sagen:rss21
Unterschiede
Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.
| Nächste Überarbeitung | Vorhergehende Überarbeitung | ||
| sagen:rss21 [2023/07/06 08:29] – angelegt ewusch | sagen:rss21 [2025/01/30 17:54] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1 | ||
|---|---|---|---|
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
| - | [[text: | + | [[sagen: |
| - | [[buch: | + | **[[buch: |
| - | [[text: | + | [[sagen: |
| ====== Der Scharfrichter auf der Coblenzer Straße ====== | ====== Der Scharfrichter auf der Coblenzer Straße ====== | ||
| - | Am 12. August 1752 spazierte ein rheinischer | + | Am 12. August 1752 spazierte ein rheinischer Scharfrichter auf der nach [[geo: |
| - | Endlich sprach ein Dritter: „Fritz, was machst Du für dumme [[typ: | + | Endlich sprach ein Dritter: „Fritz, was machst Du für dumme Streiche! Laß uns gewähren, daß wir Dir die Augen verbinden. Dir soll nichts Übles geschehen. Dagegen kannst Du ein gutes Stück Geld verdienen, so Du thust, wie ich Dich heiße.“ |
| Der Scharfrichter kannte nun doch wohl die Stimme dessen, der die Ansprache an ihn gehalten hatte. Das flößte ihm einiges Vertrauen ein, und ohnehin, was sollte er thun? Es waren sechs oder sieben handfeste Kerle, die ihn zu Boden geworfen hatten und umringten. Auch erinnerte er sich recht gut, daß er weit und breit keine Menschenseele außer diesen Burschen gesehen hatte, ehe sie ihn zu Boden warfen – wer sollte ihm also beistehen? | Der Scharfrichter kannte nun doch wohl die Stimme dessen, der die Ansprache an ihn gehalten hatte. Das flößte ihm einiges Vertrauen ein, und ohnehin, was sollte er thun? Es waren sechs oder sieben handfeste Kerle, die ihn zu Boden geworfen hatten und umringten. Auch erinnerte er sich recht gut, daß er weit und breit keine Menschenseele außer diesen Burschen gesehen hatte, ehe sie ihn zu Boden warfen – wer sollte ihm also beistehen? | ||
| Zeile 13: | Zeile 13: | ||
| Er ließ sich die Augen verbinden, und so wurde er fortgeschoben und fortgeschleppt. Es schien ihm aber, als kämen sie tief in einen Wald hinein, denn der Weg wurde etwas rauh, und man stolperte hin und wieder über eine Wurzel. | Er ließ sich die Augen verbinden, und so wurde er fortgeschoben und fortgeschleppt. Es schien ihm aber, als kämen sie tief in einen Wald hinein, denn der Weg wurde etwas rauh, und man stolperte hin und wieder über eine Wurzel. | ||
| - | Endlich traf man mit einer [[typ:Kutsche]] zusammen. | + | Endlich traf man mit einer Kutsche zusammen. |
| Der Scharfrichter hörte, wie sie stille hielt, und gleich darauf wurde er hineingeschoben. | Der Scharfrichter hörte, wie sie stille hielt, und gleich darauf wurde er hineingeschoben. | ||
| Zeile 23: | Zeile 23: | ||
| Öfters schlief der Scharfrichter vor Erschöpfung ein. Endlich aber wurde er aufgeweckt mit den Worten: „Gott sei Dank, da sind wir! Nun mach Dich auf die Beine, Fritz!“ | Öfters schlief der Scharfrichter vor Erschöpfung ein. Endlich aber wurde er aufgeweckt mit den Worten: „Gott sei Dank, da sind wir! Nun mach Dich auf die Beine, Fritz!“ | ||
| - | Dem Scharfrichter wurde die Binde abgenommen. Er glaubte erst wieder aufzuleben, als er den grünen Rasen betrat und die Sonne zwischen den [[typ: | + | Dem Scharfrichter wurde die Binde abgenommen. Er glaubte erst wieder aufzuleben, als er den grünen Rasen betrat und die Sonne zwischen den Eichen durchblicken sah. |
| Am Abende war er auf der Straße nach Coblenz niedergeworfen worden, und als die Nacht hereingebrochen war, mochte die Kutsche herangekommen sein. So war er also die ganze Nacht hindurch gefahren, und nun stand die Morgensonne am Himmel. | Am Abende war er auf der Straße nach Coblenz niedergeworfen worden, und als die Nacht hereingebrochen war, mochte die Kutsche herangekommen sein. So war er also die ganze Nacht hindurch gefahren, und nun stand die Morgensonne am Himmel. | ||
| - | Die Pferde wurden ausgespannt, | + | Die Pferde wurden ausgespannt, |
| - | Der Scharfrichter war am meisten zum Trinken genötigt worden, und zu ihm sprach endlich der Anführer der nächtlichen Fahrt, der ihm schon auf dem Wege nach Coblenz zugesprochen hatte: „Fritz, nun will ich Dir auch sagen, weshalb wir Dich hierher geschleppt haben. Du sollst einen Verbrecher vornehmen Standes, welcher nicht gut öffentlich | + | Der Scharfrichter war am meisten zum Trinken genötigt worden, und zu ihm sprach endlich der Anführer der nächtlichen Fahrt, der ihm schon auf dem Wege nach Coblenz zugesprochen hatte: „Fritz, nun will ich Dir auch sagen, weshalb wir Dich hierher geschleppt haben. Du sollst einen Verbrecher vornehmen Standes, welcher nicht gut öffentlich bestraft werden kann, einen Kopf kürzer machen.“ |
| - | „Was?“ rief der Scharfrichter, | + | „Was?“ rief der Scharfrichter, |
| - | „Keineswegs“, | + | „Keineswegs“, |
| - | Dabei schenkte der Redner dem Scharfrichter von einem Getränke ein, das wie Feuer durch seine Adern rann. Der Scharfrichter trank den Krug noch zweimal leer, dann fuhr der Redner fort: „Es ist ein Galgenstrick, | + | Dabei schenkte der Redner dem Scharfrichter von einem Getränke ein, das wie Feuer durch seine Adern rann. Der Scharfrichter trank den Krug noch zweimal leer, dann fuhr der Redner fort: „Es ist ein Galgenstrick, |
| - | „Ich habe kein [[typ:Schwert]] bei mir“, sagte der Scharfrichter jetzt. | + | „Ich habe kein Schwert bei mir“, sagte der Scharfrichter jetzt. |
| „Siehe hier, für ein Schwert ist gesorgt ,“ antwortete der Anführer nun. | „Siehe hier, für ein Schwert ist gesorgt ,“ antwortete der Anführer nun. | ||
| Zeile 43: | Zeile 43: | ||
| Einer der Anwesenden sprang an den Wagen und holte ein Strohbündel von der Decke herunter. Er löste einige Stricke und ein Schwert in einer kostbaren Scheide kam zum Vorschein. | Einer der Anwesenden sprang an den Wagen und holte ein Strohbündel von der Decke herunter. Er löste einige Stricke und ein Schwert in einer kostbaren Scheide kam zum Vorschein. | ||
| - | Das Schwert wurde dem Scharfrichter gereicht, und dieser, ohne zu wissen was er that, zog es aus der Scheide. Es war ganz leicht und dabei so scharf geschliffen, | + | Das Schwert wurde dem Scharfrichter gereicht, und dieser, ohne zu wissen was er that, zog es aus der Scheide. Es war ganz leicht und dabei so scharf geschliffen, |
| „Siehe, | „Siehe, | ||
| - | Dabei zog der Mann eine [[typ:Pistole]] hervor und hielt sie dem Scharfrichter vor die Augen. | + | Dabei zog der Mann eine Pistole hervor und hielt sie dem Scharfrichter vor die Augen. |
| „Ja oder Nein will ich hören,“ rief der Verführer und zog den Hahn der Pistole auf. „Ja!“ sprach der Scharfrichter, | „Ja oder Nein will ich hören,“ rief der Verführer und zog den Hahn der Pistole auf. „Ja!“ sprach der Scharfrichter, | ||
| - | In diesem Augenblicke hörte man Peitschen knallen. „Da sind sie,“ sagte der Eine der Anwesenden. Wirklich bog ein zweiter | + | In diesem Augenblicke hörte man Peitschen knallen. „Da sind sie,“ sagte der Eine der Anwesenden. Wirklich bog ein zweiter Wagen um die Waldecke. |
| - | Von dem Tritte dieses zweiten Wagens wurde zuerst ein schwerer Klotz abgelöst. Diesen stellte man mitten auf die Wiese und bedeckte ihn mit einem schwarzen | + | Von dem Tritte dieses zweiten Wagens wurde zuerst ein schwerer Klotz abgelöst. Diesen stellte man mitten auf die Wiese und bedeckte ihn mit einem schwarzen Tuche. |
| - | Nun wurde der Wagen von außen mit einem [[typ:Schlüssel]] aufgeschlossen. Ein hübscher junger Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, mit einem seidenen Schlafrocke angethan, wurde herausgehoben. Des Gehens war er nicht mehr mächtig, und so wurde er dem Blocke in der Mitte der Wiese zugeschleift. | + | Nun wurde der Wagen von außen mit einem Schlüssel aufgeschlossen. Ein hübscher junger Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, mit einem seidenen Schlafrocke angethan, wurde herausgehoben. Des Gehens war er nicht mehr mächtig, und so wurde er dem Blocke in der Mitte der Wiese zugeschleift. |
| - | „Thut Eure Schuldigkeit, | + | „Thut Eure Schuldigkeit, |
| - | Jetzt sprach der arme Sünder zu Fritz: „Nehmt diese [[typ:Uhr]] von mir zum Andenken. Ich hoffe nicht, daß Ihr mich fehlen werdet.“ | + | Jetzt sprach der arme Sünder zu Fritz: „Nehmt diese Uhr von mir zum Andenken. Ich hoffe nicht, daß Ihr mich fehlen werdet.“ |
| Die Uhr war schwer von Golde. | Die Uhr war schwer von Golde. | ||
| - | Nun zog der Scharfrichter seine [[typ:Mütze]] ab und betete ein Vaterunser. | + | Nun zog der Scharfrichter seine Mütze ab und betete ein Vaterunser. |
| Alle Anwesenden, auch der Delinquent, thaten dasselbe. | Alle Anwesenden, auch der Delinquent, thaten dasselbe. | ||
| Zeile 81: | Zeile 81: | ||
| Der Scharfrichter stand wie versteinert und getraute sich nicht, das Schwert vom Halse des Delinquenten wegzuziehen. Es lag wohl eine Viertelstunde so, da schlüpfte endlich ein schwarzer schmächtiger Mann aus dem Wagen hervor, aus welchem früher der Delinquent herausgehoben war. Er winkte dem Scharfrichter, | Der Scharfrichter stand wie versteinert und getraute sich nicht, das Schwert vom Halse des Delinquenten wegzuziehen. Es lag wohl eine Viertelstunde so, da schlüpfte endlich ein schwarzer schmächtiger Mann aus dem Wagen hervor, aus welchem früher der Delinquent herausgehoben war. Er winkte dem Scharfrichter, | ||
| - | In dieser Schrift war von dem Markgrafen von Brandenburg-Onolzburg die Rede, gegen welchen sich ein gewisser Herr von …dorf vielfältig vergangen haben sollte. Dieser Missethäter – unser Delinquent – sollte verurteilt sein, den Kopf und die rechte Hand zu verlieren. Aus [[typ: | + | In dieser Schrift war von dem Markgrafen von Brandenburg-Onolzburg die Rede, gegen welchen sich ein gewisser Herr von …dorf vielfältig vergangen haben sollte. Dieser Missethäter – unser Delinquent – sollte verurteilt sein, den Kopf und die rechte Hand zu verlieren. Aus Gnaden, hieß es in der Schrift, habe der Herr Markgraf dieses Urteil jedoch in lebenslängliche Haft auf der Freusburg umgewandelt. |
| - | Während der Vorlesung dieses Schriftstückes hatte der zu ewigem | + | Während der Vorlesung dieses Schriftstückes hatte der zu ewigem Gefängnis Begnadigte den Kopf langsam wieder vom Blocke emporgehoben. Das Aufstehen war ihm jedoch unmöglich. Fritz mußte ihn mit zwei anderen Männern anfassen und nach dem Wagen tragen. |
| - | Jetzt wurden dem [[typ:Scharfrichter]] die zehn Konventionsthaler gereicht. Auch wurde ihm gesagt, daß er das sauer verdiente Schwert in seinem Wagen finden würde. Zugleich wurde ihm aber angekündigt, | + | Jetzt wurden dem Scharfrichter die zehn Konventionsthaler gereicht. Auch wurde ihm gesagt, daß er das sauer verdiente Schwert in seinem Wagen finden würde. Zugleich wurde ihm aber angekündigt, |
| Der Scharfrichter legte diesmal den ganzen Weg in seinem Wagen zurück. Die Fahrt dauerte vier Stunden. Als er ausgestiegen und seinen Augen die Binde abgenommen war, hatte er nur noch wenige Minuten zu gehen. Jedoch war über den gräßlichen Vorfall der Tag hingegangen. In seinem Wohnorte lag alles in tiefem Schlafe, als er dort wieder einzog. Nur seine eigene Familie war durch die Sorge wegen seines Ausbleibens noch wach erhalten worden. | Der Scharfrichter legte diesmal den ganzen Weg in seinem Wagen zurück. Die Fahrt dauerte vier Stunden. Als er ausgestiegen und seinen Augen die Binde abgenommen war, hatte er nur noch wenige Minuten zu gehen. Jedoch war über den gräßlichen Vorfall der Tag hingegangen. In seinem Wohnorte lag alles in tiefem Schlafe, als er dort wieder einzog. Nur seine eigene Familie war durch die Sorge wegen seines Ausbleibens noch wach erhalten worden. | ||
| Zeile 93: | Zeile 93: | ||
| // | // | ||
| * // | * // | ||
| - | * // | ||
| ---- | ---- | ||
| - | {{tag> | + | {{tag> |
sagen/rss21.1688624948.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
