sagen:grimmds2-533
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| - | Eine Burg liegt in Schwabenland, | + | Eine Burg liegt in Schwabenland, |
| Nicht lange, so kamen ihm entgegen geritten ein Ritter und eine Frau, beide von edlem Aussehen; er grüßte sie höflich, aber sie schwiegen, ohne ihm zu neigen; da sah er derselben Leute noch mehr herbei ziehen. Ulrich hielt beiseit in dem Tann, bis fünfhundert Männer und eben so viel Weiber vorüber kamen, alle in stummer, schweigender Gebärde und ohne seine Grüße zu erwidern. | Nicht lange, so kamen ihm entgegen geritten ein Ritter und eine Frau, beide von edlem Aussehen; er grüßte sie höflich, aber sie schwiegen, ohne ihm zu neigen; da sah er derselben Leute noch mehr herbei ziehen. Ulrich hielt beiseit in dem Tann, bis fünfhundert Männer und eben so viel Weiber vorüber kamen, alle in stummer, schweigender Gebärde und ohne seine Grüße zu erwidern. | ||
| - | Zu hinterst an der Schaar fuhr eine Frau allein, ohne Mann, die antwortete auf seinen Gruß: Gott vergelts! Ritter Ulrich war froh, Gott nennen zu hören, und begann diese Frau weiter zu fragen nach dem Zuge, und was es für Leute wären, die ihm ihren Gruß nicht gegönnt hätten? „Laßt’s euch nicht verdrießen – sagte die Frau – wir grüßen nicht, denn wir sind todte Leute.“ – „Wie kommt’s aber, daß euer Mund frisch und roth steht?“ – „Das ist nur der Schein; vor dreißig Jahren war mein Leib schon erstorben und verweset, aber die [[typ:Seele]] leidet Qual.“ – „Warum zoget ihr allein, das nimmt mich [[typ:Wunder]], da ich doch jede Frau sammt einem [[typ:Ritter]] fahren sah?“ – „Der Ritter, den ich haben soll, der ist noch nicht todt, und gerne wollt ich lieber allein fahren, wenn er noch Buße thäte und seine Sünde bereute.“ – „Wie heißt er mit Namen?“ – „Er ist genannt von Schenkenburg.“ – „Den kenne ich wohl, er hob mir ein Kind aus der [[typ:Taufe]]; gern möchte ich ihm hinterbringen, | + | Zu hinterst an der Schaar fuhr eine Frau allein, ohne Mann, die antwortete auf seinen Gruß: Gott vergelts! Ritter Ulrich war froh, Gott nennen zu hören, und begann diese Frau weiter zu fragen nach dem Zuge, und was es für Leute wären, die ihm ihren Gruß nicht gegönnt hätten? „Laßt’s euch nicht verdrießen – sagte die Frau – wir grüßen nicht, denn wir sind todte Leute.“ – „Wie kommt’s aber, daß euer Mund frisch und roth steht?“ – „Das ist nur der Schein; vor dreißig Jahren war mein Leib schon erstorben und verweset, aber die Seele leidet Qual.“ – „Warum zoget ihr allein, das nimmt mich Wunder, da ich doch jede Frau sammt einem Ritter fahren sah?“ – „Der Ritter, den ich haben soll, der ist noch nicht todt, und gerne wollt ich lieber allein fahren, wenn er noch Buße thäte und seine Sünde bereute.“ – „Wie heißt er mit Namen?“ – „Er ist genannt von Schenkenburg.“ – „Den kenne ich wohl, er hob mir ein Kind aus der Taufe; gern möchte ich ihm hinterbringen, |
| Ritter Ulrich betrachtete diese Frau, während sie ihre jämmerliche Geschichte erzählte; an dem Leibe erschien nicht das Ungemach ihrer Seele, sondern sie war wohl aussehend und reichlich gekleidet. Ulrich wollte mit ihr dem andern Volk bis in die Herberge nachreiten; und als ihn die Frau nicht von diesem Vorsatz ablenken konnte, empfahl sie ihm blos, keine der Speisen anzurühren, | Ritter Ulrich betrachtete diese Frau, während sie ihre jämmerliche Geschichte erzählte; an dem Leibe erschien nicht das Ungemach ihrer Seele, sondern sie war wohl aussehend und reichlich gekleidet. Ulrich wollte mit ihr dem andern Volk bis in die Herberge nachreiten; und als ihn die Frau nicht von diesem Vorsatz ablenken konnte, empfahl sie ihm blos, keine der Speisen anzurühren, | ||
| - | Sie ritten zusammen über Holz und Feld, bis der ganze Haufen vor eine schön erbaute Burg gelangte, wo die Frauen abgehoben, den Rittern die Pferde und Sporen in Empfang genommen wurden. Darauf saßen sie je zwei, Ritter und Frauen, zusammen auf das grüne Gras; denn es waren keine Stühle vorhanden; jene elende Frau saß ganz allein am Ende, und niemand achtete ihrer. Goldne Gefäße wurden aufgetragen, | + | Sie ritten zusammen über Holz und Feld, bis der ganze Haufen vor eine schön erbaute Burg gelangte, wo die Frauen abgehoben, den Rittern die Pferde und Sporen in Empfang genommen wurden. Darauf saßen sie je zwei, Ritter und Frauen, zusammen auf das grüne Gras; denn es waren keine Stühle vorhanden; jene elende Frau saß ganz allein am Ende, und niemand achtete ihrer. Goldne Gefäße wurden aufgetragen, |
| - | Da wurde auch dieser Speisen Ritter Ulrich vorgetragen, | + | Da wurde auch dieser Speisen Ritter Ulrich vorgetragen, |
| - | Die Frau sprach: jetzt wird ein [[typ:Turnier]] anheben, und euch ein edles [[typ:Pferd]] vorgeführt, | + | Die Frau sprach: jetzt wird ein Turnier anheben, und euch ein edles Pferd vorgeführt, |
| - | Da sprach die Frau: es nahet dem Tage, und wann der [[typ:Hahn]] kräht, müssen wir alle von hinnen. Ulrich antwortete: ist es denn Nacht? mir hat es so geschienen, als ob es die ganze Zeit heller Tag gewesen wäre. Sie sagte: der Wahn trügt euch; ihr werdet einen Waldsteig finden, auf dem ihr sicher zu dem Ausgang aus der Wildniß gelangen könnet. Ein Zelter wurde der armen Frau vorgeführt, | + | Da sprach die Frau: es nahet dem Tage, und wann der Hahn kräht, müssen wir alle von hinnen. Ulrich antwortete: ist es denn Nacht? mir hat es so geschienen, als ob es die ganze Zeit heller Tag gewesen wäre. Sie sagte: der Wahn trügt euch; ihr werdet einen Waldsteig finden, auf dem ihr sicher zu dem Ausgang aus der Wildniß gelangen könnet. Ein Zelter wurde der armen Frau vorgeführt, |
| - | Er segnete sie zum Abschied, und kam auf dem angewiesenen Steige glücklich heim nach Wirtenberg geritten, zeigte dem Grafen die verbrannte Hand, und machte sich auf zu der Burg, wo sein Gevatter saß. Dem offenbarte er, was ihm seine Buhlin entbieten ließ, sammt dem [[typ:Wahrzeichen]] mit dem Fingerlein und den verbrannten Fingern. Auf diese Nachricht rüstete sich der von Schenkenburg sammt Ritter Ulrich; fuhren über Meer gegen die ungetauften | + | Er segnete sie zum Abschied, und kam auf dem angewiesenen Steige glücklich heim nach Wirtenberg geritten, zeigte dem Grafen die verbrannte Hand, und machte sich auf zu der Burg, wo sein Gevatter saß. Dem offenbarte er, was ihm seine Buhlin entbieten ließ, sammt dem Wahrzeichen mit dem Fingerlein und den verbrannten Fingern. Auf diese Nachricht rüstete sich der von Schenkenburg sammt Ritter Ulrich; fuhren über Meer gegen die ungetauften Heiden, denen sie so viel Schaden, dem deutschen Hause zum Trost, anthaten, bis die Frau aus ihrer Pein erlöst worden war. |
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