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sagen:otmarvolckssagen004

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-====== Die Quäste (Otmar) ======+====== Die Quäste ======
  
 Von der [[burg:burgquestenberg|Quästenburg]], einer einst sehr berühmten Veste am Ende des [[region:harz|Harzes]], dem Schrecken der umliegenden Fluren und der vorbeireisenden Kaufleute, haben sich nur Trümmern und eine Volks-Sage, die ein jährliches Volksfest erneuert, erhalten. – Wild Gras überdeckt jetzt den Burghof, und von den Sälen, wo hochherzige Ritter ihre Gelage feierten, wo laut die Hohnlache des Raubfestes erscholl, ist kaum eine Spur vorhanden. Statt der spähenden Knappen sitzt in der moosbewachsenen Maueröfnung ein kauerndes Käuzlein. Nichts hat sich von allen den großen Gebäuden erhalten, als einige hier und dort sich erhebende Ruinen der Burgmauer, einige Keller, deren Eingänge Kröten und Schlangen und verwachsenes Gebüsch, das selbst die Gemäuer überkleidet, dem forschenden Wanderer streitig machen, eine Trümmer des vordern Thorthurms, und – das Burgverließ. Von der [[burg:burgquestenberg|Quästenburg]], einer einst sehr berühmten Veste am Ende des [[region:harz|Harzes]], dem Schrecken der umliegenden Fluren und der vorbeireisenden Kaufleute, haben sich nur Trümmern und eine Volks-Sage, die ein jährliches Volksfest erneuert, erhalten. – Wild Gras überdeckt jetzt den Burghof, und von den Sälen, wo hochherzige Ritter ihre Gelage feierten, wo laut die Hohnlache des Raubfestes erscholl, ist kaum eine Spur vorhanden. Statt der spähenden Knappen sitzt in der moosbewachsenen Maueröfnung ein kauerndes Käuzlein. Nichts hat sich von allen den großen Gebäuden erhalten, als einige hier und dort sich erhebende Ruinen der Burgmauer, einige Keller, deren Eingänge Kröten und Schlangen und verwachsenes Gebüsch, das selbst die Gemäuer überkleidet, dem forschenden Wanderer streitig machen, eine Trümmer des vordern Thorthurms, und – das Burgverließ.
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 Der Burgherr, trostlos über den Verlust seines Kindes, hatte unterdeß alle seine Knappen und Dienstleute aufgeboten, um sein verlohrnes, einziges Töchterchen zu suchen. Nach langem vergeblichen Umherirren und Suchen der Knappen, und nach vielen kummervollen Tagen, fanden endlich einige Einwohner von [[geo:rotha|Rota]] das Kind auf einer Wiese sitzen, beschäftigt sich Blumenkränze zu flechten. Es führte sie zu der Hütte des Köhlers, der es gepflegt hatte. Und bald nachher brachten sie es, unter lautem Jubel, nach der Burg zurück. Der Köhler, der es dahin begleitete, trug den Kranz, den das Kind bei seiner Hütte geflochten hatte, und überreichte ihn dem Vater, der Freudetrunken sein Töchterchen in seine Arme schloß. Der Burgherr, trostlos über den Verlust seines Kindes, hatte unterdeß alle seine Knappen und Dienstleute aufgeboten, um sein verlohrnes, einziges Töchterchen zu suchen. Nach langem vergeblichen Umherirren und Suchen der Knappen, und nach vielen kummervollen Tagen, fanden endlich einige Einwohner von [[geo:rotha|Rota]] das Kind auf einer Wiese sitzen, beschäftigt sich Blumenkränze zu flechten. Es führte sie zu der Hütte des Köhlers, der es gepflegt hatte. Und bald nachher brachten sie es, unter lautem Jubel, nach der Burg zurück. Der Köhler, der es dahin begleitete, trug den Kranz, den das Kind bei seiner Hütte geflochten hatte, und überreichte ihn dem Vater, der Freudetrunken sein Töchterchen in seine Arme schloß.
  
-Der Kranz hieß damals: Quäste. Zum Andenken dieser sonderbaren Begebenheit, nannte der Burgherr von diesem Kranze, den er heilig aufbewahrte, sein Schloß, das sonst Finsterberg hieß: die Quästenburg, schenkte, vor Freude über die Auffindung seiner Tochter, dem Köhler und der Gemeinde zu [[geo:rotha|Rota]] auf ewige Zeiten die Wiese, auf der sie das Fräulein fanden((Noch jetzt besitzt wirklich die Gemeinde von Rota, einem mansfeldischen Dorfe, anderthalb Stunden von [[geo:questenberg|Quästenberg]] entfernt, eine Wiese, welche jetzt von der Pfarre zu Quästenberg zu Lehn geht. Als Zins muß sie alle Jahr am zweiten [[zeit:pfingsten|Pfingsttage]], vor Sonnenaufgang, auf der Pfarre zu Quästenberg einige Brode abliefern; wird der Lohnzins nicht zur rechten Zeit gebracht, so hat der Prediger das Recht, sich das beste Rind aus der Heerde der Gemeine von Rota auszusuchen.)), und ordnete, aus Dankbarkeit, das Volksfest für seine Dienstmannen an, wobei ein Kranz, oder eine Quäste, an der größten Eiche des höchsten Berges in der Gegend befestigt wurde, um weithin gesehen zu werden.“+Der Kranz hieß damals: Quäste. Zum Andenken dieser sonderbaren Begebenheit, nannte der Burgherr von diesem Kranze, den er heilig aufbewahrte, sein Schloß, das sonst Finsterberg hieß: die Quästenburg, schenkte, vor Freude über die Auffindung seiner Tochter, dem Köhler und der Gemeinde zu Rota auf ewige Zeiten die Wiese, auf der sie das Fräulein fanden((Noch jetzt besitzt wirklich die Gemeinde von Rota, einem mansfeldischen Dorfe, anderthalb Stunden von [[geo:questenberg|Quästenberg]] entfernt, eine Wiese, welche jetzt von der Pfarre zu Quästenberg zu Lehn geht. Als Zins muß sie alle Jahr am zweiten [[zeit:pfingsten|Pfingsttage]], vor Sonnenaufgang, auf der Pfarre zu Quästenberg einige Brode abliefern; wird der Lohnzins nicht zur rechten Zeit gebracht, so hat der Prediger das Recht, sich das beste Rind aus der Heerde der Gemeine von Rota auszusuchen.)), und ordnete, aus Dankbarkeit, das Volksfest für seine Dienstmannen an, wobei ein Kranz, oder eine Quäste, an der größten Eiche des höchsten Berges in der Gegend befestigt wurde, um weithin gesehen zu werden.“
  
 Dieses Volksfest dauert wirklich noch fort, und ist vielleicht einzig in seiner Art. Dieses Volksfest dauert wirklich noch fort, und ist vielleicht einzig in seiner Art.
  
-Am dritten [[zeit:pfingsten|Pfingsttage]] bringen die jungen Bursche des Dorfs Questenbergs, die gröste Eiche, welche sie in dem dortigen ansehnlichen Forst haben auffinden können, unter einem kaum zu zählenden Haufen jauchzender Zuschauer aus der ganzen umliegenden Gegend, von Trompeten und Hörnern begleitet, den hohen Berg heran, der auf die Ruinen der alten [[burg:burgquestenberg|Quästenburg]] herabsieht. Sie müssen aber, dem Herkommen nach, den ungeheuern Baum, dessen vorragende Aeste sich schon vorher abgehauen haben, blos mit den Händen den Berg heranwälzen oder heraufziehen. Oben auf dem Gipfel des Berges, welcher die Gegend beherrscht, wird dann der Baum aufgerichtet, und an einem Queerbalken ein grosser Kranz von Baumzweigen geflochten, der einem Wagenrad gleicht, befestigt, und alles ruft: „Die Quäste hängt!“ Dann wird oben auf dem Berge getanzt, welches die Hauptbelustigung ist.+Am dritten [[zeit:pfingsten|Pfingsttage]] bringen die jungen Bursche des Dorfs Questenbergs, die gröste Eiche, welche sie in dem dortigen ansehnlichen Forst haben auffinden können, unter einem kaum zu zählenden Haufen jauchzender Zuschauer aus der ganzen umliegenden Gegend, von Trompeten und Hörnern begleitet, den hohen Berg heran, der auf die Ruinen der alten Quästenburg herabsieht. Sie müssen aber, dem Herkommen nach, den ungeheuern Baum, dessen vorragende Aeste sich schon vorher abgehauen haben, blos mit den Händen den Berg heranwälzen oder heraufziehen. Oben auf dem Gipfel des Berges, welcher die Gegend beherrscht, wird dann der Baum aufgerichtet, und an einem Queerbalken ein grosser Kranz von Baumzweigen geflochten, der einem Wagenrad gleicht, befestigt, und alles ruft: „Die Quäste hängt!“ Dann wird oben auf dem Berge getanzt, welches die Hauptbelustigung ist.
  
 Nach einigen Stunden, zieht die ganze versammelte Menge, unter weitschallender Musik, in Procession den Berg herab, und nach dem Hause des Predigers in Questenberg, den sie zu einem feierlichen Gottesdienst in der Kirche abholen, womit sich das Volksfest beschließt. – Die Eiche, welche nach dem Fällen verkauft wird, und die Kosten des Fests trägt, bleibt ein Jahrlang auf dem Berge aufgerichtet stehen. Den großen Kranz von Baumzweigen nennen die Bewohner der Gegend: die Quäste. Nach einigen Stunden, zieht die ganze versammelte Menge, unter weitschallender Musik, in Procession den Berg herab, und nach dem Hause des Predigers in Questenberg, den sie zu einem feierlichen Gottesdienst in der Kirche abholen, womit sich das Volksfest beschließt. – Die Eiche, welche nach dem Fällen verkauft wird, und die Kosten des Fests trägt, bleibt ein Jahrlang auf dem Berge aufgerichtet stehen. Den großen Kranz von Baumzweigen nennen die Bewohner der Gegend: die Quäste.
  
-//Quelle: [[autor:johann_karl_christoph_nachtigal|Johann Karl Christoph Nachtigal]]: [[buch:volckssagen|Volcks-Sagen]]. Wilmans, Bremen 1800, Seite 123; [[https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Otmar_Volcks-Sagen.pdf/123&oldid=-|Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource (Version vom 1.8.2018)]]+//Quelle: [[autor:johann_karl_christoph_nachtigal|Johann Karl Christoph Nachtigal]]: [[buch:volckssagen|Volcks-Sagen]]. Wilmans, Bremen 1800, Seite 123]]
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