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| + | ====== Roland ====== | ||
| + | Daß Roland als Deutscher zu betrachten sei, ist oft behauptet worden. Er soll nicht in dem französischen Angers, sondern in Engers auf dem rechten Rheinufer zwischen Koblenz und Neuwied zu Hause gewesen sein. Am Rheine ist es also nicht bloß Rolandseck, welches zu ihm in Beziehung gesetzt wird. Damit wir hier sein Ende schildern können, halten wir uns am besten an jenes Rolandslied, | ||
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| + | Der Aufbruch des Heeres unter Anführung Karls des Großen nach Osten hin versetzte alle Franken in Aufregung. Unterwegs gedachten die Ritter zwar freudig ihrer Lehen und ihres Erbes, der ungeduldig harrenden Braut und der liebenden Hausfrau. Aber König Karl gab sich trüben Gedanken hin, weil er seinen Neffen Roland in den Engpässen der Pyrenäen zurückgelassen hatte. | ||
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| + | Ganelon war zum Verräter geworden, hatte die Geschenke des Heidenkönigs an Gold und Silber, an morgenländischen Stoffen und Pelzen, an Pferden und Maultieren, an Trampeltieren und Löwen empfangen. Dann hatte er König Karl bewogen, den kühnen Roland mit so wenigen Truppen zurückzulassen, | ||
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| + | Der Heidenkönig hatte zu den Waffen Barone und Grafen, Burggrafen und Herzöge gerufen. Binnen vier Tagen hatten sich um ihn 400 000 Männer geschart. Zu Saragossa wirbelten die Trommeln, und vom höchsten Turme herab wehte die Fahne des Propheten. Es war keiner unter den Heiden, der nicht mit Ehrfurcht zu ihr aufblickte. Von Kampflust ergriffen, drängten sich die Ungläubigen zwischen den Bergen von Ronceval. Als sie aber das Panier der Franken, den kleinen Nachzug, von Roland und elf andern geführt, erblickten, verlangten sie ungeduldig zu streiten. | ||
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| + | Schön ging die Sonne auf, hell leuchtete der Tag, und weithin schimmerten die Rüstungen. Der Anführer der Sarazenen ließ durch tausende von Schalmeien seinen Auszug verkündigen. Die Franken vernahmen den Höllenlärm, | ||
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| + | Olivier bestieg einen Hügel und überschaute das Wiesenthal zu seiner Rechten, welches von Heiden wimmelte. Er rief seinem Kumpan Roland zu: „Von Spanien her wälzt sich klirrend ein Schwarm uns entgegen. Ich sehe die weißen Turbane und die blanken Helme. Hart wird es uns Franken ergehen. Das wußte Ganelon nur zu gut, als er uns in des Kaisers Gegenwart diesen Posten anwies.“ Roland tadelte diese Rede, weil Ganelon sein Schwiegervater sei. Indem aber Olivier nun von dem Hügel herunterkam, | ||
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| + | Zu Roland sprach jetzt Olivier: „Kumpan, stoßet in Euer Horn, Kaiser Karl wird den Ruf hören, das Heer wenden und uns bei Zeiten zu Hülfe kommen.“ | ||
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| + | „Das wäre die Handlung eines Thoren,“ erwiderte Roland, „sie würde meinen Ruhm im Frankenlande verderben.“ Aber Olivier wiederholte die Bitte: „Kumpan, | ||
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| + | „Laßt die Thorheiten!“ rief Roland dazwischen; „wehe dem, der in seinem Herzen verzagt.“ | ||
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| + | Roland rief nun von allen Seiten die Franken herbei. Da sprengte auch der Erzbischof Turpin heran, der redete von einer Anhöhe herab also zu den Franken: „Edle Herren, diesen Posten hat uns Kaiser Karl zugeteilt. So seid denn auch bereit, für ihn zu sterben und erzeiget Euch als die Stützen der Christenheit. Die Sarazenen habet Ihr vor Euch, und eine Schlacht steht bevor. Erkennet Eure Sünden, Eure Seelen werde ich lossprechen. Wenn Ihr fallet, so werdet Ihr den heiligen Märtyrern zugezählt, und die besten Plätze im Paradiese erwarten Euch.“ | ||
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| + | Es wurde abgesessen, und dann knieeten sie nieder. Lächelnd erhebt Roland seinen Speer, aber ergrimmt ist sein Gesicht, als er auf die Sarazenen schaut. Dann wieder mustert er in milder Teilnahme die Franken und spricht: „Edle Herren, geht langsam und ruhig vor! Das ungestüme Andrängen der Heiden läßt nicht erwarten, daß Ihr ein Blutbad unter ihnen anrichten könnet. Niemals haben die Franken einen Herrn gehabt, wie König Karl.“ | ||
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| + | Da begann der Kampf. Die blutigen und zerbrochenen Lanzen, die zerrissenen Paniere und Fahnen – wer kann sie zählen? Roland und Olivier wüteten schrecklich unter den Sarazenen. Aber auch viele Franken mußten sterben in der Blüte ihrer Jahre, fern von ihren Müttern und Frauen und auch weit ab von ihren Waffenbrüdern, | ||
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| + | Viermal hatte das Treffen trotz der Überzahl der Sarazenen eine für die Christen glückliche Wendung genommen. Aber allzusehr fluchte Mahomet den Franken, und das fünfte Mal wurde die Schlacht diesen schrecklich und schwer. Nur sechzig fränkische Ritter hat Gott noch verschont. | ||
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| + | „Schöner Ritter!“ rief Roland seinen Kumpan Olivier an: „Siehst Du die vielen edlen fränkischen Kämpfer, deren Leiber den Boden bedecken? Wie mögen wir genugsam das schöne, süße Frankenland beklagen! Mein König Karl, mein Freund, warum bist Du nicht hier? Bruder Olivier, was sollen wir beginnen? Wie vermelden wir ihm unsere Lage? Ich will noch in mein Elfenbein stoßen, den Schall wird Karl vernehmen und seine Franken uns zuführen.“ | ||
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| + | Olivier meinte: „Als ich Euch darum bat, wolltet Ihr nicht blasen. Nun, da Ihr am ganzen Körper blutet, seid Ihr zu schwach dazu. Ich zürne Euch, denn Ihr habt Böses angerichtet, | ||
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| + | „Um Gotteswillen keinen Streit!“ rief der Erzbischof Turpin dazwischen, indem er seinem Rosse die goldenen Sporen gab, um schneller bei ihnen zu sein. „Das Beste, was uns noch begegnen könnte, wäre des Königs rasches Eintreffen, damit er nach unserem Tode schnelle Rache an den Ungläubigen nehme. Wölfen, Säuen und Hunden sollen unsere Leiber nicht zur Speise dienen. Wenn die Franken kommen und unsere zerstückten Leichen gewahren, dann werden sie absitzen, die Särge der Gefallenen auf Saumtiere laden und die Leichen innerhalb ihrer herrlichen Kirchen und Dome bestatten.“ | ||
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| + | „Wohl gesprochen, Herr!“ ruft der blutende Roland aus, führt sein Elfenbein zum Munde, hält es fest in der blutigen Hand und bietet alle seine Kräfte auf zum Blasen. | ||
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| + | Hoch sind die Berge, weit ist die Entfernung, doch dreißig Stunden weit wird der Schall vernommen, von Karl und allen seinen Gefährten gehört. | ||
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| + | „Ach!“ spricht der König, „unsere Leute fechten!“ | ||
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| + | Aber helles Blut war Rolands Munde beim Blasen entströmt, und seine Schläfen hatten zerspringen wollen. | ||
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| + | König Karl sprach weiter: „Das ist Rolands Horn, das bläst er niemals, es sei denn im Kampfe.“ | ||
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| + | Allein der falsche Ganelon sagte: „Auf der Jagd wird Roland wohl in sein Horn tuten um eines Hasen willen. Hat er nicht ganze Städte gegen Euren Willen für Euch erobert? Aber ihm laßt Ihr Alles hingehen. Ihr seid alt, Herr König, und schwatzet da wie ein Kind. Setzet Eure Reise nach der Heimat fort und denkt nicht mehr an Roland.“ | ||
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| + | Allein nun blutete des Grafen Roland Mund, und jeder Ton, den er noch hervorrief, machte ihm die größten Schmerzen. | ||
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| + | Herzog Naimo rief: „Ja, sie fechten! Zu den Waffen! Laßt uns umkehren und dem wackeren Nachtrabe zu Hülfe kommen! Ihr hört ja, wie Roland klagt!“ | ||
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| + | Der König Karl ließ die Pfeifer aufspielen, es waffneten sich die Franken mit dem Schwerte. Sie entfalteten die weißen, die roten und die blauen Paniere. Alle Barone schwangen sich in den Sattel, rissen ihre Rosse herum, daß die Mäuler nach Westen und die Roßschweife nach Osten standen, und trieben sie rastlos nach dem Thale von Ronceval zu. „Wenn wir nur Herrn Roland finden,“ riefen sie aus, „welche Schwertstreiche wollen wir in seiner Gesellschaft austeilen!“ Aber es war zu spät, sie hatten durch die Schuld des Verräters Ganelon zu lange gesäumt, auch hatte Roland wohl zu spät geblasen. | ||
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| + | Als Roland das ungläubige Volk immer zahlreicher heranströmen sah, schwärzer wie Tinte, weiß allein an den Zähnen, da sprach er: „Jetzt weiß ich, daß wir heute des Todes sein werden. Haut drein, meine lieben Franken, haut zu mit den gut geschmiedeten Schwertern! Verkaufet Euer Leben und Euern Tod nur zum höchsten Preise! Durch uns soll die Ehre des Frankenreiches nicht geschändet werden. Wenn Karolus, mein König und Herr, zu dieser Wahlstatt kömmt, dann mag er das Blutbad schauen, das wir angerichtet haben unter den Sarazenen. Möge er fünfzehn ihrer Toten zählen gegen einen der unseren! Dann wird er unser Andenken segnen, wenn er uns selbst auch nicht mehr findet.“ | ||
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| + | König Karl aber stürmte unablässig nach Westen. Er erreichte Ronceval und fand keinen Weg, keinen Pfad, keine Stelle, wo nicht Franken oder Heiden aufgeschichtet lagen. | ||
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| + | „Wo sind sie geblieben, die ich hier zurückgelassen habe?“ rief der König aus. „Wo ist Warin und sein Kumpan Gert? Wo ist Ivo und Iverich, die mir so lieb sind? Was wurde aus Engelhardt von Gascogne und dem Baron von Ansagis? Wo ist der alte Gerhardt von Roussillon, und wo sind die Zwölfe, denen niemand gleichet? O Roland, Roland, mein Freund, ich kehre in mein Reich zurück, und in der Pfalz werden mich die Fremden, selbst wenn sie aus dem Morgenlande zu mir kämen, fragen: Wo ist Roland der Graf, der Feldhauptmann? | ||
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| + | Dabei raufte er sich mit beiden Händen den weißen Bart aus, und ringsum flossen die Thränen der Franken wegen Roland. | ||
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| + | Dann aber kehrte König Karolus heim nach Aachen, der vornehmsten aller Pfalzen des Reiches. Kaum war er vom Pferde gestiegen, da ging er hinauf in den Rittersaal und vor ihn trat Alda, die edle Jungfrau und fragte: „Wo bleibt Roland, der geschworen hat mich heimzuführen? | ||
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| + | Über diese Frage empfand König Karl tiefen Schmerz. „Liebe Freundin, | ||
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| + | Da überzog Totenblässe ihr Angesicht, sie sank zu Karls Füßen nieder und starb zur selbigen Stunde. Möge Gott ihrer Seele gnädig sein! | ||
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