sagen:otmarvolckssagen019
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| „Unfern der nördlichen Spitze des [[region: | „Unfern der nördlichen Spitze des [[region: | ||
| - | Hier stand einst, vor vielen hundert Jahren, als noch das ganze Land mit Wald überdeckt war, im Dickicht, eine Burg, der gewöhnliche Sammelplatz der [[typ:Raubritter]], welche die ganze Gegend umher unsicher machten. Hier theilten sie ihren Raub, und die Aerndten der zerstreuten Bewohner des Landes, die sie für sich zu arbeiten zwangen bis auf das Blut, besonders bei den Burgfesten. Hieher brachten sie ihre Gefangnen, und die besten Töchter des Landmanns, die sie zum Hofe-Dienst raubten. | + | Hier stand einst, vor vielen hundert Jahren, als noch das ganze Land mit Wald überdeckt war, im Dickicht, eine Burg, der gewöhnliche Sammelplatz der Raubritter, welche die ganze Gegend umher unsicher machten. Hier theilten sie ihren Raub, und die Aerndten der zerstreuten Bewohner des Landes, die sie für sich zu arbeiten zwangen bis auf das Blut, besonders bei den Burgfesten. Hieher brachten sie ihre Gefangnen, und die besten Töchter des Landmanns, die sie zum Hofe-Dienst raubten. |
| - | Hier schwelgten, und lärmten und tanzten die fahrenden | + | Hier schwelgten, und lärmten und tanzten die fahrenden Ritter lange Tage und Nächte hindurch. Und mit Schrecken hörte der ferne Wanderer oft, zwischen dem Lärm der Bunge((Die ältere Pauke.)) und der Drometen, das dumpfe Jammergeschrei derer, die in unterirdischen Hölen gemordet wurden. Menschliche Hülfe war hier umsonst; denn, mächtige verbündete Ritter schützten die Burg mit ihren Reisigen. Aber, zum Himmel stieg auf das Geschrei der Gewaltthat. Und, es nahte der Tag der Rache! |
| - | Einst verirrte sich an einem neblichten Herbsttage, ein fern her kommender | + | Einst verirrte sich an einem neblichten Herbsttage, ein fern her kommender Ritter aus [[lex: |
| Der Knecht, des Rufens müde, suchte ein Obdach. Und endlich fand er tappend, und durch das Gebüsch sich drängend, unfern dem Eingange zur Burg, eine gewölbte Vertiefung, und in ihr eine Pferdekrippe, | Der Knecht, des Rufens müde, suchte ein Obdach. Und endlich fand er tappend, und durch das Gebüsch sich drängend, unfern dem Eingange zur Burg, eine gewölbte Vertiefung, und in ihr eine Pferdekrippe, | ||
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| Der fremde Ritter, ermüdet von der langen mühvollen Reise, entschlief bald auf einem kleinen Heuschober, den er in dem einem Winkel der Hölung auffand. Die ferne Musik und das eintönige Rasseln des Regens wiegte ihn in festen Schlummer. | Der fremde Ritter, ermüdet von der langen mühvollen Reise, entschlief bald auf einem kleinen Heuschober, den er in dem einem Winkel der Hölung auffand. Die ferne Musik und das eintönige Rasseln des Regens wiegte ihn in festen Schlummer. | ||
| - | Aber nicht so gut ward es dem [[typ:Knecht]]. Ihn erhielten wach die Sorge für seine Pferde und sein leerer Magen, den die Musik und der Gedanke an den Schmaus, der dem Tanz vorausging, wenig beruhigten. Und dann wurde es ihm, von Minute zu Minute, grauender und grauender in der dunkeln | + | Aber nicht so gut ward es dem Knecht. Ihn erhielten wach die Sorge für seine Pferde und sein leerer Magen, den die Musik und der Gedanke an den Schmaus, der dem Tanz vorausging, wenig beruhigten. Und dann wurde es ihm, von Minute zu Minute, grauender und grauender in der dunkeln Höle. Er betastete ringsum den geräumigen gewölbten Stall, worin er mit seinem Herren war, fand aber nichts, als reichlichen Vorrath für die Pferde, deren leicht zwanzig hier Platz gefunden hätten. – „Wer wohnt hier? – Wem gehört der Klepper? wem das Futter, das du deinen Pferden gabst, – Wie, wenn die Knechte der Tanzenden zurückkommen, |
| Die steigende Furcht trieb ihn näher hin zu seinem schlafenden Herrn. Und endlich warf er sich unmuthig auf das Heu, fiel aber in die Tiefe hinab. Unter ihm brachen einige morsche Stäbe; er fiel einige Fuß tief in eine unterirrdische Hölung; und sein Gesicht und seine Hände berührten – o Schrecken! – Menschenschädel und Menschengebeine, | Die steigende Furcht trieb ihn näher hin zu seinem schlafenden Herrn. Und endlich warf er sich unmuthig auf das Heu, fiel aber in die Tiefe hinab. Unter ihm brachen einige morsche Stäbe; er fiel einige Fuß tief in eine unterirrdische Hölung; und sein Gesicht und seine Hände berührten – o Schrecken! – Menschenschädel und Menschengebeine, | ||
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| Jetzt schlug endlich, nach langem vergeblichen Harren, die Thurmuhr: Eins. Das Gewölk zertheilte sich; einzelne Strahlen des Mondes fielen auf ihn durch die Gebüsche, und Hoffnung und Lust zum Leben kehrten zurück in sein Herz. – Bald stand der volle Mond in seiner Pracht da, am heitern nicht mehr bewölkten Himmel. Und nun wagt’ es der Knappe, einige Schritte vorwärts zu thun, um sich umzusehen, wo er sey. | Jetzt schlug endlich, nach langem vergeblichen Harren, die Thurmuhr: Eins. Das Gewölk zertheilte sich; einzelne Strahlen des Mondes fielen auf ihn durch die Gebüsche, und Hoffnung und Lust zum Leben kehrten zurück in sein Herz. – Bald stand der volle Mond in seiner Pracht da, am heitern nicht mehr bewölkten Himmel. Und nun wagt’ es der Knappe, einige Schritte vorwärts zu thun, um sich umzusehen, wo er sey. | ||
| - | Er entdeckte bald eine nicht sehr hohe Mauer, auf der mehrere kleine | + | Er entdeckte bald eine nicht sehr hohe Mauer, auf der mehrere kleine Thürme standen, und nicht weit von dem Stalle, von einigen mächtigen Eichen überdeckt, ein eisernes Fallgatter, das den Eingang in den Burghof verschloß. Mit immer wachsendem Muth (denn vorbei war die Gespensterstunde, |
| - | Auf der Mitte des Hofes stand eine Rug-Säule((Rug- oder Ruge-land (Roland-) Säule, war das Zeichen der peinlichen Gerichtsbarkeit, | + | Auf der Mitte des Hofes stand eine Rug-Säule((Rug- oder Ruge-land |
| - | Taumelnd wankte der Knecht nach dem überwölbten Stall zurück, rüttelte zitternd seinen Herrn, der wie im Todesschlafe da lag, bis er endlich erwachte, und verkündete, | + | Taumelnd wankte der Knecht nach dem überwölbten Stall zurück, rüttelte zitternd seinen Herrn, der wie im Todesschlafe da lag, bis er endlich erwachte, und verkündete, |
| - | Jetzt ging ihnen lang’ erwünscht die Sonne auf, aber halbverfinstert, | + | Jetzt ging ihnen lang’ erwünscht die Sonne auf, aber halbverfinstert, |
| - | „Komm, sprach sein Herr, wir wollen dorthin zurückkehren, | + | „Komm, sprach sein Herr, wir wollen dorthin zurückkehren, |
| - | Nach einigen Stunden erreichten sie die Gegend, wo der Dampf aufbrudelte. Der Ritter befahl seinem Knecht, hineinzureiten in die Dampfwolke, und seine [[typ: | + | Nach einigen Stunden erreichten sie die Gegend, wo der Dampf aufbrudelte. Der Ritter befahl seinem Knecht, hineinzureiten in die Dampfwolke, und seine Handschuhe |
| - | Der Ritter weilte, bis die Sonne höher stieg, und nur noch eine dichte Dampfsäule die Mitte der Schreckensgegend verhüllte. Er sah nun vor sich einen See, der immer größer wurde, je mehr der Nebel sich in der Mitte zusammendrängte, | + | Der Ritter weilte, bis die Sonne höher stieg, und nur noch eine dichte Dampfsäule die Mitte der Schreckensgegend verhüllte. Er sah nun vor sich einen See, der immer größer wurde, je mehr der Nebel sich in der Mitte zusammendrängte, |
| In tiefem Nachdenken versunken stand der fremde Ritter aus Welschland, den stieren, starren Blick auf seine Handschuh gerichtet. | In tiefem Nachdenken versunken stand der fremde Ritter aus Welschland, den stieren, starren Blick auf seine Handschuh gerichtet. | ||
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| Bald aber weckt’ ihn aus seinem Hinstarren ein Zetergeschrei. Er blickt auf. Die Sonne hatte jetzt die Mitte des Himmels erreicht, und die ganze Dampfwolke niedergedruckt. – Da sieht er das Dach der immer tiefer einsinkenden Burg ganz mit Menschen bedeckt, die in der größten Herzensangst immer höher klommen, je näher ihnen das Wasser des immer steigenden Sees kam. An der Kleidung unterschied er etwa acht Ritter und zwölf Knappen. | Bald aber weckt’ ihn aus seinem Hinstarren ein Zetergeschrei. Er blickt auf. Die Sonne hatte jetzt die Mitte des Himmels erreicht, und die ganze Dampfwolke niedergedruckt. – Da sieht er das Dach der immer tiefer einsinkenden Burg ganz mit Menschen bedeckt, die in der größten Herzensangst immer höher klommen, je näher ihnen das Wasser des immer steigenden Sees kam. An der Kleidung unterschied er etwa acht Ritter und zwölf Knappen. | ||
| - | Am lautesten schrie „Zeter und Wehe!“ über sich und über die Andern, ein dickes, ungestaltes Weib, mit feuerrothen Augen und Haaren. Um die Hände frei zu haben, hatte sie, in der Angst ihres Herzens, ein großes | + | Am lautesten schrie „Zeter und Wehe!“ über sich und über die Andern, ein dickes, ungestaltes Weib, mit feuerrothen Augen und Haaren. Um die Hände frei zu haben, hatte sie, in der Angst ihres Herzens, ein großes Schlüsselbund sich um den Hals geworfen. Denn, dieser Unholdin waren die Schlüssel anvertraut gewesen über die Keller, Gewölbe und die unterirdischen Gemächer der Raubburg, in welche sie die unglücklichen Schlachtopfer der Räuber herabgestürzt hatte. |
| - | Jetzt kam ein gräßlicher Anblick. Zahllose | + | Jetzt kam ein gräßlicher Anblick. Zahllose Gerippe von Erschlagenen und Erwürgten klimmten eins nach dem andern, von der entgegengesetzten Seite, das Dach hinauf, setzten auf den Forst sich hin, und blickten zähnefletschend auf die Unholde, die, in der Todesangst, nicht über sich, nicht unter sich zu sehen wagten. Dann aber erhoben sich die Gerippe, und schlugen mit ihren Knochenhänden, |
| - | Zuerst stürzte in die Fluthen die Schafnerin, mit dem Schlüsselbunde um den Hals, und wurde in dem Augenblick in eine ungeheure | + | Zuerst stürzte in die Fluthen die Schafnerin, mit dem Schlüsselbunde um den Hals, und wurde in dem Augenblick in eine ungeheure Karautsche verwandelt. Dann wurden herabgepeitscht die Raubritter. Sie verwandelten sich, so bald sie das Wasser berührten, in sechsfüßige Hechte. Zuletzt stürzten die Knappen zeterschreiend herab, und wurden Karpfen, ohne von ihrer Größe und Schwere zu verlieren. |
| - | Und so verfolgen, seit Jahrhunderten, | + | Und so verfolgen, seit Jahrhunderten, |
| - | Noch jetzt sehen die Bewohner der Gegend zuweilen die Moosbewachsenen | + | Noch jetzt sehen die Bewohner der Gegend zuweilen die Moosbewachsenen Karpfen, die kleinen schwimmenden Inseln gleichen, und die Centnerschwere Karautsche, mit den feuerrothen Augen, das große Schlüsselbund um den Hals, auf der Oberfläche des Sees. Aber in demselben Augenblick tauchen sie wieder unter, geschreckt von ihren Verfolgern.“ |
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