sagen:graessepreussenii290
Unterschiede
Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.
| Beide Seiten der vorigen RevisionVorhergehende ÜberarbeitungNächste Überarbeitung | Vorhergehende Überarbeitung | ||
| sagen:graessepreussenii290 [2025/01/21 21:13] – ewusch | sagen:graessepreussenii290 [2025/01/30 17:50] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1 | ||
|---|---|---|---|
| Zeile 3: | Zeile 3: | ||
| [[sagen: | [[sagen: | ||
| + | ====== Der Altvater und der Peterstein ====== | ||
| + | Nach Berndt, Wegweiser durch das Sudetengebirge. Breslau 1828 in 8°. S. 513. 605, | ||
| + | der aber, ohne seine Quelle zu nennen, die Sage aus Mosch, Heilquellen Schlesiens S. 273-292 entlehnte | ||
| + | |||
| + | Der Altvater ist der höchste Berg nicht nur der südöstlichen Hochgebirgsgruppe des sogenannten Gesenkes im Fürstenthum Neisse, sondern überhaupt des ganzen Gesenkes selbst (4620 Fuß hoch). Seines breiten abgerundeten baumlosen, im Frühling durch seine weiße Schneedecke weithin kenntlichen Scheitels wegen heißt er der (Neisser) Schneeberg. Den Namen Altvater oder Vaterberg hat er wegen seiner Höhe empfangen, weil alle neben ihm liegenden Berge sich zu ihm wie Kinder verhalten. Die mächtige Janowitzer Haide, welche sich gegen Mittag von ihm in einem langen Rücken fortzieht und ihm an Höhe fast gleich kommt, heißt die Mutter, und der Peterstein, welcher sich am Abhange der letztern, zwischen ihr und dem Vaterberge, mit der feinen Felsengruppe erhebt, der Sohn. Der kleine Altvater ist die niedrige baumlose Fortsetzung des Vaterberges zwischen der Mittel- und kleinen Oppa gegen Morgen. | ||
| + | |||
| + | Vor mehreren Jahrhunderten zog, fröhlich und wohlgemuth, wie es der Künstler pflegt, Peter Hagenbach, der Maler, durch das böhmische Land, das ihm das Dasein gegeben. Er kam aus Italien, dem Lande der Kunst, und daß er nicht umsonst in der florentinischen Schule gewesen, bewiesen manche Briefe von hoher Hand und seine Schöpfungen im Gebiete der Kunst. Schon hatte er in manchem Kloster Arbeit gefunden und war eben im Begriff nach Prag zurückzukehren, | ||
| + | |||
| + | Peter Hagenbach besann sich nicht lange, und schon am folgenden Morgen schritt er durch das bethauete Gras gegen Osten hin und auf die Gegend los, in welcher Spieglitz lag. Er ward bei seiner Ankunft von der Aebtissin mit mütterlicher Freundlichkeit empfangen, und Alles, was er zu Arbeit und Bequemlichkeit bedürfen würde, versprach sie gern und schleunig zu besorgen. | ||
| + | |||
| + | So begann nach wenigen Tagen der Vorbereitung die Arbeit. Ein Altarblatt, weniger ausgezeichnet durch wahren Werth, als merkwürdig, | ||
| + | |||
| + | Der verständigen gutmüthigen Aebtissin, weit und über ihre Zeit gebildet, entgingen die eifrigen Bemühungen des jungen Mannes nicht. Oft kam sie zu sehen, was er mache, und mehrmals erschien sie sogar in Begleitung des ganzen Convents in der Kirche, die Geschicklichkeit des jungen Malers zu zeigen und seinen Eifer zu loben. Die gute Aebtissin wähnte, wo Unschuld und Tugend aus den Augen eines Mannes leuchteten, sei auch für Nonnen keine Gefahr, und bald gestattete sie den Schwestern den Maler täglich zu besuchen, wenn sie nur wollten. | ||
| + | |||
| + | Peter, voll Ehrfurcht gegen diese geheiligten Personen, beachtete sie, außer durch Bezeigung schuldiger Höflichkeit, | ||
| + | |||
| + | Eines Tages aber brachen die beiden Schwestern ihr Schweigen. »Verzeiht, Meister«, begann die eine, »wenn ich durch eine Frage Euern Fleiß unterbreche. Eure Kunst hat in uns eine Neigung erweckt, sie zu erlernen, und wir wünschten wohl zu wissen, ob Ihr uns Eueres Unterrichts werth haltet? Ihr werdet an uns lernbegierige und dankbare Schülerinnen haben, und durch die Gewährung unserer Bitte selbst die Frau Aebtissin nicht wenig erfreuen.« | ||
| + | |||
| + | »Sehr gern«, antwortete Peter mit einiger Verlegenheit, | ||
| + | |||
| + | Während dieser Rede hatte Peter seine Augen auf die beiden Frauen gerichtet, und staunend ruhte noch, nachdem er lange geendet, sein Auge auf der reizenden Gestalt Cäciliens, welche mit allen Reizen ihrer heiligen Namensschwester den Ausdruck des tiefsten Gefühls und der lautersten Unschuld verband. Die Jungfrauen, nicht weniger verwirrt, verließen bald die Kirche und ließen den armen Maler mit verwundetem Herzen auf seinem Gerüste zurück, von welchem er jetzt unaufhörlich in den Kreuzgang hinausblickte, | ||
| + | |||
| + | Am folgenden Tage ließ die Aebtissin den Maler kommen, theilte ihm selbst den Wunsch mit, welchen die Jungfrauen ausgesprochen, | ||
| + | |||
| + | Er war im Reiche der Liebe zwar keineswegs unbekannt, denn er hätte sonst kein Maler sein müssen, aber seine Liebe war mehr ein Sinnenrausch gewesen, der eben so schnell verflog, als er gekommen, und so lebte er treulich nach dem Sprichwort: »Andere Städtchen andere Mädchen.« | ||
| + | |||
| + | Peter fand in seinen Schülerinnen ein Paar jener herrlichen Seelen, welche, zu gut für das Leben im Sturme der Welt, dem Himmel mehr angehörten, | ||
| + | |||
| + | Schon hatte der Unterricht Peters einige Wochen gedauert, als plötzlich Marie, seine zweite Schülerin, erkrankte. Cäcilie war über diesen Unfall aufs schmerzlichste betrübt, wachte unabläßig an ihrem Lager, und verließ es nur dann, wenn die Zeit nahte, wo sie Peters Unterricht genießen sollte. Aber dann war sie auch bei jedem Worte ihres Lehrers ganz Ohr; jeder leise, auch nur scheinbare Tadel verwundete sie tief, weil sie ihrem Lehrer mißfällig geworden, und häufig entquollen ihrem Auge Thränen, wenn Peter verstimmt und traurig an ihrer Staffelei erschien. In Beiden keimte die Liebe, aber die reine, unbefangene Unschuld kannte sie ja nicht, und der erfahrnere Maler glaubte sich stärker, als er in der That war. | ||
| + | |||
| + | Indessen war Mariens Krankheit gewachsen, selbst der Arzt zweifelte an ihrer Rettung; wie hätte sie Cäcilie verlassen mögen. Acht Tage und acht Nächte wachte sie unaufhörlich an ihrem Lager, und erst dann, als nach dieser Zeit der Arzt versicherte, | ||
| + | |||
| + | »O, mein Freund«, sprach sie, und ergriff zitternd die Hand des Bewegten, »mir war, als ob mich eine Ewigkeit von Euch geschieden; o, wie freut sich mein Herz, daß ich Euch nun wiedersehe.« Ein Strom von Thränen stürzte bei diesen Worten aus ihren Augen und benetzte die Hände, die sie mit heißen Küssen bedeckte. | ||
| + | |||
| + | Im freudigen Erschrecken faßt der Maler die Weinende in seine Arme. Seine Erfahrung hatte die Stimme seines bessern Menschen nicht erstickt, und gleich einem Wetterstrahl durchblitzte mit einem Male der Gedanke an die Gefahr des liebenden Mädchens seine Seele. | ||
| + | |||
| + | »Meine Cäcilie, geliebtes herrliches Mädchen«, rief er mit zitternder Stimme, »was hast Du gethan! Indem Du mir in Deiner Liebe des Lebens höchste Seligkeit gezeigt, öffnest Du mir zugleich die Pforten namenlosen Jammers. Cäcilie, Du Braut des Himmels, hast Du vergessen, daß Du keinen irdischen Bräutigam mehr haben kannst? O, meine geliebte unglückliche Cäcilie.« | ||
| + | |||
| + | Ruhig hielt bei diesen Worten die Jungfrau den Geliebten umschlungen und blickte sehnsuchtsvoll durch Thränen in seine Augen. »O«, sprach sie, »mein Freund hat vergessen, welch' eine gute Mutter wir an unsrer Ignatia haben, sie wird gewiß meine Bitte erfüllen und Dir hier einen Wohnplatz gestatten. Die Gottesbraut will ja keine irdische Ehe. Sie wird glücklich sein, wenn Du nur ihr nahe bist; sie wird sich an den Gedanken gewöhnen, daß eine andere Dein Lebensglück begründen wird, und wird nicht jammern, wenn ihr auch darüber das Herz brechen sollte.« | ||
| + | |||
| + | Gerührt drückte sie der Meister an seine Brust. »Genug, Geliebte, heute vermag ich nicht zu rathen, mein Herz ist zu voll von Seligkeit und doch auch von Angst; aber morgen hoffe ich Dir einen Weg zeigen zu können, der doch noch zum Heile führen soll. Bis dahin sei ruhig, verbirg unsere Liebe und hoffe Alles von der Zukunft.« | ||
| + | |||
| + | Mit diesen Worten drückte er den Kuß der Liebe auf ihre Lippen und eilte zum Kloster hinaus. Tausend Gefühle bestürmten sein liebendes Herz, tausend Pläne gingen durch seinen Kopf. Schlaflos brachte er die Nacht hin, und als der Morgen mit seinem rosigen Athem die nördlichen Berge des mährischen Gesenkes behauchte, war sein Entschluß gefaßt. | ||
| + | |||
| + | »Gott hat mein Gebet erhöret«, sprach er am andern Tage zur Jungfrau, »und hat mir Muth gegeben, einen Entschluß zu fassen, der uns wohl vor Verstrickung unseres Gewissens bewahren soll, die Aebtissin selbst soll entscheiden, | ||
| + | |||
| + | Als die Aebtissin am Nachmittage herbeikam, die Fortschritte der Jungfrau zu schauen, da redete Herr Peter zu ihr, wie er etwas auf dem Herzen habe, worinnen sie ihm rathen möge, und wie er sie so verehre und hochschätze, | ||
| + | |||
| + | Und nun begann er seine eigne Geschichte zu erzählen, aber nur mit der Abänderung, | ||
| + | |||
| + | »Meister Peter«, sprach sie, »in Eurer Sache Rath zu ertheilen, ist nicht leicht. Entweder ich muß Euere Liebe tadeln und alle weitere Verbindung zwischen Euch widerrathen, | ||
| + | |||
| + | Herr Peter war durch diesen Rath so überrascht, | ||
| + | |||
| + | Die Stunde kam und mit ihr Cäcilie. Freudetrunken verkündete Peter der Zitternden der Aebtissin Rath, und küßte wehmüthig lächelnd die Thränen von dem blühenden Gesicht der Jungfrau. »Gott, Du zeigst mir großes Erdenglück«, | ||
| + | |||
| + | Peter, welcher nicht geglaubt, daß die Jungfrau so willig sich zur Flucht verstehen würde, war jetzt der glücklichste Mensch der Erde. So oft die Lehrstunden begannen, sprachen die Liebenden über die Ausführung des Plans, und kaum waren jene beendigt, so setzte sich der Meister vor die Staffelei, um das nachzuholen, | ||
| + | |||
| + | Still und vorsichtig hatte Peter Alles vorbereitet, | ||
| + | |||
| + | Weinend sank Cäcilie auf den Rasen. »Heilige Jungfrau«, rief sie schluchzend, | ||
| + | |||
| + | Indessen der Geliebte sie mit der einen Hand sanft fortzog, schleppte er mit der andern die Leiter bis zum nahen Teiche, band mittelst einiger Stricke schwere Steine, die er vorher dorthin gewälzt, an dieselbe, und versenkte sie so in die Tiefe des Wassers. Darauf lud er die Geängstigte auf den Rücken und eilte mit ihr rüstig dem nicht fernen Schneeberge zu. | ||
| + | |||
| + | Der Morgen dämmerte noch nicht, als sie die Waldung erreicht hatten, welche sich nach dem Schneeberge hinaufzieht. Hier eröffnete Herr Peter der Geliebten, daß sie nun sich der männlichen Tracht bedienen müsse, bis sie ihren sichern Zufluchtsort erreicht haben würden. | ||
| + | |||
| + | »Alles, was Du willst, mein Geliebter«, | ||
| + | |||
| + | Bald brach die Morgendämmerung herein, und von unten aus der gesegneten Hügelebene Mährens schlugen sanft die Töne der Frühglocken von Klöstern, Kapellen und Kirchen herüber an den Saum des Gebirges. Noch ruhte ein grauer Schleier über der tiefen Erde, und ein kalter Ostwind strich über sie hin. Doch bald mehrte sich des Himmels Feuer; der Glanz des jungen Tages strömte mild über die Fluren, über Berge und Gründe, und bald küßten die ersten Strahlen der hervorbrechenden Sonne die Thränen der Wehmuth von den Wangen der Jungfrau. | ||
| + | |||
| + | Aber nur kurze Zeit währte die Freude über das glücklich gelungene Werk bei den Liebenden. Bald wälzten sich dicke Nebel aus den Gründen des Schneebergs und verhüllten sogar die nächsten Gegenstände um die Pilger her. | ||
| + | |||
| + | So irrten sie bis über Mittag, als plötzlich kleine Glöckchen durch den Nebel herübertönten, | ||
| + | |||
| + | »Nach Landeck?« fragte der Hirt und schüttelte bedenklich das Haupt; »da mögt Ihr wohl zusehen, daß Ihr den Weg findet, doch dürfte es Euch schwer werden, bei solchem Nebel aus diesem Heere von waldbedeckten Bergen Euch herauszufinden!« | ||
| + | |||
| + | Nun beschrieb er Beiden den Weg, stärkte sie aus seiner Flasche und geleitete sie dann nach einer offenen Hütte, unter deren Dache eine weiche moosige Lagerstätte bereitet war. Dann übergab er ihnen noch etwas Brod, nannte ihnen nochmals die Richtung, in welcher sie zu steuern hätten, empfahl sie dem Schutze der heiligen Jungfrau und kehrte dann wieder zu seinen Schafen zurück. | ||
| + | |||
| + | Die Liebenden beschlossen die Nacht hier zuzubringen, | ||
| + | |||
| + | Der Morgen brach an, aber noch leuchtete den Liebenden kein Hoffnungsstern, | ||
| + | |||
| + | Aber ihr Leiden sollte höher steigen, denn plötzlich änderte sich der Wind, und vom Norden her stürmten Wolken von Schnee, so daß die Armen fast kein Auge zu öffnen vermochten. In dieser Noth sah sich Peter nur nach einem Ruheplatze für die Nacht um. Unter die zur Erde herabhängenden Aeste einer gedrungenen Fichte legte er die arme Cäcilie, die nicht mehr zu gehen vermochte, und machte sich im Stillen Vorwürfe, daß er an dem Unglück eines Engels schuld sei, der, statt mit ihm und durch ihn glücklich zu werden, die Ruhe im Grabe finden sollte. Cäcilie tröstete ihn, aber konnte doch den Kampf in ihrem Innern nicht verbergen, denn unwillkührlich entschlüpfte ihren Lippen bald der Name der mütterlichen Ignatia, bald der ihrer geliebten Freundin Maria. | ||
| + | |||
| + | So verfloß die schreckensvolle Nacht, und als der Tag anbrach, beleuchtete sein Licht ein weites Schneegefilde, | ||
| + | |||
| + | »Laß mich hier ruhen, geliebter Freund«, sprach endlich Cäcilie mit matter Stimme, »und suche wenigstens Dich zu retten, der Du höhere Ansprüche an die Welt hast, als ich schwaches Weib. Laß mich sterben auf meiner Mutter Erde, und gelingt es Dir, Dich zu retten, so kehre zurück, meine Gebeine in geweihter Erde zu bestatten. Gott wird mir gnädig sein und der Sünderin vergeben.« | ||
| + | |||
| + | »Nein«, rief Peter mit wildem Schmerz, »nein, meine Geliebte, Du darfst nicht sterben. Komm, ich fühle neue Kraft in meinen Adern, Gott wird sich unsrer erbarmen und uns nicht verderben lassen in dieser Einöde. Komm, Geliebte, fasse Muth, Du wirst nicht sterben!« | ||
| + | |||
| + | Mit diesen Worten ergriff er das fast leblose Mädchen, schloß sie in seine Arme und durchwatete aufs Neue, vom wüthendsten Hunger gepeinigt, den hohen Schnee, bis er endlich, nach einigen Stunden Steigens, auf einer kahlen Schneefläche hinsank. Nur wenige Schritte von dieser Stelle erhob sich ein Fels, in dessen Schutz er seine dem Tode nahe Geliebte niederlegte. | ||
| + | |||
| + | »So wollen wir denn hier sterben«, sprach er gefaßt; »so soll der Tod uns nun vereinen, wo das Leben uns, wenn auch nur kurze Zeit, so schön gelacht!« | ||
| + | |||
| + | »Lebe wohl, mein theuerster, mein geliebtester Freund«, sprach mit matter Stimme die Halbtodte, »und tausend, tausend Dank für Deine Liebe! Ach, die Welt war doch so schön, und Dank dem Himmel, daß er mich noch ihre höchste Seligkeit schmecken ließ, Deine Liebe. – Jetzt weiß ich erst, was Leben ist. – Nun sterbe ich mit Dir in Deinen Armen. – Ach, mein Geist sehnt sich hinüber in das schöne Land, wo wir ungetrennt sein, wo wir alle große edle Menschen finden werden, die diese Erde verlassen haben. – Komm, mein einzig Geliebter, gieb mir den letzten Kuß auf dieser Erde, den Kuß der Vergebung, wenn ich Dich jemals betrübt, – und dann – gute Nacht!« | ||
| + | |||
| + | »Gute Nacht«, jammerte Peter über der bleichen Gestalt, »gute Nacht!« Und so sank er, die Scheidende mit kraftlosen Armen umschlingend und mit Küssen bedeckend, an ihrer Seite nieder. Sein Auge war gebrochen, Fieberfrost durchzog seine Glieder, er fühlte, daß auch sein Ende nicht fern sein könne. | ||
| + | |||
| + | Da leuchtete plötzlich ein milder Glanz in sein gebrochenes Auge, und eine sanfte, warme Luft wehte erquickend um den Felsen her. Gestärkt schlug er seine brechenden Augen auf, und siehe, eine hohe freundliche Gestalt, St. Peter selbst, stand himmlisch lächelnd vor ihm. | ||
| + | |||
| + | »Steht auf«, sprach er, »und folgt mir!« Und damit berührte er Peter und Cäcilien, die, vor wenigen Augenblicken dem Tode nahe, mit neuer wunderbarer Kraft ausgerüstet sich emporrichteten und der hohen Gestalt folgten, welche über die Schneefläche hinwegschwebte. | ||
| + | |||
| + | Nach kurzer Wanderung sahen sich die Liebenden auf einer Berghöhe, welche eine mildere Luft umwehte. Der Schnee schmolz vor ihren Augen; der Berg bekleidete sich mit einer grünen Rasendecke, und bald schossen liebliche Blumen daraus hervor, welche in die schöne Zeit des Sommers versetzen. Bald zerriß auch die Nebeldecke, und der Sonne milder Strahl goß vollends Leben in die Glieder der Unglücklichen. | ||
| + | |||
| + | Freudetrunken blickten sie bald hinauf in den blauen, sonnenklaren Himmel, bald herab auf die dunklere Erde, und erstaunt flog ihr Blick über das beschneite Gebirge hier hinaus auf das im schönsten Farbenschmucke des Herbstes ruhende Mähren, und aus einer fernen Bläue vom Schneeberge her bezeichnete Berg auf Berg den Leidensweg, den sie genommen. | ||
| + | |||
| + | Gerührt und ehrfurchtsvoll sanken die Geretteten vor dem Himmlischen nieder, und ihr dankbares Herz zerfloß in ein inniges Gebet. | ||
| + | |||
| + | Da schlug die Gestalt mit ihrem Stabe auf die Erde, und heraus stieg mit einem dumpfen Donner ein Felsenstück, | ||
| + | |||
| + | Und abermals berührte der Heilige mit seinem Stabe die Erde, da sprang ein Quell hervor von geistigem lebenden Wasser und rieselte den Blumenteppich hinab nach dem Thale. Dankbar erkannten Peter und Cäcilie des Himmels Gnade, und als sie mit dem heilbringenden Tranke eine neue, nie gekannte Seligkeit einsogen, da gelobten sie, das Auge gen Himmel gewandt, dem Vater aller Wesen Tugend und Frömmigkeit bis in das Grab und sahen den Himmel offen, und in einer hell leuchtenden Wolke, umgeben von einem Kreise seliger Engel, Gott über der Erde schweben, und sie sanken auf den Rasen und verharrten mit gesenktem Auge lange Zeit im Gebet. | ||
| + | |||
| + | Als sie nun erwachten, war der Berggipfel verschwunden und sie sahen sich in einem tiefen, mit Wald bedeckten Thale, durch welches ein brausender Bach floß; an ihrer Seite rauschte eine reine, starke Quelle mit mächtigen Perlen hervor, und als sie von derselben tranken, erkannten sie das heilbringende Wasser, welches sie auf dem Berge geschmeckt. | ||
| + | |||
| + | Indessen nun die Geretteten in heißen Umarmungen das Glück des wiedergeschenkten Lebens genossen, trat ein alter Greis an sie heran und grüßte sie mit freundlichem Gesicht. | ||
| + | |||
| + | »Wundert Euch nicht, ihr Fremdlinge«, | ||
| + | |||
| + | Gerührt und dankbar gen Himmel blickend folgten die Geretteten, und als sie die warme heimliche Klause des Waldbruders aufgenommen, | ||
| + | |||
| + | Am folgenden Morgen geleitete der Einsiedler die Wanderer nach Würbenthal, | ||
| + | |||
| + | Es war ein schöner kalter Herbstmorgen, | ||
| + | |||
| + | Den Reisenden ging das Leben gleichsam neu auf und ihr Herz drohte vor seligem Gefühl zu zerspringen. Einmal über das andere fielen sie sich um den Hals und genossen in heißen Küssen das Glück der Liebe und des wiedergeschenkten Lebens. | ||
| + | |||
| + | »Glück auf!« rief plötzlich zur Seite eine Stimme und ein freundlicher Bergmann kroch aus dem Dickicht nahe bei Herrmannstadt hervor. »Wollt Ihr mir Gefährtschaft vergönnen? Ich denke Ihr wandert nach Zuckmantel, und dorthin will auch ich!« | ||
| + | |||
| + | »Sehr gern«, entgegnete Herr Peter, »und wenn Du etwa weiter reisest, so könntest Du wohl mit uns einen Weg haben. Wir gedenken nach Neisse zu gehen.« | ||
| + | |||
| + | »Nein, dorthin geht mein Weg nicht«, versetzte der Bergmann. »Ich bin aus Reinerz und habe seit Kurzem in Mora auf einer Grube gearbeitet. Jetzt bin ich feirig. Man hat mir als Ketzer zu Mora meine Arbeit genommen, und nun steuere ich in die Heimath zurück, wo mich Gott nicht verlassen wird.« | ||
| + | |||
| + | Mit Aufmerksamkeit hörte Herr Peter dem Bergmann zu und gab bald dem wackern Manne Gelegenheit, | ||
| + | |||
| + | Der Bergmann war hierüber sehr erfreut. Willig richtete er sich während der Reise nach den Schwächen seiner Gefährten, und wenn die Müdigkeit die zarte Cäcilie überfiel, so erbot er sich stets, den zarten Knaben zu tragen. | ||
| + | |||
| + | Nach einigen Tagen kamen sie in Reinerz an, wurden hier, wo die neuen Glaubensbegriffe schon Wurzel gefaßt, freundlich von den Einwohnern aufgenommen und waren in kurzer Zeit in dem Wesentlichen der neuen Lehre unterrichtet. | ||
| + | |||
| + | »In dieser Lehre«, sprach einst Cäcilie, »die so rein und göttlich ist, hat uns Gott den Weg zu unsrer Vereinigung gezeigt. Ignatia, o meine mütterliche Ignatia, Du hattest Recht, daß Du uns diesen Weg zeigtest, jetzt werden wir glücklich sein, mein Gewissen ist befreit von seiner Last!« | ||
| + | |||
| + | »Nun, so wirst Du denn mein Weib, mein geliebtes glückliches Weib, das mir Gott selbst aus seinen Händen geschenkt hat«, rief Peter mit Entzücken aus. – »Aber wir wollen auch in seiner Furcht leben, die Lieben, welche er uns schenkt, in ihr erziehen, und einst in seiner Furcht selig scheiden.« | ||
| + | |||
| + | Nach wenigen Tagen vereinigte ein evangelischer Priester die beiden Glücklichen und versah sie bald darauf mit Briefen an seine Glaubensgenossen in Sachsen. Von den Segenswünschen der wackern Reinerzer begleitet, zogen sie in dieses Land ab. Herr Peter wandte sich an den Hof des Kurfürsten, | ||
| + | |||
| + | Mit seiner Cäcilie lebte er in einer hochbeglückten Ehe und erzielte gar viele liebliche Knaben und Mädchen, und noch soll das Geschlecht der Hagenbache in Sachsen kräftig blühen. | ||
| + | |||
| + | Es giebt jedoch noch zwei andere Sagen über diese beiden Berge.((Mitgetheilt v.A. Kastner, Einiges über Sagen, namentlich Schlesiens etc. Neisse 1845 in 4°. S. 11 etc. Der Herr Verfasser hält die eben erzählte für apokryph, oder wenigstens für verändert.)) Sie lauten also: Ein Schäfer hütete einst noch spät Abends seine Heerde auf einer schönen Wiese nahe an einem Dorfe in Mähren. Plötzlich rief eine Stimme hinter ihm seinen Namen Konrad. Voll Schrecken blickte er um sich und sah die Erde aufgethan; aus der Oeffnung kam eine weiße Gestalt mit einem großen weißen Barte hervor, der ihr bis auf den Leib herabhing. »Gieb mir Dein bestes Schaf«, sprach die Gestalt, »Du wirst es nicht bereuen und wirst erfahren, wer ich bin.« Konrad weigerte sich zwar anfangs, doch endlich gab er sein bestes Schaf. Da sprach der Greis: »Ich bin der bekannte Altvater dieser Gegend, der oberste der Berggeister. Da Du mir Dein bestes Schaf gegeben hast, so komme zu mir in mein Schloß, ich will Dich in meine Schatzkammer führen und Du kannst Dir daraus etwas nehmen.« Aus Furcht wagte der Schäfer anfangs kaum mitzugehen, doch gab ihm seine Begierde nach Reichthum bald Muth. Als sie an die Thüre des Zauberschlosses gekommen waren, that sich dieselbe durch einen Druck auf und Konrad sah goldene und andere kostbare Sachen. »Dieses Goldstück kannst Du Dir nehmen, aber nicht mehr, sonst ist es Dein Unglück.« Mit diesen Worten entfernte sich der Geist. Da sich nun der Schäfer allein sah und für unbemerkt hielt, so nahm er nicht nur das bezeichnete Goldstück, sondern auch noch einen goldenen Leuchter. Als er darauf hinausgehen wollte, fand er keinen Ausgang mehr. Der Geist erschien ihm wieder und schwang mit zürnendem Angesichte seinen Zauberstab. Donner und Blitz folgten; die erschütterte Erde that sich auf und verschlang den habsüchtigen Schäfer. Seitdem steht da, wo die schöne Wiese lag, ein hoher Berg, welcher der Altvater genannt wird. | ||
| + | |||
| + | Der Peterstein trägt auf seinem höchsten Punkte eine Felsengruppe von Glimmerschiefer, | ||
| + | |||
| + | Nach einer andern Sage flüchtete einmal aus Wien oder einer andern Stadt ein liebendes Paar, dessen Verbindung die Eltern der Braut nicht zulassen wollten, in dieses Gebirge. Am Petersteine sanken Beide sterbensmatt hin, ohne Stärkung, ohne Kunde des Weges. Da erschien ihnen auf ihr inniges Gebet der h. Petrus, wies sie auf den rechten Weg nach Karlsbrunn hinab und tröstete sie obendrein mit der Hoffnung, daß sie durch den Ehebund vereinigt werden und ein kummerloses Leben führen würden. Diese Hoffnung ging auch in Kurzem in Erfüllung und der Berg wurde sofort wegen der Erscheinung des h. Petrus der Peterstein genannt. | ||
| //Quelle: [[autor: | //Quelle: [[autor: | ||
| ---- | ---- | ||
| - | {{tag> | + | {{tag> |
sagen/graessepreussenii290.1737490402.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
