sagen:hamburgsagen076
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| + | ====== Der ewige Jude in Hamburg ====== | ||
| + | (1547) | ||
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| + | Nach einer alten Druckschrift: | ||
| + | Chrysostomo Dadalaeo Westphalo, o. J. nebst Abbildung und Anhang. Danzig 1602. | ||
| + | Ein neuerer Abdruck davon ist das häufig vorkommende Volksbuch. | ||
| + | Benutzt ist Grässe’s Schrift über die Sage vom ewigen Juden. | ||
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| + | Unter den vielen und großen Vorzügen, die Hamburg vor andern Städten genießt, ist einer von allen Lobrednern unserer Vaterstadt stets übersehen: daß Ahasverus, der ewige Jude, dessen Umherirren im Morgenlande zwar längst bekannt gewesen sein mag, im Abendlande zu allererst in Hamburg aufgerteten ist. | ||
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| + | Es war im Winter 1547, als man Sonntags in einer der Hamburgischen Kirchen einen fremden Mann bemerkte, dessen seltsames Aussehen und Benehmen die Andacht der frommen Gemeinde störte. Er schien etwa 50 Jahre alt und war von sehr großer hagerer Gestalt, mit lang auf Schultern und Brust herabwallendem Haupt- und Baarthaare; bekleidet war er, trotz des kalten Winters, nur mit linnenen, an den Füßen zerrissenen Hosen, mit einem Leibrock bis ans Knie, und mit einem darüber gehängten sehr langen Mantel oder Talar, übrigens aber baarfuß. Ob nun auch er die Aufmerksamkeit Vieler erregt hat, so ist in seimem Benehmen doch nichts als die inbrünstigste Andacht und Demuth zu erkennen gewesen; der Kanzel grade gegenüber hat er gestanden, und den Pastor (der darüber beinah aus dem Contexte gefallen) aufmerksam angeblickt, um kein Wort der Predigt zu verlieren; und jedesmal bei Nennung des Namens unseres Heilandes hat er sich äußerst tief und ehrerbietig verneigt, an seine Brust geschlagen und dabei merklich geseufzet. Nach dem Gottesdienste ist er gesenkten Hauptes still hinaus gegangen. | ||
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| + | Unter den Kirchgängern ist nun auch Paul von Eitzen gewesen, eines hiesigen Bürgers Sohn, damals grade von Wittenberg, allwo er Theologie studieret, zum Besuch hier anwesend. Der hat aus Wißbegier dem befremdlichen Manne weiter nachgeforscht, | ||
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| + | Und auf solche schier unglaublich klingende Aussage hat Paulus von Eitzen den Mag. Matthäus Delius, Rector der Schule hieselbst, geholt; der war in den Historien der alten Welt trefflich belesen, und kannte aller Dinge Verlauf, und hat den Pilgrim examinirt, und dann mit größter Verwunderung bekannt, Alles, was der Fremdling angebe, sei richtig und stimme vollkommen mit den Geschichten der Evangelisten und alter Historienschreiber, | ||
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| + | Darauf ist er noch einige Zeit in Hamburg geblieben, hat Alles wohl betrachtet und sich sonst stille verhalten, nur daß er viel in den Kirchen verkehret hat, daraus ein Hochehrwürdiges Ministerium hat schließen wollen, daß er dem lutherischen Glauben sich sehr zuneige. Im Uebrigen ist von ihm noch zu bemerken, daß er die Sprache jedes Landes, dahin er gekommen, alsobald ohne Erlernung inne gehabt und fertig gesprochen hat, wie er denn auch allhier nicht nur die Hochdeutsche, | ||
| + | „Der ewige Jude lauft durch die Welt,\\ | ||
| + | Spricht alle Sprachen, veracht’t das Geld.“)) und wenn Jemand ihm etwas ihm verehret, hat er nie mehr denn etwa 2 [Sch.]((Schilling)) angenommen, da er keines Geldes bedürfe, weil Gott ihn doch nicht Hungers sterben lasse. Und wo in Hamburg er zu Gaste geladen ist, da hat er sehr mäßig gessen und trunken, nur so viel, als zur Körpers Sättigung nöthig, daß die Hamburger sich gar sehr darüber verwundert haben. Und Fluchreden hat er ganz nicht hören können; und so Jemand bei Gottes Marter oder Christi Blut gefluchet, hat er sich heftig verbittert über solchen Mißbrauch der allerheiligsten Dinge, und hat den Frevler scharf vermahnt und ihm sein eigen Exempel unter Augen geführet. – Darnach plötzlich eines schönen Morgens ist der ewige Jude von Hamburg weggeschwunden gewesen. Wohin er dann gepilgert, das gehört nicht hieher. | ||
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| + | Herr Paulus von Eitzen ist nachmalen ein großer Doctor der Theologie, auch Dom-Pastor und Superintendent allhier, später zu Schleswig, gewesen, dessen brieflich Zengniß haben gute Freunde in Druck ergehen lassen, daraus diese Geschichte genommen ist. Nach alten Chroniken ist Ahasverus später wiederum hieher gekommen; da heißt es: „Ao. 1606 Jüdischer Umblaufer kommt nacher Hamburg, der nicht sterben kann, sondern muß immerfort wandern, sintemal er das Crucifige über den Heiland geschrieen und hat den müden Herrn von seinem Hause weggestoßen, | ||
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sagen/hamburgsagen076.1711537174.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
