich sag', daß er bekomme\\
 +Heut' das Braunschweiger Land,\\
 +Mit unser gnäd'gen Frauen;\\
 +Denn sie ist hochgebor'n,\\
 +Ist eine Wittwe in Treuen,\\
 +Ihren Herrn hat sie verlor'n.«\\
 +
 +Der Herr wundert sich sehre,\\
 +That eilen mit der Sach',\\
 +Er gab ihnen die Ehre\\
 +Und bat freundlich die Wach'.\\
 +Sie trugen kein Bedenken,\\
 +Thaten den Willen sein,\\
 +Er begehrte nur zu schenken\\
 +Ihm einen Becher Wein.\\
 +
 +Der Herre bat recht sehre,\\
 +Er wollt' gar nicht abla'n,\\
 +Er war ihr Landesherre,\\
 +Der Abend kam heran.\\
 +Zu einem sprach er in Treuen:\\
 +»Sprich doch die Fürstin an,\\
 +Es soll dich nicht gereuen,\\
 +Du scheinst ein braver Mann.\\
 +
 +Und thu sie freundlich bitten:\\
 +Einen Trunk von ihrem Wein'\\
 +Wolle sie herunter schicken,\\
 +Matt ist das Herze mein.«\\
 +Er sahe an den Löwen\\
 +Und auch den werthen Mann,\\
 +Er lief gar schnell und eben\\
 +Und zeigt's der Fürstin an.\\
 +
 +Die Braut mußt dessen lachen,\\
 +Sprach: »was ist das für ein Mann?«\\
 +Es waren ihr seltsame Sachen,\\
 +Daß er einen Löwen sollt' ha'n.\\
 +Bald gab sie ein Geschirre,\\
 +Ließ ihn das trinken aus:\\
 +»Er ist ein Ebentheure,\\
 +Wie kommt er in das Haus?«\\
 +
 +Sie schickt den Becher hinunter:\\
 +»Soll austrinken den Wein.«\\
 +Der Diener sprach: »mich nimmt's Wunder,\\
 +Wer magst du doch wohl sein?\\
 +Daß du begehrst zu trinken\\
 +Von diesem edlen Wein,\\
 +Den man der Herzoginnen\\
 +Allein thut schenken ein?«\\
 +
 +Er nahm den Ring von Golde,\\
 +Der in zwei Theilen war,\\
 +In'n Becher warf er ihn balde,\\
 +Bat sehr, er möcht ihn dar\\
 +Tragen zur Fürstin milde.\\
 +Drauf war geschnitten ein\\
 +Sein Name, Helm und Schilde;\\
 +Das trug man ihr hinein.\\
 +
 +Der Diener das Geschirre\\
 +Nahm und thät ihm nichts sagen,\\
 +Es däucht ihm Ebentheure,\\
 +Für die Fürstin thät er's tragen.\\
 +Sprach: »ach, gnädige Fraue,\\
 +Eine Fürstin hoch gebor'n,\\
 +Eure Gnaden thu' dies anschauen,\\
 +Habt ihr das Gold verlor'n?«\\
 +
 +Sie nahm das Gold zu Handen,\\
 +Und thät's fleißig anschau'n,\\
 +Es lag ihr Herz in Banden,\\
 +Auf sie sah'n alle Frau'n.\\
 +Sie war entfärbet sehre,\\
 +Bald war sie wie ein' Leich';\\
 +Sie dacht': es ist mein Herre,\\
 +Der Herzog von Braunschweig.\\
 +
 +Die Braut stund auf in Eile,\\
 +Bald in die Kammer ging;\\
 +In einer kleinen Weile\\
 +Rief sie den Kämmerling,\\
 +Sprach: »habt ihr nicht gesehen\\
 +Draußen den fremden Mann?\\
 +Welcher vor unser'm Schlosse\\
 +Soll mit einem Löwen stahn.«\\
 +
 +Er sprach: »gnädige Fraue,\\
 +Ich hab' ihn wohl geseh'n,\\
 +Thät ihn gar wohl anschauen,\\
 +Der Löw' that mit ihm geh'n;\\
 +Der Leu ist ihm getreue\\
 +Und ist ihm unterthan,\\
 +Viel Leute ihn anschauen,\\
 +Es ist ein feiner Mann.«\\
 +
 +Sie legt' sich an die Zinne\\
 +Und thät hinunter schau'n,\\
 +Ward ihren Herren inne,\\
 +Er saß da mit dem Leu'n.\\
 +»Hilf Gott, daß mir's gelinge,\\
 +Was er mir hat geschickt,\\
 +Ist von meines Herren Ringe.«\\
 +Gar oft sie ihn anblickt.\\
 +
 +»Laßt ihn herauf nur kommen\\
 +Wir wollen ihn befragen,\\
 +Wo er den Ring bekommen,\\
 +Er wird es uns wohl sagen.\\
 +Den Ring kenn' ich gar eigen,\\
 +Mein Herr hat mir ihn geben,\\
 +Da er von mir wollt' scheiden.\\
 +Ach Gott! wär' er am Leben!\\
 +
 +Thät ihn von einander schneiden,\\
 +Dies ist gewißlich wahr,\\
 +Da er von mir wollt' scheiden,\\
 +Ist länger denn sieben Jahr.\\
 +Sollt' ich kommen nicht wieder\\
 +Auf dieses Hauses Saal,\\
 +Sprach da mein edler Herre,\\
 +So nehmt ein ander Gemal.«\\
 +
 +Jedermann nahm es Wunder,\\
 +Was noch daraus wollt' werd'n;\\
 +Die Räthe nahmen besunder (besonders)\\
 +Den frommen Landesherrn.\\
 +Sie fragten diesen Frommen\\
 +Um diese Wunderding,\\
 +Und wie er hätt' bekommen\\
 +Von ihrem Herrn den Ring.\\
 +
 +Der Herr fing an zu lachen,\\
 +Sprach: »es wird werden gut;«\\
 +Ja fleißig thät er trachten,\\
 +Daß er könnt' seh'n die Braut:\\
 +»Von keinem hab' ich bekommen,\\
 +Das sag' ich euch fürwahr,\\
 +Ich hab' den selbst genommen,\\
 +Sind länger denn sieben Jahr.«\\
 +
 +Sie alle ihn anschauen,\\
 +Er war ein ernster Mann,\\
 +Ging'n hin zur edlen Frauen\\
 +Und zeigten ihr dies an:\\
 +Der Ring wäre gekommen\\
 +An seinen rechten Ort,\\
 +Drum wäre er geleget,\\
 +Wo er billig hingehört.\\
 +
 +Deß wundert sie sich sehre,\\
 +Ging eilend durch den Saal;\\
 +Sie sprach: »ach Gott! mein Herre,\\
 +Ist's mein lieber Gemal,\\
 +Dem dieser Ring gewesen,\\
 +Dem liebsten Herren mein?\\
 +Ach Gott! ist er's gewesen,\\
 +Sollt' er beim Leben sein?«\\
 +
 +Sie thät den Herrn anschauen,\\
 +Für Freud' fiel sie zur Erd',\\
 +Der Herr sah an die Frauen,\\
 +Er ihr aufhelfen thät.\\
 +Es wundert allen Herren,\\
 +Sie sprachen allzugleich:\\
 +»Was will doch daraus werden,\\
 +Herr Gott im Himmelreich?«\\
 +
 +Die Fürstin thät ihn nennen,\\
 +Bot ihm die weiße Hand:\\
 +»Ach Herr, ihr wollt euch nennen,\\
 +Seid ihr der Herr im Land?\\
 +Ihr sollt euch uns anmelden,\\
 +Sag'n wir zu dieser Stund',\\
 +Wir preisen Gott den Herren,\\
 +Der läßt euch kommen gesund.« –\\
 +
 +»Vor Zeiten war ich ein Herre –\\
 +Sagt er – es ist kein Spott,\\
 +Es geschieht mir wenig Ehre,\\
 +Muß es befehlen Gott.\\
 +Ich war ein Herr ohn' Sorgen,\\
 +Das sag' ich noch fürwahr,\\
 +Von [[geo:Braunschweig]] ausgezogen,\\
 +Schon länger denn sieben Jahr.« –\\
 +
 +»Seid ihr der Landesherre,\\
 +So seid uns allen willkomm;«\\
 +Thaten ihm große Ehre;\\
 +Denn er war mild und fromm.\\
 +Die Fürstin fiel darnieder\\
 +Und dankt dem Herren Gott:\\
 +»Mein Herr ist kommen wieder,\\
 +Hat ihn errett't aus Noth.«\\
 +
 +Zu Tische man ihn weiset,\\
 +Ein jeder es geseh'n,\\
 +Wo man ihn besser speiset,\\
 +Als auf der Hard' (dem Schiff) gescheh'n.\\
 +Bei der Braut setzt man ihn nieder,\\
 +Jeder sich verwundert hier,\\
 +Der Leue ward versorget,\\
 +Sein allzutreues Thier.\\
 +
 +Was soll man weiter sagen?\\
 +Dem Bräut'gam kam die Mähr'\\
 +»Es war wohl zu beklagen,\\
 +Daß eben kam der Herr,\\
 +Nun ist mein Thun verloren,\\
 +Durch den Korb bin ich hindurch,\\
 +Wär' ich noch höher geboren,\\
 +Stünd' ich jetzt sehr in Sorg'.«\\
 +
 +Der Bräut'gam trauret sehre,\\
 +Es war ihm leid der Hohn,\\
 +Wenn's nicht der Landsherr wäre,\\
 +Er wollt' nicht lassen davon.\\
 +Nach der Braut stund sein Verlangen.\\
 +»Ich hab' ein Wild gejagt,\\
 +Ein and'rer hat's gefangen,\\
 +Das sei ja Gott geklagt.«\\
 +
 +Die Herren gingen zusammen,\\
 +Und hielten einen Rath,\\
 +Der Herzog dazu kommen,\\
 +Einen jeden er da bat:\\
 +Guten Rath sie sollten geben.\\
 +In Gnaden ward's erkannt,\\
 +Dieweil er hatt' sein Leben,\\
 +Darzu war Herr im Land'.\\
 +
 +Seiner Gnaden sie drum dankten,\\
 +Die Sach' war nicht verloren:\\
 +»Ein Fräulein ist aus Franken,\\
 +(Sie war auch hochgebor'n),\\
 +Die wir dem Bräut'gam geben,\\
 +Das soll gescheh'n zur Hand,\\
 +Ist sauber, schön, gar eben,\\
 +Als eine in dem Land'.«\\
 +
 +Dem Herzog solches gefallen,\\
 +Der Vorschlag war ganz gut,\\
 +Er lacht', daß es erschallen,\\
 +Ganz fröhlich war sein Muth.\\
 +Gingen in Eil' gar balde,\\
 +Zeigten's dem Herzog an,\\
 +Er sollte Hochzeit halten,\\
 +Dies Fräulein sollt' er ha'n.\\
 +     
 +Die Herren eilten sehre,\\
 +Gingen zu ihm ins Gemach,\\
 +Sie sagten ihm die Mähre,\\
 +Erzählten ihm die Sach'.\\
 +Zeitung wollten sie bringen,\\
 +Die Sach' sollt' werden gut,\\
 +Man wollt' ihm bald zuführen\\
 +Eine schöne junge Braut.\\
 +
 +»Euer Gnaden haben vernommen\\
 +Von unserm Landesherrn,\\
 +Daß er ist wiederkommen\\
 +Aus fremden Landen fern;\\
 +Gott denselben hat bewahret\\
 +In vieler Angst und Noth,\\
 +Wir alle haben getrauret,\\
 +Als wär' er längsten tod.\\
 +
 +Weil es denn Gott so schaffet,\\
 +Sei euch zur Eh' vermacht.\\
 +(Die Fürstin auch drauf hoffet\\
 +Und es gar nicht veracht't),\\
 +Euch aus edlem Stamm gar eben\\
 +Ein Fräulein auserkor'n;\\
 +Dieser Rath ist nun gegeben\\
 +Vom Fürsten hochgebor'n.«\\
 +
 +Der Fürste sprach mit Sitten:\\
 +»Ach, lieben Räth' und Herrn,\\
 +Ein's will ich euch noch bitten,\\
 +Könnt ihr mir das gewähr'n,\\
 +Daß unser gnäd'ger Herre\\
 +Geb' seinen Willen drein,\\
 +Ich sag's auf meine Ehre,\\
 +Sie soll mein eigen sein.\\
 +
 +Spürt ihr den gnäd'gen Willen\\
 +Von denen Hochgeborn'n,\\
 +So geht in aller Stillen\\
 +Zu der, die mir erkohr'n.\\
 +Ich sag' es euch fürwahre,\\
 +Sie soll mein eigen sein,\\
 +Mit mir ich sie heimfahre,\\
 +Gar bald in meine Heim't.«\\
 +
 +Sie säumten sich nicht lange,\\
 +Gingen zu der Fräulein,\\
 +Sie wurden schön empfangen,\\
 +Hieß sie willkommen sein.\\
 +Mit züchtigen Geberden\\
 +Trugen sie ihr an die Sach',\\
 +Das Fräulein wollt' sich wehren,\\
 +Sie endlich freudig lacht.\\
 +
 +Sie wollte Aufschub nehmen,\\
 +Die Herren wollten nicht,\\
 +Und sich ein wenig schämen:\\
 +Doch höflichen Bericht\\
 +Sie sollten fragen ihr'n Herren,\\
 +Dazu seiner Gnaden Gemal,\\
 +Was diese würden rathen,\\
 +Sollt' ihr gefallen wohl.\\
 +
 +Sie sprachen: »edles Fräulein,\\
 +Unsre gnädige Obrigkeit\\
 +Hat schon gegeben den Willen drein,\\
 +Gebt uns kurzen Bescheid.\\
 +Auch uns're gnädige Fraue\\
 +Hätt' ihn selber genommen,\\
 +Wir sagen's euch mit Treue,\\
 +Wär' der Herr nicht wiederkommen.« –\\
 +
 +»Nun, Gottes Wille geschehe,\\
 +Will er es also ha'n,\\
 +Daß ich soll greifen zur Ehe,\\
 +Zeigt's unserm Herren an.«\\
 +Sie sprachen: »das müssen wir sagen,\\
 +Daß unser gnäd'ger Herr\\
 +Euch dieses vorgetragen\\
 +Reicht euch zu großer Ehr'.«\\
 +
 +Das Fräulein gab ihren Willen,\\
 +Sie hatte ja gesagt;\\
 +Zeigten's dem Herrn im Stillen,\\
 +Sagten: »es ist wohl gemacht,\\
 +Das Fräulein ist euer einen,\\
 +Gott geb' euch Glück dazu,\\
 +Wollen sie euch bald beilegen,\\
 +Sollt schlafen in guter Ruh'.«\\
 +
 +Der Herr mit freiem Muthe\\
 +Schön dankte diesen Herrn:\\
 +»Mein Sach' ist worden gute,\\
 +Nun besteh' ich mit Ehr'n.\\
 +Soll ich nun Hochzeit machen\\
 +Mit meiner neuen Braut,\\
 +Vivat! Gott thu' es machen,\\
 +Daß wir werd'n bald getraut.«\\
 +
 +Sie antworteten in Eile:\\
 +»Das wird nun bald gescheh'n.«\\
 +Man nahm da nicht die Weile,\\
 +Ging alsbald zum Fräulein;\\
 +Man nahm sie bei den Handen\\
 +Und führte sie zum Herrn,\\
 +Liebreich ward sie empfangen,\\
 +Er nahm sie herzlich gern'.\\
 +
 +Großen Dank thät er ihr sagen,\\
 +Auch sie umarmte fein\\
 +Und auf einem güldnen Wagen\\
 +Führt' sie zur Kirchen ein.\\
 +Niemand fast konnte hören\\
 +Allda sein eigen Wort,\\
 +Von Pfeifen und Trompeten,\\
 +Desgleichen nie gehört.\\
 +
 +Man gab sie da zusammen,\\
 +Wie es noch jetzt geschicht,\\
 +Als sie nach Hause kamen,\\
 +War alles zugericht't.\\
 +Jeder war voller Freuden,\\
 +Jedem die Sach' däucht' gut;\\
 +Es war wohl zugerichtet.\\
 +Doch nicht auf diese Braut.\\
 +
 +Man that nun Hochzeit halten,\\
 +Man sah da manchen Mann,\\
 +Von Jungen und von Alten\\
 +Gerüstet auf dem Plan;\\
 +Mit Rennen und Turnieren\\
 +Brach mancher seinen Spieß,\\
 +Ja, wie man konnte spüren,\\
 +That jeder seinen Fleiß.\\
 +
 +Die Hochzeit kam zu Ende,\\
 +Ein jeder Urlaub nahm,\\
 +Gaben dem Herrn die Hände,\\
 +Braut und dem Bräutigam.\\
 +Man ließ sie auch begleiten,\\
 +Groß Gut man ihr mitgab,\\
 +Jeder sah' es an mit Freuden,\\
 +Hatte sein Vergnügen drab.\\
 +
 +Der Herzog saß in Ehren\\
 +Regierte Leut' und Land;\\
 +Man mußte ihn recht ehren,\\
 +Den Frommen er beistand.\\
 +Man that ihn überall lieben,\\
 +Den Herren zu Braunschweig,\\
 +Von wegen seiner Treuen.\\
 +Macht manchen Armen reich.\\
 +
 +Bis in seinen alten Tagen\\
 +Hat ihn Gott wohl bewahrt,\\
 +Sein Gemal, ohn' alles klagen,\\
 +Für Unglück auch bewahrt,\\
 +Auch die nach seinem Tode\\
 +Das Land regieret fort,\\
 +Denen gab Gott auch Güter,\\
 +Junge Herren und Fräulein fort.\\
 +
 +Der Herzog legt' sich nieder,\\
 +Vor Alter war er schwach,\\
 +Sprach: komm ich nicht auf wieder,\\
 +So befehl ich Gott mein' Sach',\\
 +Christo, meinem Herren,\\
 +Befehl' ich Leib und Seel',\\
 +Der wolle nun mein pflegen,\\
 +Von ihm kommt Leben und Heil.\\
 +
 +Sein' Gemalin weinte sehre,\\
 +Der Herr gesegnete sie:\\
 +»Mein Bleiben ist nicht mehre,\\
 +Gott woll' erhalten hie,\\
 +Er wolle euch bewahren,\\
 +Dazu auch Leut' und Land;«\\
 +Und in derselben Stunde\\
 +Bot jedem er die Hand.\\
 +
 +Seinen Geist thät er aufgeben,\\
 +Der edle Herzog werth\\
 +Und endet so sein Leben;\\
 +Man legt' zu ihm sein Schwerdt.\\
 +Drauf ward prächtig begraben\\
 +Des theuren Fürsten Leich',\\
 +Das Grab zu sehen kann haben\\
 +In der Burg zu Braunschweig.\\
 +
 +Jedermann traurete sehre\\
 +Um den Herrn Hochgebor'n,\\
 +Wie auch das wilde Thier\\
 +Sein Leben hat verlor'n.\\
 +
 +Der Leu legte sich nieder\\
 +Auf seines Herren Grab,\\
 +Davon wollt' er nicht wieder,\\
 +Bis er seinen Geist aufgab.\\
 +
 +Die Ehre that man dem Löwen\\
 +Und legt ihn in ein Grab,\\
 +Welches noch heut' zu sehen\\
 +Auf der Burg zu Braunschweig.\\
 +
 +Täglich man auch hingehet,\\
 +Das Grab besehen hat,\\
 +Auf einer Säul' er stehet,\\
 +Zum Gedächtniß treuer That.\\
 +
 +Ein' Greifenklau auch hanget\\
 +Zu Braunschweig in dem Thum,\\
 +Mit welcher man noch pranget\\
 +Zum Andenken und Ruhm.\\
 +
 +Dies kann man allda sehen,\\
 +Zum Zeugniß, daß es wahr,\\
 +Des Löwen Gedächtniß stehen,\\
 +Welches gewiß ist wahr.\\
 +
 +Ach Gott! du wollst behüten\\
 +Dies hohe Fürstenhaus,\\
 +In aller Regenten Zeiten\\
 +Theilen den Segen aus\\
 +Und gnädiglich bewahren\\
 +Für Pest, Krieg, Raub und Brand,\\
 +Wie auch gnädig vermehren\\
 +Die Nahrung in dem Land'.\\
 +
 +Zum stätigen Andenken\\
 +Der wunderbaren Geschicht',\\
 +Und auch zu ewigen Ehren\\
 +Des Herren Herzog Heinrich\\
 +Und seinem getreuen Löwen\\
 +Ist dies ganze Gedicht,\\
 +Dem fürstlichen Stamm zu Ehren\\
 +In Braunschweig aufgericht't\\
 +
 +//Quelle: [[autor:buesching|Johann Gustav Gottlieb Büsching]]: [[buch:volkssagenbuesching|Volkssagen, Märchen und Legenden]], Leipzig, Reclam, 1812,//
 +----
 +{{tag>sagen buesching volkssagenbuesching v heinrichderloewe loewe braunschweig verse ballade kannibalismus greif lindwurm löwe treu hirsch hochzeit braut bräutigam v2}}
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