sagen:grimmds2-518
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| Spiel vom Tell und altes Volkslied. | Spiel vom Tell und altes Volkslied. | ||
| - | Es fügte sich, daß des Kaisers Landvogt, genannt der Grißler((Sonst Geßler. Spiel und Lied nennen ihn gar nicht mit Namen.)), gen [[region:kantonUri]] fuhr; als er da eine Zeit wohnte, ließ er einen Stecken unter der [[typ:Linde]], da jedermann vorbei gehen mußte, richten, legte einen [[typ:Hut]] drauf, und hatte einen Knecht zur Wacht dabei sitzen. Darauf gebot er durch öffentlichen Ausruf: wer der wäre, der da vorüber ginge, sollte sich dem Hut neigen, als ob der Herr selber zugegen sey; und übersähe es einer und thäte es nicht, den wollte er mit schweren Bußen | + | Es fügte sich, daß des Kaisers Landvogt, genannt der Grißler((Sonst Geßler. Spiel und Lied nennen ihn gar nicht mit Namen.)), gen [[region:kantonuri|Uri]] fuhr; als er da eine Zeit wohnte, ließ er einen Stecken unter der Linde, da jedermann vorbei gehen mußte, richten, legte einen Hut drauf, und hatte einen Knecht zur Wacht dabei sitzen. Darauf gebot er durch öffentlichen Ausruf: wer der wäre, der da vorüber ginge, sollte sich dem Hut neigen, als ob der Herr selber zugegen sey; und übersähe es einer und thäte es nicht, den wollte er mit schweren Bußen strafen. |
| Nun war ein frommer Mann im Lande, hieß Wilhelm Tell, der ging vor dem Hut über und neigte ihm kein Mal: da verklagte ihn der Knecht, der des Hutes wartete bei dem Landvogt. Der Landvogt ließ den Tell vor sich bringen und fragte: warum er dem Stecken und Hut nicht neige, als doch geboten sey? Wilhelm Tell antwortete: lieber Herr, es ist von ungefähr beschehen; dachte nicht, daß es euer Gnad so hoch achten und fassen würde; wär ich witzig, so hieß ich anders dann der Tell. | Nun war ein frommer Mann im Lande, hieß Wilhelm Tell, der ging vor dem Hut über und neigte ihm kein Mal: da verklagte ihn der Knecht, der des Hutes wartete bei dem Landvogt. Der Landvogt ließ den Tell vor sich bringen und fragte: warum er dem Stecken und Hut nicht neige, als doch geboten sey? Wilhelm Tell antwortete: lieber Herr, es ist von ungefähr beschehen; dachte nicht, daß es euer Gnad so hoch achten und fassen würde; wär ich witzig, so hieß ich anders dann der Tell. | ||
| - | Nun war der Tell gar ein guter Schütz, wie man sonst keinen im Lande fand, hatte auch hübsche Kinder, die ihm lieb waren. Da sandte der Landvogt, ließ die Kinder holen, und als sie gekommen waren, fragte er Tellen, welches Kind ihm das allerliebste wäre? Sie sind mir alle gleich lieb. Da sprach der Herr: Wilhelm, du bist ein guter Schütz, und find’t man nicht deins gleichen; das wirst du mir jetzt bewähren; denn du sollst deiner Kinder einem den [[typ:Apfel]] vom Haupte schießen. Thust du das, so will ich dich für einen guten Schützen achten. | + | Nun war der Tell gar ein guter Schütz, wie man sonst keinen im Lande fand, hatte auch hübsche Kinder, die ihm lieb waren. Da sandte der Landvogt, ließ die Kinder holen, und als sie gekommen waren, fragte er Tellen, welches Kind ihm das allerliebste wäre? Sie sind mir alle gleich lieb. Da sprach der Herr: Wilhelm, du bist ein guter Schütz, und find’t man nicht deins gleichen; das wirst du mir jetzt bewähren; denn du sollst deiner Kinder einem den Apfel vom Haupte schießen. Thust du das, so will ich dich für einen guten Schützen achten. |
| - | Der gute Tell erschrak, fleht um [[typ:Gnade]], und daß man ihm solches erließe, denn es wäre unnatürlich; | + | Der gute Tell erschrak, fleht um Gnade, und daß man ihm solches erließe, denn es wäre unnatürlich; |
| Da sprach der Herr, das wäre ein Meisterschuß; | Da sprach der Herr, das wäre ein Meisterschuß; | ||
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| Und fing an und sagte: ich hab es darum gethan, hätte ich des Apfels gefehlt, und mein Kindlein geschossen, so wollte ich euer mit dem andern Pfeil nicht gefehlt haben. Da das der Landvogt vernahm, sprach er: dein Leben ist dir zwar zugesagt; aber an ein Ende will ich dich legen, da dich Sonne und Mond nimmer bescheinen; ließ ihn fangen und binden, und in denselben Nachen legen, auf dem er wieder nach Schwitz schiffen wollte. | Und fing an und sagte: ich hab es darum gethan, hätte ich des Apfels gefehlt, und mein Kindlein geschossen, so wollte ich euer mit dem andern Pfeil nicht gefehlt haben. Da das der Landvogt vernahm, sprach er: dein Leben ist dir zwar zugesagt; aber an ein Ende will ich dich legen, da dich Sonne und Mond nimmer bescheinen; ließ ihn fangen und binden, und in denselben Nachen legen, auf dem er wieder nach Schwitz schiffen wollte. | ||
| - | Wie sie nun auf dem See fuhren, und kamen bis gen Axen hinaus, stieß sie ein grausamer starker Wind an, daß das [[typ:Schiff]] schwankte, und sie elend zu verderben meinten; denn keiner wußte mehr dem Fahrzeug vor den Wellen zu steuern. Indem sprach einer der Knechte zum Landvogt „Herr, hießet ihr den Tell aufbinden, der ist ein starker, mächtiger Mann, und versteht sich wohl auf das Wetter: so möchten wir wohl aus der Noth entrinnen“ Sprach der Herr, und rief dem Tell: willt du uns helfen und dein Bestes thun, daß wir von hinnen kommen? so will ich dich heißen aufbinden. | + | Wie sie nun auf dem See fuhren, und kamen bis gen Axen hinaus, stieß sie ein grausamer starker Wind an, daß das Schiff schwankte, und sie elend zu verderben meinten; denn keiner wußte mehr dem Fahrzeug vor den Wellen zu steuern. Indem sprach einer der Knechte zum Landvogt „Herr, hießet ihr den Tell aufbinden, der ist ein starker, mächtiger Mann, und versteht sich wohl auf das Wetter: so möchten wir wohl aus der Noth entrinnen“ Sprach der Herr, und rief dem Tell: willt du uns helfen und dein Bestes thun, daß wir von hinnen kommen? so will ich dich heißen aufbinden. |
| - | Da sprach der Tell: ja gnädiger Herr, ich wills gerne thun, und getraue mirs. Da ward Tell aufgebunden, | + | Da sprach der Tell: ja gnädiger Herr, ich wills gerne thun, und getraue mirs. Da ward Tell aufgebunden, |
| - | Also zogen sie der Platte nah, da schwang er mit Gewalt, als er dann ein mächtig stark Mann war, den Nachen, griff seine Armbrust, und that einen Sprung auf die Platte, stieß das Schiff von ihm, und ließ es schweben und schwanken auf dem See. Lief durch Schwitz schattenhalb, | + | Also zogen sie der Platte nah, da schwang er mit Gewalt, als er dann ein mächtig stark Mann war, den Nachen, griff seine Armbrust, und that einen Sprung auf die Platte, stieß das Schiff von ihm, und ließ es schweben und schwanken auf dem See. Lief durch Schwitz schattenhalb, |
| - | Da lief Tell hinter sich über die Gebirge gen [[kanton:Uri]], fand seine Gesellen, und sagte ihnen, wie es ergangen war. | + | Da lief Tell hinter sich über die Gebirge gen Uri, fand seine Gesellen, und sagte ihnen, wie es ergangen war. |
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