Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


sagen:bergmaennischesagen076

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

Beide Seiten der vorigen RevisionVorhergehende Überarbeitung
Nächste Überarbeitung
Vorhergehende Überarbeitung
sagen:bergmaennischesagen076 [2023/02/17 12:35] – ewuschsagen:bergmaennischesagen076 [2025/01/30 17:47] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1
Zeile 1: Zeile 1:
 [[sagen:bergmaennischesagen075|<<< zurück]] |  [[sagen:bergmaennischesagen075|<<< zurück]] | 
-[[buch:bergmaennischesagen|Sammlung bergmännischer Sagen]] |+**[[buch:bergmaennischesagen|Sammlung bergmännischer Sagen]]** |
 [[sagen:bergmaennischesagen077|weiter >>>]] [[sagen:bergmaennischesagen077|weiter >>>]]
  
 ====== Hans von Wülfersreuth ====== ====== Hans von Wülfersreuth ======
  
-Es gab einmal eine Zeit, wo in allen Gebirgsgegenden Deutschlands Venediger, überhaupt Italiener herumzogen, um, wie es hieß, Goldsand aufzusuchen. Sie handelten zum Schein mit Hecheln oder Mäusefallen und kehrten, wenn sie ihre Säckel mit dem sogenannten Goldsand gefüllt hatten, wieder heim. Solche Venediger, wie sie gewöhnlich genannt wurden, kamen auch in das Fichtelgebirge, und manche denkwürdige Geschichte trug sich zischen ihnen und den Gebirgsbewohnern zu. Unter anderen hielt sich einmal einer namens Gabriel lange zeit in dem Dorf Wülfersreuth an der Egerschen Landstraße bei einem Bauern auf. Er war da wie zu Hause und wurde wie ein Mitglied der Familie behandelt. Am Tage wanderte er im Gebirge herum, und abends, wenn er heimkam, schlief er hinterm Ofen und lag auf Tierfellen von Wildschweinen, Bären und Wölfen, denn solche Bestien gab es damals häufig noch im Fichtelgebirge.+Es gab einmal eine Zeit, wo in allen Gebirgsgegenden Deutschlands [[wesen:Venediger]], überhaupt Italiener herumzogen, um, wie es hieß, Goldsand aufzusuchen. Sie handelten zum Schein mit Hecheln oder Mäusefallen und kehrten, wenn sie ihre Säckel mit dem sogenannten Goldsand gefüllt hatten, wieder heim. Solche Venediger, wie sie gewöhnlich genannt wurden, kamen auch in das [[region:Fichtelgebirge]], und manche denkwürdige Geschichte trug sich zischen ihnen und den Gebirgsbewohnern zu. Unter anderen hielt sich einmal einer namens Gabriel langezeit in dem Dorf [[geo:Wülfersreuth]] an der Egerschen Landstraße bei einem Bauern auf. Er war da wie zu Hause und wurde wie ein Mitglied der Familie behandelt. Am Tage wanderte er im Gebirge herum, und abends, wenn er heimkam, schlief er hinterm Ofen und lag auf Tierfellen von Wildschweinen, Bären und Wölfen, denn solche Bestien gab es damals häufig noch im Fichtelgebirge.
  
 So lebte Gabriel zehn Jahre lang in steter Einigkeit und Freundschaft bei dem Bauern. Keine störte den anderen in seinen Geschäften. Der Bauer fragte nicht, wo der Fremdling am Tage herumgehe, was er suche, ob er denn gar nicht wieder heimkehren wolle, und dieser bezahlte wöchentlich seine Zeche, ohne zu äußern, dass er bald, dass er überhaupt einmal wieder fortgehen werde. Beide waren aneinander gewöhnt und lebten gern beisammen. So lebte Gabriel zehn Jahre lang in steter Einigkeit und Freundschaft bei dem Bauern. Keine störte den anderen in seinen Geschäften. Der Bauer fragte nicht, wo der Fremdling am Tage herumgehe, was er suche, ob er denn gar nicht wieder heimkehren wolle, und dieser bezahlte wöchentlich seine Zeche, ohne zu äußern, dass er bald, dass er überhaupt einmal wieder fortgehen werde. Beide waren aneinander gewöhnt und lebten gern beisammen.
  
-Da es dem Bauer nach einer lange reihe von Jahren gar nicht einfiel, dass sein Freund ihn je wieder verlassen könne, so kam es ihm um so unerwarteter, als Gabriel ihm einst ganz schlank sagte, er werde des anderen Tages aufbrechen, nach Venedig zurückgehen und nie wieder in diese Gegend kommen. Alles im Haus war betrübt über diese Nachricht, Frau und Kinder weinten, als gehe ihr Vater weg.+Da es dem Bauer nach einer lange reihe von Jahren gar nicht einfiel, dass sein Freund ihn je wieder verlassen könne, so kam es ihm um so unerwarteter, als Gabriel ihm einst ganz schlank sagte, er werde des anderen Tages aufbrechen, nach [[geo:Venedig]] zurückgehen und nie wieder in diese Gegend kommen. Alles im Haus war betrübt über diese Nachricht, Frau und Kinder weinten, als gehe ihr Vater weg.
  
 Aber Gabriel ging doch. Beim Abschied drückte er seinem biederen Gastwirt recht herzlich die Hand und sprach: »Leb wohl, Hans, und lass dir zum Abschied noch sagen: Es steht dir ein trauriges Geschick bevor. Du wirst einst in große Not geraten, wo du Geld und Freunde nötig hast, wenn du gerettet werden sollst. Dank dann an mich, deinen Freund Gabriel, und komm nach Venedig. Leb wohl!« Aber Gabriel ging doch. Beim Abschied drückte er seinem biederen Gastwirt recht herzlich die Hand und sprach: »Leb wohl, Hans, und lass dir zum Abschied noch sagen: Es steht dir ein trauriges Geschick bevor. Du wirst einst in große Not geraten, wo du Geld und Freunde nötig hast, wenn du gerettet werden sollst. Dank dann an mich, deinen Freund Gabriel, und komm nach Venedig. Leb wohl!«
Zeile 19: Zeile 19:
 Aber sein Weib, eine Frau, redete ihm zu, sich der Worte zu entschlagen und nicht weiter daran zu denken. Doch schwer wurde das dem guten Hans, und nur die Zeit konnte das Andenken daran etwas schwächen. Es verging ein Jahr, es verging noch eins, und da noch immer keine Not eingetreten war, so ließ der Glaube an die Prophezeiung nach, und kein Mensch im Haus dachte weiter daran. Aber sein Weib, eine Frau, redete ihm zu, sich der Worte zu entschlagen und nicht weiter daran zu denken. Doch schwer wurde das dem guten Hans, und nur die Zeit konnte das Andenken daran etwas schwächen. Es verging ein Jahr, es verging noch eins, und da noch immer keine Not eingetreten war, so ließ der Glaube an die Prophezeiung nach, und kein Mensch im Haus dachte weiter daran.
  
-Nach vier Jahren war Hans eines Sonntags wie gewöhnlich in der Schenke. Er hatte es sich wohl schmecken lassen und war etwas mehr als lustig. Da erhob sich vor der Tür des Hauses ein Gezänk zwischen jungen Burschen. Erst war es ein heftiger Wortwechsel, dann raufte man sich an den Haaren, und endlich schlug man sich. Hans kam, gleich anderen, heraus, Frieden zu stiften und bediente sich dazu eines ausgerissenen Stuhlbeins. Er schlug derb drein, der Branntwein ließ ihn nicht sehen, wo er hinschlug, und ach, da schlug er einen jungen Bauern maustot!+Nach vier Jahren war Hans eines Sonntags wie gewöhnlich in der [[lex:schänke|Schenke]]. Er hatte es sich wohl schmecken lassen und war etwas mehr als lustig. Da erhob sich vor der Tür des Hauses ein Gezänk zwischen jungen Burschen. Erst war es ein heftiger Wortwechsel, dann raufte man sich an den Haaren, und endlich schlug man sich. Hans kam, gleich anderen, heraus, Frieden zu stiften und bediente sich dazu eines ausgerissenen Stuhlbeins. Er schlug derb drein, der Branntwein ließ ihn nicht sehen, wo er hinschlug, und ach, da schlug er einen jungen Bauern maustot!
  
 Plötzlich wurde der arme Hans nüchtern, und fort sprang er, der gerechten Strafe zu entgehen. Zwar verfolgten ihn die Verwandten des Erschlagenen, aber die Dunkelheit der Nacht und der dicke Wald bargen ihn. Sechs Stunden lang war er in einem fortgelaufen, da wurde er matt und musste sich setzen und schlief ein. Spät am anderen Morgen erwachte er, und nun erst fühlte er ganz das Traurige seiner Lage. Plötzlich wurde der arme Hans nüchtern, und fort sprang er, der gerechten Strafe zu entgehen. Zwar verfolgten ihn die Verwandten des Erschlagenen, aber die Dunkelheit der Nacht und der dicke Wald bargen ihn. Sechs Stunden lang war er in einem fortgelaufen, da wurde er matt und musste sich setzen und schlief ein. Spät am anderen Morgen erwachte er, und nun erst fühlte er ganz das Traurige seiner Lage.
Zeile 31: Zeile 31:
 »Aber wo liegt denn Venedig? Rechts, links, vorwärts oder rückwärts?« Wer konnte ihm die Frage beantworten? »Aber wo liegt denn Venedig? Rechts, links, vorwärts oder rückwärts?« Wer konnte ihm die Frage beantworten?
  
-Er ging daher auf gut Glück immer vorwärts. Mancher lachte ihn aus, den er nach dem nächsten Weg nach Venedig fragte, mancher wies ihn zurecht. So kam erd enn endlich nach zehn vollen Wochen in der schönen Stadt an. Kaum hatte er ein paar Schritte in derselben getan, so fragte er den Ersten, der ihm begegnete, wo Gabriel wohne. Aber der ließ ihn stehen und gab ihm keine Antwort. Er ging weiter, sah sich überall nach Gabriel um, aber Gabriel war nicht zu finden. Er fragte wohl noch zehnmal nach Gabriels Wohnung, aber man lachte ihn aus oder antwortete höchstens durch Kopfschütteln.+Er ging daher auf gut Glück immer vorwärts. Mancher lachte ihn aus, den er nach dem nächsten Weg nach Venedig fragte, mancher wies ihn zurecht. So kam er denn endlich nach zehn vollen Wochen in der schönen Stadt an. Kaum hatte er ein paar Schritte in derselben getan, so fragte er den Ersten, der ihm begegnete, wo Gabriel wohne. Aber der ließ ihn stehen und gab ihm keine Antwort. Er ging weiter, sah sich überall nach Gabriel um, aber Gabriel war nicht zu finden. Er fragte wohl noch zehnmal nach Gabriels Wohnung, aber man lachte ihn aus oder antwortete höchstens durch Kopfschütteln.
  
 So verging der erste, der zweite und auch der dritte Tag. Hans lief sich matt und müde durch alle Straßen, fragte und fragte, aber Gabriel war nicht zu finden. So verging der erste, der zweite und auch der dritte Tag. Hans lief sich matt und müde durch alle Straßen, fragte und fragte, aber Gabriel war nicht zu finden.
Zeile 77: Zeile 77:
 Gabriel verließ den erstaunten Hans. Dieser wählte das Bärenbett und schlief köstlich bis zum anderen Morgen. Gabriel verließ den erstaunten Hans. Dieser wählte das Bärenbett und schlief köstlich bis zum anderen Morgen.
  
-//Quelle: [[autor:wrubel|Friedrich Wrubel]], [[buch:bergmaennischesagen|Sammlung bergmännischer Sagen]], 1883; [[https://www.geisterspiegel.de/?p=43901#more-43901|www.geisterspiegel.de]]//+//Quelle: [[autor:wrubel|Friedrich Wrubel]], [[buch:bergmaennischesagen|Sammlung bergmännischer Sagen]], 1883//
 ---- ----
-{{tag>sagen wrubel bergmaennischesagen bergbau}}+{{tag>sagen wrubel bergmaennischesagen bergbau fichtelgebirge Wülfersreuth venediger venedig gold schlaf ofen fell wolf bär wildschwein bett erschlagen streit flucht branntwein schänke gastwirt prophezeiung unglück v2}}
  
  
  
sagen/bergmaennischesagen076.1676633708.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)