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sagen:grimmds2-444

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 +> Sage des Monats April 2022
  
 ====== Carls Heimkehr aus Ungerland ====== ====== Carls Heimkehr aus Ungerland ======
-[[vip:karldergrosse|König Carl]], als er nach [[land:ungarn|Ungarn]] und [[region:walachei|Wallachei]] fahren wollte, die Heiden zu bekehren, gelobte er seiner Frauen, in zehn Jahren heimzukehren; wäre er nach Verlauf derselben ausgeblieben, so solle sie seinen Tod für gewiß halten. Würde er ihr aber durch einen Boten sein golden Fingerlein zusenden, dann möge sie auf alles vertrauen, was er ihr durch denselben entbieten lasse. Nun geschah es, daß der König schon über neun Jahre ausgewesen war; da hob sich zu [[geo:aachen|Aachen]] an dem [[region:rhein|Rhein]] [[typ:raub|Raub]] und [[typ:feuer|Brand]] über alle Länder.  
  
-Da gingen die Herren zu der Königin und baten, daß sie sich einen andern Gemahl auswählte, der das Reich behüten könnte. Die Frau antwortete: „wie möcht ich so wider [[vip:karldergrosse|König Karl]] sündigen, und meine [[typ:treu|Treue]] brechen! so hat er mir auch das Wahrzeichen nicht gesandtdas er mir kund thätals er von hinnen schied.“ Die Herren aber redeten, ihr so lange zu, weil das Land in dem Krieg zu Grund gehen müsse, daß sie ihrem Willen endlich zu folgen versprach. Darauf wurde eine große Hochzeit angestellt, und sie sollte über den dritten Tag mit einem reichen König vermählt werden.+[[vip:karldergrosse|König Carl]], als er nach [[land:ungarn|Ungarn]] und [[region:walachei|Wallachei]] fahren wolltedie Heiden zu bekehren, gelobte er seiner Frauenin zehn Jahren heimzukehren; wäre er nach Verlauf derselben ausgeblieben, so solle sie seinen Tod für gewiß haltenWürde er ihr aber durch einen Boten sein golden Fingerlein zusendendann möge sie auf alles vertrauen, was er ihr durch denselben entbieten lasse. Nun geschah es, daß der König schon über neun Jahre ausgewesen war; da hob sich zu [[geo:aachen|Aachen]] an dem [[region:rhein|Rhein]] Raub und Brand über alle Länder
  
-Gott der Herr aber, welcher dies hindern wolltesandte einen [[typ:engel|Engel]] als Boten nach [[land:ungarn|Ungerland]]wo der König lag, und schon manchen Tag gelegen hatteAls [[vip:karldergrosse|König Carl]] die Kundschaft vernommen, sprach er: „wie soll ich in dreien Tagen heimkehreneinen Wegder hundert Raste lang istund funfzehn Raste dazubis ich in mein Land komme?“ +Da gingen die Herren zu der Königin und batendaß sie sich einen andern Gemahl auswählte, der das Reich behüten könnteDie Frau antwortete: „wie möcht ich so wider König Karl sündigenund meine Treue brechen! so hat er mir auch das Wahrzeichen nicht gesandtdas er mir kund thätals er von hinnen schied.“ Die Herren aber redetenihr so lange zu, weil das Land in dem Krieg zu Grund gehen müsse, daß sie ihrem Willen endlich zu folgen versprach. Darauf wurde eine große Hochzeit angestellt, und sie sollte über den dritten Tag mit einem reichen König vermählt werden.
  
-Der [[typ:engel|Engel]] versetzte: „weißt du nichtGott kann thun was er willdenn er hat viel GewaltGeh’ zu deinem Schreiberder hat ein gutes, starkes [[typ:pferd|Pferd]], das du ihm abgewinnen mußt; das soll dich in einem Tage tragen über Moos und Haidebis in die Stadt zu Rabdas sey deine erste Tagweide. Den andern Morgen sollt du früh ausreiten, die [[region:donau|Donau]] hinauf bis gen [[geo:passau|Passau]]; das sey deine andere Tagweide. Zu [[geo:passau|Passau]] sollt du dein Pferd lassen; der Wirthbei dem du einkehresthat ein schön Füllen; das kauf ihm ab, es wird dich den dritten Tag bis in dein Land tragen.".+Gott der Herr aber, welcher dies hindern wollte, sandte einen [[wesen:Engel]] als Boten nach Ungerlandwo der König lagund schon manchen Tag gelegen hatteAls König Carl die Kundschaft vernommensprach er„wie soll ich in dreien Tagen heimkehreneinen Weg, der hundert Raste lang istund funfzehn Raste dazu, bis ich in mein Land komme?“ 
  
-Der Kaiser thatwie ihm geboten warhandelte dem Schreiber das [[typ:pferd|Pferd]] ab, und ritt in einem Tag aus der [[land:bulgarien|Bulgarei]] bis nach Rab; ruhte über Nacht, und kam den zweiten Tag bei Sonnenschein nach [[geo:passau|Passau]], wo ihm der Wirth gutes Gemach schuf. Abendsals die Viehheerde eingingsah er das Füllen, griffs bei der Mähne und sprach: „Herr Wirth, gebt mir das Roß, ich will es morgen über Feld reiten.“ Nein! sagte dieser; das Füllen ist noch zu jung, ihr seyd ihm zu schwerals daß es euch tragen könnte.“ +Der Engel versetzte: „weißt du nichtGott kann thun was er willdenn er hat viel Gewalt. Geh’ zu deinem Schreiber, der hat ein gutes, starkes Pferd, das du ihm abgewinnen mußt; das soll dich in einem Tage tragen über Moos und Haide, bis in die Stadt zu Rab, das sey deine erste Tagweide. Den andern Morgen sollt du früh ausreiten, die [[region:Donau]] hinauf bis gen [[geo:Passau]]; das sey deine andere Tagweide. Zu Passau sollt du dein Pferd lassen; der Wirth, bei dem du einkehresthat ein schön Füllen; das kauf ihm ab, es wird dich den dritten Tag bis in dein Land tragen.".
  
-Der König bat ihn von neuem; der Wirth sagte: „jawenn es gezäumtoder geritten wäre.“ Der König bat ihn zum dritten Mal, und da der Wirth sah, daß es [[vip:karldergrosse|Karl]] so lieb wäre, so wollte er das Roß ablassen; und der König verkaufte ihm dagegen sein Pferddas er die zwei Tage geritten hatte, und von dem es ein Wunder war, daß es ihm nicht erlag.+Der Kaiser thatwie ihm geboten warhandelte dem Schreiber das Pferd ab, und ritt in einem Tag aus der [[land:bulgarien|Bulgarei]] bis nach Rabruhte über Nacht, und kam den zweiten Tag bei Sonnenschein nach Passau, wo ihm der Wirth gutes Gemach schuf. Abendsals die Viehheerde eingingsah er das Füllen, griffs bei der Mähne und sprach: „Herr Wirth, gebt mir das Roß, ich will es morgen über Feld reiten.“ Nein! sagte dieser; das Füllen ist noch zu jungihr seyd ihm zu schwer, als daß es euch tragen könnte.“ 
  
-Also machte sich der König des dritten Tages auf, und ritt schnell und unaufhaltsam bis gen [[geo:aachen|Aachen]] vor das Burgthor, da kehrte er bei einem Wirth ein. Überall in der ganzen Stadt hörte er großen Schall von [[typ:musik|Singen]] und [[typ:tanz|Tanzen]]. Da fragte er, was das wäre? Der Wirth sprach: „eine große Hochzeit soll heute ergehen, denn meine Frau wird einem reichen König anvermählt; da wird große Kost gemacht, und Jungen und Alten, Armen und Reichen Brod und Wein gereicht, und ungemessen Futter vor die Rosse getragen.“ +Der König bat ihn von neuem; der Wirth sagte: „ja, wenn es gezäumt, oder geritten wäre.“ Der König bat ihn zum dritten Mal, und da der Wirth sah, daß es Karl so lieb wäre, so wollte er das Roß ablassen; und der König verkaufte ihm dagegen sein Pferd, das er die zwei Tage geritten hatte, und von dem es ein Wunder war, daß es ihm nicht erlag. 
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 +Also machte sich der König des dritten Tages auf, und ritt schnell und unaufhaltsam bis gen [[geo:aachen|Aachen]] vor das Burgthor, da kehrte er bei einem Wirth ein. Überall in der ganzen Stadt hörte er großen Schall von Singen und Tanzen. Da fragte er, was das wäre? Der Wirth sprach: „eine große Hochzeit soll heute ergehen, denn meine Frau wird einem reichen König anvermählt; da wird große Kost gemacht, und Jungen und Alten, Armen und Reichen Brod und Wein gereicht, und ungemessen Futter vor die Rosse getragen.“ 
  
 Der König sprach: „hier will ich mein Gemach haben, und mich wenig um die Speise bekümmern, die sie in der Stadt austheilen; kauft mir für mein Guldenpfennige was ich bedarf, schafft mir viel und genug. Als der Wirth das Gold sah, sagte er bei sich selbst. „Das ist ein rechter Edelmann deßgleichen meine Augen nie erblickten!“  Der König sprach: „hier will ich mein Gemach haben, und mich wenig um die Speise bekümmern, die sie in der Stadt austheilen; kauft mir für mein Guldenpfennige was ich bedarf, schafft mir viel und genug. Als der Wirth das Gold sah, sagte er bei sich selbst. „Das ist ein rechter Edelmann deßgleichen meine Augen nie erblickten!“ 
  
-Nachdem die Speise köstlich und reichlich zugerichtet, und [[vip:karldergrosse|Carl]] zu Tisch gesessen war, forderte er einen Wächter vom Wirth, der sein des Nachts über pflege, und legte sich zu Bette. In dem Bette aber liegend, rief er den Wächter, und mahnte ihn theuer: „wann man den Singos im [[kirche:domaachen|Dom]] läuten wird, sollst du mich wecken, daß ich das Läuten höre; dies gülden Fingerlein will ich dir zu Miethe geben.“ +Nachdem die Speise köstlich und reichlich zugerichtet, und Carl zu Tisch gesessen war, forderte er einen Wächter vom Wirth, der sein des Nachts über pflege, und legte sich zu Bette. In dem Bette aber liegend, rief er den Wächter, und mahnte ihn theuer: „wann man den Singos im [[kirche:domaachen|Dom]] läuten wird, sollst du mich wecken, daß ich das Läuten höre; dies gülden Fingerlein will ich dir zu Miethe geben.“ 
  
-Als nun der Wächter die Glocke vernahm, trat er ans Bette vor den schlafenden König: „Wohlan, Herr, gebt mir meine Miethe, eben läuten sie den Singos im [[kirche:domaachen|Dom]].“ Schnell stand er auf, legte ein reiches Gewand an, und bat den Wirth, ihn zu geleiten. Dann nahm er ihn bei der Hand, und ging mit ihm vor das Burgthor, aber es lagen starke Riegel davor. „Herr, sprach der Wirth, ihr müßt unten durchschliefen, aber dann wird euer Gewand kothig werden. „Daraus mach ich mir wenig, und würde es ganz zerrissen.“ Nun schlossen sie dem Thor hinein; der König voll weisen Sinnes, hieß den Wirth um den [[kirche:domaachen|Dom]] gehen, während er selber in den [[kirche:domaachen|Dom]] ging. +Als nun der Wächter die Glocke vernahm, trat er ans Bette vor den schlafenden König: „Wohlan, Herr, gebt mir meine Miethe, eben läuten sie den Singos im Dom.“ Schnell stand er auf, legte ein reiches Gewand an, und bat den Wirth, ihn zu geleiten. Dann nahm er ihn bei der Hand, und ging mit ihm vor das Burgthor, aber es lagen starke Riegel davor. „Herr, sprach der Wirth, ihr müßt unten durchschliefen, aber dann wird euer Gewand kothig werden. „Daraus mach ich mir wenig, und würde es ganz zerrissen.“ Nun schlossen sie dem Thor hinein; der König voll weisen Sinnes, hieß den Wirth um den Dom gehen, während er selber in den Dom ging. 
  
-Nun war das Recht in Franken, „wer auf den Stuhl im [[kirche:domaachen|Dom]]: saß, der mußte König seyn;“ das däuchte ihm gut, er setzte sich auf den Stuhl, zog sein Schwert, und legte es baar über seine Knie. Da trat der Meßner in den [[kirche:domaachen|Dom]], und wollte die Bücher vortragen; als er aber den König sitzen sah mit baarem [[typ:Schwert]] und stillschweigend, begann er zu zagen, und verkündete eilends dem Priester: „Da ich zum [[typ:Altar]] ging, sah ich einen greisen Mann mit bloßem Schwert über die Knie auf dem gesegneten Stuhl sitzen.“ +Nun war das Recht in Franken, „wer auf den Stuhl im Dom: saß, der mußte König seyn;“ das däuchte ihm gut, er setzte sich auf den Stuhl, zog sein Schwert, und legte es baar über seine Knie. Da trat der Meßner in den Dom, und wollte die Bücher vortragen; als er aber den König sitzen sah mit baarem Schwert und stillschweigend, begann er zu zagen, und verkündete eilends dem Priester: „Da ich zum Altar ging, sah ich einen greisen Mann mit bloßem Schwert über die Knie auf dem gesegneten Stuhl sitzen.“ 
  
 Die Domherren wollten dem Meßner nicht glauben; einer von ihnen griff ein Licht, und ging unverzagt zu dem Stuhle. Als er die Wahrheit sah, wie der greise Mann auf dem Stuhle saß, warf er das Licht aus der Hand, und floh erschrocken zum Bischof. Der Bischof ließ sich zwei Kerzen von Knechten tragen, die mußten ihm zu dem Dom leuchten; da sah er den Mann auf dem Stuhle sitzen, und sprach furchtsam: „ihr sollt mir sagen, was Mannes ihr seyd, geheuer oder ungeheuer, und wer euch ein Leids gethan, daß ihr an dieser Stätte sitzet?“  Die Domherren wollten dem Meßner nicht glauben; einer von ihnen griff ein Licht, und ging unverzagt zu dem Stuhle. Als er die Wahrheit sah, wie der greise Mann auf dem Stuhle saß, warf er das Licht aus der Hand, und floh erschrocken zum Bischof. Der Bischof ließ sich zwei Kerzen von Knechten tragen, die mußten ihm zu dem Dom leuchten; da sah er den Mann auf dem Stuhle sitzen, und sprach furchtsam: „ihr sollt mir sagen, was Mannes ihr seyd, geheuer oder ungeheuer, und wer euch ein Leids gethan, daß ihr an dieser Stätte sitzet?“ 
  
-Da hob der König an: „ich war euch wohl bekannt, als ich [[vip:karldergrosse|König Carl]] hieß, an Gewalt war keiner über mich!“ Mit diesen Worten trat er dem Bischof näher, daß er ihn recht ansehen könnte. Da rief der Bischof: „will kommen, liebster Herr! eurer Kunst will ich froh seyn,“ umfing ihn mit seinen Armen, und leitete ihn in sein reiches Haus. Da wurden alle Glocken geläutet, und die Hochzeitgäste frugen, was der Schall bedeute? Als sie aber hörten, daß [[vip:karldergrosse|König Karl]] zurückgekehrt wäre, stoben sie aus einander, und jeder suchte sein Heil in der [[typ:Flucht]].  +Da hob der König an: „ich war euch wohl bekannt, als ich König Carl hieß, an Gewalt war keiner über mich!“ Mit diesen Worten trat er dem Bischof näher, daß er ihn recht ansehen könnte. Da rief der Bischof: „will kommen, liebster Herr! eurer Kunst will ich froh seyn,“ umfing ihn mit seinen Armen, und leitete ihn in sein reiches Haus. Da wurden alle Glocken geläutet, und die Hochzeitgäste frugen, was der Schall bedeute? Als sie aber hörten, daß König Karl zurückgekehrt wäre, stoben sie aus einander, und jeder suchte sein Heil in der Flucht. 
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-Doch der Bischof bat, daß ihnen der König Friede gäbe, und der Königin wieder hold würde, es sey ohne ihre Schuld geschehn. Den gewährte [[vip:karl_der_grosse|Karl]] der Bitte, und gab der Königin seine Huld.+
  
-//Sage des Monats April 2022//+Doch der Bischof bat, daß ihnen der König Friede gäbe, und der Königin wieder hold würde, es sey ohne ihre Schuld geschehn. Den gewährte Karl der Bitte, und gab der Königin seine Huld.
  
 //Quellen: // //Quellen: //
   * //[[autor:grimm|Brüder Grimm]], [[buch:grimmds|Deutsche Sagen]], Band 2, S. 105-110, 1818//   * //[[autor:grimm|Brüder Grimm]], [[buch:grimmds|Deutsche Sagen]], Band 2, S. 105-110, 1818//
-  * //[[https://de.wikisource.org/wiki/Deutsche_Sagen_(Br%C3%BCder_Grimm,_Band_1)|Wikisource]]// 
  
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