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sagen:otmarvolckssagen002

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sagen:otmarvolckssagen002 [2024/02/07 12:54] ewuschsagen:otmarvolckssagen002 [2025/01/30 17:54] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1
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 Aber, in diesem Augenblick sprengte Jungkherr Veit, mit einigen reisigen Knappen und einer ganzen Meute Hunde, heran, fluchte, als Jakobs Nachbarin, Marie, ihm den Vorfall aus dem Fenster zurief, alle [[wesen:Teufel]] aus der Hölle auf die Bauern herab, mißhandelte den wehrlosen Jakob aufs grausamste, und ließ ihn halbtodt nach seiner Burg schleppen, die etwa eine Stunde vom Dorfe, dessen hochgebietender Herr er war, im Walde versteckt lag. Aber, in diesem Augenblick sprengte Jungkherr Veit, mit einigen reisigen Knappen und einer ganzen Meute Hunde, heran, fluchte, als Jakobs Nachbarin, Marie, ihm den Vorfall aus dem Fenster zurief, alle [[wesen:Teufel]] aus der Hölle auf die Bauern herab, mißhandelte den wehrlosen Jakob aufs grausamste, und ließ ihn halbtodt nach seiner Burg schleppen, die etwa eine Stunde vom Dorfe, dessen hochgebietender Herr er war, im Walde versteckt lag.
  
-Es war die Zeit des Faustrechts, wo der übermächtige Ritter, der, bei der Ohnmacht der Fürsten, keinen Obern über sich erkannte, nur von Rechten, nie von Pflichten sprach, dem unterdrückten Landmann aber keine Rechte zugestand; wo der Bauer fast als Leibeigner und als Waare betrachtet wurde, die der Besitzer nach Willkühr verkaufen oder umsetzen könnte. – Und so fiel es Niemanden ein, Jakobs Rechtfertigung zu hören, oder seine Vertheidigung zu übernehmen. Er schmachtete fünf Monate, von Kälte und Hunger und Ungeziefer gepeinigt, in einem Gefängniß, das man das Hundeloch nannte, ob es gleich für Menschen bestimmt war, und ein Stück verschimmeltes Brod war sein höchstes Glück.+Es war die Zeit des [[lex:faustrecht|Faustrechts]], wo der übermächtige Ritter, der, bei der Ohnmacht der Fürsten, keinen Obern über sich erkannte, nur von Rechten, nie von Pflichten sprach, dem unterdrückten Landmann aber keine Rechte zugestand; wo der Bauer fast als Leibeigner und als Waare betrachtet wurde, die der Besitzer nach Willkühr verkaufen oder umsetzen könnte. – Und so fiel es Niemanden ein, Jakobs Rechtfertigung zu hören, oder seine Vertheidigung zu übernehmen. Er schmachtete fünf Monate, von Kälte und Hunger und Ungeziefer gepeinigt, in einem Gefängniß, das man das Hundeloch nannte, ob es gleich für Menschen bestimmt war, und ein Stück verschimmeltes Brod war sein höchstes Glück.
  
 Doch mehr als dies alles kränkte ihn der Uebermuth der Knappen, die, auf Veits Reizung, ihn alle Tage verhöhnten, und am meisten der bittre, herznagende Spott der stolzen Kathrine; so nannte man das einzige Kind des Jungkherrn. Diese, der Liebling und das Ebenbild ihres Vaters, ritt alle Tage mit ihm auf die Jagd, und, wenn sie vor Jakobs Gefängniß vorbei kam, welches in der Thür eine Oefnung hatte, um etwas Luft, und das Brod, das man ihm zuwarf, aufzunehmen, hetzte sie, unter der lauten Hohnlache des Vaters, die Hunde gegen Jakob an, und fragte mit kreischender Stimme: Ob der Hund die Hunde nicht wegprügeln wollte? Ob er, oder sein Sohn, nicht etwa ein Fräulein, wie sie, zur Frau haben wollte, da ihm Marie nicht gut genug gewesen sey? u. s. w. Auch erlaubte sie sich dabei noch manches, das die Ehrbarkeit verschweigt, und das man von einem zwanzigjährigen Fräulein nur bei solcher Zucht erwarten konnte. Doch mehr als dies alles kränkte ihn der Uebermuth der Knappen, die, auf Veits Reizung, ihn alle Tage verhöhnten, und am meisten der bittre, herznagende Spott der stolzen Kathrine; so nannte man das einzige Kind des Jungkherrn. Diese, der Liebling und das Ebenbild ihres Vaters, ritt alle Tage mit ihm auf die Jagd, und, wenn sie vor Jakobs Gefängniß vorbei kam, welches in der Thür eine Oefnung hatte, um etwas Luft, und das Brod, das man ihm zuwarf, aufzunehmen, hetzte sie, unter der lauten Hohnlache des Vaters, die Hunde gegen Jakob an, und fragte mit kreischender Stimme: Ob der Hund die Hunde nicht wegprügeln wollte? Ob er, oder sein Sohn, nicht etwa ein Fräulein, wie sie, zur Frau haben wollte, da ihm Marie nicht gut genug gewesen sey? u. s. w. Auch erlaubte sie sich dabei noch manches, das die Ehrbarkeit verschweigt, und das man von einem zwanzigjährigen Fräulein nur bei solcher Zucht erwarten konnte.
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 Jetzt meldete ihm Friede, der von einer Wanderung zurückkam, daß ihr Aufenthalt in der Höle nicht mehr sicher sey, und daß Veits Buben den nächsten Tag die Rothenburg und den [[region:Kyffhäuser]]-Berg durchsuchen würden. Jakob eilte daher, mit anbrechender Nacht, in das dunkelere [[region:harz|Harzgebirg]] bei Stollberg, und von da, nach einigen Tagen, nach dem damals undurchdringlichen Walde bei Lora. Hier spähte er, bei seinem Umherirren, endlich einen sichern Aufenthalt aus, der ihn Jahre lang vor Nachstellungen aller Art schützte. Jetzt meldete ihm Friede, der von einer Wanderung zurückkam, daß ihr Aufenthalt in der Höle nicht mehr sicher sey, und daß Veits Buben den nächsten Tag die Rothenburg und den [[region:Kyffhäuser]]-Berg durchsuchen würden. Jakob eilte daher, mit anbrechender Nacht, in das dunkelere [[region:harz|Harzgebirg]] bei Stollberg, und von da, nach einigen Tagen, nach dem damals undurchdringlichen Walde bei Lora. Hier spähte er, bei seinem Umherirren, endlich einen sichern Aufenthalt aus, der ihn Jahre lang vor Nachstellungen aller Art schützte.
  
-Zwischen der [[burg:lohra|Bergveste Lora]] und den Dörfern Wüllferoda und Sollstädt, entdeckt der Forscher, im Dunkel des Gehölzes, einen felsigten dornbewachsenen Bergrücken, und auf beiden Seiten Schaudererregende Abgründe, zwischen denen nur der kühne und nicht schwindelnde Wanderer über die Felsenwand hinzugehen wagt. Am andern Ende des Bergrückens sieht er dann einen steilen verwachsenen Abhang, und, wenn er diesen mühsam herabgeklommen ist, dicht vor sich zwei majestätische Felsenwände, die einen Zwischenraum von einigen Fußen zum Durchgang öfnen, von oben herab aber zu einem festen Ganzen vereinigt scheinen. Zwischen ihnen zieht sich allmählig herab eine Schluft, die in der Tiefe, hinter dichtem Gesträuch, den Eingang zu einer kleinen Höle verbirgt, durch die man seitwärts zu einer größern sehr geräumigen Höle aufsteigt. - Unbekannt war diese Schluft und diese Höle damals den Bewohnern des loraischen Gau’s; und noch jetzt berührt sie selten ein menschlicher Fußtritt, obgleich das Gebirge jetzt weniger wild und verwachsen, und der Zugang mehr gebahnt ist, als in der Vorzeit.+Zwischen der [[burg:burglohra|Bergveste Lora]] und den Dörfern Wüllferoda und [[geo:sollstedt|Sollstädt]], entdeckt der Forscher, im Dunkel des Gehölzes, einen felsigten dornbewachsenen Bergrücken, und auf beiden Seiten Schaudererregende Abgründe, zwischen denen nur der kühne und nicht schwindelnde Wanderer über die Felsenwand hinzugehen wagt. Am andern Ende des Bergrückens sieht er dann einen steilen verwachsenen Abhang, und, wenn er diesen mühsam herabgeklommen ist, dicht vor sich zwei majestätische Felsenwände, die einen Zwischenraum von einigen Fußen zum Durchgang öfnen, von oben herab aber zu einem festen Ganzen vereinigt scheinen. Zwischen ihnen zieht sich allmählig herab eine Schluft, die in der Tiefe, hinter dichtem Gesträuch, den Eingang zu einer kleinen Höle verbirgt, durch die man seitwärts zu einer größern sehr geräumigen Höle aufsteigt. - Unbekannt war diese Schluft und diese Höle damals den Bewohnern des loraischen Gau’s; und noch jetzt berührt sie selten ein menschlicher Fußtritt, obgleich das Gebirge jetzt weniger wild und verwachsen, und der Zugang mehr gebahnt ist, als in der Vorzeit.
  
 Hier beschloß Jakob zu wohnen. Hieher brachte Friede die erbettelten Lebensmittel, und Werkzeuge und Kleidungsstücke mancherlei Art. Und Jakob richtete unterdeß seinen Packan ab, bahnte sich allmählig einen Fußsteig, den felsigten Abhang herab, und - sann auf Rache. Fluch dem Jungkherrn Veit war sein erster Gedanke am Morgen; Fluch allen Burgbeherrschern, die ihre Bauern unter das Vieh erniedrigten! sein letzter Gedanke am Abend. Hier beschloß Jakob zu wohnen. Hieher brachte Friede die erbettelten Lebensmittel, und Werkzeuge und Kleidungsstücke mancherlei Art. Und Jakob richtete unterdeß seinen Packan ab, bahnte sich allmählig einen Fußsteig, den felsigten Abhang herab, und - sann auf Rache. Fluch dem Jungkherrn Veit war sein erster Gedanke am Morgen; Fluch allen Burgbeherrschern, die ihre Bauern unter das Vieh erniedrigten! sein letzter Gedanke am Abend.
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 Aber Jakob und seine Söhne wurden, durch den häufigen Genuß berauschender Getränke und des rohen Fleisches, durch den steten Anblick gewürgter und zerrißner Thiere, und durch die immer wiederkehrenden Entwürfe der Rache, wovon sie einzig nur sprachen, immer raubsüchtiger, blutdürstiger und tigerartiger, gleich ihren Hunden. Aber Jakob und seine Söhne wurden, durch den häufigen Genuß berauschender Getränke und des rohen Fleisches, durch den steten Anblick gewürgter und zerrißner Thiere, und durch die immer wiederkehrenden Entwürfe der Rache, wovon sie einzig nur sprachen, immer raubsüchtiger, blutdürstiger und tigerartiger, gleich ihren Hunden.
  
-Sie wurden förmliche Straßenräuber, und wagten es endlich, sich auch am Tage auf den Heerstraßen zu zeigen, die durch die [[region:goldeneaue|„goldne Aue“]] führen, und jeden Vorbeireisenden, bei dem sie Geld oder Kaufmannswaare vermutheten, ohne Unterschied des Standes, zu berauben, und, bei dem geringsten Widerstande, zu ermorden. Aber dieser Eingriff in das Handwerk brachte die Raubritter, die damals rings um die goldne Aue her, auf der [[burg:questenberg|Quästenburg]], der Rothenburg, dem Kyffhaus, der Sachsenburg u. s. w. hauseten, in Wuth. Sie verbanden sich zum förmlichen Kriege gegen die schwarze Rotte; und diese, durch Uebermacht geschreckt, sah sich genöthigt, das offenbare Rauben jenen zu überlassen.+Sie wurden förmliche Straßenräuber, und wagten es endlich, sich auch am Tage auf den Heerstraßen zu zeigen, die durch die [[region:goldeneaue|„goldne Aue“]] führen, und jeden Vorbeireisenden, bei dem sie Geld oder Kaufmannswaare vermutheten, ohne Unterschied des Standes, zu berauben, und, bei dem geringsten Widerstande, zu ermorden. Aber dieser Eingriff in das Handwerk brachte die Raubritter, die damals rings um die goldne Aue her, auf der [[burg:burgquestenberg|Quästenburg]], der [[burg:rothenburgthueringen|Rothenburg]], dem [[burg:kyffhausen|Kyffhaus]], der Sachsenburg u. s. w. hauseten, in Wuth. Sie verbanden sich zum förmlichen Kriege gegen die schwarze Rotte; und diese, durch Uebermacht geschreckt, sah sich genöthigt, das offenbare Rauben jenen zu überlassen.
  
 Sie kehrten zu dem alten Kunstgriff zurück, des Nachts als [[wesen:Teufel]] zu erscheinen, und verübten, in ihrem Wahnsinn, einige Zeit viele Abscheulichkeiten, selbst in den Häusern des Landvolks in der goldnen Aue. Sie kehrten zu dem alten Kunstgriff zurück, des Nachts als [[wesen:Teufel]] zu erscheinen, und verübten, in ihrem Wahnsinn, einige Zeit viele Abscheulichkeiten, selbst in den Häusern des Landvolks in der goldnen Aue.
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 Vor seiner Hinrichtung mußte Jakob seinen Richtern und dem herzuströmenden Volk seinen lange verborgenen Aufenthalt zeigen. Man fand hier die drei schwarzen Pferde der Räuber an ihrer Krippe. Und noch jetzt heißt davon die halb verschüttete Höle: Nimmernüchterns Pferdestall. Vor seiner Hinrichtung mußte Jakob seinen Richtern und dem herzuströmenden Volk seinen lange verborgenen Aufenthalt zeigen. Man fand hier die drei schwarzen Pferde der Räuber an ihrer Krippe. Und noch jetzt heißt davon die halb verschüttete Höle: Nimmernüchterns Pferdestall.
  
-//Quelle: [[autor:johann_karl_christoph_nachtigal|Johann Karl Christoph Nachtigal]]: [[buch:volckssagen|Volcks-Sagen]]. Wilmans, Bremen 1800, Seite 81; [[https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Otmar_Volcks-Sagen.pdf/81&oldid=-|Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource (Version vom 1.8.2018)]]//+//Quelle: [[autor:johann_karl_christoph_nachtigal|Johann Karl Christoph Nachtigal]]: [[buch:volckssagen|Volcks-Sagen]]. Wilmans, Bremen 1800, Seite 81//
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