sagen:graessepreussenii881
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| + | ====== Der Meißner (oder richtiger Weißner) und die in ihm wohnende Frau Holle ====== | ||
| + | S.v. Münchhausen in Justi' | ||
| + | Schimecke in d. Zeitschr. f. hess. Gesch. Bd. IV. S. 103 etc. [wo mehr das rein | ||
| + | mythologische Element, das romantische nach: Dr. K. Chr. Schmieder] | ||
| + | Frau Holle. Ein hessisches Volksmärchen vom Meißnerberge. Cassel 1819 in 12. | ||
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| + | Zwischen Eschwege, Allendorf und Lichtenau erhebt sich der Meißner, das berühmteste Gebirge in Hessen, im Sommer von unzähligen Besuchern bestiegen, im Winter, Frühling und Herbst aber wie ein Gletscher von tiefem Schnee umhüllt und ebenso wenig besteigbar wie der Brocken oder der St. Gotthard. Ersteigt man ihn von der Abendseite, so kommt man an seinem Abhang zuerst bei der Försterwohnung über dem Dorfe Hausen vorbei, besucht dann die sogenannte Kiezkammer, eine Höhle in einer merkwürdigen Basaltfelsen-Wand an der Mittagsseite, | ||
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| + | Am Fuße des Meißners nach Mitternacht zu liegt das Dorf Diederode, nun lebte dort zur Zeit Pipins von Heristall ein Freisasse, Diede genannt, der den Wald ausgerodet und die ersten Ackerfurchen gezogen, auch das erste Haus gebaut hatte. Nach ihm nannten diejenigen, welche sich später dort angesiedelt hatten, den ganzen Ort Diederode. Dieser hatte eine schöne Tochter, um welche viele junge Burschen freiten, allein ihr gefiel nur einer, der starke Holle und dem reichte sie ihre Hand. Von dem Tage an ward sie ein Muster einer Hausfrau, sie bestellte mit unermüdlicher Sorgfalt Haus und Feld. Leider that es ihr aber ihr Mann nicht gleich, er verließ sich auf seine Frau und lag den ganzen Tag auf der faulen Bärenhaut, höchstens daß er einmal in den Wald ging und ein Stück Wild erlegte. Allein auch dies kam der Wirtschaft nicht zu Gute, denn er pflegte dann mit seinen Genossen ins Gasthaus zu gehen und verließ dasselbe nicht eher, als bis das erjagte Wild für die Bezahlung der Zeche daraufgegangen war. Ueberhaupt gefiel es ihm sehr bald zu Hause nicht mehr, seine Frau war ihm zu ruhig und zu arbeitsam, er wollte Unterhaltung haben und diese suchte und fand er im Wirthshause. Leider aber fröhnte er nicht blos dem Trunk, sondern auch dem Spiel, und wo er sich sehen ließ, da klangen auch bald die Würfel. So saß er auch einst im Kruge mitten unter lustigen Gesellen, man hatte tüchtig getrunken, natürlich ward ein Spielchen vorgeschlagen, | ||
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| + | Allein sie war nicht am Weinen gestorben, sie hatte für ihre Pfleglinge, die Hühner und Schafe, sorgen müssen und das that sie auch redlich; da es Sommer war, so ward es ihr nicht schwer, für die armen Thiere ein nächtliches Unterkommen zu Stande zu bringen. Jeden Tag ging sie um den Gipfel der Morgenseite des Meißners dem Aufgange der Sonne entgegen und folgte dann derselben bei ihrem täglichen Umlaufe um den Berg in gleicher Weise. So kam sie einst auch vor Mittag an die Stelle, wo der klare Bach herabfällt vom schwarzen Borne. Hier weilte sie gern, während die Schafe tranken und ihre Lämmer säugten. Da hörte sie auf einmal ein Klatschen in der Luft, es waren die Hausschwalben, | ||
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| + | Inzwischen war es Herbst geworden, die Schwalben waren fortgezogen und der Winter fing hier sehr zeitig an sein weißes Schneezelt aufzuschlagen, | ||
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| + | Frau Holle dankte ihren Göttern, daß sie ihr ein Obdach für ihre Schafe und Hühner gegeben, und ging nun um Wasser zur Tränke für dieselben zu suchen, denn sie erinnerte sich, daß sie in der Nähe in einem Bergthale einen Teich gesehen hatte, dessen klares Wasser wärmer zu sein schien als die andern Gebirgsquellen und der deshalb den Winter über ihr gute Dienste zu leisten versprach. Als sie am Rande desselben angekommen war, da stieg aus den Wellen eine schöne Frau im weißen Gewande hervor, die ihr freundlich zunickte und durch eine Bewegung mit der Hand sie einlud, ihr zu folgen. Dies that sie auch und fand nicht fünfzig Schritt entfernt vom Ufer ein nettes Wohnhaus stehen, das sie eben so wenig früher bemerkt hatte als den Stall. | ||
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| + | Vor dem Hause wendete die weiße Gestalt sich nach ihr um und sprach: »Ich bin Hertha, die Herrin der Erde, und bin vom hohen Norden herabgekommen um diesen Theil meines Reiches zu besuchen. Ich habe Dein Thun beobachtet und Gefallen an Dir gefunden: deshalb habe ich Dich erwählt hier meine Stelle zu vertreten, denn ich kehre jetzt nach Rügen, wo mein Herrschersitz ist, zurück. Nimm diese Glocke zu Dir, so bald Du sie bewegst, wird Dir jeder Wunsch erfüllt werden. Ich schenke Dir diesen Berg als Dein Eigenthum; willst Du ihn verlassen, so gieb mir die Glocke zurück und wirf sie in den Brunnen, der in der Mitte dieses Teiches hinabgeht. Du aber sollst in diesem Hause wohnen.« Damit verschwand sie in der schwarzen Fluth, die jetzt den Namen Frau-Hollen-Teich führt und für unergründlich gilt. Von dem Wohnhaus im Gebüsch steht jetzt noch weniges Gemäuer, welches man das Waldmannshäuschen nennt, weil mehrere Jahrhunderte nachher hier ein Köhler hauste. Die Kinder desselben verließen es aber, weil es verfiel und ohnedies der Wald zu licht ward. | ||
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| + | Frau Holle trat nun in ihre neue Wohnung ein und fand Alles hier weit besser und bequemer eingerichtet und ausgestattet als in ihrem alten Hause. Am andern Morgen besuchte sie ihre Schafe und fand dieselben schon außerhalb des Stalles auf der Weide, nur ihre Hühner fand sie nicht, und schon glaubte sie, sie wären von dem Stößer verzehrt, da hörte sie weiter unten ihr Gegacker, sie folgte dem Schalle und siehe da, sie erblickte ein stattliches Hühnerhaus wie aus der Erde gewachsen und von ihrem Hühnervolke bewohnt. Es stand an der Stelle, wo jetzt das Dorf Küchen liegt, das seinen Namen von den vielen Hühnern und Küchlein hat, welche die ersten Bewohner desselben hier vorgefunden hatten. Als nun Frau Holle hier nichts mehr zu thun fand, so ging sie wieder nach jenem Platze, wo sie gestern um Mittag mit der Heerde gerastet hatte. Aber auch hier war eine große Veränderung vorgegangen, | ||
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| + | Allein nicht blos ihre Verwandten besuchte und unterstützte sie, allen fleißigen Frauen war sie hold; wenn sie Abends ungesehen in eine Stube trat und die Mutter gerade den Rocken aus der Hand gelegt hatte, um ihrem Kinde zu trinken zu geben oder das Vieh zu beschicken, da spann unterdessen Frau Holle fort, und wenn die Spinnerin zurückkehrte, | ||
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| + | Am meisten machte sie sich mit den Kindern im Dorfe Hausen zu schaffen, mit diesen spielte sie auf den Hügeln, die unterhalb des Dorfes liegen, erzählte ihnen schöne Geschichten, | ||
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| + | Frau Holle erbarmte sich aber auch der armen Dirnen, welche von ihren Liebhabern verlassen worden waren, sie lockte sie nach ihrer Behausung und suchte sie durch leichte Arbeit zu zerstreuen und durch freundliches Zureden zu trösten. Dies ging eine Weile recht gut, allein bald ward ihr Haus ganz voll von solchen unglücklichen sitzengebliebenen Jungfern, denen schmeckte das Spinnen und Stillsitzen nicht sonderlich, hatte Frau Holle den Rücken gewendet, so erzählten sie sich gegenseitig ihr Unglück und da geschah es denn, daß aus Neid und Mißgunst häufig eine der andern Schuld gab, selbst die Ursache ihres Unglücks gewesen zu sein. Natürlich folgte nun bald ein allgemeiner Streit und als eines Abends ihre freundliche Wirthin zurückkehrte, | ||
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| + | Einst kam ein armer Landmann, Namens Germar, mit Frau und Kind von Reichenbach an den Abhang des Meißnerberges, | ||
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| + | Mit dem männlichen Geschlechte verfuhr aber Frau Holle nicht ebenso wohlwollend, | ||
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| + | Nun kam zu derselben Zeit ein frommer Mann vom Rheinstrom herüber, der war als Knecht an einen christlichen Herrn gekommen, hatte sich taufen lassen und alsdann den Namen Bernhard erhalten. Er hatte sich dann dem h. Winfried angeschlossen, | ||
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| + | In dem Eschweger oder Bilsteiner Amt liegt an dem Meißner Berge jener Pfuhl oder See, welcher meist trüb ist, und Frau Hollenbad heißt, dort soll man sie heute noch oft sehen, wie sie sich um die Mittagstunde darin badet und dann verschwindet. Hinter dem Dorfe Abterode, unter dem Meißner, ragt ein Fels über die Erdoberfläche hervor, der die Gestalt eines Bären hat und der Todtenstein heißt. Frau Holle soll ihn auf ihrem Daumen dorthin getragen haben. | ||
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| + | Zwischen Eschwege und Reichensachsen liegt ein Berg, die blaue Kuppe genannt, dessen Gipfel ein großer Felsblock bedeckt. Als Frau Holle einmal über diesen Berg ging, drückte sie ein Stein im Schuh; sie zog ihn vom Fuße und schüttelte den Stein heraus, welcher auf derselben Stelle liegen blieb. Es soll jener Felsblock gewesen sein((S. Lyncker, Hess. Sagen S. 19.)). | ||
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| + | Wer aber wissen will, wie hoch unsere Vorfahren die Frau Holle oder Hulda (so genannt, weil sie sich den Frauen hold zeigte) gehalten, der blicke den Holzschnitt an über dem zehnten Gespräch (oder Kapitel) von Petrarca' | ||
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