sagen:sagenbuchpreussen1-196
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| + | ====== Die Hexenriecherin und die Hexenstecknadeln ====== | ||
| + | S. Monatl. Unterred. Bd. III. S. 609 etc. | ||
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| + | Es hat sich in Potsdam in der Mitte der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Wittwe, mit Namen Katharina Brückmannin, | ||
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| + | Während der Zeit aber wollte diese gute Frau eine Entzückung gehabt haben, durch welche sie zu einem Erkenntniß gekommen sey, alle Hexen und Hexenmeister nicht allein prüfen zu können, sondern sie wollte von solchen sogar den Geruch haben. Welches freilich wohl etwas lächerlich erscheint, ja die gute Frau ging in dieser ihrer unschuldigen Einfalt zu weit, indem sie sich auf ihre gehabte Entzückung zu viel verließ, zumal zwar bekannt ist, daß den Aposteln und ihren Nachfolgern unterschiedliche Gnaden versprochen worden sind, doch von Kenntniß der Hexen und dergleichen Geheimnisse nirgendwo etwas geschrieben steht. | ||
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| + | Diese aber, ob sie sich schon sowohl bei geistlichen als weltlichen Gerichten wegen ihrer vermeint erlangten Gnade gemeldet, ist doch als Närrin verlacht und abgewiesen worden. Ja sie ging so weit in dieser ihrer Einbildung, daß sie dem regierenden Herrn dieses Orts selbst aufpaßte und selbigem ein ganzes Register von dergleichen Hexengeheimniß hersagte und eine und die andere Person darunter mit Namen nannte, welche aus der Zucht Levi wohl bei vernünftigen Leuten hätten sollen verschwiegen bleiben. Und obwohl der Fürst zu allen diesen Dingen lachte, zumal die Reformirten nur wenig von dergleichen zu halten pflegen, so war doch die Anklage der vermeint Beleidigten desto schwerer und mußte der Fürst, um den Titel eines Landesvaters zu erhalten, diese Anklägerin der Justiz überliefern, | ||
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| + | Kaum war sie aber in dieser Stadt angekommen, hob sie an aus dem alten Ton zu pfeifen und erzählte öffentlich zur Bescheinigung des ihr angethanen Unrechts, was mit ihr in ihrer Geburtsstadt passirt war. Dadurch ist sie denn in großen Ruf gekommen, und sie hat in vielen Häusern erscheinen müssen, um Alles zu erzählen, hat auch manches Almosen durch ihre Erzählungen zu ihrer hinlänglichen Nothdurft erhalten. Kurzum sie hat sogar in das Haus eines der Prediger in der Stadt Potsdam Zutritt erlangt, derselbe hat auch ihre Tochter in Dienst genommen, die im Jahre 1739 noch am Leben war, auch die Mutter, da sie das Jahr vorher (1738) gestorben, begraben lassen. | ||
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| + | Kurz vor ihrem Tode ereignete sich aber in ihrer Geburtsstadt folgender merkwürdiger Zufall. Der reformirte Hofprediger daselbst, welcher im Jahre 1739 noch am Leben war, ging eines Tages mit seiner Frau und Kindern zu der gewöhnlichen Mittagsmahlzeit, | ||
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| + | Er legte also dies Brot bei Seite und ließ durch die älteste Tochter ein anderes Brot aus der Speisekammer holen, welches die Predigerfrau selbst aufschnitt, ohne in demselbigen etwas zu finden, und da sie ihrem Ehegemahl seine Portion vorlegte und selber mit dem Messer ein Stückchen davon herunterschneiden wollte, fuhren wieder sieben ganz rostige Stecknadeln heraus, ohne daß in der Frau oder in der Kinder Stückchen nur die geringste Spur zu finden war, als welche auch das Ihrige mit gutem Appetit hineinaßen und dem guten Prediger als Hausvater das Nachsehen hinterließen, | ||
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| + | Was war also zu thun? Er durste das was er dachte, daß es nämlich ein Affenspiel des leidigen Satanas sei, nicht einmal seiner Frau, Kindern und Dienstboten kundgeben, seinem eigenen hausbackenen Brote wollte er auch nicht weiter trauen, weil er sich fest einbildete, daß das ganze Gebäck für seine Person allein mit dergleichen stachlichem Gewürze versehen sei; er schickte also zu dem entlegensten Bäcker in der Stadt und ließ sich ein frisches Brot holen. Da er aber dasselbe aufschnitt, war eben derselbe Vorrath wie in dem eignen hausbackenen für seine Person zu finden, wenn aber die Predigersfrau in dasselbe schnitt, waren nicht die geringsten Spuren davon zu sehen. Er hielt es zwar für Blendwerk, schob also einen Brocken in den Mund, welches ihm schier gar übel bekommen wäre, zumal die Stecknadeln sich am Gaumen festsetzten und zwischen den Zähnen knirschten. | ||
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| + | Dieses Brot kam unserem guten Prediger sehr unappetitlich vor, er ließ es also fallen, war auch nicht im Stande zu beten, wie es in solchen Zufällen zu geschehen pflegt. Er wagte aber auch von der Sache nicht zu reden, damit in einer Stadt, wo obgedachte Brückmannin so scharf gestraft worden war, nicht durch ihn selbst, einen reformirten Prediger, die Hexerei eingeführt zu werden scheinen möchte und man in dergleichen gottesfürchtigen Städten, wo die reformirte Religion allein florirt, von den Werken des Teufels nicht das Geringste wissen will. | ||
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| + | Der gute Prediger mußte also eine Wolfsnatur annehmen und entweder mit bloßem Fleisch sich sättigen oder aber seinen Hunger mit anderer Vorkost zu befriedigen suchen. Die gute Predigersfrau that aber alles Mögliche um diesem Unheil abzuhelfen, sie siebte das Mehl eigenhändig, | ||
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| + | Endlich mußte nothwendig auch der Fürst davon Kunde bekommen, welcher, je weniger er nach seinen Grundsätzen davon glauben konnte, es doch auch nicht begriff, die Sache selbst aber nicht in Zweifel zu ziehen wagen durfte, weil sie eben einem seiner eigenen Geistlichen widerfahren war. Der gute Fürst wollte also selbst eine Probe thun, ob die Sache sich wirklich so verhalte. Es mußte also seine eigene Gemahlin nebst ihren Hofdamen in Beisein der Oberhofmeisterin das Mehl sieben, und damit alle Vorsicht gebraucht werde, so mußte diese durchlauchtigste und hochadelige Bäckerzunft sich dabei so in Negligé einstellen, daß sie nach geschehener Arbeit, welche ihnen gewiß nicht eine gewöhnliche war, gleich kurzum zu Bette gehen konnte, damit ja keine Stecknadel von ohngefähr in das Mehl oder den Teig fallen möchte. | ||
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| + | Ja, dieser eifrige Verfechter seiner Religion wollte selbst dabei sein, wie das Brot in den Ofen geschoben und wie es wiederum herausgenommen wurde, damit ja kein Versehen dabei oder Betrug von einem oder dem andern Deputirten aus dem Hexencollegio vorgehen möchte. Zum Ueberfluß mußte das gebackene Brot in Papier versiegelt, von seinem ersten Adjutanten in Beisein eines Obersten lutherischer Religion, der ein sehr christlicher Mann war, dem Prediger überbracht, | ||
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| + | Doch weil sie von Allem augenscheinliche Zeugen waren, durften sie freilich der Wahrheit dieser Sache nicht zuwidergehen, | ||
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| + | Nachdem diese Comödie bereits die siebente Woche gespielt, hat sie entweder von selbst aufgehört oder ist durch Gegenmittel einer vielleicht noch stärkern Hexe vertrieben worden. | ||
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