sagen:graessepreussen300
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| + | ====== Der Traum des Fischerknaben Benjamin Kohl ====== | ||
| + | Nach Relßieg Bd. I. S. 196 etc. cf. Vulpius S. 122. | ||
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| + | An der rechten Ecke des Durchgangs vom alten zum neuen Fischerufer zu Magdeburg steht ein Haus, in welchem zur Zeit der Erstürmung und Zerstörung Magdeburgs die Eltern eines damals ohngefähr 10jährigen Knaben, Sohnes des Fischers Kohl, wohnten. Am 10. Mai des Jahres 1631 lagen schon am frühen Morgen alle Schüler in den Schulen auf den Knieen und beteten mit ihren Lehrern, daß der liebe Herr Gott die Erstürmung der Stadt und den voraussichtlich darauf folgenden Untergang derselben in Gnaden abwenden wolle. | ||
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| + | Noch vor 8 Uhr aber verkündigte der Lärmschlag mit den Sturmglocken, | ||
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| + | Er entfernte sich auch, gerieth unter die Kroaten und ward von diesen genöthigt, ihnen einen schweren Korb mit erbeuteten Kostbarkeiten bis in ihr Quartier, das neben dem Hause seiner Eltern befindlich war, zu tragen. Von hier aus gelang es ihm auch, in letzteres zu gelangen, er fand aber Niemanden mehr darin und überhaupt Alles verwüstet und zerwühlt, allein er entdeckte auch einige alte als werthlos zurückgelassene Mannskleider, | ||
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| + | Sie verließen nun zusammen die Brandstätte und flüchteten für die Nacht in das wüste Haus seiner Eltern, eins der wenigen Häuser, die überhaupt an jenem Schreckenstage nicht in Flammen aufgegangen waren. Am andern Morgen fielen aber Beide abermals den Kroaten in die Hände, welche sie zu den niedrigsten Diensten gebrauchten, | ||
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| + | So kamen sie bis Wolmirstädt, | ||
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| + | Eine Woche ohngefähr mochte vergangen sein, da träumte dem Knaben: ein Engel im weißen Kleide mit Goldflügeln stehe an seinem Lager und rufe ihn. Als er nach diesem sehr lebhaften Traume erwachte, sah er sein kleines Schlafzimmer hell erleuchtet. Die Stubenthür stand weit offen und von der ziemlich geräumigen Hausflur, von woher das Licht helle in sein Zimmer drang, tönte der Gesang des Chorals: »Jesus meine Zuversicht« herein. Dem Knaben war genau bekannt, daß im Hause Niemand gestorben sei, den man etwa beerdigen könne; daher glaubte er noch immer zu träumen, bis er aus dem Bette aufstand, sich der Thür näherte und neugierig hinausblickte. | ||
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| + | Aber wie erschrack er, als er mitten im Hausflur die schwarze Bahre, darauf der Sarg mit einer schön geschmückten Leiche und rund herum schwarzgekleidete Männer und Frauen, auch darunter einen Priester sah, welcher die aufgeschlagene Bibel in der Hand hielt. Die Leiche, die umstehenden Männer und Frauen kamen ihm alle bekannt vor, nur das Gesicht des Priesters war ihm fremd. In der Leiche erkannte er schon die Jungfrau, welche er aus dem Brauhofe gerettet hatte. Bleich und mit geschlossenen Augen lag sie im offenen Sarge, die blonden Flechten ihres schönen Haares reichten an beiden Seiten der Wangen bis auf den Busen herab, in den über dem Schooße gefalteten Händen hielt sie einen halbzerrissenen Myrthenkranz mit Rosen durchwebt, aber o Wunder! aus dem Kranze keimten Wurzeln empor, welche in einen vollkommenen, | ||
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| + | Als der leise Gesang derselben vorüber war und die Frauen und Männer ihre Gesangbücher zusammenklappten, | ||
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| + | Noch ehe aber der Priester zum Sprechen kam, trat der Engel zwischen ihn und die Leiche, legte den rechten Zeigefinger auf die Stirn des Mädchens und sagte: »Das Mägdlein ist nicht todt, sondern es schläft!« Augenblicklich richtete sich die Jungfrau im Sarge auf, stieg rüstig von der hohen Bahre herab und schritt an der Hand des Engels aus dem Kreise der Umstehenden. Da erloschen die Lichter, die Männer und Frauen entfernten sich und der ganze Zauber war verschwunden, | ||
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| + | Als er später mit seinem Vetter nach Magdeburg kam, fand er bei vielen seiner Bekannten ein Bild vor, welches den Sarg mit der Leiche der Jungfrau gerade so darstellte, wie ihm Alles zu Wanzleben im Traume vorgekommen war. Auch hörte er, daß am 20. Juli ein Mönch zu Kloster Berge dem zerstörten Magdeburg eine Leichenpredigt gehalten und darin angeführt habe, es sei die Jungfrau Magdeburg aus diesem irdischen Jammerthal abgerufen und mit Feuer, Trommeln und Pfeifen gut soldatisch begraben worden. Diese Predigt war auch in der That zur angegebenen Zeit und an dem genannten Orte von einem Mönch gehalten worden, allein es erschien bald darauf eine zweite Schrift unter dem Titel: Magdeburgum redivivum oder das wiederauflebende Magdeburg, welche die Predigt des Mönchs widerlegte, und das vorgedachte Bild zum Titelkupfer hatte.((Befindet sich auch bei Relßieg a.a.O.)) | ||
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| + | Im nächsten Jahre ist der junge Cavalier wieder nach Magdeburg gekommen, hat den Knaben reichlich beschenkt, und die Jungfrau selbst hat sich an den schwedischen Rath Christoph Schulze, der sich damals unter den schwedischen Commissarien zu Magdeburg befand, verheirathet. Jener Traum ist aber herrlich in Erfüllung gegangen, die Stadt Magdeburg ist schöner und glänzender aus ihren Trümmern erstanden und grünt und blüht unter dem schwarz-weißen Panier. | ||
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