sagen:graessepreussen478
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| + | ====== Die Sage von dem Grafen von Gleichen ====== | ||
| + | Nach Melissantes, | ||
| + | Leipzig 1713. S. 16. etc. | ||
| + | Eine Zusammenstellung aller hierauf bezüglichen Stellen giebt Hofrath Hesse in der | ||
| + | Jenaischen Allg. Lit. Z. 1837 No. 38 sq. und im Serapeum Bd. XXV. S. 113 sq. | ||
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| + | Im Jahre 1224 vermählte sich Kaiser Friedrich II. der Hohenstaufe zu Rom mit Jolantha, der Tochter des vertriebenen Königs von Jerusalem Johann von Brienne, und bekam mit ihr den Anspruch auf das Königreich Jerusalem und das gelobte Land, welches zu der Zeit die Sarazenen im Besitz hatten. Dieses wieder zu gewinnen, zog der Kaiser auf Anrathen des Papstes Gregor IX. mit einer ansehnlichen Armee nach dem Orient (welcher Zug in der Geschichte der vierte Kreuzzug genannt wird) und eroberte im folgenden Jahr 1229 das ganze Königreich, | ||
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| + | Weil er nun aber den barbarischen Sarazenen seinen Stand nicht offenbaren, sondern lieber gleich andern gemeinen Gefangenen sein Ungemach mit Geduld überstehen wollen, ist er auch ihnen gleich gehalten und mit schwerer, fast unerträglicher Dienstbarkeit belegt worden. Es hat sich aber des Sultans Melechsala (Andere setzen dafür einen andern sarazenischen Herrn) einzige Tochter in diesen Grafen verliebt, als sie gewahr geworden, daß er Alles mit sonderbarer Geschicklichkeit emsig verrichtete. Im Spazierengehen soll sie ihm öfter zugesehen und in der Arbeit etliche Male mit freigebiger Hand geholfen und sein Joch mit ihrem freundlichen Zusprechen merklich gelindert haben. | ||
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| + | Nachdem sie nun aber von einem Bedienten des Grafen, der auch gefangen war, erfahren, daß dieser Herr, welchen sie so oft wegen seiner Geschicklichkeit und Schönheit bewundert, ein vornehmer deutscher Graf sei, hat sie unterschiedliche Jahre hindurch vertrauliche Kundschaft mit ihm gemacht, auch sich endlich so weit gegen ihn herausgelassen, | ||
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| + | Ob nun wohl dem Grafen seine Freiheit, welche höher als Gold zu schätzen ist, sehr lieb war, so konnte er doch nicht bergen, daß er zu Hause bei seinem Abzuge eine Gemahlin mit zwei Kindern verlassen, auch unter den Christen der Gebrauch nicht sei, mehr als eine Gemahlin zu haben. Weil aber die Prinzessin inständig um seine Erklärung bat, damit sie nicht in ihrer Liebe verrathen würde, so sagte ihr Graf Ludwig die Ehe eidlich zu, und gab ihr zu verstehen, er müsse aus der Noth eine Tugend machen. Und da durch Gottes Hilfe und ihren Vorschub er seines Elends entnommen und auf freien Fuß gestellt werden solle, wäre er gesonnen, dem Papste diesen Fall vorzutragen, | ||
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| + | Hierauf soll im Geheim ein Schiff auf Venedig durch treue Bedienten bestellt worden sein, allwo beide sammt einigen vertrauten Dienern mit gutem Glücke in wenig Tagen ankommen, sich bald nach Rom begeben, die Sache bekannt gemacht, die Dispensation gesucht und solche auch vom Papste Gregorio IX. erhalten haben. Daraus reisten beide wieder nach Venedig, wohin Graf Ludwig einen Bedienten von Gleichen verschrieb, bei welchem er sich nach dem Zustande seines Landes und seiner Gemahlin erkundigte, auch durch selbigen seiner Gemahlin seine Ankunft und wunderbare Erlösung eröffnete. Von dem Papste hatte er Zeugnisse über seine Dispensation und auch wegen der Taufe seiner Erlöserin und andern Gemahlin, mit welchen er die Zulassung der zweiten Ehe bekräftigt und bezeugt hat. Nach diesen Verrichtungen reisten sie durch Italien über das Gebirge durch Baiern und Franken nach Thüringen. Als sie noch zwei Tagereisen von dem Schlosse Gleichen waren, ging Graf Ludwig voraus und ließ die sarazenische Prinzessin nachführen, | ||
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| + | Diese glückliche Ankunft ist bald im ganzen Lande erschollen, da denn sowohl seine Räthe und Bedienten, Vasallen und vornehme Unterthanen, | ||
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| + | Die Sponde oder das Schlafbett, dessen sich hernach diese drei Eheleute mit einander bedient, wurde noch zu Anfange dieses Jahrhunderts auf dem Schlosse Gleichen in der sogenannten Junkerkammer in ziemlicher Größe, von dicken starken Stollen, rundem gewölbten Himmel oder Decke, grün angestrichen in alter Manier, wiewohl ziemlich baufällig, als eine sehenswürdige Antiquität den Besuchern gezeigt. Ebenso ward der Türkenbund, | ||
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| + | Diese Stücke wollen zu Anfange des vorigen Jahrhunderts Einige noch in der Grafschaft Spiegelberg gesehen haben. Es soll auch ein sehr kostbarer von ihr herrührender Ring nach Aussterben der Gräflich Gleichischen Familie an das berühmte Schenkische Geschlecht gekommen und endlich zu Jena an einen Juden für eine namhafte Summe Geldes verkauft worden sein. Ueberdies ward auch der Weg, durch welchen man zu dem Schlosse Gleichen den Berg hinauf fährt, welchen diese Sarazenin erst räumen, ausführen und mit großen Steinen hatte pflastern lassen, für immer der Türkenweg genannt. In Michael Saxe' | ||
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| + | Es sollen aber diese drei Eheleute mit einander sehr friedlich gelebt und gegen einander innige Liebe bezeugt haben, und obwohl die Sarazenin sehr schöner Gestalt gewesen, hat doch der Graf keine Kinder mit ihr erzeugt. Sie hat aber nichts desto weniger der ersten Gemahlin Kinder also geliebt und gepfleget, als wären sie ihr eigen, wodurch denn der eheliche Frieden beständig erhalten worden ist. | ||
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| + | Etliche Scribenten erzählen jedoch diese Begebenheit etwas anders, und zwar, daß Graf Ludwig von Gleichen in einem harten Scharmützel mit den Sarazenen bei Ptolemais gefangen und nebst andern in einem vergitterten Thurm zu Alkair, darauf er sich gleichwohl hat umsehen können, verwahret worden sei. Da ihn nun des Sultans Tochter im Vorübergehen gesehen, daß er eine schöne ansehnliche Person sei, und vernommen habe, daß er hohen Stammes und gräflicher Abkunft wäre, habe sie eine herzliche Liebe auf ihn geworfen. Als nun der Sultan einst mit seinen vornehmsten Hofleuten ein Freudenmahl gehalten, sei die Tochter wohlgeputzt zum Vater in das Gemach getreten, habe einen demüthigen Fußfall gethan und dem Vater angelegen, ihr eine Bitte nicht zu versagen; nachdem nun der Vater, welcher die Tochter sehr geliebt, ihr solche gewähren zu wollen erklärt, habe sie den Grafen losgebeten und zu einem ehelichen Gemahl begehrt. Der Vater, ob er wohl darüber bestürzt gewesen, habe dennoch seine Zusage nicht zurückziehen wollen, sondern ihr Beides eingewilligt, | ||
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| + | Auf dem Petersberge zu Erfurt und zwar in dem Münster oder der Klosterkirche zu St. Peter liegen nach der Sage gedachte drei Personen vor dem sogenannten Gleichischen Altare begraben; ihre Bildnisse sollen auf dem erhabenen Steine ausgehauen sein, welcher das Grab bedeckt und sich seit dem Jahre 1813 im Dom zu Erfurt befindet. In der Mitte soll Graf Ludwig, zur Rechten die sarazenische königliche Prinzessin mit einer Krone auf dem Haupte, welche ihn aus der Gefangenschaft befreit, und zur Linken die erste Gemahlin, so eine Gräfin von Kefernburg gewesen, sein. Unten auf dem Grabmale sieht man die Zahl 1227, welches das Jahr, in welchem er aus Thüringen soll abgereist sein, wie die alten Chroniken beglaubigen. Wann dieser Graf Ludwig gestorben sei, findet man nirgends angegeben, außer in einem alten Manuscripte, | ||
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| + | Das Portrait der sarazenischen Prinzessin, freilich aus weit späterer Zeit, befand sich früher in der Kunstkammer auf dem sachsen-gothaischen Schlosse Friedenstein. Sie hat darauf einen weißen Türkenbund auf dem Haupte, darüber aber einen weißen, eine halbe Elle hohen spitzigen Hut mit Gold und Perlen besetzt, daran ein weißer Flor hinten herabhängt; | ||
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| + | Außer diesem Gemälde gab es aber früher noch einige andere; auf diesen wird sie in einem weiten Oberkleide von weißer Farbe, mit rothen golddurchwirkten Streifen, welches oben um den Hals enge zugeht und daselbst wie auch vorn herunter besetzt ist, dargestellt; | ||
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| + | Diese ganze Historie ist aber durch Nicolaus Rothen von Altenburg in einer Comödie gar artig vorgestellt und auf Herzog Friedrich Wilhelms Administrators von Chursachsen anderer Heirath mit der Pfalzgräfin bei Rhein, Anna Maria (mit welcher gedachter Herzog Anno 1591 zu Neuburg an der Donau Beilager gehalten am 29. Augustus und am 20. September zu Weimar ankam), im Jahre 1591 zu Weimar gespielt worden. Nicht weniger hat auch Friedrich Hermann Flayder über diese Begebenheit eine lateinische Comödie verfertigt, so in dem Collegium illustre zu Tübingen den 25. August 1625 gehalten und in demselben Jahre noch allda unter dem Titel »Ludovicus Ligamus« im Druck erschienen ist. Hieraus erhellt, daß bis zu jener Zeit Niemand an der Wahrheit dieser Erzählung gezweifelt hat. | ||
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| + | In späterer Zeit hat sich jedoch herausgestellt, | ||
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| + | Anno domini 1494 uff Sonnabent vor Letare\\ | ||
| + | ist verschidn der Edel Wolgeborn Her\\ | ||
| + | Sigmund Graff zu Gleichen und Her.\\ | ||
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| + | Der Chronist des Petersklosters, | ||
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| + | Eine sonderbare Erscheinung ist es, daß man einen altfranzösischen Roman entdeckt hat, in dem die Geschichte eines französischen Ritters Gilion de Trasignyes und seiner Gemahlin Maria enthalten ist (herausgegeben nach der einzigen zu Jena befindlichen Handschrift von Dr. O.L.B. Wolf im Jahre 1839). Dieselbe stimmt genau mit der Sage vom Grafen von Gleichen und es wäre wohl möglich, daß diese abenteuerliche Geschichte in Liedern verbreitet ward und so auch nach Thüringen kam, da ja, wie nicht zu bestreiten ist, mehrere Grafen von Gleichen, wie Graf Hermann 1344, Graf Ludwig 1461 mit dem Herzog Wilhelm von Sachsen in das gelobte Land zogen und auch Graf Sigismund I. die nämliche Absicht hegte, aber auf dem Wege dahin andern Sinnes ward. | ||
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