sagen:graessepreussenii324
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| - | In der Fleischergasse zu Görlitz gewahrt man an dem Hause der neuen Apotheke das in Stein gehauene Bild einer Frau, welche gleichsam wie aus einem Fenster aus der Mauer herausschaut, | + | In der Fleischergasse zu [[geo:Görlitz]] gewahrt man an dem Hause der neuen Apotheke das in Stein gehauene Bild einer Frau, welche gleichsam wie aus einem Fenster aus der Mauer herausschaut, |
| - | Eines Tages wanderte ein junger Handwerksgesell in die Stadt Görlitz ein, als er bei der offenen Klosterkirche vorbeikam, läutete eben das Minoritenglöcklein zur Messe, der fromme Jüngling trat in die heiligen Räume, legte in einer Ecke der Kirche sein Ränzlein ab, knieete nieder und betete inbrünstig. Da überfiel ihn eine plötzliche Müdigkeit, er lehnte seinen Kopf an eine nahe Bank und schlief ein. Als die fromme Handlung vorüber war und Alles die Kirche verließ, schloß der Pförtner, der den Schlafenden nicht bemerkt hatte, die Kirchenthüren. Der junge Mann erwachte erst gegen Mitternacht und erschrack nicht wenig, als er sich in tiefer Finsterniß ganz mutterseelenallein in der öden Kirche wiederfand. Er sprang auf und näherte sich der ewigen Lampe, welche auf dem Hochaltar brannte, um wenigstens in der schauerlichen Einsamkeit etwas sehen zu können; da hörte er auf einmal schlürfende Schritte aus der Ferne kommen, er versteckte sich daher eilig in einen der gothischen Chorstühle, | + | Eines Tages wanderte ein junger Handwerksgesell in die Stadt Görlitz ein, als er bei der offenen Klosterkirche vorbeikam, läutete eben das Minoritenglöcklein zur Messe, der fromme Jüngling trat in die heiligen Räume, legte in einer Ecke der Kirche sein Ränzlein ab, knieete nieder und betete inbrünstig. Da überfiel ihn eine plötzliche Müdigkeit, er lehnte seinen Kopf an eine nahe Bank und schlief ein. Als die fromme Handlung vorüber war und Alles die Kirche verließ, schloß der Pförtner, der den Schlafenden nicht bemerkt hatte, die Kirchenthüren. Der junge Mann erwachte erst gegen Mitternacht und erschrack nicht wenig, als er sich in tiefer Finsterniß ganz mutterseelenallein in der öden Kirche wiederfand. Er sprang auf und näherte sich der ewigen Lampe, welche auf dem Hochaltar brannte, um wenigstens in der schauerlichen Einsamkeit etwas sehen zu können; da hörte er auf einmal schlürfende Schritte aus der Ferne kommen, er versteckte sich daher eilig in einen der gothischen Chorstühle, |
| Dem Handwerksburschen zitterten ob diesem grausigen Anblick alle Glieder, er mußte jedoch ruhig ausharren, bis die Thüren zur Frühmesse geöffnet wurden, da schlich er sich unbemerkt hinaus und glaubte, es habe ihn ein böser Traum geäfft. Allein auf der Herberge angelangt, hörte er, daß man seit gestern die schöne Tochter einer armen Wittwe vermisse, die in die Messe gegangen, aber von da nicht wieder nach Hause zurückgekehrt war. Da begab er sich flugs zum Bürgermeister und erzählte, was er in der vorigen Nacht erlebt hatte. Dieser ließ sofort die Kirche und das Kloster mit Wachen umstellen, den Handwerksburschen in die Kirche führen und dort durch diesen die Steinplatte suchen. Dieselbe war bald gefunden, man hob sie in die Höhe, stieg in die Gruft hinab und fand dort die Vermißte als Leichnam. Nun wurde das Mönchscapitel versammelt und leicht fand der Handwerksgesell unter den zitternden Mönchen den heraus, dessen häßliche Züge ihn in der vorigen Nacht so erschreckt hatten. Derselbe gestand nun, daß er das Mädchen in seine Zelle gelockt, dort gemißbraucht, | Dem Handwerksburschen zitterten ob diesem grausigen Anblick alle Glieder, er mußte jedoch ruhig ausharren, bis die Thüren zur Frühmesse geöffnet wurden, da schlich er sich unbemerkt hinaus und glaubte, es habe ihn ein böser Traum geäfft. Allein auf der Herberge angelangt, hörte er, daß man seit gestern die schöne Tochter einer armen Wittwe vermisse, die in die Messe gegangen, aber von da nicht wieder nach Hause zurückgekehrt war. Da begab er sich flugs zum Bürgermeister und erzählte, was er in der vorigen Nacht erlebt hatte. Dieser ließ sofort die Kirche und das Kloster mit Wachen umstellen, den Handwerksburschen in die Kirche führen und dort durch diesen die Steinplatte suchen. Dieselbe war bald gefunden, man hob sie in die Höhe, stieg in die Gruft hinab und fand dort die Vermißte als Leichnam. Nun wurde das Mönchscapitel versammelt und leicht fand der Handwerksgesell unter den zitternden Mönchen den heraus, dessen häßliche Züge ihn in der vorigen Nacht so erschreckt hatten. Derselbe gestand nun, daß er das Mädchen in seine Zelle gelockt, dort gemißbraucht, | ||
| - | Von diesem Minoritenkloster führte übrigens der Sage nach ein unterirdischer Gang nach der Landskrone, einmal drangen drei Schüler hinein, gingen eine Viertelstunde weit darin fort, kamen aber dann an eine eiserne Thüre, die sie nicht zu öffnen vermochten. Später ward der Eingang vermauert. | + | Von diesem Minoritenkloster führte übrigens der Sage nach ein unterirdischer Gang nach der [[region:Landskrone]], einmal drangen drei Schüler hinein, gingen eine Viertelstunde weit darin fort, kamen aber dann an eine eiserne Thüre, die sie nicht zu öffnen vermochten. Später ward der Eingang vermauert. |
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