sagen:grimmds2-472
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| An des Kaisers Hofe diente aber dazumal auch ein edler und wonnesamer Knabe, sein Vater war Herzog in [[region: | An des Kaisers Hofe diente aber dazumal auch ein edler und wonnesamer Knabe, sein Vater war Herzog in [[region: | ||
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| Wie er nun ein Theil des weißen Brotes abbrach, ging da mit seinem Stabe des Kaisers Truchseß, welcher die Aufsicht über die Tafel haben sollte; der schlug zornig den Knaben aufs Haupt, so hart und ungefüge, daß ihm Haar und Haupt blutig ward. Das Kind siel nieder und weinte heiße Thränen, daß es der Truchseß gewagt hätte, es zu schlagen. | Wie er nun ein Theil des weißen Brotes abbrach, ging da mit seinem Stabe des Kaisers Truchseß, welcher die Aufsicht über die Tafel haben sollte; der schlug zornig den Knaben aufs Haupt, so hart und ungefüge, daß ihm Haar und Haupt blutig ward. Das Kind siel nieder und weinte heiße Thränen, daß es der Truchseß gewagt hätte, es zu schlagen. | ||
| - | Das ersah ein auserwählter Held, genannt Heinrich von Kempten, der war mit dem Kinde aus Schwaben gekommen und dessen Zuchtmeister; | + | Das ersah ein auserwählter Held, genannt Heinrich von Kempten, der war mit dem Kinde aus Schwaben gekommen und dessen Zuchtmeister; |
| - | Unterdessen hatten die Herren Gotte gedient und gesungen, und kehrten zurück; da sah der Kaiser den blutigen Estrich, fragte und vernahm, was sich zugetragen hatte. Heinrich von Kempten wurde auf der Stelle vorgefordert, | + | Unterdessen hatten die Herren Gotte gedient und gesungen, und kehrten zurück; da sah der Kaiser den blutigen Estrich, fragte und vernahm, was sich zugetragen hatte. Heinrich von Kempten wurde auf der Stelle vorgefordert, |
| - | Als Heinrich von Kempten diesen theuren | + | Als Heinrich von Kempten diesen theuren Eid ausgesprochen hörte und sah, daß es sein Leben galt, faßte er sich, sprang schnell auf den Kaiser los, und begriff ihn bei dem langen rothen Barte. Damit schwang er ihn plötzlich auf die Tafel, daß die kaiserliche Krone von Ottos Haupte in den Saal fiel; und zuckte – als die Fürsten, den Kaiser von diesem wüthenden Menschen zu befreien, herzusprangen - sein Messer, indem er laut ausrief: „keiner rühre mich an, oder der Kaiser liegt todt hier!“ |
| Alle traten hinter sich, Otto, mit großer Noth winkte es ihnen zu; der unverzagte Heinrich aber sprach: „Kaiser, wollt ihr das Leben haben, so thut mir Sicherheit, daß ich genese.“ Der Kaiser, der das Messer an seiner Kehle stehen sah, bot alsbald die Finger in die Höhe, und gelobte dem edlen Ritter bei kaiserlichen Ehren, daß ihm das Leben geschenkt seyn solle. | Alle traten hinter sich, Otto, mit großer Noth winkte es ihnen zu; der unverzagte Heinrich aber sprach: „Kaiser, wollt ihr das Leben haben, so thut mir Sicherheit, daß ich genese.“ Der Kaiser, der das Messer an seiner Kehle stehen sah, bot alsbald die Finger in die Höhe, und gelobte dem edlen Ritter bei kaiserlichen Ehren, daß ihm das Leben geschenkt seyn solle. | ||
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| Danach über zehn Jahre begab es sich, daß Kaiser Otto einen schweren Krieg führte, jenseit des Gebirges, und vor einer festen Stadt lag. Da wurde er nothhaft an Leuten und Mannen, und sandte heraus nach deutschen Landen: wer ein Lehn von dem Reiche trage, solle ihm schnell zu Hülfe eilen, bei Verlust des Lehens und seines Dienstes. | Danach über zehn Jahre begab es sich, daß Kaiser Otto einen schweren Krieg führte, jenseit des Gebirges, und vor einer festen Stadt lag. Da wurde er nothhaft an Leuten und Mannen, und sandte heraus nach deutschen Landen: wer ein Lehn von dem Reiche trage, solle ihm schnell zu Hülfe eilen, bei Verlust des Lehens und seines Dienstes. | ||
| - | Nun kam auch ein Bote zu dem [[typ:Abt]] nach [[geo: | + | Nun kam auch ein Bote zu dem Abt nach [[geo: |
| Hiermit rüstete sich Heinrich zu dem Heerzug, und kam bald nach Wälschland (Italien) zu der Stadt, wo die Deutschen lagen; jedoch barg er sich vor des Kaisers Antlitz und floh ihn. Sein Zelt ließ er ein wenig seitwärts vom Heere schlagen. Eines Tages lag er da und badete, in einem Zuber, und konnte aus dem Bad in die Gegend schauen. Da sah er einen Haufen Bürger aus der belagerten Stadt kommen, und den Kaiser dagegen reiten zu einem Gespräch, das zwischen beiden Theilen verabredet worden war. | Hiermit rüstete sich Heinrich zu dem Heerzug, und kam bald nach Wälschland (Italien) zu der Stadt, wo die Deutschen lagen; jedoch barg er sich vor des Kaisers Antlitz und floh ihn. Sein Zelt ließ er ein wenig seitwärts vom Heere schlagen. Eines Tages lag er da und badete, in einem Zuber, und konnte aus dem Bad in die Gegend schauen. Da sah er einen Haufen Bürger aus der belagerten Stadt kommen, und den Kaiser dagegen reiten zu einem Gespräch, das zwischen beiden Theilen verabredet worden war. | ||
| - | Die treulosen Bürger, hatten aber diese [[typ:List]] ersonnen; denn als der Kaiser ohne Waffen und arglos zu ihnen ritt, hielten sie gerüstete Mannschaft im Hinterhalte, | + | Die treulosen Bürger, hatten aber diese List ersonnen; denn als der Kaiser ohne Waffen und arglos zu ihnen ritt, hielten sie gerüstete Mannschaft im Hinterhalte, |
| - | Otto, als er zu seinem Heer wieder gelangte, wollte erkundigen, wer sein unbekannter Retter gewesen wäre; zornig saß er im Zelt auf seinem Stuhl, und sprach: „ich war verrathen, wo mir nicht zwei ritterliche Hände geholfen hätten; wer aber den nackten Mann erkennt, führe ihn vor mich her, daß er reichen | + | Otto, als er zu seinem Heer wieder gelangte, wollte erkundigen, wer sein unbekannter Retter gewesen wäre; zornig saß er im Zelt auf seinem Stuhl, und sprach: „ich war verrathen, wo mir nicht zwei ritterliche Hände geholfen hätten; wer aber den nackten Mann erkennt, führe ihn vor mich her, daß er reichen Lohn und meine Huld empfange; kein kühnerer Held lebt hier noch anderswo.“ |
| Nun wußten wohl einige, daß es Heinrich von Kempten gewesen war; doch fürchteten sie den Namen dessen auszusprechen, | Nun wußten wohl einige, daß es Heinrich von Kempten gewesen war; doch fürchteten sie den Namen dessen auszusprechen, | ||
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| Als Heinrich von Kempten hereingeführt war, gebürdete der Kaiser sich zornig und sprach „wie getrauet ihr, mir unter Augen zu treten? ihr wißt doch wohl, warum ich euer Feind bin, der ihr meinen Bart gerauft und ohne Scheermesser geschoren habt, daß er noch ohne Locke steht. Welch hochfärtiger Uebermuth hat euch jetzt daher geführt? | Als Heinrich von Kempten hereingeführt war, gebürdete der Kaiser sich zornig und sprach „wie getrauet ihr, mir unter Augen zu treten? ihr wißt doch wohl, warum ich euer Feind bin, der ihr meinen Bart gerauft und ohne Scheermesser geschoren habt, daß er noch ohne Locke steht. Welch hochfärtiger Uebermuth hat euch jetzt daher geführt? | ||
| - | Da begann Otto zu lachen: „seyd mir tausend Mal willkommen, ihr auserwählter Held! mein Leben habt ihr gerettet, das mußte ich ohne eure Hülfe verloren haben, seliger Mann.“ So sprang er auf, küßte ihm Augen und Wangen. Ihr zweier Feindschaft war dahin, und eine lautere Sühne gemachet; der hochgeborne Kaiser lieh und gab ihm großen | + | Da begann Otto zu lachen: „seyd mir tausend Mal willkommen, ihr auserwählter Held! mein Leben habt ihr gerettet, das mußte ich ohne eure Hülfe verloren haben, seliger Mann.“ So sprang er auf, küßte ihm Augen und Wangen. Ihr zweier Feindschaft war dahin, und eine lautere Sühne gemachet; der hochgeborne Kaiser lieh und gab ihm großen Reichthum, und brachte ihn zu Ehren, deren man noch gedenket.((Anmerkung Sagenwiki: |
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sagen/grimmds2-472.1698925632.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
