sagen:hamburgsagen044
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| + | ====== Von Claus Störtebeker und Godeke Michels ====== | ||
| + | (1394–1402) | ||
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| + | Vorzüglich nach Laurent’s und Lappenberg’s Zusammenstellungen in der Zeitschrift | ||
| + | für Hamb. Geschichte, Bd. II. 43, 93, 285 (das Volkslied) und 594. Daneben andere | ||
| + | geschichtliche Quellen, und in Betreff der Sagen: Müllenhoff, | ||
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| + | Unter den Vitalienbrüdern, | ||
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| + | Claus Störtebeker ist – so erzählt die Sage – bevor er ein Seeräuber geworden, ein Edelmann gewesen und zu Halsmühlen bei Verden geboren. Es behaupten freilich auch an der Ostsee viele Städte und Orte, daß er dort geboren sei, z. B. Wismar, aber das mag hier unerörtert bleiben. In seinen jungen Jahren hat er lustig gelebt, hat Fehden ausgefochten, | ||
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| + | Derzeit war das Haupt derselben Godeke Michels (nach heutiger Art zu sprechen: Gottfried Michaelsen), | ||
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| + | Als die Raubgesellen einstmals die Nordsee recht rein geplündert hatten, fuhren sie nach Spanien, um dort zu rauben. Störtebeker und Godeke Michels machten wie immer gleiche Theile der Beute, nur die Reliquien des heiligen Vincentius, die sie aus einer Kirche genommen, behielten sie für sich und trugen sie seitdem unter ihrem Wams auf der bloßen Brust. Und daher ist’s gekommen, daß sie hieb- und schußfest gewesen sind; kein Schwert und Dolch, keine Armbrust, Büchse oder Karthaune hat sie je verwunden, geschweige denn tödten können – so ging die Sage. | ||
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| + | Und nach ihrer Vertreibung aus der Ostsee haben sie von ihren Schlupfwinkeln auf Rügen und andern Orten lassen müssen. Darauf haben sie aber in Ostfriesland gute Freunde gewonnen und dort ihren Raub bergen und verkaufen können. Sonderlich bei Marienhaven haben sie viel verkehrt und daselbst giebt’s noch viele Erinnerungen an Störtebeker. Der Häuptling, Keno then Brooke, wurde sein Schwiegervater, | ||
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| + | Wenn Störtebeker Gefangene machte, die ein Lösegeld versprachen, | ||
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| + | Störtebeker und Godeke Michels haben auch zuweilen Reue über ihr Leben gefühlt. Und deshalb soll Jeder von ihnen dem Dom zu Verden sieben Fenster, zur Abbüßung ihrer sieben Todsünden, geschenkt haben; das Störtebeker’sche Wahrzeichen, | ||
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| + | Ao. 1400 nun ließen die Hansen eine Flotte nach Ostfriesland gehen, um dem Unwesen zu steuern. Die Hamburger Schiffe befehligten die Rathsherren Albert Schreye und Johann Ranne. Sie besiegten die dort liegenden Vitalianer, erschlugen viele Raubgesellen und übten Standrecht an den Gefangenen. Dann eroberten sie Stadt und Burg Emden, und legten Hansische Besatzung hinein. Auch Keno then Brooke mußte seine Burg zu Aurich abtreten, weil er’s, gegen frühere Zusage, doch wieder mit Störtebeker gehalten hatte, und mußte dann nach Lübeck gehen, sich zu entschuldigen beim Hansatage. | ||
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| + | Nun heißt es: wie die beiden Hamburgischen Rathsherren so eben den neuen Friedensvertrag mit Keno abgeschlossen und die Halle verlassen hätten, da sei Störtebeker aus seinem Versteck hereingetreten, | ||
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| + | In der That hat noch in demselben Jahre die Hansische Flotte einen neuen Sieg über die Vitalianer erfochten, wobei ihrer 80 geblieben, 30 aber gefangen und in Hamburg am Grasbrook enthauptet worden sind. Der Nachrichter hat für jeden Kopf 8 [Sh.]((Schilling)) erhalten, sein Knecht aber 20 [Sh.], fürs Einscharren der Leiber. Die Köpfe wurden auf Pfähle gesteckt. Eben so gewiß ist’s, daß 1401 wiederum die Hamburgischen Schiffe unter den Rathsherren Nicolas Schocke und Hinrich Jennefeld den Seeräubern in der Weser eine Niederlage beigebracht, | ||
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| + | Aber so lange Störtebeker und Godeke Michels am Leben waren, durfte man im Kampfe nicht nachlassen. Darum wurde 1402 aufs Neue eine Hamburgische Flotte ausgerüstet unter dem Oberbefehl der eben genannten Rathsherren. Das Hauptschiff hieß „die bunte Kuh,“ oder wie es in einem alten Volksliede genannt wird: „die durch das Meer brausende bunte Kuh aus Flaudern mit den starken Hörnern.“ Dies Schiff befehligte der Eigenthümer desselben, ein junger Kriegsheld, der sich unsterblichen Ruhm bei den Hamburgern erworben hat: Simon von Utrecht. | ||
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| + | Die Vitalianer lagen bei Helgoland, wo sie auf die Hamburger Englandsfahrer lauerten, welche nun von den Kriegsschiffen begleitet in See stachen. Gegen Dunkelwerden näherte sich die Hamburgische Flotte. Es heißt: da wäre ein Blankeneser Fischer in seiner Jolle heimlich an das Hintertheil des größten der Piratenschiffe gekommen, und hätte geschmolzenes Blei in die Angelröhre des Steuerruders gegossen, wodurch dieses fest gelöthet, also unbrauchbar gemacht sei. | ||
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| + | Am andern Morgen aber begannen die Hamburger den Kampf; das alte Volkslied sagt, der Kampf habe drei Tage und drei Nächte gedauert; jedenfalls erst nach langer verzweifelter Gegenwehr Störtebeker’s und seiner Genossen (welche das ihnen als Gefangenen bevorstehende Loos zu gut kannten, um nicht ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen), neigte sich zuletzt ein vollständiger Sieg auf die Seite der Hamburger. | ||
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| + | Die „bunte Kuh“ unter Simon von Utrecht verrichtete Wunder der Tapferkeit; sie ging „brausend durch die wilde See“ und rannte mit „ihren starken Hörnern“ gleich das erste Piratenschiff so kräftig an, daß dessen Border-Castell zerbarst. Das Nähere von Simon’s und der übrigen Hamburger Thaten ist uns nicht aufgezeichnet, | ||
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| + | In Hamburg machte man, kraft des vom Kaiser verliehenen Blutbannes über Seeräuber, kurzen Proceß mit den Gefangenen. Störtebeker saß in einem Keller des Rathhauses, der, so lange dasselbe gestanden hat, „Störtebeker’s Loch“ genannt worden ist. Die Sage erzählt: als man sein Todesurtheil ihm verkündet, hat er nicht gern daran gemocht, und hat für Leben und Freiheit dem Rath eine goldene Kette geboten, so lang, daß man den ganzen Dom, ja die Stadt damit umschließen könne; die wolle er aus seinen vergrabenen Schätzen herbeischaffen. Der Rath aber hat solch’ Anerbieten mit Entrüstung von sich gewiesen und der Justiz freien Lauf gelassen. | ||
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| + | Schon folgenden Tags fand die Hinrichtung auf dem Grasbrook statt. Das Volkslied sagt, daß diese 72 wilden verwegenen Gesellen, die ihrer Bitte gemäß, im besten Gewande so stattlich und mannhaft hinter Trommlern und Pfeifern in den Tod geschritten, | ||
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| + | Der Sage nach durchsuchten die Hamburger Störtebeker’s Schiff besonders eifrig nach seinen ungeheuren Schätzen. Außer einigen Pokalen und anderem Geräth fanden sie aber anfangs nichts, bis endlich ein Zimmermann, der mit der Axt zufällig gegen den Hauptmast schlug, eine Höhlung darin entdeckte, welche voll geschmolzenen Goldes war. Von diesem Schatze wurden die beraubten Hamburger Bürger entschädigt, | ||
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| + | Aber noch war Godeke Michels mit dem Rest der Vitalienbrüder zu vertilgen. Gleich nach Störtebeker’s Hinrichtung liefen die Hamburger wieder in die Nordsee, um ihr Werk zu vollenden. Wiederum war es Simon von Utrecht auf seiner bunten Kuh, dem nach den alten Berichten der Preis auch dieses Seezuges gebührt, der mit völliger Niederlage der Piraten endete. Unter den 80 nach Hamburg gebrachten Gefangenen war Godeke Michels mit seinem Unterhauptmann Wigbold, einem gelehrten Magister der Weltweisheit, | ||
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| + | Auch diese 80 Seeräuber wurden ebenso wie ihre früheren Spießgesellen auf dem Grasbrook enthauptet. Das Volkslied sagt ungefähr: | ||
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| + | Der Büttel, der hieß Rosenfeld, | ||
| + | Der hieb so manchen stolzen Held\\ | ||
| + | Zu Tod’ mit frischem Muthe;\\ | ||
| + | Er stund wohl in geschnürten Schuh’n\\ | ||
| + | Bis an die Enkel im Blute.\\ | ||
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| + | Die Sage geht noch weiter. Als der Ehrbare Rath, welcher der Hinrichtung beigewohnt, die schwere Arbeit des Scharfrichters wahrgenommen, | ||
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| + | Störtebeker’s Andenken haben noch verschiedene in Hamburg als Curiositäten und Merkwürdigkeiten aufbewahrte Dinge frisch erhalten. Eine kleine Flöte oder Pfeife, mit der er auf dem Schiff im Sturm oder Kampf seine Signale gegeben, soll früher nebst dazu gehöriger silberner Halskette in der Kämmerei gewesen sein. Eine 19 Fuß lange eiserne Kanone (sogenannte Feldschlange), | ||
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| + | Als größte Merkwürdigkeit Hamburgs aber und als zweites Wahrzeichen der Stadt (das erste und älteste war der Esel mit dem Dudelsack im Dom) galt der sogenannte Störtebeker, | ||
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| + | Uebrigens scheint Herr Nicolas Schocke bald nach jenen Siegen eine Wallfahrt nach St. Jacob von Compostella gemacht zu haben, wenigstens empfing er hierfür eine Summe Geldes aus der Stadtcasse. Ob er den Dank der Stadt Hamburg an jenem hochgefeierten Heiligthum darbringen, ob er damit ein Gelübde erfüllen, oder ob er etwa die bei Störtebeker und Godeke Michels gefundenen Reliquien des heiligen Vincenz nach Spanien zurückbringen sollte? darüber findet sich nichts aufgezeichnet. Daß Störtebeker’s Besiegung für ein höchst denkwürdiges Ereigniß geachtet wurde, beweist auch, daß eine Medaille mit seinem Bildniß und passender Inschrift geschlagen wurde. Als sein Portrait hat man Jahrhunderte lang einen oft vervielfältigen alten Kupferstich mit grimmigen Gesichtszügen bewundert, der indessen nach neuen Forschungen für unächt gehalten wird. | ||
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| + | Das alte „Störtebeker-Lied“ wurde noch vor 150 Jahren vielfach im Volke gesungen. Seitdem ist der Held der Vitalianer und sein Ende noch oftmals als Gegenstand dramatischer Werke, in Opern und Trauerspielen, | ||
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| + | Das oft erwähnte Volkslied schließt etwa so: | ||
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| + | O Hamburg, du gewannst den Preis!\\ | ||
| + | Die Räuber all’ sind Häufenweis’\\ | ||
| + | Durch deinen Sieg gestorben.\\ | ||
| + | Die gold’ne Kron’ gebühret dir,\\ | ||
| + | Den Ruhm hast du erworben!\\ | ||
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| + | //Quelle: [[autor: | ||
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