sagen:der_ritter_mit_dem_schwan
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| - | Der Ritter mit dem Schwan. | ||
| - | Flamländ. Volksbuch. | ||
| - | Altdeutsch in einem Mspt. der Paulinerbibl. zu Leipzig Nro. 89. (Feller 292). | ||
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| - | Zu Flandern war vor Alters ein Königreich Lillefort, da wo jetzt die Städte Ryßel und Doway liegen; in demselben herrschte Pyrion mit Matabruna seiner Gemahlin. Sie zeugten einen Sohn, Namens Oriant. Dieser jagte eines Tages im Walde einen Hirsch, der Hirsch entsprang ihm, aber in ein Wasser, und Oriant setzte sich müde an einen schönen Brunnen, um dabei auszuruhen. Als er so allein saß, kam eine edle Jungfrau gegangen, die seine Hunde sah und ihn fragte: mit wessen Urlaub er in ihrem Wald jage? Diese Jungfrau hieß Beatrix, und Oriant wurde von ihrer wunderbaren Schönheit so getroffen, daß er ihr die Liebe erklärte und seine Hand auf der Stelle bot. Beatrix willigte ein, und der junge König nahm sie mit aus dem Wald nach Lillefort, um [292] eine fröhliche Hochzeit zu feiern. Matabrun seine Mutter ging ihm aber entgegen, und war der jungen Braut gram; darum, daß er sie nackt und bloß heimgeführt hatte, und niemand wußte, woher sie stammte. Nach einiger Zeit nun wurde die Königin schwanger; während dessen geschah’s, | ||
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| - | Als nun ihre Zeit heran rückte, ward Beatrix von sechs Söhnen und einer Tochter entbunden, und jedem Kindlein lag um seinen Hals eine silberne Kette. Matabruna schaffte sogleich die Kinder weg, und legte sieben Wölpe hin; die Wehfrau aber rief: ach Königin, was ist euch geschehen! ihr habt sieben scheußliche Wölpe geboren, thut sie weg und laßt sie unter die [293] Erde graben, daß dem Könige seine Ehre bewahrt bleibe. Beatrix weinte und rang die Hände, daß es einen erbarmen mußte; die alte Königin aber hub an, sie heftig zu schelten und des schändlichsten Ehebruchs zu zeihen. Darauf ging Matabruna weg, rief einen vertrauten Diener, dem sie die sieben Kindlein übergab und sprach: die silbernen Ketten an dieser Brut bedeuten, daß sie dereinst Räuber und Mörder werden, darum muß man eilen, sie aus der Welt zu schaffen. Der Knecht nahm sie in seinen Mantel, ritt in den Wald und wollte sie tödten; als sie ihn aber anlachten, wurde er mitleidig, legte sie hin und empfahl sie der Barmherzigkeit Gottes. Darauf kehrte er an den Hof zurück und sagte der Alten, daß er ihren Befehl ausgerichtet, | ||
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| - | Der König, nachdem er den Feind besiegt hatte, [294] kehrte heim und wurde mit Klagen empfangen: daß sein Gemahl von einem schändlichen Hunde sieben Wölpe geboren hätte, welche man weggeschafft. Da befiel ihn tiefer Schmerz; er versammelte seinen Rath und fragte, was zu thun wäre? Und einige riethen, die Königin zu verbrennen, andere aber, sie nur gefangen einzuschließen. Dieses Letztere gefiel dem Könige besser, weil er sie noch immer liebte. Also blieb die unschuldige Beatrix eingeschlossen, | ||
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| - | Der Einsiedel hatte unterdessen die sieben Kinder getauft, und eines, das er besonders liebte, Helias nach seinem Namen geheißen. Die Kinder aber in ihren Blätterröcklein, | ||
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| - | Als nun die Kinder in weiße Schwäne verwandelt worden waren, kam der Einsiedler mit dem jungen Helias auch wieder heim, und war erschrocken, | ||
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| - | Während Beatrix gefangen saß, dachte Matabrun auf nichts anders, als sie durch den Tod wegzuräumen. Sie stiftete daher einen falschen Zeugen an, welcher aussagte „den Hund gekannt zu haben, mit dem die Königin Umgang gepflogen hätte.“ Oriant wurde dadurch von neuem erbittert; und als der Zeuge sich erbot, seine Aussage gegen jedermann im Gotteskampf [297] zu bewähren, schwur der König: daß Beatrix sterben solle, wenn kein Kämpfer für sie aufträte. In dieser Noth betete sie zu Gott, der ihr Flehen hörte, und einen Engel zum Einsiedler sandte. Dieser erfuhr nunmehr den ganzen Verlauf: wer die Schwäne wären, und in welcher Gefahr ihre arme Mutter schwebte. Helias, der Jüngling, war erfreut über diese Nachricht; und machte sich barfuß, barhaupt, und in seinem Blätterkleid auf, an den Hof des Königs, seines Vaters, zu gehen. Das Gericht war gerade versammelt, und der Verräther stand zum Kampfe bereit. Helias erschien, seine einzige Waffe war eine hölzerne Keule. Hierauf überwand der Jüngling seinen Gegner, und that die Unschuld der geliebten Mutter dar, die sogleich befreit, und in ihre vorige Rechte eingesetzt wurde. Als sich nun die ganze Verrätherei enthüllt hatte, wurde sogleich der Goldschmied gesandt, der die Schwanketten verschmieden sollte. Er kam, und brachte fünf Ketten und den Napf, der ihm von der sechsten übergeschossen war. Helias nahm nun diese Ketten, und war begierig, seine Geschwister wieder zu erlösen; plötzlich sah man sechs Schwäne zu dem Schloßweiher geflogen kommen. Da gingen Vater und Mutter mit ihm hinaus, und das Volk stand um das Ufer und wollte dem Wunder zusehen. Sobald die Schwäne Helias erblickten, schwommen sie hinzu, und er strich ihre Federn und wies ihnen die Ketten. Hierauf legte er einem nach dem andern die Kette um den Hals, [298] augenblicklich standen sie in menschlicher Gestalt vor ihm, vier Söhne und eine Tochter; und die Ältern liefen hinzu, ihre Kinder zu halsen und küssen. Als aber der sechste Schwan sah, daß er allein übrig blieb und kein Mensch wurde, war er tief betrübt, und zog sich im Schmerz die Federn aus; Helias weinte und ermahnte ihn tröstend zur Geduld. Der Schwan neigte mit dem Hals, als ob er ihm dankte, und jedermann bemitleidete ihn. Die fünf andern Kinder wurden darauf zur Kirche geführt und getauft; die Tochter empfing den Namen Rose, die vier Brüder wurden hernachmals fromme und tapfere Helden. | ||
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| - | König Oriant nach diesen wunderbaren Begebenheiten gab nun die Regierung des Reichs in seines Sohnes Helias Hände. Der junge König aber beschloß, vor allem das Recht walten zu lassen, eroberte die feste Burg, wohin Matabrun geflohen war, und überlieferte sie dem Gericht, welches die Übelthäterin zum Tode des Feuers verdammte. Dieses Urtheil wurde sodann vollstreckt. Helias regierte nun eine Weile zu Lillefort; eines Tages aber, da er den Schwan, seinen Bruder, auf dem Schloßweiher einen Nachen ziehen sah, hatte er keine längre Ruhe: sondern hielt dies für ein Zeichen des Himmels, daß er dem Schwan folgen, und irgendwo Ruhm und Ehre erwerben solle. Er versammelte daher Ältern und Geschwister, | ||
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| - | Zu diesen Zeiten herrschte Otto der erste, Kaiser von Deutschland, | ||
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| - | Was man den Frauen verbietet, das thun sie zumeist; und die Herzogin, als sie einer Nacht bei ihrem Gemahl zu Bette lag, sprach dennoch: „o mein Herr! ich möchte gerne wissen, von wannen ihr seyd.“ Als dies Helias hörte, wurde er betrübt und antwortete: „ihr wißt, daß ihr das nicht wissen sollt; ich gelobe euch nun, Morgen von Lande zu scheiden.“ Und wie viel sie und die Tochter klagten und weinten, stand der Herzog Morgens auf, berief seine Mannen, und gebot ihnen: Frau und Tochter nach Nimmegen zu geleiten, damit er sie dort dem Kaiser empfehlen könne; denn er kehre nimmermehr wieder. Unter diesen Reden hörte man schon den Schwan schreien, der [302] sich über seines Bruders Wiederkunft freuete, und Helias trat in den Nachen. Die Herzogin reiste mit ihrer Tochter zu Lande nach Nimmegen, dahin kam bald der Schwan geschwommen. Helias blies ins Horn, und trat vor den Kaiser; dem er sagte „daß er nothgedrungen sein Land verlassen müsse“ und dringend seine. Tochter Ida empfahl, Otto sagte es ihm zu und Helias, nachdem er Abschieds genommen, Weib und Kind zärtlich geküßt hatte, fuhr in dem Nachen davon. | ||
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| - | Der Schwan aber geleitete ihn wieder nach Lillefort, wo ihn alle, und zumal Beatrix, seine Mutter, fröhlich bewillkommten. Helias dachte vor allen Dingen, wie er seinen Bruder Schwan wieder lösen möchte. Er ließ daher den Goldschmied rufen, und händigte ihm die beiden Näpfe ein, mit dem Befehl: daraus eine Kette zu schmieden, wie die, gewesen war, die er einstens geschmolzen hatte. Der Schmied that es, und brachte die Kette, Helias hängte sie dem Schwan um, der ward alsobald ein schöner Jüngling, wurde getauft, und Eßmer (nach andern Emeri, Emerich) genannt. | ||
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| - | Einige Zeit darauf erzählte Helias seinm Verwandten die Begebenheit, | ||
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| - | Die Herzogin, ihre Mutter, hätte unterdessen gar zu gern Kundschaft von ihrem Gemahl gehabt, wohin er gekommen wäre; und sie sandte Pilger aus, die ihn suchen sollten in allen Landen. Nun kam endlich [304] einer dieser Pilger vor ein Schloß, nach dessen Namen er fragte, und hörte mit Erstaunen, daß es Billon hieße: da er doch wohl wußte, Billon liege noch viel weiter. Die Landleute erzählten ihm aber, warum Helias diesen Bau gestiftet und so benannt habe; und berichteten den Pilgrim der ganzen Geschichte. Der Pilgrim dankte Gott, daß er endlich gefunden hatte, was er so lange suchte; ließ sich bei dem König Oriant und seinen Söhnen melden, und erzählte, wie es um die Herzogin in Billon und ihre Tochter stünde. Eßmer brachte dem Helias die frohe Bothschaft in sein Kloster, Helias gab dem Pilgrim seinen Trauring zum Wahrzeichen mit; auch sandten die andern viele Kostbarkeiten ihren Freunden zu Billon. Der Pilgrim fuhr damit in seine Heimath, und bald zogen die Herzogin und die Gräfin hin zu ihrem Gemahl und Vater in sein Kloster. Helias empfing sie fröhlich, starb aber nicht lange darnach; die Herzogin folgte ihm aus Betrübniß. Die Gräfin aber, als ihre Eltern begraben waren, zog wieder heim in ihr Land, und unterwies ihre Söhne in aller Tugend und Gottesfurcht. Diese Söhne gewannen hernachmals den Unglaubigen das heilige Land ab, und Godfried und Baldwin wurden zu Jerusalem als Könige gekrönt. | ||
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| - | Autor: Brüder Grimm | ||
| - | Titel: Der Ritter mit dem Schwan | ||
| - | aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 291-304 | ||
| - | Auflage: 1. Auflage | ||
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