sagen:sagenbuchlausitzii-092
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| + | ====== Wie die Budissiner den Papst verbrennen ====== | ||
| + | ((Diese und die folgende nachträglich eingeschobene Numer mögen zugleich als Proben meiner noch unedirten „Lausitischen Festfalendero“ gelten.)) | ||
| + | Abr. Frenzel, von den Völkern in der Lausitz. Msc. | ||
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| + | Wie überall in der [[region: | ||
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| + | Als Anno 1522, da schon [[vip: | ||
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| + | Des folgenden Jahres 1523, bei der Regierung des Bürgermeisters Hieronymi Ruperti, ward abermals der Sommer wie sonst empfangen. Da geschah es, daß ihrer zwei sich als Mönche verkleidet, einen Papst von Papier gemacht, auf einer Tragbahre zur Reichengasse herausgeschleppt und auf dem Markte in's Feuer geworfen haben. | ||
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| + | Weil sie sich aber nicht zeitig genug davon gemacht, wurden sie erwischt und in den Lauenthurm gefangen gesetzt, bis der junge Herzog, des Landvoigts Herzog Caroli Sohn, sie losgebeten und befreit. Die beiden Träger hießen Weiß und Taschenberg und waren Baccalaurei an der Schule. Da sich über solchen Vorfall die Päpstler beschwert, hat man Veranlassung genommen die ganze Ceremonie abzuschaffen. | ||
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| + | //1. Dieses Fest, genannt das Todaustreiben, | ||
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| + | //2. Zuvörderst einige andere Formen dieses Festes: | ||
| + | a) In Görlitz hat die Sitte bis zum 3. 1793 gedauert. Die Kinder sangen dabei: | ||
| + | Jetzt tragen wir den Tod hinaus, | ||
| + | Den alten Weibern in das Haus, | ||
| + | Den jungen in den Kasten, | ||
| + | Morgen ist Mittfasten. | ||
| + | Die Puppe wurde in die Neiße geworfen da wo die sogen. Goldgrube ist und früher der Galgen stand. | ||
| + | b) In Königshain zog Alt und Jung noch zu Ende vorigen Jahrhunderts am Sonntage Laetare mit Strohfackeln auf den Todtenstein; | ||
| + | c) In manchen Orten ging ein Knabe als Winter und ein Mädchen als Frühling gekleidet voran und hielten gereimte Wechselreden, | ||
| + | d) An manchen Orten sang man: | ||
| + | Hätten wir den Tod nicht ausgetrieben, | ||
| + | So wär' er die Jahr wohl drinne geblieben. | ||
| + | e) In Priebus sang man den Görlitzer Vers, aber statt: „den alten Weibern“, der alten N. N. in das Haus. | ||
| + | f) Bei den Wenden wurde der Puppe ein Hemd angezogen, welches das Haus liefern mußte, das die letzte Leiche gehabt, und ein Schleier übergehangen, | ||
| + | Leč hořè, leč hořè! lutabate woco, pan delè, pan delè! | ||
| + | Dies wird übersetzt: Fliege hoch, fliege hoch! Dreh dich um (oder: Oeffne das Fenster), fall nieder, fall nieder! | ||
| + | Alles warf mit Steinen und Holzstüđen nach dem Strohmanne. Wer ihn traf, der starb in diesem Jahre nicht. Die Puppe wurde in's Wasser getragen oder über die Dorfgrenze geworfen, wobei eß nicht selten Händel mit denen des Nachbarborfes gab, weil diese den Tod auch nicht bei sich haben mochten. Auf dem Rückwege brach man sich grüne Zweige, die man bis zum Dorfe in den Händen behielt. Dies war gewöhnlich zum Todtensonntage Laetare. | ||
| + | g) An manchen Orten waren bloß Frauen mit der Todaustreibung beschäftigt und litten dabei keine Männer. Alle gingen den Tag über in Trauerkleidern. Der Puppe gaben sie in die eine Hand einen Besen, in die andere eine Sense. An der Grenze des nächsten Ortes wurde die Puppe zerrissen. Das weiße Hemd aber, womit die selbe bekleidet gewesen, blieb unversehrt. Sie hieben im Walde einen schönen Baum, hingen es daran und trugen es heim unter Gesängen. | ||
| + | b) Hin und wieder läßt man den Strohmann den Leuten in die Fenster gucken oder droht damit; denn wenn es geschieht, so stirbt das Jahr über Jemand in diesem Hause. Doch kann man sich mit Geld auslösen. | ||
| + | i) In Welze, Spremberger Kreises, besteht zu Laetare folgendes Fest. Die Knaben und jungen Bursche nehmen ein Wägelchen und schmücken es mit einer Menge aufrechtstehender Tannenzweige, | ||
| + | k) An manchen Drten wird das Fest beendigt durch Aufrichtung einer mit Bändern, Eierschaalen, | ||
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| + | //3. Um die Erklärung dieses merkwürdigen Festes in möglichst geordneter Darstellung zu geben, sei zuvörderst der historische Bestandtheil der Bubissiner Papstberbrennung abgefertigt. Das Todaustreiben wird offenbar in ein Papstaustreiben parodirt, und Luther wußte entweder von dieser Begebenheit, | ||
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| + | //4. Die mythologische Deutung zu erleichtern, | ||
| + | I. ein Licht- und Feuerkultus, | ||
| + | II. ein Austreiben des Wintertodes in Gestalt einer Puppe; | ||
| + | III. ein Einholen des Sommers. | ||
| + | I. scheint der älteste Bestandtheil des Festes zu sein. Die Fässerverbrennung, | ||
| + | II. ist die vorherrschende Form. | ||
| + | III. soll nach Preusker dem lausitzischen Feste fremd und mehr Eigenthum Westdeutschlands sein. Obige Zusammenstellung giebt aber genug Züge einer Sommereinholung: | ||
| + | a. der Vers „Den Sommer bringen wir wieder." | ||
| + | b. Das Brechen von Reisern oder Abhauen eines Baumes und Errichten einer Stange ähnlich der Maistange. | ||
| + | c. Das Fest heißt an manchen Orten „das Sommereinholen", | ||
| + | d. Die Tannen auf dem Wagen in Welze können doppelt gedeutet werden. Entweder sie repräsentiren den Winter (die Tanne ist der Winterbaum, die Sommerreiser dagegen werden gewöhnlich von Birken gebrochen) und dann erklärt sich die Verbrennung von selbst; oder sle bezeichnen ursprünglich den Sommer (wie im benachbarten Schlesien bei den Kinderumzügen) und werden mißbräuchlich verbrannt, indem das Fest, einmal unter die Kinder gekommen, an den Tannen vollzieht, was ursprünglich auch einer Winterpuppe zukam. | ||
| + | e. Die gereimten Zwischenreden, | ||
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| + | //5. Die Prozession mit der Puppe und deren schließliche Vernichtung findet sich vorzüglich im östlichen Deutschland und besonders in Polen. Dlugos (hist. Pol.) hält die Puppe für ein Bild der Morzana, die er für eine Erntegöttin erflärt und deren Beschreibung allerdings mit der der Puppe übereintrifft. (Vgl. Th. I. No. 6.) Er ist aber entschieden im Irrthum, wenn er die Ceremonie für eine christliche und die Verbrennung des Götzen für eine symbolische Vernichtung des Heidenthums erklärt, welche Herzog Mieceslaus von Polen bei seiner Taufe 986 angeordnet und die sich von Polen aus über Ost-Deutschland verbreitet habe. Nichts ist unwahrscheinlicher und der Erfahrung widersprechender, | ||
| + | „Ist ein Schnitter, der heißt Tod, | ||
| + | Hat Gewalt vom höchsten Gott, | ||
| + | Heut wetzt er das Messer, | ||
| + | Es schneid' | ||
| + | Hüt' Dich, schönes Blümelein.“ | ||
| + | (Altes Volkslied). | ||
| + | Dies gilt zwar eben nur vom animalischen Tode und nicht vom vegetativen, | ||
| + | Die Winterfeste der Wenden berichten fast nur von Frauengebräuchen, | ||
| + | Die Mißhandlung des Götzenbilder kann nicht auffallen, denn sobald der Winter vorüber ist, existirt eben Morzana gar nicht mehr und kann sich nicht rächen. Der Neapolitaner ohrfeigt seine Heiligenbilder und Grimm' | ||
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| + | //6. Die Puppe, wie die Fadeln der Königshainer sind aus Stroh. Das leere Stroh, mit dem die Seele, das Korn, entwichen ist, ist ein schönes Symbol des Todes, mithin auch des Winters, der unfruchtbaren Jahreszeit, wo die Erde „Strohwittwe“ der Sonne ist. Es wird vielfach in ähnlicher Weise verwendet. Die Wenden legen einen Menschen, der dem Sterben nahe ist, auf eine Schütte frisches Stroh. Der Sarg steht auf zwei Bündeln Stroh, welche auf dem Kirchhofe zurücgelassen werden. Mit Stroh wird todbringende Zauberei, das sogen. Einspinden," | ||
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| + | //7. Die Verse sind verschieden. Der Görlitzer Vers: „Den alten Weibern in das Haus" mag sich auf den Aberglauben beziehen, daß wo die Puppe zum Fenster hineinsieht, | ||
| + | Der wendische Vers ist schwer zu erklären. jutabate woco wird auch variirt in jurabate woco; auch die Schreibart jarahate habe ich gefunden. Die Uebersetzung lautet bald: dreh dich um, bald: öffne das Fenster. Das Wort soll sehr alt sein. v. Anton, Gesch. d. Slaven I. 73. und Worbs, Neues Archiv I. 107. erinnern daran, daß die walachischen Kinder bei großer Dürre singen: Papu lage, steise in den Himmel, öffne seine Thüren, sende von oben Regen herab. Bei dem „Fliege hoch“ erinnert b. Anton an die Perser, bei denen der Wintertod als Greis ohne Bart auf einem Esel reitet und einen Raben in der Hand hält. Näher verwandt scheint die alte Sitte, bei Frühlingsanfang einen Hahn, eine Krähe, eine Schwalbe umher zu tragen (Grimm, Myth. S. 439.). Die Griechen tragen beim Frühlingsfest eine hölzerne Schwalbe an einer Stange umher, sie steht auf einem Cylinder und wird immerwährend gedreht. Dies würde für die Üebersetzung: | ||
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| + | //8. Die Stätte der Verbrennung u. s. w. und das Ziel der Prozession ist überall bedeutesam, in Budissin der Protschenberg, | ||
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| + | //9. Der Tag des Festes ist an den meisten Orten der Sonntag Laetare, gen. der Todtensonntag, | ||
| + | Der 22. Februar, Petri Stuhlfeier, als Termin des Budissiner Festes, ist eine Singularität. Zum Empfange des Sommers oder Frühling: in unserm Himmelsstrich zu zeitig, könnte dieser Tag erklärt werden durch Rücbeziehung auf die früheren südlichen Wohnsitze der Slaven, wenn nicht gerade das Fackel- und Feuerfest, der altgermanische Bestandtheil der Frühlingsfeier, | ||
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| + | //10. Dies leitet über zur näheren Betrachtung des Budissiner festes, welches außer der oben erwähnten in zweierlei Umständen eine wichtige Abweichung von der gewöhnlichen Form des Festes hat: | ||
| + | a) Der Durchzug durch eine enge und schmale Gasse, welcher Regel war und durch den Gesang des Rektors noch besonders hervorgehoben wird, erinnert zu sehr an die heidnische Feierlichkeit des Durchzuges durch die hohlen Gänge der Opferaltäre, | ||
| + | b ) Merkwürdig ist auch, daß der Rektor gerade den an sich in diesem Falle doch ganz bedeutungslosen Namen Simon beim Durchzuge durch das Fuchsgäßchen in feierlicher Weise ausdehnt, und dies bringt mich auf den Verdacht, daß dieses Wort bloß wegen seiner Klangähnlichkeit mit dem wendischen Worte Zyma, der Winter, dem doch das Fest gilt, gewählt worden sei.// | ||
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| + | //11. Schließlich und hauptsächlich ist darauf hinzuweisen, | ||
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