sagen:graessesachsen760
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| + | ====== Pfarrer und Hexenmeister ====== | ||
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| + | Nach mündlichen Ueberlieferungen von Eduard Kauffer. | ||
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| + | Nördlich am Fuße des sagenreichen Falkenbergs in [[land: | ||
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| + | Es waren einst in Neukirch einige junge Leute durch Zufall über eins von jenen anrüchigen Büchern gerathen, welche von geheimen Dingen handeln. Der Lob hatt’ es in einem Winkel auf dem Boden seines alten Vaterhauses aufgefunden und dem Lieb davon unter vier Augen erzählt; der Lieb aber, der nicht sehr verschwiegen war, hatte den Ehr’gott – Ehregott – in’s Geheimniß gezogen, und der Ehr’gott konnt’s nicht über’s Herz bringen und hatte gegen seinen Vetter Toffel von dem [[ding: | ||
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| + | „Heut’ Abend,“ sagte der Lob zu seinen Freunden, „kommt um Eilf zu mir, da wollen wir sehen, ob wir der Hexenscharteke trauen dürfen oder nicht.“ | ||
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| + | Lieb und Toffl stimmten bei, und auch der Ehr’gott ließ, ungeachtet seines Namens, es sich angelegen sein, noch vor der verabredeten Stunde bei seinem Freunde einzutreffen. | ||
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| + | Es war eine unheimliche finstre Nacht, der Sturm schoß in mächtigen Stößen durchs Thal, der Regen klatschte mit Gewalt gegen die Fenster, der alte Birnbaum vor Lob’s Häuschen stöhnte und schnaubte wie Einer, der sich gegen wüthende Angriffe vertheidigt, | ||
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| + | Keiner sprach mehr ein Wort, in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Lob, der die alten Zeichen noch am Geschicktesten zusammenbuchstabirte, | ||
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| + | Die alte Schwarzwälder Uhr hob jetzt auf Zwölf aus und ihr Knarren kam diesmal den Burschen sehr eigenthümlich vor; doch theilte keiner dem andern seine Gedanken mit. Wieder trat tiefe Stille in der Stube ein, draußen rüttelte der Sturm an den Fensterladen, | ||
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| + | Da schlug es zwölf, und noch während der Kuckuck an der alten Schwarzwälder in Einem fort schrie und die Flügel dazu bewegte, buchstabirte Lob schon mit möglichstem Fleiß in den altmodischen Zeichen, die häufig mit rothen und blauen Zeichen verziert waren und ihm dadurch nicht wenig zu schaffen machten. Und immer tiefer las er sich beim Qualm der dampfenden Oellampe in die schnörklichen Buchstaben hinein, und die Andern horchten aufmerksam, als wäre es in der Kirche bei einer Trauung oder Leichenpredigt. | ||
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| + | Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten; denn plötzlich entstand ein sonderbares Geräusch in der Ofenfanne, der Deckel sprang auf und mit gellendem Meckern sprang ein kohlschwarzes Böcklein daraus hervor, das sehr bald anfing auf seinen Hinterbeinen sich zu erheben und nach seinem Schatten an der Wand zu stoßen. | ||
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| + | „Da haben wir’s,“ sagte Lieb leise, „der Zauber wirkt. Klappe Dein Buch zu, Lob, wir wissen, was wir wissen wollen, das ist für heute genug. Morgen geht’s auf den Falkenberg, die Braupfanne mit Gold zu holen, die dort vergraben liegt.“ | ||
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| + | Aber Lob, einmal im Eifer, war durchaus nicht dieser Meinung, sondern las, nach einem vorwurfsvollen Seitenblick auf seinen Gefährten, herzhaft weiter. Und siehe da! immer reicher entfaltete die Beschwörung ihre geheimnißvolle Kraft. Die kupferne Pfanne schien unerschöpflich, | ||
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| + | „Mir auch,“ betheuerte Ehr’gott, dem eben eine Fledermaus an die Nase geflogen war. | ||
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| + | Der Lieb wollte auch etwas hinzufügen; | ||
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| + | Lob war jetzt am Ende seiner Beschwörung und hätte mit dem glänzenden Erfolge derselben sehr zufrieden sein dürfen, wenn nicht plötzlich der hinkende Bote nachgekommen wäre und eine früher übersehene Anmerkung in dem Buche ihn belehrt hätte, er müsse, um seine Gäste wieder in die Ofenpfanne zurückzubannen, | ||
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| + | Rückwärts lesen! Der arme Lob kratzte sich in höchster Verlegenheit hinter seinen ansehnlichen Ohren – er hatte zwar im Katechismus und Gesangbuch vorwärts lesen gelernt, aber rückwärts lesen hatte ihn sein alter Schulmeister nicht gelehrt. | ||
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| + | Große Verlegenheit! Lob theilte seinen Freunden den kitzlichen Uebelstand mit, die sich nun ebenfalls hinter den Ohren kratzten, – ein Ausdruck der Verlegenheit, | ||
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| + | Ohne alle Frage war die Lage der armen Burschen trostlos genug, besonders die des am Meisten betheiligten Lob. | ||
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| + | „Da haben wir’s,“ wehklagte Lieb, „ich fühle meinen Leichnam nicht mehr und muß schon ganz schwarz angelaufen sein, wie ein alter Schwert-Groschen. Lob, lies das Teufelsbuch zurück, oder ich vergreife mich an Dir!“ | ||
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| + | „Ja, Lob, lies das Buch zurück oder ich falle mit Lieb über Dich her,“ stimmte auch Toffl bei. „Ich bin morsch an allen Gliedern und trage einen Knax auf zeitlebens davon. Deine verdammte Hexengeschichte!“ | ||
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| + | Schließlich betheuerte auch Ehrgott, den Lob „windelweich dreschen“ zu wollen, wenn er nicht sofort das Viehzeug entferne, so daß der unglückliche Beschwörer in die äußerste Verlegenheit gerieth. Aber da kam ihm plötzlich ein Gedanke, wie ein Lichtstrahl fiel es in die Nacht seiner Bedrängniß, | ||
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| + | Der Prediger saß noch angekleidet in seinem Studirstübchen, | ||
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| + | Der Pfarrer winkte ihm Stillschweigen zu, als er gar nicht fertig werden konnte. | ||
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| + | „Schon gut, schon gut, ich weiß, was Du mir sagen willst … ich habe schon seit einer Viertelstunde auf Dich gewartet!“ | ||
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| + | „Um so besser, Herr Pastor, so sei Er nur so gut und komme Er, uns aus unserer Bedrängniß zu helfen, ich will auch in meinem Leben kein Zauberbuch mehr in die Hand nehmen. Komm’ Er schnell und les’ Er das Buch zurück, sonst wird der Lieb noch zu Schanden gestoßen und der Toffel zu Brei gequetscht. Ich selber bin schon ganz contract am ganzen Körper …“ | ||
| + | „Gerechte Strafe für Deinen Vorwitz!“ warf der Pfarrer trocken hin. | ||
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| + | „Er will uns also nicht helfen?“ heulte Lob, der die Bemerkung des Pastors anders deutete. | ||
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| + | „O doch,“ beruhigte der Seelsorger, indem er nach seinem Stock langte, „komm’, Lob, wir wollen dem Spuk zeigen, daß wir Gewalt über ihn haben!“ | ||
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| + | Bald war man an Lob’s Hause angelangt, das Fenster stand noch auf und Pastor und Geisterbeschwörer nahmen durch dasselbe ihren Weg in das Innere, wo noch immer gekämpft wurde. „Gott sei Dank, ich komme nicht zu spät,“ sagte der Pfarrer, griff nach dem Buche und las es ohne Umstände rückwärts, | ||
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| + | Das klang freilich sehr schauerlich; | ||
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| + | Lob und Genossen haben ihr Versprechen redlich gehalten, und sich, in Erinnerung der grauenhaften Nacht, wo sie beinahe dem [[wesen: | ||
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| + | Pastor Pech schlummerte am 25. April 1808 in die Geheimnisse des Jenseits hinüber. Seine Frau hatte er schon früher durch den Tod verloren. Während ihres Begräbnisses, | ||
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| + | Als Pech endlich selbst der Natur ihren Tribut bezahlte, will man, während er bestattet wurde, seine ehrwürdige Gestalt an einer Maueröffnung des Thurmes bemerkt haben. Vor seinem Tode hatte er seinen Angehörigen befohlen, einige seiner Bücher, namentlich das sechste und siebente Buch Moses, in deren Besitz er war, nach seinem Abscheiden zu verbrennen. Als dies nicht geschah, ließ sich der Geist des Pfarrers mehrmals mahnend sehen; einmal soll er sogar durch die Esse, gleich einem Sturme, eingefahren sein, worüber eine Magd bis auf den Tod erschrak und starb. Die Bücher wurden endlich vernichtet und der Spuk hörte auf. | ||
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sagen/graessesachsen760.1681155694.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
