sagen:rss13
Unterschiede
Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.
| Nächste Überarbeitung | Vorhergehende Überarbeitung | ||
| sagen:rss13 [2024/03/25 16:01] – angelegt ewusch | sagen:rss13 [2025/01/30 17:54] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1 | ||
|---|---|---|---|
| Zeile 3: | Zeile 3: | ||
| [[sagen: | [[sagen: | ||
| + | ====== Der Mäuseturm ====== | ||
| + | |||
| + | Im zehnten Jahrhundert nach Christi Geburt lebte der Erzbischof Hatto von Mainz. Er hatte nicht den Grundsatz „Geben ist seliger denn nehmen“, gehörte im Gegenteil zu jenen vornehmen und reichen geistlichen Herren, von denen man sagte, daß sie Jeden, der bei ihnen eintrat, nur fragten „Was bringen Sie?“ weil sie nur an das Eintreiben von Zehnten und Sporteln gewöhnt waren und die Gebote des Herrn, die Gebote der Liebe und Barmherzigkeit, | ||
| + | |||
| + | Zu den Zeiten dieses Bischofes Hattonis nun geschahe es, daß eine große Hungersnot am Maine und am Rheine ausbrach. Hatto hatte viel Korn in Mainz aufgespeichert, | ||
| + | |||
| + | Die Hungersnot am Rhein war entstanden wie die Hungersnot gewöhnlich entsteht. Im Frühling hatten lange Zeit die Nachtfröste Schaden gethan, im Sommer aber hatte es fast täglich geregnet, das Getreide hatte sich gelagert und mußte an vielen Stellen wie Gras als Futter für das liebe Vieh abgemäht werden. | ||
| + | |||
| + | Die Obsternte der Mainzer und die Weinernte der Winzer war auch mißraten. Da holten die Kellermeister des Erzbischofs die alten Jahrgänge des Weins hervor, und das Volk hörte auf der Straße, daß es im erzbischöflichen Palaste alle Tage herrlich und in Freuden herging. „Hoch, hoch, Erzbischof Hatto!“ hörte man seine Gäste an brechenden Tafeln rufen. Und es war richtig, Erzbischof Hatto war ein vortrefflicher Wirt, nur ein Diener des Herrn nach dem Herzen Jesu war er nicht. | ||
| + | |||
| + | Vergebens versammelten sich die Hungernden um die Burg zu Mainz und schrieen nach Brot. Er ließ sie abweisen und als sie wieder kamen und nur verlangten, daß er das Korn zu einem billigeren Preise verkaufen solle, verweigerte er ihnen auch das. Endlich kam das Volk noch einmal wieder, wollte den vollen Preis entrichten und verlangte nur, daß ihm Teilzahlungen gestattet würden. „Erst Geld, dann Waare!“ rief aber der Bischof und dabei blieb er. | ||
| + | |||
| + | Aber das Volk kam immer wieder, selbst als Hatto die Leute durch bewaffnete Knechte hatte vom Schloßhofe treiben lassen. | ||
| + | |||
| + | Da gab der harte Mann einem Verwalter Befehl, die Leute in eine der Scheunen eintreten zu lassen, wo sie mit wahrer Gier etwas Korn auf der Tenne betrachteten. Sie ahnten nichts Schlimmes, als sich die Scheune gleich darauf wieder hinter ihnen schloß. Sie glaubten nur, daß sie etwas warten sollten, um einen günstigen Bescheid von dem Erzbischof zu erhalten oder wenigstens in Unterhandlungen mit demselben eintreten zu dürfen. Allein der Erzbischof hatte beschlossen, | ||
| + | |||
| + | Als nun die unglücklichen Opfer des Geizes und der Roheit des Bischofs ein Klagegeschrei erhoben, sagte dieser wohlgefällig zu seinen erschrockenen Gästen: „Hört nur, wie die Mäuse in der Scheune piepen!“ wie es denn in der That in einer wohlgefüllten Scheune nicht leicht an Mäusen zu fehlen pflegt, so daß das Piepen der Mäuse in einer wohlgefüllten Scheune sonst für den Erntesegen des Jahres wohl das beste Zeugnis ablegt. | ||
| + | |||
| + | Als aber die Scheuer soeben geschlossen worden war, hinkte noch eine alte Frau am Stocke daher, die um etwas Mehl bitten wollte. Sie hörte diese Worte des Bischofs und wünschte ihm dafür, daß die Mäuse all sein Mehl und sein Korn und dann ihn selbst fressen sollten. | ||
| + | |||
| + | Ihre Verwünschung wurde erfüllt. In der Scheune, wo der Bischof die Menschen hatte verbrennen lassen, zeigten sich während der Nacht Scharen von Mäusen, die sich bald über alle Scheunen, Kornspeicher, | ||
| + | |||
| + | Bischof Hatto erinnerte sich jetzt an die Verwünschung der Alten und es ward ihm bange für sein Leben. Er ließ seinen Baumeister kommen und befahl ihm den Mäuseturm mit mehreren Gemächern und einer Schlafkammer ganz freistehend in die Wellen des Rheins bei Bingen zu bauen, wo der Rhein am wildesten flutet. Durch keinerlei Brücke sollte er mit dem Lande verbunden sein. Wollten die Mäuse ihn dann nach dem Mäuseturme verfolgen, so sollten sie alle im Rheine ertrinken. Mit Vergnügen beobachtete er nun die Mäuse, welche seine Diener in der Mausefalle fingen und in einen Eimer mit Wasser warfen. Eine Zeit lang schwammen sie aufgerichtet wie die Tanzbären im Wasser hin und her, sperrten den Mund auf wie eine Karpfenschnauze und versanken bald darauf tot im Wasser. So sollte es seinen Feinden, den Mäusen, auch im Rheine ergehen, wenn sie ihm nach dem Mäuseturme folgen wollten. | ||
| + | |||
| + | Als der Mäuseturm fertig war, ließ er sich an einem schönen Sommerabende hinüberschaffen. Er schaute bei Sonnenuntergang hinaus auf den Rhein und freute sich über seine Schiffe, die noch mit Korn oder Mehl beladen nach den nächsten Städten vorbeifuhren, | ||
| + | |||
| + | // | ||
| + | * // | ||
| + | |||
| + | ---- | ||
| + | {{tag> | ||
sagen/rss13.1711378862.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
