sagen:grimmds1-119
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| Bräuner’s Curiositäten S. 72–80. | Bräuner’s Curiositäten S. 72–80. | ||
| - | Eine schöne und adliche | + | Eine schöne und adliche Jungfrau und ein edler Jüngling trugen heftige Liebe zu einander, sie aber konnte von ihren Stief-Eltern die Erlaubniß zur Verheirathung nicht erlangen, worüber sie beide in großer Trauer lebten. Nun begab sich, daß ein altes Weib, welches Zutritt im Hause hatte, zu der Jungfrau kam, sie tröstete und sprach: der, den sie liebe, werde ihr gewiß noch zu Theil werden. Die Jungfrau, die das gern hörte, fragte, wie sie das wissen könne? |
| „Ei, Fräulein, sprach die Alte, ich habe die Gnade von Gott, zukünftige Dinge vorher zu entdecken, darum kann mir dieses so wenig, als viel anderes, verborgen seyn. Euch allen Zweifel zu benehmen, will ich euch, wie es damit gehen wird, in einem Krystall so klärlich weisen, daß ihr meine Kunst loben sollt. Aber wir müssen eine Zeit dazu wählen, wo eure Eltern nicht daheim sind; dann sollt ihr Wunder sehen.“ | „Ei, Fräulein, sprach die Alte, ich habe die Gnade von Gott, zukünftige Dinge vorher zu entdecken, darum kann mir dieses so wenig, als viel anderes, verborgen seyn. Euch allen Zweifel zu benehmen, will ich euch, wie es damit gehen wird, in einem Krystall so klärlich weisen, daß ihr meine Kunst loben sollt. Aber wir müssen eine Zeit dazu wählen, wo eure Eltern nicht daheim sind; dann sollt ihr Wunder sehen.“ | ||
| - | Die [[typ:Jungfrau]] wartete, bis ihre Eltern auf ein Landgut gefahren waren und ging dann zu dem Lehrer ihres Bruders, dem Johann Rüst, der hernach als Dichter berühmt geworden, vertraute ihm ihr Vorhaben und bat ihn gar sehr, mit zu gehen und dabei zu seyn, wenn sie in den Krystall schaue. Dieser suchte ihr einen solchen Vorwitz als sündlich auszureden, der Ursache zu großem | + | Die Jungfrau wartete, bis ihre Eltern auf ein Landgut gefahren waren und ging dann zu dem Lehrer ihres Bruders, dem Johann Rüst, der hernach als Dichter berühmt geworden, vertraute ihm ihr Vorhaben und bat ihn gar sehr, mit zu gehen und dabei zu seyn, wenn sie in den Krystall schaue. Dieser suchte ihr einen solchen Vorwitz als sündlich auszureden, der Ursache zu großem Unglück werden könne; aber es war vergeblich, sie blieb bei ihrem Sinn, so daß er sich endlich auf ihr inständiges Bitten bewegen ließ, sie zu begleiten. |
| - | Als sie in die Kammer traten, war das [[typ: | + | Als sie in die Kammer traten, war das alte Weib beschäfftigt, |
| Dann begann sie, unter wunderlichen Gebährden, etwas bei sich selbst zu murmeln und nachdem das geendigt war, nahm sie mit großer Ehrerbietung die Kugel, rief die Jungfrau und ihren Begleiter zu sich ans Fenster und hieß sie hineinschauen. | Dann begann sie, unter wunderlichen Gebährden, etwas bei sich selbst zu murmeln und nachdem das geendigt war, nahm sie mit großer Ehrerbietung die Kugel, rief die Jungfrau und ihren Begleiter zu sich ans Fenster und hieß sie hineinschauen. | ||
| - | Anfangs sahen sie nichts, nun aber trat in dem Krystall die Braut hervor in überaus köstlicher Kleidung; eben so prächtig angethan, als wäre heut ihr [[typ: | + | Anfangs sahen sie nichts, nun aber trat in dem Krystall die Braut hervor in überaus köstlicher Kleidung; eben so prächtig angethan, als wäre heut ihr Hochzeitstag. So herrlich sie erschien, so sah sie doch betrübt und traurig aus, ja ihr Antlitz hatte eine solche Todten-Farbe, |
| - | Die [[typ:Jungfrau]] schaute ihr Bild mit Schrecken an, der aber bald noch größer ward, als gerade gegenüber ihr Liebster hervorkam, mit so grausamen und gräßlichen Gesichtszügen, | + | Die Jungfrau schaute ihr Bild mit Schrecken an, der aber bald noch größer ward, als gerade gegenüber ihr Liebster hervorkam, mit so grausamen und gräßlichen Gesichtszügen, |
| - | Die Zuschauer wußten vor Angst weder aus noch ein, sahen aber, wie er die eine [[typ:Pistole]], die er an die Stirne seiner Liebsten gesetzt, losdrückte, | + | Die Zuschauer wußten vor Angst weder aus noch ein, sahen aber, wie er die eine Pistole, die er an die Stirne seiner Liebsten gesetzt, losdrückte, |
| - | Dem alten Weib, welches nicht gedacht, daß die Sache also ablaufen würde, war selbst nicht ganz wohl zu Muth; es eilte daher über Hals und Kopf hinaus und ließ sich so bald nicht wieder sehen. Bei der [[typ:Jungfrau]] konnte der Schrecken die [[typ:Liebe]] nicht auslöschen, | + | Dem alten Weib, welches nicht gedacht, daß die Sache also ablaufen würde, war selbst nicht ganz wohl zu Muth; es eilte daher über Hals und Kopf hinaus und ließ sich so bald nicht wieder sehen. Bei der Jungfrau konnte der Schrecken die Liebe nicht auslöschen, |
| - | Inzwischen ward die [[typ:Hochzeit]] angesetzt und, da einige fürstliche Personen zugegen seyn sollten, um so viel herrlicher zugerichtet. Als der Tag kam, wo die Braut im größten Gepränge sollte abgeholt werden, schickte dazu die Fürstin ihren mit sechs Pferden bespannten Leibwagen sammt einigen Hof-Dienern und Reutern; an welchen Zug sich die vornehmsten Anverwandte und Freunde der Braut anschlossen und also in stattlicher Ordnung auszogen. Dieses alles hatte der erste Liebhaber ausgekundschaftet und war als ein Verzweifelter entschlossen, | + | Inzwischen ward die Hochzeit angesetzt und, da einige fürstliche Personen zugegen seyn sollten, um so viel herrlicher zugerichtet. Als der Tag kam, wo die Braut im größten Gepränge sollte abgeholt werden, schickte dazu die Fürstin ihren mit sechs Pferden bespannten Leibwagen sammt einigen Hof-Dienern und Reutern; an welchen Zug sich die vornehmsten Anverwandte und Freunde der Braut anschlossen und also in stattlicher Ordnung auszogen. Dieses alles hatte der erste Liebhaber ausgekundschaftet und war als ein Verzweifelter entschlossen, |
| - | Er hatte zu dem Ende ein paar gute Pistolen gekauft und wollte mit der einen die [[typ:Braut]], mit der andern hernach sich selbst tödten. Zu dem Ort der Ausführung war ein etwa zehn bis zwölf Schritte von dem Thor gelegenes Haus, bei welchem die Braut vorbei mußte, von ihm ausersehen. Als nun der ganze prächtige Zug von Wagen und Reutern, den eine große Menge Volks begleitete, daher kam, schoß er mit der einen [[typ:Pistole]] in den Braut-Wagen hinein. | + | Er hatte zu dem Ende ein paar gute Pistolen gekauft und wollte mit der einen die Braut, mit der andern hernach sich selbst tödten. Zu dem Ort der Ausführung war ein etwa zehn bis zwölf Schritte von dem Thor gelegenes Haus, bei welchem die Braut vorbei mußte, von ihm ausersehen. Als nun der ganze prächtige Zug von Wagen und Reutern, den eine große Menge Volks begleitete, daher kam, schoß er mit der einen Pistole in den Braut-Wagen hinein. |
| - | Allein der Schuß geschah ein wenig zu früh, also daß die Braut unversehrt blieb, einer andern Edelfrau aber, die im Schlag saß, ihr etwas hoher Kopf-Putz herabgeschossen ward. Da diese in [[typ:Ohnmacht]] sank und jedermann herbei eilte, hatte der Thäter Zeit, durch das Haus zur Hinterthür hinaus zu entfliehen und, indem er über ein ziemlich breites Wasser glücklich sprang, sich zu retten. Sobald die Erschrockene wieder zu sich selbst gebracht war, setzte sich der Zug aufs neue in Bewegung und die [[typ:Hochzeit]] wurde mit der größten Pracht gefeiert. Doch die Braut hatte dabei ein trauriges Herz, welche nun der Krystall-Schauung nachdachte und sich den Erfolg davon zu Gemüthe zog. | + | Allein der Schuß geschah ein wenig zu früh, also daß die Braut unversehrt blieb, einer andern Edelfrau aber, die im Schlag saß, ihr etwas hoher Kopf-Putz herabgeschossen ward. Da diese in Ohnmacht sank und jedermann herbei eilte, hatte der Thäter Zeit, durch das Haus zur Hinterthür hinaus zu entfliehen und, indem er über ein ziemlich breites Wasser glücklich sprang, sich zu retten. Sobald die Erschrockene wieder zu sich selbst gebracht war, setzte sich der Zug aufs neue in Bewegung und die Hochzeit wurde mit der größten Pracht gefeiert. Doch die Braut hatte dabei ein trauriges Herz, welche nun der Krystall-Schauung nachdachte und sich den Erfolg davon zu Gemüthe zog. |
| Auch war ihre Ehe unglücklich, | Auch war ihre Ehe unglücklich, | ||
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