sagen:otmarvolckssagen016
Unterschiede
Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.
| Nächste Überarbeitung | Vorhergehende Überarbeitung | ||
| sagen:otmarvolckssagen016 [2023/02/10 13:26] – angelegt ewusch | sagen:otmarvolckssagen016 [2025/01/30 17:54] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1 | ||
|---|---|---|---|
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
| [[sagen: | [[sagen: | ||
| - | [[buch: | + | **[[buch: |
| [[sagen: | [[sagen: | ||
| + | ====== Der Thomaspfennig ====== | ||
| + | In der Nacht, welche dem 21sten December, oder dem Thomastage, vorhergeht, ist in [[geo: | ||
| + | |||
| + | Etwa eine Meile von Endorf, und dem an jenes Fluren gränzende halberstädtische Städtchen [[geo: | ||
| + | |||
| + | Den 20sten December, Abends um 8 Uhr, geht der Bauermeister von Stangerode, mit zween der Ortsbewohner, | ||
| + | |||
| + | „Gebt unsern Herren den Thomas-Pfennig, | ||
| + | |||
| + | Dieser Ausruf wird vor jedem der dreizehn Häuser wiederholt. Jeder der Hausbesitzer steht dann schon vor seinem Hause, oder in der Hofthür, und giebt dem Bauermeister einen silbernen chursächsischen Pfennig. Ist der Zins erhoben, so geht der Zug, der sich allmählig verstärkt, durch das Dorf Stangerode hindurch; und fortwährend hört man den Ausruf: „Wir bringen unsern gnädigen Herren, den Thomas-Pfennig, | ||
| + | |||
| + | So geht der Zug nach Endorf zu; nur mit dem Unterschied, | ||
| + | |||
| + | Gegen Mitternacht tritt der Stangeröder Bauermeister mit seinen Begleitern aus dem Hause. Und nun schreien Alle mit voller Stimme: | ||
| + | |||
| + | „Wir bringen unsern gnädigen Herren den Thomas-Pfennig, | ||
| + | |||
| + | So schreit der wilde, taumelnde Hause bei dem Zuge durch das ganze Dorf hindurch, ohne abzusetzen. Der Zug geht nach der Amts- oder Gerichts-Stube. Diese ist dann schon geöfnet, und der Justizamtmann steht da, um den Zins in Empfang zu nehmen, und einen Empfangsschein darüber auszufertigen. | ||
| + | |||
| + | Unterdeß vergrößert sich der Volkshause immer mehr. Der Bauermeister empfängt die Quittung und ein Trinkgeld (welches den Werth des jetzigen Zinses übersteigt) und hebt an zu rufen: | ||
| + | |||
| + | „Wir haben gebracht – unsern gnädigen Herren – den Thomas-Pfennig – den Thomas-Pfennig, | ||
| + | |||
| + | Zahllose Stimmen schreien tausendmal dies nach. Und, unter dergleichen, | ||
| + | |||
| + | Von dem Entstehen dieser sonderbaren und jedem Beobachter auffalenden Sitte, bei der für unsre Zeiten gar kein Zusammenhang mit irgend einer weltbürgerlichen oder auch nur provinziel wichtigen Idee, gar kein Vortheil, weder auf Seiten der Gebenden, noch der Empfangenden, | ||
| + | |||
| + | Uns bleibt also zur Erklärung dieses Gebrauchs nichts übrig, als folgende Volks-Sage. | ||
| + | |||
| + | „Die Mönche auf Conradsburg((Conradsburg, | ||
| + | |||
| + | Besonders befanden sich die, welche die sogenannten Außenhöfe ((Dergleichen Außenhöfe hatte das Kloster zu Conradsburg mehrere, unter andern, in Endorf. – Aus diesem Umstande erklärt man es, daß der Kuttenzins in Endorf entrichtet wird.)) des Klosters verwalteten, | ||
| + | |||
| + | Unter diesen sich glücklich preisenden, nach Befinden der Umstände, bald gnädigen, bald gestrengen und hochgebietenden Herren, war auch Bruder Markus. Er hatte die Aufsicht über die weitläufigen Forstungen des Klosters, die sich mehrere Meilen hinaus erstreckten. Eins dieser Gehölze lag dicht bei Stangerode, und heißt noch jetzt: das Mönchenholz ((Dieses Holz gehört jetzt der Kirche zu Alterode, welche Mutterkirche von Stangerode ist.)). Da es ihm aber wahrscheinlich mehr um menschliche Gesellschaft, | ||
| + | |||
| + | Unter seinen Liebschaften war auch das junge, rasche Weib eines Einwohners von Stangerode, mit Namen Hartung, dessen Haus an das Mönchenholz grenzte, und der alle Monate einige bestimmte Tage von Hause entfernt war, in denen er, für sich und für seine Nachbaren, von Halle Salz holte. | ||
| + | |||
| + | Hartung fand nach einiger Zeit seine Ilsabe ganz verändert. Sie, die sonst so arbeitsam und häuslich, und dabei immer vergnügt gewesen war, war jetzt bei der kleinsten Arbeit träge und verdrossen; sie, die ihren Mann immer mit warmem Händedruck empfangen, und ihm so theilnehmend den Schweiß von der Stirne gewischt hatte, kehrte ihm oft den Rücken zu, wenn er kam, und empfing und entließ ihn mit Murren. Schon entfielen ihr Klagen über ihr elendes Schicksal, über grobe Arbeiten, zu denen solche Hände nicht gemacht wären, und über Nichtschätzung ihrer Verdienste. Hartung starrte sein Weib an, verstand selten, was sie sagte, und konnte nicht errathen, woher ihr solche Gelehrsamkeit kam. Er schob die Schuld auf die Verführung einer Schlange; aber, daß sie ihm so nahe war, ahndete er nicht. | ||
| + | |||
| + | Bald verleidete Ilsabe ihrem Mann das Haus so, daß er sich nicht mehr um Weib, Kind und Wirthschaft bekümmerte, | ||
| + | |||
| + | Sie erzählten ihm dann: daß sie schon zweimal, während seiner Reise nach [[geo: | ||
| + | |||
| + | Den 20sten November rüstete sich Hartung zu einer neuen Reise, und erfuhr noch am Abend dieses Tages, daß sich Markus schon in dem Mönchenholz habe sehen lassen. Bald nach Mitternacht fuhr er von seinem Hofe. Aber kaum war er eine Stunde gefahren, als er, in einer ihm wohlbekannten Tiefe des Waldes bei [[geo: | ||
| + | |||
| + | Bald hörten sie ein immer näher kommendes Blöken, und dann das beantwortende Hundegebell; | ||
| + | |||
| + | Hartung eilte zu seinem Wagen, fuhr nach Halle, kam mit der gewöhnlichen Ladung zur bestimmten Zeit zurück, und fand keinen Verdacht gegen sich. | ||
| + | |||
| + | Zwar war Markus vermißt, und man hatte an mehreren Orten nach ihm gefragt. Denn, der ganze Convent zu Conradsburg sah’ auf ihn als das würdigste Subjekt zu der erledigten Würde eines Küchen- und Keller-Meisters, | ||
| + | |||
| + | Aber, Stangerode war, seit dem dritten Tage nach Markus Ermordung, ein Ort des Schreckens und des Grausens. Nicht blos im Mönchenholze ging das blökende Ungethüm um, sondern es kam auch in die Häuser, und setzte sich auf Männer und Weiber. Einige Ortsbewohner, | ||
| + | |||
| + | Dieser kam, traf den [[wesen: | ||
| + | |||
| + | Ganz Stangerode zitterte vor der Wuth der hochgebietenden Herren. Es fürchtete, nicht ohne Grund, mit Feuer und Schwerdt verwüstet, oder doch ins Interdickt gelegt zu werden. Aber, sey es, daß man in Conradsburg die genaue Untersuchung einer Geschichte scheute, die das tausendzüngige Gerücht schon zu weit ausgebreitet hatte, oder, daß der Thäter nicht zu entdecken war, oder, daß das Kloster auf die Ausfüllung eines leeren Plätzchens im Märtyrer- und Heiligen-Kalender, | ||
| + | |||
| + | Von diesem Thomas-Tage an erschien der Geist des erschlagenen Bruder Markus nicht mehr in menschlicher Gestalt, sondern entweder als Hund oder als [[wesen: | ||
| + | |||
| + | Dem Referenten sey hier ein kleiner Nachtrag zu dieser Volks-Sage erlaubt. | ||
| + | |||
| + | Diese Volks-Sage, wahrscheinlich aus dem funfzehnten Jahrhundert, | ||
| + | |||
| + | Nur darin weichen die Erzähler der Volks-Sage von einander ab, daß einige den erschlagenen Mönch in der Kutte, andre ohne die Kutte verscharren lassen. Der Ausdruck „Kuttenzins“ der noch jetzt in den gerichtlichen Akten von der sonderbaren jährlichen Abgabe der Stangeröder Gemeinde gebraucht wird, hat übrigens von der Kutte, dem klösterlichen Obergewand, seinen Namen. | ||
| + | |||
| + | Noch behauptet eine erhaltene Volks-Sage: „wenn bei Abtragung des Kuttenzinses die Amtsstube nicht geöfnet wäre, so müste das Amt, zur Strafe, der Stangeröder Gemeinde eine ganz weiße Gluckhenne mit zwölf weißen Küchlein geben.“ | ||
| + | |||
| + | Die Abgabe von dreizehn Pfennigen, die jetzt so unbedeutend scheint, war damals, als man für einige Pfennige ein Paar Schuh, eine Tonne Bier, einen Sack voll Getraide, kaufen konnte, damals, als baares Geld überhaupt selten, und in manchen Dörfern kaum zu sehen war, doch wahrscheinlich eine nicht ganz kleine Last; zumal, wenn, wie die Sage will, ehedem nur die selten vorkommenden Thomaspfennige angenommen wurden, die vielleicht erst mühsam aufgesucht, und mit hohem Aufgelde eingewechselt werden mußten. | ||
| + | |||
| + | //Quelle: [[autor: | ||
| + | ---- | ||
| + | {{tag> | ||
sagen/otmarvolckssagen016.1676031999.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
