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sagen:graessepreussenii1136

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-====== Thedel von Wallmoden und sein Zauberroß ======+====== Der Kreuzbaum und der Kronenbaum ======
  
-    Nach einem alten Volksliede [Magdeb. 1558 in 8°.] in d. Knaben Wunderhorn Bd. II. S. 302-318 im  +    S. Neues Vaterl. hannöversches Archiv Bd. XXI. S. 300 etc.
-    Auszug b. Reichard,  +
-    Beitr. z. Beförd. einer näh. Einsicht in d. Geisterreich. Helmstädt 1781 Th. I. S. 603-638  +
-    u. Neues Vaterl. Archiv Bd. V. S. 177 etc.  +
-    Horst's Zauberbibliothek Bd. II. S. 292 etc.+
  
-Das Geschlecht derer von Wallmoden ist ein althannöversches. Es giebt nun eine Sage von einem gewissen Thedel von Wallmoden, der in seinem 18. Jahre einst einer Taufe beiwohnte und von der heiligen Handlung so gerührt ward, daß er dem Priester sagte, wenn er wüßte, daß er ebenso getauft worden sei, so wolle er sich vor nichts in der Welt, selbst vor dem Teufel nicht fürchtenDer Priester versicherte ihm nun, daß er ihn vor 18 Jahren ebenso getauft habe, und da erwiderte der junge Thedelda er das wisse, wolle er nun mit dem Teufel selbst in Gottes Namen anbinden. Der Teufel aber sann nach, wie er den Unverschämten zu Falle bringen könne.+In den wendischen Kirchspielen oder dem sogenannten Wendlande im Fürstenthume Lüneburg herrschten sonst sehr sonderbare GewohnheitenDarunter gehört der Aberglaubeden sie mit dem sogenannten Kreuzbaum und Kronenbaum trieben.
  
-Ein Paar Tage nach der Taufe befand sich Thedel allein mit seinem Schreiber im Felde bei der sogenannten Hahr auf der Jagdda kamen auf einmal viele Reiter hergeritten, unter denen er mehrere Bekannte und auch seinen unlängst gestorbenen Herrn Gevatter auf einer schwarzen dreibeinigen Ziege reitend erblicktDieses Gevatters aber bediente sich der Teufel als eines alten Bekannten, um den Ritter vermittelst eines schwarzen Streitrosses in sein Netz zu locken. Der Gevatter aberaus alter Liebe zu Thedel, giebt demselben einige Winke über das Vorhaben des Teufels, ihm, sobald er das stolze Roß werde bestiegen habenden Hals umzudrehen, und wie er der List des Bösen nicht allein entgehen, auch denselben um das Roß prellen könneEr solle sichwenn er Lust habe das heilige Grab zu sehen, hinter ihm auf die dreibeinige Ziege schwingen, dürfe aber unterwegs kein Wort sprechensonst werde ihm der schwarze Mann den Hals umdrehenund wenn er zum heiligen Grabe gekommen sein werde, dann solle er absteigen und dasselbe sich wohl ansehen, er könne auch bis zur andern Nacht bleiben, wenn aber der Kirchring zum dritten Male umgedreht werde, so müsse er umkehren und sich gar nicht fürchten, sonst werde ihm abermals der schwarze Mann den Hals umdrehenThedel antwortetewo er ihn unversehrt nach der heiligen Stadt zu bringen verspreche, da wolle er mit dem Teufel um sein schwarzes Pferd ringen. Thedel verließ nun seinen Schreiber, schwang sich auf die dreibeinige Ziege und war auch im Nu in JerusalemHier sah er das heilige Grabbeichtete und bat zu Gotter möge ihm gegen die List des Bösen in seinen Schutz nehmen und es ihm gelingen lassen, sich in den Besitz des schwarzen Pferdes zu setzen. Vor der Abreise verfügt er sich aber in die Kirche, der Gevatter dreht den Kirchring umdamit der Ritter wachend bleibe, und räth ihmdem Teufel erst nach Verlauf einer Stunde zu antwortenDer Teufel kommt auch und dreht am Kirchring zum ersten und zweiten Male und fragt Thedelnob er nicht gern das schwarze Roß besitzen wolleThedel schweigt, nun dreht der Teufel in der letzten Minute der verhängnißvollen Stunde zum dritten Male am Kirchringe und fragt ihn wiederob er das Pferd haben wolleThedel aber ruft nach Verfluß der letzten Minute, ja er wolle es. Da erschrickt der Teufelweil er sich geprellt sieht, und giebt ihm das PferdThedel schwingt sich darauf und ist wieder in einem Augenblicke in der Hahr, bei seinem Schreiber, der indessen vor Schrecken und Sorgen in einer Nacht eisgraue Haare bekommen hatte. Der Schreiber bewundert das Pferd und Beide reiten nun nach Königslutterwo Thedels Knechte mit Verwunderung das stolze Thier in Empfang nehmenaber nicht mit demselben umzugehen wissen. Nur Thedel allein kann es in den Stall ziehen und anbinden; es fraß nur glühende Kohlen und DornreiserSo hatte Thedel das Pferd in seinen Händen, es sollte aber verhängnißvoll mit seinem ganzen Leben verknüpft bleibendenn wenn er erzählen würdewoher er es bekommenmüsse er den dritten Tag darauf sterben.+Der Kreuzbaum bestand aus einer starken hohen Eiche, die gehörig zubereitet am Himmelfahrtstage errichtet ward, auf deren Spitze ein Kreuz und über dem Kreuze ein hölzerner Hahn standFiel der Kreuzbaum um, so durfte er vor Himmelfahrt nicht wieder aufgerichtet werdenweil es ihre »Stedte« nicht leiden wollteDiese Stedte erklärten Einige für einen Mann oder ein Weibder Pastor zu Bölitz aber vermuthetees sei ein Genius, der sich an der Stätte des Kreuzbaums aufhalten sollteWenn nun Himmelfahrt kamso erwählten sie einen andern Kreuzbaum im Holze, da denn die ganze Dorfschaft sich versammelte und ein jeder Hauswirth gewisse Hiebe zu thun hatteDer Baum mußte aber gerade und frisch sein. Nachdem er umgehauen warlegten sie ihn auf einen Wagenbedeckten ihn mit ihren Kleidern und fuhren ihn an die Stättewo der vorige gestanden. Hernach kam ein alter wendischer Zimmermann, der behaute ihn vierkantig. Er ward nun kreuzweise durchbohrt und mit Pflöcken bestochenso daß Jemand hinaufsteigen konnteHierauf ward ein großes Sauffest angestellt und mit großem Unfug und Trinken gefeiert und es gingen stets an die neun und zehn Tonnen Bier darauf. Sie sagtenwenn sie dies nicht thäten, gedeihe ihnen kein ViehIn Breselenz wurde der Kreuzbaum noch besonders eingeweihtsie stiegen nämlich die Säulewie er hier genannt wardhinangossen von oben Bier herunter und salbten das Kreuz einIn Predöll weihten sie den Baum gleichfalls mit Bier ein und jagten das Vieh herummeinendso werde es gesegnetZu gewissen Zeiten gingen sie mit einem brennenden Wachslichte herumsagten auch etwas dazuein alter Mann mußte allezeit vor der Stange niederknieen und hier seine Andachtvornehmlich an Bettagen verrichten.
  
-Thedel zieht nun zu allen Turnieren und erhält durch eigene Tapferkeit und seines Pferdes Muth und Behendigkeit den PreisVorzüglichen Ruhm aber erwirbt er sich am Hoflager Heinrich'des Löwenwo jedoch der Neid gegen ihn rege wird. Ein Höfling bemüht sich den Herzog zu überredenThedel verdanke den Ruhm nur seinem Pferde und sei persönlich nicht so unerschrocken als er sich rühmeder Herzog möge morgen auf dem Kirchwege ein zartes Federchen in die Haare seines Bartes steckenda werde sich Thedel fein höflich gegen ihn hinneigen um ihm die Feder vom Barte wegzunehmen, alsdann solle ihn der Herzog geschwind in die Hand beißen, da werde Thedel gewiß schnell seine Hand zurückziehen und vor Schreck vergehen. Dies that der Herzog auchallein es kam ganz andersdenn statt daß Thedel seine Hand zurückzog, gab er dem Herzog einen gewaltigen Backenstreich und sprach: »Seid Ihr denn ein Hund gewordendaß Ihr mich beißt? Hättet Ihr dies nicht gethanhättet Ihr auch von mir keinen Schlag bekommen!« Der Herzog aber verlor seine Fassung nicht und sprach edelmüthig: »Uns ist recht geschehenwir haben uns von einem Narren täuschen lassen und darum haben wir auch Narrenlohn bekommen, wir erklären Dich für einen tapfern und unerschrockenen Rittersmann!« den Höfling aber wies er aus seinem Lande.+Der Kronenbaum dagegen war eine Erle, abgezweigt und abgeschält, so daß nur die Krone stehen blieb. Erstlich ward am Johannisabend ein Baum gehauen in dem Markischen Holz und abgezweigt bis oben an den PollSie nahmen am Johannistage das vordere Stell vom Wagen und dies thaten die alten wie die jungen Weiber allein und spannten sich vor, legten das Stammende auf das Theil des Wagenszogen ihn also durch Koth und Morast bis an den Leib dem Dorfe zu, und es mußten Etliche hinterher gehen und den Poll hinten halten, daß er nicht besückelt ward. Wenn sie nun vor das Dorf kamenfingen sie in wendischer Sprache ein Freudengeschrei andarauf ward der alte Kronenbaum umgeworfen und an dessen Statt der neue aufgerichtet. Den alten Kronenbaum mußte ein Köthner annehmen und dafür den alten Weibern zwei Schillinge zum Vertrinken geben. Dann tranken sie sich toll und voll, gingen um den Baum und tanzten dabei die ganze Nacht hindurch in der Meinungwenn sie es nicht thätengedeihe ihr Vieh nicht. Der Schulze mußte sich glatt anziehen und ein Handtuch um den Leib bindendann ein brennendes Licht in die Hand nehmenums Vieh herumgehen und dasselbe weihen. Sie sagtender Kronenbaum sei einmal umgefallen und habe den Bullen erschlagen, was ein großes Unglück gewesen.
  
-Hierauf zog nun Thedel nach Liefland und trat in den Orden der Schwertritter. Auch hier verrichtete er große Thaten und zwang die Litthauer zur christlichen Religion. Aber auch seine Stunde kam, denn da des ganzen Heeres Neugier auf das schwarze Pferd gerichtet war, das sich so unwiderstehlich im Schlachtgetümmel erwiesverlangte der Ordensmeister bei Gehorsampflicht von ihm Kunde über das schwarze PferdThedel, der nicht widerstehen kannbittet um 14 Tage Fristbestellt sein Haus, beichtet und empfängt das AbendmahlAm 14. Tage gesteht er dem Ordensmeister, daß das schwarze Pferd ein Teufelsgespenst seiwelches er auf einer Reise zum heiligen Grabe vom Teufel zum Geschenk erhalten habe, und wie ihm vorausgesagt waram dritten Tage nachher entschlief er in Christo mit den Worten: »O Gott in Deine Hände befehle ich armer Sünder meinen Geist.«+Auf dieselbe Weise weihten sie auch Ställe und Häuser, indem sie solche in allen Ecken mit Branntwein und Bier begossen, indem sie sagten, die Stedte wollte das habensonst bekäme das Vieh Schaden. Diese Einweihung geschah alle Quartale. Ebenso gossen sie Bier hinein und das erste Wasser, welches sich wieder in den Brunnen fandgossen sie zu ihrem Bier und tranken esEine ebenso große Rolle spielten die Lichter. An Lichtmessen brachten sie 16 brennende Lichter in die Kirchedamit ihr Vieh gut gedeihe. Bei der Communion verlangten sie drei brennende Lichter auf den Altar. Das Wachs wurde zu dem mittelsten Altarlichte von den Frauen präparirt und weich gemacht und sodann von dem Kirchenvorsteher und Küster verfertigtwobei wenigstens 14 Tonnen Bier ausgetrunken wurden. Dieses Mittellicht sollte eine besondere Kraft habenEinige zündeten daran ein Licht an und umgingen damit die Ställe und das ViehDer Pastor in Clarge sah auf einer Hochzeit, daß eine Frau im Hochzeitshause vier brennende Lichter zwischen den Fingern gehabtvor der Thürschwelle habe eine Axt gelegen mit Stroh bedecktworüber die Braut geführt wordensowie ferner in alle Stuben, Kammern, Küchen, Ställe, insonderheit um den Herd.
  
 //Quelle: [[autor:graesse|Johann Georg Theodor Grässe]]: [[buch:sagenbuchpreussen|Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2]], Band 2, Glogau 1868/71//  //Quelle: [[autor:graesse|Johann Georg Theodor Grässe]]: [[buch:sagenbuchpreussen|Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2]], Band 2, Glogau 1868/71// 
sagen/graessepreussenii1136.1742474747.txt.gz · Zuletzt geändert: von ewusch