sagen:sagenbuesching020
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| + | ====== Die verrätherischen Weiberohren ====== | ||
| + | Im Frühling 869 befahl Wlatislaw, Herzog zu Sotz, allem seinem Volke, in guter Bereitschaft zu sitzen, und sobald er ihnen aufgebieten würde, daß sie sich auf dem Felde Lotzdiechow versammeln und von dannen, dahin es die Noth erfordern würde, rücken sollten. Sandte demnach seine Boten zu dem Neklan, dem Sohne des Krzesomysl, mit Vermeldung, seiner den 10. Mai auf dem Felde, welches Turske Pohle genannt, zu warten. Der viel mehr andächtige, | ||
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| + | Des anderen Tages erforderte Neklan alle Edelleute, Bürger und Bauern und geboth ihnen, daß sie alle bereit sein sollten; da rüsteten sie sich sämmtlich in ihre Pechwämster und Pickelhauben, | ||
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| + | »Nun wohlan, ihr, liebe Ritter und streitbare Kriegsleute. Ihr wisset wohl, daß wir diesem verzagten Volke nunmehr zu etlichenmalen obgesiegt und unsere Schwerdter mit ihrem Blute gefärbt haben. Deshalb streitet männlich; denn ihr sollet diese Tage den Sieg erlangen. Ich weiß gewißlich, daß die Götter mit diesem Volke zürnen und der Gott Mars hat uns nicht allein die Gnade, sondern auch Hülfe und Beistand zugesagt. O! hättet ihr nicht allein diese Habichte, Sperber, Falken und Raben, sondern auch Trappen, Adler und Greifen mit euch genommen, daß ihr sie mit unserer Feinde Fleisch hättet speisen können. Ich schwöre heutiges Tages, durch des Gottes Mars Würdigkeit und durch dieses Schwerdt, so ich in meiner Hand halte, daß, sobald ich werde obgesiegt haben, ich aus dem männlichen Geschlechte nicht einen will leben lassen, es müssen mir auch die Kinder herhalten. Ich will den Müttern, anstatt ihrer Kinder, die jungen Hunde an ihre Brüste legen und die Erschlagenen unbegraben liegen lassen, damit die Hunde von ihrem Fleische ersättiget werden. Und will also die bösen und unnützen Nachbaren zu Grund ausrotten und euch mit ihrem Golde und Silber reich machen, welches euch morgen um diese Stunde soll wahrgemacht werden.« | ||
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| + | Zu der Zeit war in dem Sotzer Herzogthum ein Weib, dieselbe hatte einen Stiefsohn, mit Namen Straba. Als derselbe auch in den Streit ziehen sollte, rufte sie ihn beiseits und redete mit ihm heimlich also: »Straba, mein lieber Sohn, wiewohl den Stiefmüttern nicht angeboren, daß sie den Stiefkindern Gutes thun, aber dieweil ich meinen frommen Mann, deinen Vater, im Gedächtniß habe, so will ich dir diese Warnung geben. Wirst du nun meinem Rathe folgen, so bleibst du gewißlich beim Leben und kommst in diesem Streit nicht um. Ich sage dir vertraulich, | ||
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| + | Neklan, der Herzog zu [[geo: | ||
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| + | Da nahm der Stier die fürstliche Rüstung an sich, saß auf des Herzogen köstliches Roß, und ritt mit etlichen vom Adel von [[burg: | ||
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| + | Alsobald tödteten sie eine Eselin, zerhieben dieselbe auf viele tausend Stücklein, und ein jeder Kriegesmann aß einen Bissen davon. Sobald solches geschehen, empfanden sie an ihnen eine ungewöhnliche Mannheit, zogen also sämmtlich, mit fröhlichem Gemüthe, an den gelegensten Ort, lagerten sich bei Turske auf eine Höhe, bestellten auch die Wacht und waren daselbst die ganze Nacht fröhlich und guter Dinge. Auf den Morgen, ehe dann die Sonne aufging, ließen sich des Wlatislaw Haufen sehen, lagerten sich an einem niedrigen Ort, schickten sich auch alsbald wider die Prager zur Schlacht und erzeigten sich in ihrer Rüstung sehr zierlich. | ||
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| + | Der Stier that an die Seinen eine kurze Vermahnung und sprach: »Meine allerliebsten Brüder sehet, wie stolz und übermüthig sich jene wider uns bereitet haben, denn sie gedenken, wegen ihrer Hoffahrt, mit uns zu fechten. Wir aber wollen mit ihnen, von unseres Vaterlandes und Lebens wegen, dieselben beide zu erhalten, streiten. Deshalb ermuntert euch und seid Männer; denn ihr die Götter, welche euch zuvor ungnädig gewesen, euch mit dem, womit sie gestillet sein wollten, geneigt und gnädig gemacht habet. Werdet ihr euch als die Männer erzeigen, so wird euch dieselbe Mannheit nicht anders sein, als eine Mauer; denn die Götter stehen den Starken und Kühnen bei, die Verzagten aber pflegt die Furcht zu plagen. Werdet ihr fliehen, so entfliehet ihr gewißlich dem Tode nicht, sondern müßt denselben gedoppelt empfinden. Der eine Tod wird sein, wenn ihr eure Kinder vor eurem Angesichte werdet sehen ermorden, dann, wie sie zu den Brüsten euerer Weiber junge Hunde, wie sie sich vermessen, legen werden, welches euch ein überschmerzlicher Tod sein wird. Und endlich werden sie es mit euch, als den Verzagten, gut machen haben. Aber diesem zuvorzukommen, | ||
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| + | Wlatislaw aber rückte mit seinem Volke stracks wider die Prager. Und als er gesehen, daß sie sich von der Stelle nicht verwendeten, | ||
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| + | Und als sie dieses thaten, da wurde von den Vögeln der Sonnenschein nicht anders, wie von einer dunkeln Wolke verfinstert. Nachdem dies der unerschrockene Stier gesehen, sprach er: »meine liebe Ritter, ich weiß es gewißlich, daß ihr siegen werdet. Und im Falle es sich begäbe, daß ich auf der Wahlstatt sterben müßte, so bitte ich, lasset mich auf dieser Höhe begraben und machet mir ein Grab, welches eine lange Zeit währen kann zum Gedächtniß; | ||
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| + | Mittlerweile kamen sie gar nahe an einander. Und als der Stier die Gelegenheit ersah, schrie er die Seinen an und sprach: »nun ihr, meine Lieben, schlaget nun getrost drein.« Sprengte hiermit unter den Feind. Die Prager folgten ihm nach, nicht anders, wie Bienen ihrer Weisel nachzufliegen pflegen. Also sprengten sie die Sotzer von der Höhe an und schlugen alles darnieder, was ihnen unter die Hände kam. Der Stier arbeitete mit seinem Schwerdte nicht anders, als wenn einer mit der Sense Gras hiebe; also kehrte er dem Feind den Staub von den Köpfen, daß ihnen das Gesicht und das Gehör verging. | ||
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| + | Die Schlacht währete lange und der Sieg wankte von einer Seite auf die andere. Da hörete man von dem Volke ein Geschrei, ein Geklirre von Schwerdtern und ein Getümmel der Rosse. Und unter dem Haufen der schönsten Reisigen und gewappnetsten Kriegsleute ersahe der Stier einen Mann, von schöner Gestalt, in einem zierlichen Harnisch, welcher einen vergüldeten Helm auf seinem Haupte hatte und auf den die andern Achtung gaben. Verstund derhalben wohl, daß es der Wlatislaw sein müßte und gedacht' | ||
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| + | Drang also auf ihn zu, hieb ihm seinen Schild entzwei und in dem andern Streich spaltete er ihm den Kopf, sammt dem Helm, von einander, daß er von dem Roß auf die Erden todt nieder fiel. Bald machten sich viele der Sotzer über den Stier, hieben, stachen und schossen auf ihn los und fügten ihm viel Schaden zu. Die Prager retteten ihn auf's beste, aber sie schaften wenig. An diesem Orte lag ein großer Haufen der Ermordeten, auf dieselben fiel der Stier auch nieder und starb. Wer ihn aber tödlich verwundet hatte, kann niemand eigentlich wissen. Also blieb des Neklans Volk viel auf der Wahlstatt, von des Wlatislaus sind ihrer wenige entkommen. | ||
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| + | Der erste aus den Flüchtlingen ist der obgedachte Straba gewesen, welcher durch Lehr und Unterweisung seiner Stiefmutter heim kam. Er fand sein Weib gleich mit dem Tode ringend, hatte an ihrer Brust einen großen Schaden, welchen sie von einem Schwerdte empfangen. Er besah den Schaden mit Fleiß und konnte spüren, daß er ihr denselben zugefüget; verwunderte sich darüber und sprach: »ich will noch besser auf den Grund kommen;« zog hiemit beide Ohren aus der Tasche, hielt ihr dieselben an den Kopf und befand also gründlich, daß sein Weib derjenige Feind war, welchen er in der Schlacht geschlagen; und sie verschied zur selben Stunde. Also konnte Straba verstehen, daß sein eigen Weib den Pragern zu Hülfe wider ihn gezogen war; denn sie war der Geburt von [[geo: | ||
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| + | Nach solchem Siege wurden alle die Leute, welche bei den Erschlagenen gefunden, in die kleine Stadt Prag geführt und daselbst unter die Kriegesleute zugleich getheilt. Auf den Morgen begrub man der Freunde und Feinde Körper auf der Wahlstatt. Aber dem Stier wurde auf Befehl Neklan' | ||
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sagen/sagenbuesching020.1676027276.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
