Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


sagen:otmarvolckssagen005

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

Beide Seiten der vorigen RevisionVorhergehende Überarbeitung
Nächste Überarbeitung
Vorhergehende Überarbeitung
sagen:otmarvolckssagen005 [2023/04/13 11:35] ewuschsagen:otmarvolckssagen005 [2025/01/30 17:54] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1
Zeile 1: Zeile 1:
 [[sagen:otmarvolckssagen004|<<< vorherige Sage]] |  [[sagen:otmarvolckssagen004|<<< vorherige Sage]] | 
-[[buch:volckssagen|Volcks-Sagen]] | +**[[buch:volckssagen|Volcks-Sagen]]** 
 [[sagen:otmarvolckssagen006|nächste Sage >>>]] [[sagen:otmarvolckssagen006|nächste Sage >>>]]
  
-====== Der Ritterkeller auf dem Kyffhäuser (Nachtigal) ====== +====== Der Ritterkeller auf dem Kyffhäuser ======
-((Der Kyffhäuser, oder Kipphäuser-Berg, der Brocken der goldnen Aue, der auf Atern, Sangerhausen, Wallhausen, Rosla, Stollberg u. s. w. herabsieht, hat seinen Namen von der alten Burg, die noch in ihren Trümmern Bewunderung erregt, und Kyff-Haus hieß, welches Wort ohnstreitig: Streitburg bezeichnete, von dem veralteten: kiff maken, d. h. streiten, zanken, das sich noch in „keifen“ erhalten hat. – Am Fuß dieses großen Berges liegen das Städtlein Kelbra, und die Dörfer: Tilleda, Sittendorf, die in diesen Sagen genannt werden.))+
  
-„Ein armeraber guter und immer lustiger Mann aus [[geo:Tilleda]] richtete einst eine Kindtaufe aus; es war schon die achte. Den Gevattern muste ernach Sitteeinen Schmaus geben. Der [[typ:wein|Landwein]]den er seinen Gästen vorsetztewar bald ausgetrunkenund sie forderten mehrGehsagte der lustige Kindtaufsvater zu seiner ältesten Tochtereinem hübschen sechszehnjährigen Mädchengeh’ und hole uns noch bessern [[typ:Wein]] aus dem Keller– Aus welchem Keller denn?“ – Jesagt im Scherz der Vateraus dem großen Weinkeller der alten [[typ:Ritter]] auf dem [[region:Kyffhäuser]]!+((Der Kyffhäuseroder Kipphäuser-Bergder Brocken der goldnen Aueder auf AternSangerhausenWallhausenRosla, Stollberg us. w. herabsiehthat seinen Namen von der alten Burgdie noch in ihren Trümmern Bewunderung erregt, und [[burg:kyffhausen|Kyff-Haus]] hieß, welches Wort ohnstreitig: Streitburg bezeichnete, von dem veralteten: kiff maken, dh. streiten, zanken, das sich noch in keifen“ erhalten hat. – Am Fuß dieses großen Berges liegen das Städtlein Kelbraund die Dörfer: TilledaSittendorf, die in diesen Sagen genannt werden.))
  
-Das Mädchen gehtunbefangen in seiner Einfaltmit einem kleinen Eimer in der Handden Berg hinan– In der Mitte des Berges findet sieam verfallnen Eingang eines großen Kellerssitzen eine bejahrte Schaffnerinin ganz ungewöhnlicher Trachtmit einem großen Schlüsselbunde an der Seite. Das Mädchen verstummt vor Erstaunen. Doch freundlich fragte die Alte: Gewiß willst du [[typ:Wein]] holen aus dem Ritterkeller? Ja, sagte schüchtern das Mädchen, aber, [[typ:Geld]] habe ich nicht. „Komm mit mirsprach die Schaffnerin; du sollst umsonst [[typ:Wein]] habenund bessern [[typ:Wein]], als dein Vater je gekostet hat.“+„Ein armeraber guter und immer lustiger Mann aus [[geo:Tilleda]] richtete einst eine Kindtaufe aus; es war schon die achte. Den Gevattern muste ernach Sitteeinen Schmaus gebenDer Landweinden er seinen Gästen vorsetztewar bald ausgetrunkenund sie forderten mehr. Geh, sagte der lustige Kindtaufsvater zu seiner ältesten Tochter, einem hübschen sechszehnjährigen Mädchen, geh’ und hole uns noch bessern Wein aus dem Keller– Aus welchem Keller denn?“ – Jesagt im Scherz der Vateraus dem großen Weinkeller der alten Ritter auf dem [[region:Kyffhäuser]]!
  
-Sie gingen nun beide durch einen halbverschütteten Gang, und das Mädchen muste erzählenwie es jetzt in [[geo:Tilleda]] aussähe. „Einstsagte die Alt’ hieraufeinst war auch ich so jung und schmuckwie duals mich die [[typ:Ritter]]des Nachtsdurch einem Gang unter der Erde, aus dem Hause in [[geo:Tilleda]] wegholten, das jetzt deinem Vater gehört. Kurz vorher hatten sieam hellen Mittagdie vier schönen [[typ:jungfrau|Jungfern]], die hier noch zuweilen auf den prächtig aufgeschirrten Pferden herumreiten, und dann wieder verschwinden, mit Gewalt aus [[geo:Kelbra]] [[typ:entführung|entführt]], da sie eben aus der Kirche kamen. Mich machten sie, als ich alt wurde, zur Aufseherin des Weinkellers; und das bin ich noch.“+Das Mädchen gehtunbefangen in seiner Einfaltmit einem kleinen Eimer in der Handden Berg hinan. – In der Mitte des Berges findet sieam verfallnen Eingang eines großen Kellerssitzen eine bejahrte Schaffnerinin ganz ungewöhnlicher Trachtmit einem großen Schlüsselbunde an der Seite. Das Mädchen verstummt vor Erstaunen. Doch freundlich fragte die Alte: Gewiß willst du Wein holen aus dem Ritterkeller? Jasagte schüchtern das MädchenaberGeld habe ich nicht. „Komm mit mirsprach die Schaffnerin; du sollst umsonst Wein haben, und bessern Wein, als dein Vater je gekostet hat.“
  
-Jetzt standen sie vor der Kellerthür; und die Schaffnerin schloß aufEs war ein grosser geräumiger Kellerund auf beiden Seiten lagen die Stückfässer. Die Schaffnerin klopft’ an die Fässer. Die meisten waren halb oder ganz voll. Sie nimmt den kleinen Eimer, zapft ihn voll trefflichen Weins, und sagt: „Dadas bring deinem Vater! Und so oft ein Fest in eurem Hause ist, kannst du wieder kommen; aber keinem, als deinem Vatersagewoher du den Wein hastAuch dürft ihr keinen Wein verkaufenumsonst bekommt ihr ihn; umsonst sollt ihr ihn geben! Kommt einmal einer herder Wein holen willum damit zu wucherndessen letztes [[typ:brot|Brod]] ist gebacken!+Sie gingen nun beide durch einen halbverschütteten Gang, und das Mädchen muste erzählen, wie es jetzt in Tilleda aussähe„Einstsagte die Alt’ hieraufeinst war auch ich so jung und schmuckwie du, als mich die Ritterdes Nachtsdurch einem Gang unter der Erde, aus dem Hause in Tilleda wegholten, das jetzt deinem Vater gehörtKurz vorher hatten sieam hellen Mittagdie vier schönen Jungferndie hier noch zuweilen auf den prächtig aufgeschirrten Pferden herumreitenund dann wieder verschwinden, mit Gewalt aus [[geo:Kelbra]] entführt, da sie eben aus der Kirche kamen. Mich machten sie, als ich alt wurde, zur Aufseherin des Weinkellers; und das bin ich noch.
  
-Das Mädchen brachte seinem Vater den [[typ:Wein]], der den Gästen trefflich schmeckteohne daß sie errathen konntenwoher er kam. – So oft nachmals in dem Hause ein kleines Fest warholte Ilsabe Wein vom [[region:Kyffhäuser]]in dem kleinen Eimer. Aber lange dauerte die Freude nicht. Die Nachbaren wunderten sich, woher der arme Mann den herrlichen [[typ:Wein]] bekam, der in dem ganzen Lande so gut nicht war. Der Vater sagte es keinemIlsabe auch nicht.+Jetzt standen sie vor der Kellerthür; und die Schaffnerin schloß auf. Es war ein grosser geräumiger Keller, und auf beiden Seiten lagen die Stückfässer. Die Schaffnerin klopft’ an die Fässer. Die meisten waren halb oder ganz voll. Sie nimmt den kleinen Eimerzapft ihn voll trefflichen Weinsund sagt: „Da, das bring deinem Vater! Und so oft ein Fest in eurem Hause istkannst du wieder kommen; aber keinemals deinem Vater, sage, woher du den Wein hast. Auch dürft ihr keinen Wein verkaufen, umsonst bekommt ihr ihn; umsonst sollt ihr ihn geben! Kommt einmal einer her, der Wein holen willum damit zu wuchern, dessen letztes Brod ist gebacken!“
  
-Aber gegenüber wohnte der [[typ:gastwirt|Schenkwirth]], der mit verfälschtem [[typ:Wein]] handelte. Dieser hatte den Ritterwein auch einmal gekostetund dachte: den [[typ:Wein]] könntest du mit zehnfachen Wasser verdünnenund doch theuer verkaufenEr schlich dem Mädchen nachals es zum viertenmal mit dem kleinen Eimer nach dem [[region:Kyffhäuser]] ging, versteckte sich unter dem Gebüschals es stehen blieb, und sah es nach einiger Zeit aus dem Gange, der zu dem Keller führtemit dem gefüllten Eimer heraus kommen.+Das Mädchen brachte seinem Vater den Wein, der den Gästen trefflich schmeckteohne daß sie errathen konntenwoher er kam– So oft nachmals in dem Hause ein kleines Fest warholte Ilsabe Wein vom Kyffhäuser, in dem kleinen Eimer. Aber lange dauerte die Freude nicht. Die Nachbaren wunderten sich, woher der arme Mann den herrlichen Wein bekam, der in dem ganzen Lande so gut nicht war. Der Vater sagte es keinemIlsabe auch nicht.
  
-Den nächsten Abend ging er selbst den Berg hinauf, und schob, auf einer Karre, die größte leere Tonne, die er hatte auffinden können, vor sich her. Diese dachte er mit dem trefflichen Ritterwein zu füllen, sie des Nachts den Berg herunter zu rollen, und dann alle Tage wieder zu kommen, so lange noch [[typ:Wein]] im Keller wäre.+Aber gegenüber wohnte der Schenkwirth, der mit verfälschtem Wein handelte. Dieser hatte den Ritterwein auch einmal gekostet, und dachte: den Wein könntest du mit zehnfachen Wasser verdünnen, und doch theuer verkaufen. Er schlich dem Mädchen nach, als es zum viertenmal mit dem kleinen Eimer nach dem Kyffhäuser ging, versteckte sich unter dem Gebüsch, als es stehen blieb, und sah es nach einiger Zeit aus dem Gange, der zu dem Keller führte, mit dem gefüllten Eimer heraus kommen. 
 + 
 +Den nächsten Abend ging er selbst den Berg hinauf, und schob, auf einer Karre, die größte leere Tonne, die er hatte auffinden können, vor sich her. Diese dachte er mit dem trefflichen Ritterwein zu füllen, sie des Nachts den Berg herunter zu rollen, und dann alle Tage wieder zu kommen, so lange noch Wein im Keller wäre.
  
 Als er an den Ort kam, wo er den Tag zuvor den Eingang zum Keller gesehen hatte, wurde mit einemmal alles dunkel um ihn her. Der Wind fing an fürchterlich zu heulen, und das Ungethüm warf ihn und seine Karre und seine leere Tonne von einer Felsenmauer zur andern. Er fiel immer tiefer und tiefer, und kam endlich in eine – Todtengruft. Als er an den Ort kam, wo er den Tag zuvor den Eingang zum Keller gesehen hatte, wurde mit einemmal alles dunkel um ihn her. Der Wind fing an fürchterlich zu heulen, und das Ungethüm warf ihn und seine Karre und seine leere Tonne von einer Felsenmauer zur andern. Er fiel immer tiefer und tiefer, und kam endlich in eine – Todtengruft.
Zeile 24: Zeile 25:
 Da sieht er vor sich hertragen einen schwarz behangenen Sarg; und seine Frau, und vier Nachbarinnen, die er an ihrer Kleidung und ihrem Wuchs deutlich erkannte, folgen der Bahre nach. Vor Schrecken fällt er in Ohnmacht. Da sieht er vor sich hertragen einen schwarz behangenen Sarg; und seine Frau, und vier Nachbarinnen, die er an ihrer Kleidung und ihrem Wuchs deutlich erkannte, folgen der Bahre nach. Vor Schrecken fällt er in Ohnmacht.
  
-Nach einigen Stunden erwacht er wieder, sieht sich, zu seinem Entsetzen, noch in der schwachbeleuchteten Todtengruft, und hört, gerade über seinem Kopf, die ihm wohlbekannte Thurmglocke in [[geo:Tilleda]] zwölf schlagen. Nun wuste er, daß es [[typ:geisterstunde|Mitternacht]] war, und daß er sich unter der Kirche und dem Begräbnißplatz seines Dorfes befand. Er war mehr todt als lebend, und wagte es kaum zu athmen.+Nach einigen Stunden erwacht er wieder, sieht sich, zu seinem Entsetzen, noch in der schwachbeleuchteten Todtengruft, und hört, gerade über seinem Kopf, die ihm wohlbekannte Thurmglocke in Tilleda zwölf schlagen. Nun wuste er, daß es Mitternacht war, und daß er sich unter der Kirche und dem Begräbnißplatz seines Dorfes befand. Er war mehr todt als lebend, und wagte es kaum zu athmen.
  
-Siehe! da kommt ein [[typ:Mönch]], und trägt ihn eine lange, lange Treppe hinan, schließt eine Thür auf, druckt ihm schweigend etwas [[typ:Geld]] in die Hand, und legt ihn am Fuß des Berges nieder. – Es war eine kalte eisigte Nacht.+Siehe! da kommt ein [[wesen:spukmönch|Mönch]], und trägt ihn eine lange, lange Treppe hinan, schließt eine Thür auf, druckt ihm schweigend etwas Geld in die Hand, und legt ihn am Fuß des Berges nieder. – Es war eine kalte eisigte Nacht.
  
-Allmählig erholt sich der Schenkwirth, und kriecht, ohne Tonne und Wein, seinem Hause zu. Es schlug Eins, als er es erreichte. Er muste sich sogleich ins Bette legen; und – nach drei Tagen war er todt. Das [[typ:Geld]], das ihm der verzauberte Mönch gegeben hatte, reichte gerade zu seiner Beerdigung hin.“+Allmählig erholt sich der Schenkwirth, und kriecht, ohne Tonne und Wein, seinem Hause zu. Es schlug Eins, als er es erreichte. Er muste sich sogleich ins Bette legen; und – nach drei Tagen war er todt. Das Geld, das ihm der verzauberte Mönch gegeben hatte, reichte gerade zu seiner Beerdigung hin.“
  
-//Quelle: [[autor:johann_karl_christoph_nachtigal|Johann Karl Christoph Nachtigal]]: [[buch:volckssagen|Volcks-Sagen]]. Wilmans, Bremen 1800, Seite 133; [[https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Otmar_Volcks-Sagen.pdf/133&oldid=-|Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource (Version vom 1.8.2018)]]//+//Quelle: [[autor:johann_karl_christoph_nachtigal|Johann Karl Christoph Nachtigal]]: [[buch:volckssagen|Volcks-Sagen]]. Wilmans, Bremen 1800, Seite 133//
 ---- ----
-{{tag>sagen otmar volckssagen kyffhäuser wein jungfrau geld gastwirt mönch tilleda kelbra entführung}}+{{tag>sagen otmar volckssagen kyffhäuser kyffhausen wein jungfrau geld gastwirt mönch tilleda kelbra entführung taufe keller eimer geiz gruft sarg ohnmacht spukmönch beerdigung nachdreitagen sterben v2}}
sagen/otmarvolckssagen005.1681378532.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)