sagen:otmarvolckssagen022
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| ====== Die Daneels-Höle ====== | ====== Die Daneels-Höle ====== | ||
| - | Am mitternächtlichen Abhang des Berges, auf dessen Gipfel das Kloster Huyseburg, eine Meile vorwärts von [[geo: | + | Am mitternächtlichen Abhang des Berges, auf dessen Gipfel das Kloster Huyseburg, eine Meile vorwärts von [[geo: |
| - | „In dieser Höle wohnte einst ein [[typ:Räuber]], der viele Jahre die ganze Gegend umher unsicher machte. Sein Name war Daneel, oder, Daneil. Sein Bruder, ein Sternseher, hatte ihm diesen Schlupfwinkel aufgesucht, und für seine Absichten eingerichtet. Der Undankbare ermordete ihn, damit sein verborgener Auffenthalt desto weniger verrathen werden könnte. | + | „In dieser Höle wohnte einst ein Räuber, der viele Jahre die ganze Gegend umher unsicher machte. Sein Name war Daneel, oder, Daneil. Sein Bruder, ein Sternseher, hatte ihm diesen Schlupfwinkel aufgesucht, und für seine Absichten eingerichtet. Der Undankbare ermordete ihn, damit sein verborgener Auffenthalt desto weniger verrathen werden könnte. |
| - | Lange Zeit hindurch trieb Daneel seine Räubereien, | + | Lange Zeit hindurch trieb Daneel seine Räubereien, |
| - | Diese [[typ:List]] verschaffte ihm auch eine Frau und Wirthschafterin. Suse, ein schönes Bauermädchen aus einem benachbarten Dorfe, verirrte sich, beim [[typ: | + | Diese List verschaffte ihm auch eine Frau und Wirthschafterin. Suse, ein schönes Bauermädchen aus einem benachbarten Dorfe, verirrte sich, beim Haselnußpflücken, |
| - | Lange blieb auch der Schlupfwinkel des Räubers unentdeckt. Denn, da er größtentheils in entferntern Gegenden raubte, und sich dann im Dunkel der Nacht in die nicht bemerkbare Höle schlich; so vermuthete man mehrere Jahre hindurch seinen Auffenthalt in dem Huy-Walde nicht. Und da endlich die Obrigkeiten der benachbarten Orte durch häufige Klagen aufmerksam gemacht wurden, so täuschte sie Daneel durch mannichfache | + | Lange blieb auch der Schlupfwinkel des Räubers unentdeckt. Denn, da er größtentheils in entferntern Gegenden raubte, und sich dann im Dunkel der Nacht in die nicht bemerkbare Höle schlich; so vermuthete man mehrere Jahre hindurch seinen Auffenthalt in dem Huy-Walde nicht. Und da endlich die Obrigkeiten der benachbarten Orte durch häufige Klagen aufmerksam gemacht wurden, so täuschte sie Daneel durch mannichfache List. So hatte er, unter andern, seinem Pferde die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen, |
| - | Fünf Kinder hatte ihm Suse geboren; und alle fünf Kinder hatte der Unmensch gleich nach der [[typ:Geburt]] erstickt, um durch ihr Geschrei nicht verrathen zu werden. – Jetzt endlich gab der Räuber den tausendmal schon versagten Bitten seines Weibes nach, da er von ihrer [[typ:treu|Treue]] überzeugt war, und sie nun längst schon vergessen und unkenntlich glaubte, nur einmal in die benachbarte Stadt gehen zu dürfen, um sich einige Kleidungsstücke zu kaufen, die sie schon lange sich gewünscht hatte. – Nach sechs kummervollen Jahren öfnete sich ihr zum erstenmal ihr [[typ:Kerker]], und sie sahe bebaute Fluren wieder. Doch mußte sie vorher ihren [[typ:Schwur]] mit den stärksten Betheurungen wiederholen, | + | Fünf Kinder hatte ihm Suse geboren; und alle fünf Kinder hatte der Unmensch gleich nach der Geburt erstickt, um durch ihr Geschrei nicht verrathen zu werden. – Jetzt endlich gab der Räuber den tausendmal schon versagten Bitten seines Weibes nach, da er von ihrer Treue überzeugt war, und sie nun längst schon vergessen und unkenntlich glaubte, nur einmal in die benachbarte Stadt gehen zu dürfen, um sich einige Kleidungsstücke zu kaufen, die sie schon lange sich gewünscht hatte. – Nach sechs kummervollen Jahren öfnete sich ihr zum erstenmal ihr Kerker, und sie sahe bebaute Fluren wieder. Doch mußte sie vorher ihren Schwur mit den stärksten Betheurungen wiederholen, |
| - | Noch vor Aufgang der Sonne verließ sie die Raubhöle, von tausend Empfindungen bestürmt. Einen Monat vorher hatte sie die klägliche Ermordung ihres fünften ebengebornen Kindes, eines schönen gesunden Knabens, gesehen, und sein Geschrei durchbebte noch immer ihr Ohr; seit dieser Zeit war ihr der [[typ:Räuber]], den sie immer mit finstern Unmuth heimkehren sah, und dessen Erzählungen von seinen Räubereien sie mit Abscheu hörte, völlig unerträglich geworden. Sie zitterte vor dem Gedanken, in einigen Stunden wieder in die Höle zurückzukehren, | + | Noch vor Aufgang der Sonne verließ sie die Raubhöle, von tausend Empfindungen bestürmt. Einen Monat vorher hatte sie die klägliche Ermordung ihres fünften ebengebornen Kindes, eines schönen gesunden Knabens, gesehen, und sein Geschrei durchbebte noch immer ihr Ohr; seit dieser Zeit war ihr der Räuber, den sie immer mit finstern Unmuth heimkehren sah, und dessen Erzählungen von seinen Räubereien sie mit Abscheu hörte, völlig unerträglich geworden. Sie zitterte vor dem Gedanken, in einigen Stunden wieder in die Höle zurückzukehren, |
| - | Als sie an dem Kloster Huyseburg vorbei ging, hoffte sie, ein [[typ:Engel]] sollte ihr einen [[typ:Priester]] entgegen führen, der sie, ohne daß sie ihm das Geheimniß vorher entdeckte, von ihrem Eide entbände. Aber, kein Priester erschien. Dämmerung und Schlaf deckte noch das Kloster und seine Bewohner. – Sie ging weiter, stand jetzt vor dem Walde, und sahe die Stadt noch im [[typ:Nebel]] gehüllt vor sich liegen. Die Stille um sie her war ihr graunvoll; sie fühlte sich einsam und von der ganzen Welt verlassen. – Jetzt ging die Sonne auf, und die ganze schöne Landschaft lag frei vor ihr. Aber, ihre Brust war beklommen; es war ihr, als wenn die Morgenluft auf dem freien Berge, die sie sich so oft nur einmal einathmen zu können gewünscht hatte, ihr das Herz zerdrücken wollte. Die Angst beflügelte ihre Schritte; sie kam, ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen, zur Stadt, fand die Häuser der Juden, die nahe am Thor wohnten, von denen sie die Kleider kaufen wollte, noch verschlossen, | + | Als sie an dem [[kirche: |
| - | Aber, der Taumel ihrer Gedanken machte sie schwindeln. Sie verfehlte den Weg in der Stadt, und, halb besinnungslos stand sie mit einemmal auf dem Marktplatz in der Mitte derselben. Es war noch so früh am Tage, daß sie auch hier keinen Menschen sah. Sie richtete ihren niedergesenkten Blick in die Höhe, und sahe die Rolands-Säule an der Ecke des [[typ: | + | Aber, der Taumel ihrer Gedanken machte sie schwindeln. Sie verfehlte den Weg in der Stadt, und, halb besinnungslos stand sie mit einemmal auf dem Marktplatz in der Mitte derselben. Es war noch so früh am Tage, daß sie auch hier keinen Menschen sah. Sie richtete ihren niedergesenkten Blick in die Höhe, und sahe die [[ding: |
| - | Ein vorbeigehender Gerichtsdiener hörte einen Theil ihrer Beichte, und nötigte sie, mit ihm zu dem Schöffen zu gehen. Hier, da sie ihr Geheimniß schon verrathen sahe, und von drei Priestern feierlich ihres Eides entbunden wurde, erzählte sie ohne Rückhalt, was sie wußte, und versprach auch, den listigen Räuber den Richtern zu überliefern. Dann eilte sie, so schnell sie konnte, nach der Höle zurück, und bestreute den Pfad, der durch das Gebüsch sich zu derselben hinauf wand, mit einzelnen Erbsen, welche ihr die [[typ:Richter]] zu dem Behuf mitgegeben hatten. | + | Ein vorbeigehender Gerichtsdiener hörte einen Theil ihrer Beichte, und nötigte sie, mit ihm zu dem Schöffen zu gehen. Hier, da sie ihr Geheimniß schon verrathen sahe, und von drei Priestern feierlich ihres Eides entbunden wurde, erzählte sie ohne Rückhalt, was sie wußte, und versprach auch, den listigen Räuber den Richtern zu überliefern. Dann eilte sie, so schnell sie konnte, nach der Höle zurück, und bestreute den Pfad, der durch das Gebüsch sich zu derselben hinauf wand, mit einzelnen Erbsen, welche ihr die Richter zu dem Behuf mitgegeben hatten. |
| Der Verabredung gemäß erschienen den folgenden Tag die Schöffen mit zehn wohlgerüsteten Lanzknechten, | Der Verabredung gemäß erschienen den folgenden Tag die Schöffen mit zehn wohlgerüsteten Lanzknechten, | ||
| - | Jetzt war es Mittag, und warm schien die Sonne. Da hören sie über sich den Schall einer kleinen Glocke, womit ihnen Suse ein Zeichen gab, und bald nachher das Knarren der Riegel und Schlösser an der eisernen Thür der Höle, die jetzt geöfnet wurde. Sie sehen auf, und heraus tritt Suse, und ihr folgt der furchtbare | + | Jetzt war es Mittag, und warm schien die Sonne. Da hören sie über sich den Schall einer kleinen Glocke, womit ihnen Suse ein Zeichen gab, und bald nachher das Knarren der Riegel und Schlösser an der eisernen Thür der Höle, die jetzt geöfnet wurde. Sie sehen auf, und heraus tritt Suse, und ihr folgt der furchtbare Räuber. Suse setzt auf einen kleinen, freien, sonnebeglänzten Vorplatz am Abhang des Berges sich hin, neben ihr lagert sich Daneel in das hohe Gras, und legt seinen Kopf auf ihren Schooß, wie er alle Tage bei heiterm Wetter zu thun pflegte, um so des Mittagsschlafes zu genießen. Die neue Delila streichelte ihm Wangen und Kopf, bis er einschlief. |
| - | Als sie ihn fest schlafen glaubte, gab sie den versteckten Lanzknechten, | + | Als sie ihn fest schlafen glaubte, gab sie den versteckten Lanzknechten, |
| Da standen nun die Lanzknechte und ihre Anführer vor der langgesuchten Höle, hatten den Räuber, der ihnen so oft entgangen war, umringt gehabt, und sahen sich von neuem getäuscht. Vergebens bestürmten sie den Eingang mit ihren Waffen, und mit Stangen, die ihnen der Wald darbot; die feste Thür wankte nicht unter ihren Schlägen. Auch wünschte keiner der erste zu seyn, der auf den Räuber in der ofnen Höle träfe; und so hoben sie für jetzt den stürmenden Angriff auf, und hielten Kriegsrath. | Da standen nun die Lanzknechte und ihre Anführer vor der langgesuchten Höle, hatten den Räuber, der ihnen so oft entgangen war, umringt gehabt, und sahen sich von neuem getäuscht. Vergebens bestürmten sie den Eingang mit ihren Waffen, und mit Stangen, die ihnen der Wald darbot; die feste Thür wankte nicht unter ihren Schlägen. Auch wünschte keiner der erste zu seyn, der auf den Räuber in der ofnen Höle träfe; und so hoben sie für jetzt den stürmenden Angriff auf, und hielten Kriegsrath. | ||
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| Schöffen und Lanzknechte stimmten, nach langer Berathung, als das sicherste, darauf, den Räuber in seiner Felsenburg auszuhungern. Ein Eilbote sollte die glückliche Verhaftung des Unholds in der Stadt verkünden, und Lebensmittel für die Belagernden, | Schöffen und Lanzknechte stimmten, nach langer Berathung, als das sicherste, darauf, den Räuber in seiner Felsenburg auszuhungern. Ein Eilbote sollte die glückliche Verhaftung des Unholds in der Stadt verkünden, und Lebensmittel für die Belagernden, | ||
| - | So stritten und zankten sich die Belagerer vor der Höle, bis die Sonne sank. Daneel lachte ihres Zanks und Streits in seiner Felsenburg, und machte schon Entwürfe, um Mitternacht, | + | So stritten und zankten sich die Belagerer vor der Höle, bis die Sonne sank. Daneel lachte ihres Zanks und Streits in seiner Felsenburg, und machte schon Entwürfe, um Mitternacht, |
| Einer der Lanzknechte, | Einer der Lanzknechte, | ||
| - | „Guter Rath kommt über Nacht,“ sagt das Sprüchwort. Und so hatte man sich auch endlich zu dem Entschluß vereinigt, den Räuber in seiner Höle auszusäufen, | + | „Guter Rath kommt über Nacht,“ sagt das Sprüchwort. Und so hatte man sich auch endlich zu dem Entschluß vereinigt, den Räuber in seiner Höle auszusäufen, |
| - | Nun wurde der eingeschloßne Räuber durch Ströme kochenden Wassers, die man unaufhörlich durch die Oefnung hineingoß, indem das in Reihe gestellte Volk die gefüllten | + | Nun wurde der eingeschloßne Räuber durch Ströme kochenden Wassers, die man unaufhörlich durch die Oefnung hineingoß, indem das in Reihe gestellte Volk die gefüllten Eimer von Hand zu Hand reichte, bestürmt und geängstet. Nach einigen Stunden hörte man ihn unruhig bald aus seinem Gemach in den Pferdestall, |
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