sagen:graessepreussenii268
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| + | ====== Geschichte des Grafen Walther und der Helgunda ====== | ||
| + | Nach Klose' | ||
| + | bei Büsching S. 3 etc. | ||
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| + | In alten Zeiten lag eine sehr berühmte Stadt in Polen, Wislicz genannt, deren Herrscher zur Zeit des Heidenthums Wislaw der Schöne gewesen ist. Diesen soll aber ein Graf, Walther der Starke genannt, dessen Schloß Tynicz Krakau benachbart lag, wo jetzt die Abtei St. Benedicti durch Kasimir den Mönch, König von Polen gegründet, steht, in einer Fehde gefangen, in Fesseln gelegt und in einem Thurm in enger Gefangenschaft gehalten haben. Dieser Walther hatte aber eine gewisse Helgunda, die Tochter eines fränkischen Königs zur Gemahlin, die er mit großer Lebensgefahr aus ihrer Heimath dereinst entführt hatte. Dies war aber also zugegangen. | ||
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| + | An dem Hofe des fränkischen Königs, des Vaters der Helgunda, befand sich ein alemannischer Prinz, um dort ritterliche Sitten zu lernen. Nun hatte aber er zu der schönen Prinzessin eine tiefe Zuneigung gefaßt, und sie umgekehrt auch zu ihm; jener Walther aber, der sich damals ebenfalls dort befand, wollte die Jungfrau für sich gewinnen und so bestach er denn die Thurmwächter, | ||
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| + | Der fremde Prinz aber, als er sah, daß er von der Prinzessin schimpflich zurückgesetzt werde, wurde von heftigem Zorn ergriffen, verließ den Hof des fränkischen Königs und nahm, in sein Vaterland zurückgekehrt, | ||
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| + | Nachdem sie dieses gesprochen hatten, ging einer auf den andern mit eingelegter Lanze erbittert los und als diese zersplittert, | ||
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| + | Einige Zeit darauf irrte er, um kriegerische Abenteuer aufzusuchen, | ||
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| + | Jene war den Reden der Vertrauten günstig geneigt und, obgleich von ängstlicher Furcht beklemmt, fürchtete sie sich doch nicht, Leben und Ruf der Ehre preiszugeben, | ||
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| + | Denn kurze Zeit hernach, als Walther zu seiner Heimath zurückkehrte, | ||
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| + | Kaum erblickte ihn aber Helgunda in der Stadt, so eilte sie sogleich zu ihm, fiel auf ihre Kniee nieder und beklagte sich heftig über Wislaw, der sie mit Gewalt geraubt habe, den Walther beredend, daß er mit ihr in die innern Gemächer des Hauses käme, indem sie ihm versprach, auf seinen Wink den Wislaw sogleich in seine Hände zu liefern. Dieser glaubte auch der verführerischen Ueberredung der Betrügerin, | ||
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| + | Wislaw wollte nun aber den Walther nicht in gewöhnlicher Kerkerhaft behalten, sondern ihn mit mehr als mit dem schaurigen Aufenthalt in einem Verließe quälen. Er ließ ihn nämlich an die Wand des Speisesaales mit ausgespannten Armen, aufgerichtetem Halse und Füßen, durch eiserne Klammern aufrecht anschließen. Dorthin ließ er ein Ruhebettlein bringen, worauf er im Sommer mit der Helgunda in zärtlicher Umarmung der Ruhe pflegte. | ||
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| + | Wislaw aber hatte eine leibliche Schwester, welche ihrer außerordentlichen Häßlichkeit wegen Niemand zum Weibe begehrte, und ihrer Bewachung hatte vor allen Hütern Wislaw den Walther anvertraut. Ihr gingen aber die Leiden desselben schwer zu Herzen und sie fragte ihn, gänzlich ihre jungfräuliche Sittsamkeit verleugnend, | ||
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| + | Jener wartete nun aber bis auf die Nachmittagsstunde des folgenden Tages, da Wislaw mit der Helgunda, sich gegenseitig umarmend, auf dem Ruhebettlein saß. Da redete sie Walther gegen seine Gewohnheit an und sagte: »Wie würde Euch sein, wenn ich befreit von den Fesseln, mein gezogenes Schwert in den Händen vor Euerem Ruhebette stände und drohte für Euere Schandthaten an Euch Rache zu nehmen?« Bei diesen Worten aber klopfte der Helgunda das Herz und zitternd sagte sie zu Wislaw: »Wehe! Herr, sein Schwert fand ich heute nicht in unserem Lager, und über Dein Kosen habe ich es vergessen Dir zu entdecken.« Wislaw aber entgegnete ihr, wenn er auch zehn Schwerter hätte, könne er ihnen der Eisengebände wegen, die er nur durch die Künste eines Schmiedes zu lösen vermöchte, doch nichts thun. | ||
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| + | Als jene aber so unter sich schwatzten, sprang auf einmal Walther frei von seinen Ketten auf und sie sahen ihn mit geschwungenem Schwerte vor dem Ruhebette stehen, und nachdem er sie verflucht hatte, hob er die Hand mit dem Schwerte auf und ließ es auf Beide herabfallen und fallend hieb es Beide auseinander. So schloß Beider verächtliches Leben durch ein unseliges Ende. Noch zeigt man aber, wie Boguphalus der Bischof von Posen, der diese Begebenheit niedergeschrieben hat, sagt, das Grab der Helgunda in Stein gehauen im Schlosse zu Wislicz allen denen, die es zu sehen wünschen, bis auf den heutigen Tag((Diese Geschichte ist keine andere als die zum Sagenkreise der Nibelungen gehörige, auch in einem lateinischen Gedichte, Waltharius betitelt, erhaltene Geschichte von Walther von Aquitanien.)) (1253). | ||
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sagen/graessepreussenii268.1737492054.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
