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sagen:bergmaennischesagen055

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 ====== Daniel der Bergknappe ====== ====== Daniel der Bergknappe ======
  
-Um das Ende des [[zeit:30jährigerkrieg|Dreißigjährigen Krieges]] lebte der Bergknappe Daniel mit seiner wackeren Ehefrau und drei Kindern in einem Flecken des oberen [[region:erzgebirge|Erzgebirges]]. Schlägel und Eisen erwarben ihm das tägliche [[typ:Brot]], die arbeitsame Margarethe erspann den übrigen Bedarf, Gottes Wort und der fromme Glaube an seine Verheißungen half ihnen viele Jahre lang das gemeinsame [[typ:Kreuz]] zu tragen. Es drückte sie dann allgemach zu Boden. Ihr erstgeborener Sohn, welcher bereits lustig und kräftig heranwuchs, wurde bei einem feindlichen Durchzug von den Holkischen Jägern erschossen, das sechsjährige Christinchen durch den [[typ:Blitz]] gelähmt, und jetzt vollendete ein Zwillingspaar die Not und brachte Margarethe an den Rand des [[typ:grab|Grabes]].+Um das Ende des [[zeit:30jährigerkrieg|Dreißigjährigen Krieges]] lebte der Bergknappe Daniel mit seiner wackeren Ehefrau und drei Kindern in einem Flecken des oberen [[region:erzgebirge|Erzgebirges]]. Schlägel und Eisen erwarben ihm das tägliche Brot, die arbeitsame Margarethe erspann den übrigen Bedarf, Gottes Wort und der fromme Glaube an seine Verheißungen half ihnen viele Jahre lang das gemeinsame Kreuz zu tragen. Es drückte sie dann allgemach zu Boden. Ihr erstgeborener Sohn, welcher bereits lustig und kräftig heranwuchs, wurde bei einem feindlichen Durchzug von den Holkischen Jägern erschossen, das sechsjährige Christinchen durch den Blitz gelähmt, und jetzt vollendete ein Zwillingspaar die Not und brachte Margarethe an den Rand des Grabes.
  
-Der Morgen graute, die [[typ:glocke|Bergglocke]] rief den Knappen. Daniel raffte sich von der Strohschütte auf. Er fand das kaum vergessene Elend wieder, er warf unter Schauern den nassen [[typ:kittel|Grubenkittel]] über und nebenbei einen forschenden Blick auf die schlummernden, vom [[typ:Hunger]] eingewiegten Kinder und auf das bleiche Antlitz der [[lex:Wöchnerin]]. Sie betete.+Der Morgen graute, die Bergglocke rief den Knappen. Daniel raffte sich von der Strohschütte auf. Er fand das kaum vergessene Elend wieder, er warf unter Schauern den nassen Grubenkittel über und nebenbei einen forschenden Blick auf die schlummernden, vom Hunger eingewiegten Kinder und auf das bleiche Antlitz der [[lex:Wöchnerin]]. Sie betete.
  
-»Bete nicht!«, sprach er, mit Gott hadernd. »An uns denkt der Herr nicht mehr. Er erhört bloß die Reichen und Vornehmen, unsere gestrengen Herren etwa, die doch nicht so viel nach ihm fragen, und den [[typ:Krämer]] Bonifaz vorn an der Malzmühle, der seinen Kindern die harten [[typ:Taler]] zum Spielen gibt, während die unseren an der harten Brotrinde nagen.«+»Bete nicht!«, sprach er, mit Gott hadernd. »An uns denkt der Herr nicht mehr. Er erhört bloß die Reichen und Vornehmen, unsere gestrengen Herren etwa, die doch nicht so viel nach ihm fragen, und den Krämer Bonifaz vorn an der Malzmühle, der seinen Kindern die harten Taler zum Spielen gibt, während die unseren an der harten Brotrinde nagen.«
  
-Die fromme, auf Gott vertrauende Margarethe schalt ihren Ehemann wegen dieser vermessenen Rede und rühmte sich eines erquickenden [[typ:traum|Traumes]], in dem sie ein Zeichen aus der Höhe sehe. Sie habe nämlich bei stockfinsterer Nacht auf dem Schlackenberg hinter der Schmelzhütte gesessen, habe, unfähig, sich von der Stelle zu bewegen, große [[typ:Angst]] ausgestanden und deshalb, wie eben jetzt geschehen, mit Inbrunst gebetet. Plötzlich sei das schwarze Sturmgewölk über ihr zerborsten, das Firmament mit feinen Sternen hervorgetreten und ein Stern nach dem anderen vom Himmel herab und ihr als [[typ:Goldstück]] in den Schoß gefallen.+Die fromme, auf Gott vertrauende Margarethe schalt ihren Ehemann wegen dieser vermessenen Rede und rühmte sich eines erquickenden Traumes, in dem sie ein Zeichen aus der Höhe sehe. Sie habe nämlich bei stockfinsterer Nacht auf dem Schlackenberg hinter der Schmelzhütte gesessen, habe, unfähig, sich von der Stelle zu bewegen, große Angst ausgestanden und deshalb, wie eben jetzt geschehen, mit Inbrunst gebetet. Plötzlich sei das schwarze Sturmgewölk über ihr zerborsten, das Firmament mit feinen Sternen hervorgetreten und ein Stern nach dem anderen vom Himmel herab und ihr als Goldstück in den Schoß gefallen.
  
-»Mein [[typ:Traum]] klingt anders«, entgegnete Daniel. »Zu mir kam den Böse und bedauerte mich. Ich sähe ja wohl, meinte er, wie es auf Erden hergehe, dass mein Herrgott sie verlassen und sein Meister wiederum seine Macht und Gewalt habe. Schon seit Menschengedenken hause der Krieg. Was das Schwert nicht gefressen, bleibe der [[typ:Pest]] aufgespart, und dann werde das Regiment in der Ungläubigen Hand fallen, die alle Christenkinder zu kreuzigen gedächten. Wollt ich so wohl tun und ihm die Zwillinge verschreiben, so könne noch ein ganzer Mann aus mir werden und mein Eheweib ein paar faustdicke [[typ:rubin|Rubine]] in den Ohrringen tragen, einen für jedes Kindes [[typ:Blut]].« Die Mutter schlug ein Kreuz über sich und die Kinder.+»Mein Traum klingt anders«, entgegnete Daniel. »Zu mir kam den Böse und bedauerte mich. Ich sähe ja wohl, meinte er, wie es auf Erden hergehe, dass mein Herrgott sie verlassen und sein Meister wiederum seine Macht und Gewalt habe. Schon seit Menschengedenken hause der Krieg. Was das Schwert nicht gefressen, bleibe der Pest aufgespart, und dann werde das Regiment in der Ungläubigen Hand fallen, die alle Christenkinder zu kreuzigen gedächten. Wollt ich so wohl tun und ihm die Zwillinge verschreiben, so könne noch ein ganzer Mann aus mir werden und mein Eheweib ein paar faustdicke Rubine in den Ohrringen tragen, einen für jedes Kindes Blut.« Die Mutter schlug ein Kreuz über sich und die Kinder.
  
-»Mir lief es eiskalt durch die Glieder«, fuhr jener fort, »ich wünschte unseren Herrn Beichtiger herbei und den [[typ:Steiger]] Martin und sprach das walte Gott. Die Bergglocke sprach erbaulich drein und weckte mich.«+»Mir lief es eiskalt durch die Glieder«, fuhr jener fort, »ich wünschte unseren Herrn Beichtiger herbei und den Steiger Martin und sprach das walte Gott. Die Bergglocke sprach erbaulich drein und weckte mich.«
  
 »Das walte Gott!«, flüsterte Margarethe, ihre Hände faltend. Daniel ging mit einem kleinlauten Lebewohl seines Weges. »Das walte Gott!«, flüsterte Margarethe, ihre Hände faltend. Daniel ging mit einem kleinlauten Lebewohl seines Weges.
  
-Der [[typ:Irrwisch]], so hieß das Berggebäude, auf welchem Daniel als [[typ:Hauer]] arbeitete, lag eine Stunde weit von seinem Wohnort im Wald. Er hatte diesen Weg seit zwanzig Jahren Tag für Tag und Nacht für Nacht, zwischen [[typ:Hunger]] und Kummer zurückgelegt, aber der [[typ:engel|Hoffnungsengel]], welcher ihm früher zur Seite ging und jene beiden widrigen Gesellen in Schranken hielt, war allmählich dahinten geblieben. Heute gesellte sich ihm der böse, kaum beschworene Geist seines Traumes zu. »Ach!«, seufzte Daniel und blickte sehnsüchtig zu den erbleichenden Sternen auf, »ach, fallt doch, fallt, ihr himmlischen Goldgülden durch die Lücken im Dach auf die nackten Zwillinge!«+Der [[wesen:Irrwisch]], so hieß das Berggebäude, auf welchem Daniel als Hauer arbeitete, lag eine Stunde weit von seinem Wohnort im Wald. Er hatte diesen Weg seit zwanzig Jahren Tag für Tag und Nacht für Nacht, zwischen Hunger und Kummer zurückgelegt, aber der [[wesen:engel|Hoffnungsengel]], welcher ihm früher zur Seite ging und jene beiden widrigen Gesellen in Schranken hielt, war allmählich dahinten geblieben. Heute gesellte sich ihm der böse, kaum beschworene Geist seines Traumes zu. »Ach!«, seufzte Daniel und blickte sehnsüchtig zu den erbleichenden Sternen auf, »ach, fallt doch, fallt, ihr himmlischen [[lex:Goldgülden]] durch die Lücken im Dach auf die nackten Zwillinge!«
  
-Aber die [[lex:Goldgülden]] fielen nicht.+Aber die Goldgülden fielen nicht.
  
-Daniel sprach erbittert und verzagt zu sich selbst: »Was half nun deine Treue und dein Eifer? Dein Hämmern und dein Spinnen? Dein Gottesdienst und dein Christentum? Der [[typ:Irrwisch]] ist im Verlöschen, das [[typ:Erz]] gebricht. Bald wird es heißen: Stirb oder stiehl! Ein [[typ:Dieb]]? Ei, wärst du denn der Einzige? Ist Bonifaz, der feiste Krämer, nicht ein Schelm und ein Wucherer und dennoch hochgeehrt und gesegneter als der frömmste Christ? Und die Großhänse von Feldhauptleuten, die das arme Land aussaugen und wie der Würgengel hausen, die Zucht und [[typ:Recht]] mit Füßen treten und unser Herzgeblüt verschlemmen. Sehen sie nicht aus wie das gute Gewissen? Werden sie nicht obendrein in der Chronik gepriesen, mit Gnadenketten und güldenen Schaumünzen ausstaffiert, gleich als ob der Mordbrand und die Plünderung ein löbliches, gottgefälliges Werk wäre? Wie die Zeit, so der Mensch, und ein Narr, der stromauf schwimmt. Drum greife zu und hilf dir selbst!«+Daniel sprach erbittert und verzagt zu sich selbst: »Was half nun deine Treue und dein Eifer? Dein Hämmern und dein Spinnen? Dein Gottesdienst und dein Christentum? Der Irrwisch ist im Verlöschen, das Erz gebricht. Bald wird es heißen: Stirb oder stiehl! Ein Dieb? Ei, wärst du denn der Einzige? Ist Bonifaz, der feiste Krämer, nicht ein Schelm und ein Wucherer und dennoch hochgeehrt und gesegneter als der frömmste Christ? Und die Großhänse von Feldhauptleuten, die das arme Land aussaugen und wie der Würgengel hausen, die Zucht und Recht mit Füßen treten und unser Herzgeblüt verschlemmen. Sehen sie nicht aus wie das gute Gewissen? Werden sie nicht obendrein in der Chronik gepriesen, mit Gnadenketten und güldenen Schaumünzen ausstaffiert, gleich als ob der Mordbrand und die Plünderung ein löbliches, gottgefälliges Werk wäre? Wie die Zeit, so der Mensch, und ein Narr, der stromauf schwimmt. Drum greife zu und hilf dir selbst!«
  
-So wuchs von Schritt zu Schritt der böse Wille, aber das Mittel zum Zweck blieb ihm dunkel. Er kam nach langem Sinnen auf den Krämer zurück, für dessen eisernen [[typ:kasten|Geldkasten]] er bei der Annäherung des Feindes ein Versteck im [[typ:Keller]] bereiten musste. Schon öfter hatten seitdem die geldsüchtigen [[volk:Schweden]] und die raubgierigen [[volk:Kroaten]] den reichen Würzhändler heimgesucht, aber der Mammon blieb unentdeckt und Bonifaz undankbar genug, den armen Daniel mit Härte abzuweisen, als ihn dieser, nach der Geburt der Zwillinge, um den Vorschuss einiger [[typ:Gulden]] ansprach, eine Wehtat, welche in dem aufgeregten Gemüt des Unglücklichen um so lauter nachklang, da ihm in dieser dunklen Stunde sein und der seinen Untergang ganz unvermeidlich schien. +So wuchs von Schritt zu Schritt der böse Wille, aber das Mittel zum Zweck blieb ihm dunkel. Er kam nach langem Sinnen auf den Krämer zurück, für dessen eisernen Geldkasten er bei der Annäherung des Feindes ein Versteck im Keller bereiten musste. Schon öfter hatten seitdem die geldsüchtigen [[volk:Schweden]] und die raubgierigen [[volk:Kroaten]] den reichen Würzhändler heimgesucht, aber der Mammon blieb unentdeckt und Bonifaz undankbar genug, den armen Daniel mit Härte abzuweisen, als ihn dieser, nach der Geburt der Zwillinge, um den Vorschuss einiger Gulden ansprach, eine Wehtat, welche in dem aufgeregten Gemüt des Unglücklichen um so lauter nachklang, da ihm in dieser dunklen Stunde sein und der seinen Untergang ganz unvermeidlich schien.
  
-Die Zwillinge lagen, nur zur Notdurft mit Lumpen bedeckt, auf dem [[typ:Stroh]]. Margarethes Leben glich dem erlöschenden [[typ:Grubenlicht]]. Der unbezahlt gebliebene Bader hatte fürder weder Rat noch Tat für die Kranke. Die wenigen früheren Helfer waren teils vom Kriegstrubel verscheucht, teils von [[typ:krankheit|Krankheiten]] und [[typ:seuche|Seuchen]] hingerafft, und so stand er denn, verlassen und versäumt, an Gott und Menschen irregeworden, zwischen der Not und dem Tod. +Die Zwillinge lagen, nur zur Notdurft mit Lumpen bedeckt, auf dem Stroh. Margarethes Leben glich dem erlöschenden Grubenlicht. Der unbezahlt gebliebene Bader hatte fürder weder Rat noch Tat für die Kranke. Die wenigen früheren Helfer waren teils vom Kriegstrubel verscheucht, teils von Krankheiten und Seuchen hingerafft, und so stand er denn, verlassen und versäumt, an Gott und Menschen irregeworden, zwischen der Not und dem Tod.
  
-Des Krämers Schatzkästlein wurde zum fesselnden Magnet, und Daniel musterte bereits im Geist die reiche Beute und sann auf Mittel, seine fromme, in keine Sünde willigende Ehefrau über den Quell dieses Goldregens zu täuschen, als das Geschrei einer [[typ:Krähe]] des Teufels Luftschloss plötzlich zertrümmerte. Daniel sah empor und sich unmittelbar unter dem [[typ:galgen|Hochgericht]], an dem der sogenannte lange Jonas seit Jahr und Tag in [[typ:kette|Ketten]] hing. Jonas war des Nachbars Sohn, sein Vetter und der Gespiele seiner Kindheit gewesen, war späterhin während der Wanderschaft in schlechte Hände gefallen und um keiner schlimmeren Tat willen aufgeknüpft worden, als welche Daniel selbst in der [[typ:Angst]] seiner Nahrungssorge beabsichtigte. Es traf ihn wie ein Wetterstrahl, sein Gewissen sprang wie ein Riese aus dem betäubenden [[typ:Schlaf]] auf, die Fantasie zeigte ihm bereits den [[typ:Nagel]], an dem er, ein Genosse dieses Windspiels, hing, und am Saum des nahen Waldes sein Hände ringendes, vom Wahnsinn übermanntes Weib. +Des Krämers Schatzkästlein wurde zum fesselnden Magnet, und Daniel musterte bereits im Geist die reiche Beute und sann auf Mittel, seine fromme, in keine Sünde willigende Ehefrau über den Quell dieses Goldregens zu täuschen, als das Geschrei einer Krähe des Teufels Luftschloss plötzlich zertrümmerte. Daniel sah empor und sich unmittelbar unter dem Hochgericht, an dem der sogenannte lange Jonas seit Jahr und Tag in Ketten hing. Jonas war des Nachbars Sohn, sein Vetter und der Gespiele seiner Kindheit gewesen, war späterhin während der Wanderschaft in schlechte Hände gefallen und um keiner schlimmeren Tat willen aufgeknüpft worden, als welche Daniel selbst in der Angst seiner Nahrungssorge beabsichtigte. Es traf ihn wie ein Wetterstrahl, sein Gewissen sprang wie ein Riese aus dem betäubenden Schlaf auf, die Fantasie zeigte ihm bereits den Nagel, an dem er, ein Genosse dieses Windspiels, hing, und am Saum des nahen Waldes sein Hände ringendes, vom Wahnsinn übermanntes Weib.
  
-Er eilte schnell fürbass und kam mit reuigem, zerknirschtem Herzen auf dem Huthaus des Irrwisches an. Die Bergleute, welche bereits zu dem herkömmlichen Gebet versammelt im Kreis saßen, erschienen ihm heute wie eine Gemeinde der Heiligen. Er nahm, ohne aufzusehen, unter den Grubenjungen zunächst der Tür Platz. Da kam Gevatter Martin, der ehrsame [[typ:Obersteiger]], dessen freundlicher Gruß dem Kleinmütigen wohltat, und stimmte ein [[typ:Lied]] an, welches Daniel dieses Mal vor innerer Bewegung nur mit leisen, zitternden Tönen begleitete. Dann sprach der Steiger das [[typ:Gebet]], und Daniel fühlte still erquickt, wie der Versucher von ihm wich und der versöhnte gute [[typ:Geist]] durch die geöffnete Herzenstür wieder einzog. Er betete, wie vorhin Margarethe, inbrünstig mit. Die Blenden wurden jetzt mit Licht versehen, und Daniel stand bereits mit einem Fuß auf der Fahrt, als ihn Herr Martin ansprach, nach Gretes Zustand fragte und dem wehmütig lächelnden Gevatter zu vermerken gab, dass er recht blass und hinfällig aussehe. Er wisse wohl, wo ihn der [[typ:Schuh]] drücke, und wolle noch heute seinetwegen mit dem Herrn [[typ:Bergmeister]] sprechen. Daniel solle nur seinerseits nach wie vor rechtschaffen auf Gott bauen, der ja die Haare zähle auf unserem Haupt, und ohne dessen Willen kein Vöglein vom Dach falle. Er solle zudem unten vor Ort auf seinen Hut fein, weil sich dort eine Wand im Hangenden zu ziehen scheine, und nach der Schicht das [[typ:Brot]] dort von der Kiste mit sich nehmen. Es sei ihm zugedacht. Daniel äußerte zuvörderst den eifrigsten Dank für Herrn Martins gute Absicht, nannte ihn einen heilsamen Tröster, bemerkte ferner, er stehe ja, die Wand anbelangend, in Gottes Hand, und werde sich, falls sie eingehe, wohl auch von dort aus in den [[typ:Himmel]] finden, worauf er dann, von dem Glückauf! des Obersteigers begleitet, die schwierige, senkrecht abfallende Bahn verfolgte.+Er eilte schnell fürbass und kam mit reuigem, zerknirschtem Herzen auf dem Huthaus des Irrwisches an. Die Bergleute, welche bereits zu dem herkömmlichen Gebet versammelt im Kreis saßen, erschienen ihm heute wie eine Gemeinde der Heiligen. Er nahm, ohne aufzusehen, unter den Grubenjungen zunächst der Tür Platz. Da kam Gevatter Martin, der ehrsame Obersteiger, dessen freundlicher Gruß dem Kleinmütigen wohltat, und stimmte ein Lied an, welches Daniel dieses Mal vor innerer Bewegung nur mit leisen, zitternden Tönen begleitete. Dann sprach der Steiger das Gebet, und Daniel fühlte still erquickt, wie der Versucher von ihm wich und der versöhnte gute Geist durch die geöffnete Herzenstür wieder einzog. Er betete, wie vorhin Margarethe, inbrünstig mit. Die Blenden wurden jetzt mit Licht versehen, und Daniel stand bereits mit einem Fuß auf der Fahrt, als ihn Herr Martin ansprach, nach Gretes Zustand fragte und dem wehmütig lächelnden Gevatter zu vermerken gab, dass er recht blass und hinfällig aussehe. Er wisse wohl, wo ihn der Schuh drücke, und wolle noch heute seinetwegen mit dem Herrn Bergmeister sprechen. Daniel solle nur seinerseits nach wie vor rechtschaffen auf Gott bauen, der ja die Haare zähle auf unserem Haupt, und ohne dessen Willen kein Vöglein vom Dach falle. Er solle zudem unten vor Ort auf seinen Hut fein, weil sich dort eine Wand im Hangenden zu ziehen scheine, und nach der Schicht das Brot dort von der Kiste mit sich nehmen. Es sei ihm zugedacht. Daniel äußerte zuvörderst den eifrigsten Dank für Herrn Martins gute Absicht, nannte ihn einen heilsamen Tröster, bemerkte ferner, er stehe ja, die Wand anbelangend, in Gottes Hand, und werde sich, falls sie eingehe, wohl auch von dort aus in den Himmel finden, worauf er dann, von dem Glückauf! des Obersteigers begleitet, die schwierige, senkrecht abfallende Bahn verfolgte.
  
-Nie war dem Daniel sein Berufsweg so schwer geworden. Es lag ihm wie Blei in den Füßen, die Sprossen schienen kein Ende nehmen zu wollen, und als er endlich die unterste Strecke betreten und sein Ort fast erreicht hatte, fand er es hell erleuchtet und belegt. Daniel stutzte, staunte, ihn schauerte wieder, wie vorhin am Hochgericht, denn das Knäpplein, welches hier in sein Amt griff, fand schwerlich in irgendeiner befahrenen Grube des [[region:erzgebirge|Erzgebirges]] seinesgleichen. Es war nicht länger als ein Mädchenarm, wie Mädchen zart geformt und stattlich wie ein Vornehmer des Bergamtes am Ehrentag angetan. Der sächsische Rautenkranz prangte in [[typ:Gold]] gestickt auf der hellgrünen [[typ:mütze|Schachtmütze]]. Das Fahrkäppchen, zierlich mit Spitzen berändert, flatterte lustig um den Nacken, ein nettes Bergleder von glänzendem Saffian und der kohlschwarze Kniebügel erhob die Weiße des silbergewickelten Strumpfes. Selbst [[typ:Schlägel]] und Eisen, die der Regsame trotz seiner Niedlichkeit wie Federspulen handhabte, glichen hell poliertem Stahl, und der Urgranit sprühte bei jedem Schlag des [[typ:hammer|Fäustels]] helle Funken. Zu alledem verbreitete das Feuer der kristallenen Leuchte ein so feines, ätherisches Licht, dass Daniel auch den kleinsten Bestandteil seines Putzes gar deutlich unterscheiden konnte. »Das ist der [[typ:Berggeist]]!«, sagte er zu sich selbst und will sich fortschleichen, um seine Mitgesellen herbeizuholen. Aber der [[typ:Schreck]] hielt ihn fest, und ein schneidender Windstoß blies sein [[typ:Grubenlicht]] aus. Ihm stand das Haar zu Berge, er sank erblassend an die Felswand. Das [[typ:zwerg|Zwerglein]] arbeitete mit hastigem Eifer, und der taube Gang begann zu flimmern. Daniel sah ihm unverrückt zu, lebte bei dem Anblick des unerhofften, reichen Anbruchs neu auf, gedachte der Vorteile, die er ihm einbringen würde, und sprach sich Mut zu. »Bist du nicht auf deinem Berufswege? Nicht ein getaufter Christ? Ein Bußfertiger obendrein? So fahre denn in Gottes Namen vor dein Ort und nimm die heiligen Engel zu Begleitern.«+Nie war dem Daniel sein Berufsweg so schwer geworden. Es lag ihm wie Blei in den Füßen, die Sprossen schienen kein Ende nehmen zu wollen, und als er endlich die unterste Strecke betreten und sein Ort fast erreicht hatte, fand er es hell erleuchtet und belegt. Daniel stutzte, staunte, ihn schauerte wieder, wie vorhin am Hochgericht, denn das Knäpplein, welches hier in sein Amt griff, fand schwerlich in irgendeiner befahrenen Grube des [[region:erzgebirge|Erzgebirges]] seinesgleichen. Es war nicht länger als ein Mädchenarm, wie Mädchen zart geformt und stattlich wie ein Vornehmer des Bergamtes am Ehrentag angetan. Der sächsische Rautenkranz prangte in Gold gestickt auf der hellgrünen Schachtmütze. Das Fahrkäppchen, zierlich mit Spitzen berändert, flatterte lustig um den Nacken, ein nettes Bergleder von glänzendem Saffian und der kohlschwarze Kniebügel erhob die Weiße des silbergewickelten Strumpfes. Selbst Schlägel und Eisen, die der Regsame trotz seiner Niedlichkeit wie Federspulen handhabte, glichen hell poliertem Stahl, und der Urgranit sprühte bei jedem Schlag des Fäustels helle Funken. Zu alledem verbreitete das Feuer der kristallenen Leuchte ein so feines, ätherisches Licht, dass Daniel auch den kleinsten Bestandteil seines Putzes gar deutlich unterscheiden konnte. »Das ist der [[wesen:Berggeist]]!«, sagte er zu sich selbst und will sich fortschleichen, um seine Mitgesellen herbeizuholen. Aber der Schreck hielt ihn fest, und ein schneidender Windstoß blies sein Grubenlicht aus. Ihm stand das Haar zu Berge, er sank erblassend an die Felswand. Das [[wesen:zwerg|Zwerglein]] arbeitete mit hastigem Eifer, und der taube Gang begann zu flimmern. Daniel sah ihm unverrückt zu, lebte bei dem Anblick des unerhofften, reichen Anbruchs neu auf, gedachte der Vorteile, die er ihm einbringen würde, und sprach sich Mut zu. »Bist du nicht auf deinem Berufswege? Nicht ein getaufter Christ? Ein Bußfertiger obendrein? So fahre denn in Gottes Namen vor dein Ort und nimm die heiligen [[wesen:Engel]] zu Begleitern.«
  
 Gesagt, getan. Er näherte sich mit raschen Schritten. »Glückauf!«, sprach er kleinlaut. Der Nachsatz erstarb ihm auf der Zunge, denn plötzlich wurde das schmucke Männchen zu einem schwefelblauen Irrwisch, der ihn dreimal hüpfend umkreiste und in dem nahen, uralten Abteufen verschwand. Als Gegengruß auf Daniels Glückauf erscholl zudem ein lautes Hohngelächter, das aus den nächtlichen Fernen der Tiefe gellend widertönte. Gesagt, getan. Er näherte sich mit raschen Schritten. »Glückauf!«, sprach er kleinlaut. Der Nachsatz erstarb ihm auf der Zunge, denn plötzlich wurde das schmucke Männchen zu einem schwefelblauen Irrwisch, der ihn dreimal hüpfend umkreiste und in dem nahen, uralten Abteufen verschwand. Als Gegengruß auf Daniels Glückauf erscholl zudem ein lautes Hohngelächter, das aus den nächtlichen Fernen der Tiefe gellend widertönte.
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 Als nämlich Daniel aus der Stadt heimkehrte, fand er Margarethe noch in den Armen des Schlafs. Sie war seit der Zeit seines Abgangs am Morgen nicht erwacht. Er lockte nun, wie schon erwähnt, die ausgebliebene Wärterin mithilfe seiner Gulden und guter Worte wieder herbei, deckte einige schreiende Schulden, bestellte die Küche, küsste die Zwillinge, verhieß dem schmachtenden Christinchen ein köstliches Milchmus und eilte zu dem Irrwisch, um seinem Beruf zu genügen. Als nämlich Daniel aus der Stadt heimkehrte, fand er Margarethe noch in den Armen des Schlafs. Sie war seit der Zeit seines Abgangs am Morgen nicht erwacht. Er lockte nun, wie schon erwähnt, die ausgebliebene Wärterin mithilfe seiner Gulden und guter Worte wieder herbei, deckte einige schreiende Schulden, bestellte die Küche, küsste die Zwillinge, verhieß dem schmachtenden Christinchen ein köstliches Milchmus und eilte zu dem Irrwisch, um seinem Beruf zu genügen.
  
-Der Tag war wunderschön und windstill. Vetter Jonas regte sich nicht. Daniel vermied es, ihn anzusehen, er versuchte die Grillen des Bewusstseins im Werden zu ersticken, und versicherte sich, dass er im Vergleich mit dem Krämer Bonifaz und dem Tausendkünstler Christlieb noch immer ein exemplarischer Mann sei. Wie wird sich Grete nach dem Erwachen freuen, fuhr er fort, um dieser Verblendung zu schmeicheln, wenn ihr die lang entbehrte Wärterin zur Seite sitzt, das arme Christinchen die genossenen Speisen lobt, und unsere Zwillinge nicht länger mit den hungrigen Raben um die Wette schreien!+Der Tag war wunderschön und windstill. Vetter Jonas regte sich nicht. Daniel vermied es, ihn anzusehen, er versuchte die Grillen des Bewusstseins im Werden zu ersticken, und versicherte sich, dass er im Vergleich mit dem Krämer Bonifaz und dem Tausendkünstler Christlieb noch immer ein exemplarischer Mann sei. Wie wird sich Grete nach dem Erwachen freuen, fuhr er fort, um dieser Verblendung zu schmeicheln, wenn ihr die lang entbehrte [[lex:wartefrau|Wärterin]] zur Seite sitzt, das arme Christinchen die genossenen Speisen lobt, und unsere Zwillinge nicht länger mit den hungrigen Raben um die Wette schreien!
  
 Das Gebet war diesmal schon zu Ende, als Daniel in das Huthaus trat. Er entschuldigte die Verspätung mit seinem Hauskreuz und wollte eben die Fahrt besteigen, als ihn der Steiger Martin am Arm ergriff und abseits führte. Das Gebet war diesmal schon zu Ende, als Daniel in das Huthaus trat. Er entschuldigte die Verspätung mit seinem Hauskreuz und wollte eben die Fahrt besteigen, als ihn der Steiger Martin am Arm ergriff und abseits führte.
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 »Daniel«, sprach er mit einem Blick und einem Ton, der den Schuldigen im Innersten traf, »ich frage Euch vor Gott und auf Euer Gewissen, ob Ihr mir nichts zu melden habt!« »Daniel«, sprach er mit einem Blick und einem Ton, der den Schuldigen im Innersten traf, »ich frage Euch vor Gott und auf Euer Gewissen, ob Ihr mir nichts zu melden habt!«
  
-»Dass ich nicht wüsste«, murmelte dieser, »nichts in der Welt, gestrenger Obersteiger, als ein Gott es lohn! von meiner Frau für das wohlschmeckende Brot. Gewiss, Ihr habt das beste weit und breit!«+»Dass ich nicht wüsste«, murmelte dieser, »nichts in der Welt, gestrenger Obersteiger, als ein Gottes lohn! von meiner Frau für das wohlschmeckende Brot. Gewiss, Ihr habt das beste weit und breit!«
  
 »Und im Laufe Eurer letzten Schicht fiel nichts Bemerkenswertes vor?« »Und im Laufe Eurer letzten Schicht fiel nichts Bemerkenswertes vor?«
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 »Ich, Steiger?« »Ich, Steiger?«
  
-»Ihr, Hauer!«+»Ihr, [[typ:Hauer]]
  
-»Gesehen habe ich allerdings gar wunderbare Dinge, doch als ich ausfuhr, wart ihr im Pochwerk, und mich trieb es heim. Euch, Vater Martin, darf man dergleichen Sachen wohl vertrauen, doch Euch allein! Käme es den Knappen zu Ohren, sie fürchteten sich wohl, würden lässig und neidisch, und das tut nicht gut. Genug, ich sah den Berggeist, Herr Gevatter!«+»Gesehen habe ich allerdings gar wunderbare Dinge, doch als ich ausfuhr, wart ihr im Pochwerk, und mich trieb es heim. Euch, Vater Martin, darf man dergleichen Sachen wohl vertrauen, doch Euch allein! Käme es den Knappen zu Ohren, sie fürchteten sich wohl, würden lässig und neidisch, und das tut nicht gut. Genug, ich sah den [[wesen:Berggeist]], Herr Gevatter!«
  
 »Den Teufel!«, rief der ungläubige Obersteiger, »und der facht Euch an, wie es scheint. Ich frage nach Erzen, Daniel!« »Den Teufel!«, rief der ungläubige Obersteiger, »und der facht Euch an, wie es scheint. Ich frage nach Erzen, Daniel!«
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 »Daniel, besinnt Euch wohl! Ihr taugt zum Lügner nicht und würdet im ersten Verhör zu Schande. Denkt an die Fron, an die Ketten und Banden, und an das arme, unschuldige, liebende Weib daheim.« »Daniel, besinnt Euch wohl! Ihr taugt zum Lügner nicht und würdet im ersten Verhör zu Schande. Denkt an die Fron, an die Ketten und Banden, und an das arme, unschuldige, liebende Weib daheim.«
  
-Martins beredsame Augen blitzten bei diesen Worten wie der Blick des Gerichtsengels, sie entwaffneten den Trotz des Schuldigen. Er sank vernichtet auf die Knie, er beichtete, er beschwor den schwer beleidigten Gönner, ihn um Margarethes willen vor den Folgen der Verheimlichung zu schützen. Not ehre kein Gebot, und ihn habe augenscheinlich der leibhafte Satan geblendet. Wolle Herr Martin gefälligst mit ihm nach seinem Ort fahren, so werde er ihm den reichen, in einer Kluft geborgenen Fund bis auf das kleinste Stückchen überantworten und den Betrag des entwendeten Stückes nach und nach bei Heller und Pfennig vergüten. In dem Herzen des Obersteigers regte sich, trotz des Jähzornes, der ihn oft genug meisterte, die milde Vergebungslust. Wohl kannte er die furchtbare Gewalt des Hungers und des Elends, wohl ließ sich fürchten, dass Margarethe den Sündenfall ihres Mannes nicht überleben werde, ja er durfte kecklich voraussetzen, dass der Himmel selbst sich des verirrten Schafes erbarmen dürfte, aber zu Daniels Unglück machte diesen der Inhalt seiner Geständnisse als einen schlauen, die Geisterwelt zur Ungebühr in sein böses Spiel ziehenden Heuchler verdächtig. Der kluge Martin war, zur seltenen Ausnahme, von den Wahnbegriffen seiner Zeit frei und ein geschworener Feind alles Aberglaubens. Er sah in der Rolle, welche jener dem Zwerggespenst zuteilte, nur ein erdichtetes Gaukelspiel, sah in dem Fehlgetretenen, auf den er bisher große Stücke hielt, einen geschmeidigen Lügner, der schon entlarvt die Larve noch festhalte, kurz, den besonnenen Verbrecher.+Martins beredsame Augen blitzten bei diesen Worten wie der Blick des Gerichtsengels, sie entwaffneten den Trotz des Schuldigen. Er sank vernichtet auf die Knie, er beichtete, er beschwor den schwer beleidigten Gönner, ihn um Margarethes willen vor den Folgen der Verheimlichung zu schützen. Not ehre kein Gebot, und ihn habe augenscheinlich der leibhafte [[wesen:teufel|Satan]] geblendet. Wolle Herr Martin gefälligst mit ihm nach seinem Ort fahren, so werde er ihm den reichen, in einer Kluft geborgenen Fund bis auf das kleinste Stückchen überantworten und den Betrag des entwendeten Stückes nach und nach bei Heller und Pfennig vergüten. In dem Herzen des Obersteigers regte sich, trotz des Jähzornes, der ihn oft genug meisterte, die milde Vergebungslust. Wohl kannte er die furchtbare Gewalt des Hungers und des Elends, wohl ließ sich fürchten, dass Margarethe den Sündenfall ihres Mannes nicht überleben werde, ja er durfte kecklich voraussetzen, dass der Himmel selbst sich des verirrten Schafes erbarmen dürfte, aber zu Daniels Unglück machte diesen der Inhalt seiner Geständnisse als einen schlauen, die Geisterwelt zur Ungebühr in sein böses Spiel ziehenden Heuchler verdächtig. Der kluge Martin war, zur seltenen Ausnahme, von den Wahnbegriffen seiner Zeit frei und ein geschworener Feind alles Aberglaubens. Er sah in der Rolle, welche jener dem Zwerggespenst zuteilte, nur ein erdichtetes Gaukelspiel, sah in dem Fehlgetretenen, auf den er bisher große Stücke hielt, einen geschmeidigen Lügner, der schon entlarvt die Larve noch festhalte, kurz, den besonnenen Verbrecher.
  
-»Wir fahren selbander!«, sagte Martin mit barschem Ton und nahm das Grubenlicht vom Haken. »Gott gnade dir«, setzte er losbrechend hinzu, »wenn dein Zwerg etwa indes die Kluft verschlossen oder das Erz verschleppt hat. Dann wirst du deines Vetters Nachbar, so wahr ich ehrlich bin!«+»Wir fahren selbander!«, sagte Martin mit barschem Ton und nahm das Grubenlicht vom Haken. »Gott gnade dir«, setzte er losbrechend hinzu, »wenn dein [[wesen:Zwerg]] etwa indes die Kluft verschlossen oder das Erz verschleppt hat. Dann wirst du deines Vetters Nachbar, so wahr ich ehrlich bin!«
  
-Daniel erwog auf dem Weg das Gewicht dieser Worte, welche zentnerschwer auf sein Herz fielen. »Und wenn der Kobold nun indes das Erz in taubes Geröll verwandelte«, sagte er zu sich selbst, »denn die Geister sind schadenfroh! Oder wenn er die Kluft verschloss oder der boshafte Untersteiger den Schatz entdeckte und davontrug, – o großer Gott, dann soll ich hängen, so wahr er ehrlich ist, und wie ich ihn kenne, würde Martin mir eher zehnmal den Hals als einmal sein Gelübde brechen!«+Daniel erwog auf dem Weg das Gewicht dieser Worte, welche zentnerschwer auf sein Herz fielen. »Und wenn der [[wesen:Kobold]] nun indes das Erz in taubes Geröll verwandelte«, sagte er zu sich selbst, »denn die Geister sind schadenfroh! Oder wenn er die Kluft verschloss oder der boshafte Untersteiger den Schatz entdeckte und davontrug, – o großer Gott, dann soll ich hängen, so wahr er ehrlich ist, und wie ich ihn kenne, würde Martin mir eher zehnmal den Hals als einmal sein Gelübde brechen!«
  
 »Warum zögert Ihr?«, schalt der Steiger, als Daniel Atem schöpfend auf der senkrechten Fahrt weilte. »Vertritt Euch etwa der geputzte Kobold den Weg? Wohl jedem, der mit einem guten Gewissen über dem Abgrund hängt!« »Warum zögert Ihr?«, schalt der Steiger, als Daniel Atem schöpfend auf der senkrechten Fahrt weilte. »Vertritt Euch etwa der geputzte Kobold den Weg? Wohl jedem, der mit einem guten Gewissen über dem Abgrund hängt!«
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 Des Obersteigers wohlbekannte Stimme tönte herzhaft und befehlend aus der Gegend des Abteufens. Des Obersteigers wohlbekannte Stimme tönte herzhaft und befehlend aus der Gegend des Abteufens.
  
-»Schafft Seile!«, rief der Unsichtbare, »ich hänge bei fünf Lachter tief auf einem Sumpf verfaulter Zimmerung, die gleich zerfallen wird.«+»Schafft Seile!«, rief der Unsichtbare, »ich hänge bei fünf [[lex:Lachter]] tief auf einem Sumpf verfaulter Zimmerung, die gleich zerfallen wird.«
  
-Der mitgenommene Haspelknecht trug eben ein solches auf der Schulter. Martin verfügte auf seinem verlorenen Posten mit Einsicht und Nachdruck über die Anwendung der Maßregeln und stand infolge ihrer glücklichen Vollziehung nach wenigen Minuten, zwar hier und da verletzt, doch übrigens frisch und wohlbehalten vor den staunenden Knappen. Eben fragten sie einstimmig nach seinem Befinden, wie ihm dieser Unfall habe begegnen können und ob das auch mit rechten Dingen zugegangen sei, als die Wand, vor deren Fall Martin gestern gewarnt hatte, mit einem erschütternden Getöse in das Abteufen niederstürzte und das Grab des Unglücklichen auf ewig versiegelte. Die Knappen flüchteten unter schützendes Mauerwerk, der Steiger folgte ihnen, erließ dort seinen Helfern die kaum begonnene Schicht und ermahnte sie, ein stilles and andächtiges Vater unser für den armen, verunglückten Daniel zu beten, der, fehlgetreten, in das Abteufen gestürzt sei und ihm, als er die Hand nach dem Fallenden ausstreckte, in der Todesangst mit hinabgerissen habe.+Der mitgenommene Haspelknecht trug eben ein solches auf der Schulter. Martin verfügte auf seinem verlorenen Posten mit Einsicht und Nachdruck über die Anwendung der Maßregeln und stand infolge ihrer glücklichen Vollziehung nach wenigen Minuten, zwar hier und da verletzt, doch übrigens frisch und wohlbehalten vor den staunenden Knappen. Eben fragten sie einstimmig nach seinem Befinden, wie ihm dieser Unfall habe begegnen können und ob das auch mit rechten Dingen zugegangen sei, als die Wand, vor deren Fall Martin gestern gewarnt hatte, mit einem erschütternden Getöse in das Abteufen niederstürzte und das Grab des Unglücklichen auf ewig versiegelte. Die Knappen flüchteten unter schützendes Mauerwerk, der Steiger folgte ihnen, erließ dort seinen Helfern die kaum begonnene Schicht und ermahnte sie, ein stilles und andächtiges Vater unser für den armen, verunglückten Daniel zu beten, der, fehlgetreten, in das Abteufen gestürzt sei und ihm, als er die Hand nach dem Fallenden ausstreckte, in der Todesangst mit hinabgerissen habe.
  
 Die alte Anne sah indes daheim von Zeit zu Zeit nach der Schläferin und rückte unmutig die fertige, dem Hausvater zugedachte Speise bald vom Feuer ab, bald wieder auf die heiße Stätte, aber noch immer ließ sich kein Daniel blicken, und Margarethe regte sich nicht. Die alte Anne sah indes daheim von Zeit zu Zeit nach der Schläferin und rückte unmutig die fertige, dem Hausvater zugedachte Speise bald vom Feuer ab, bald wieder auf die heiße Stätte, aber noch immer ließ sich kein Daniel blicken, und Margarethe regte sich nicht.
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 Statt des erwarteten Hauswirtes schlich Meister Martin jetzt herein. Die Wärterin winkte ihm, leise aufzutreten. Statt des erwarteten Hauswirtes schlich Meister Martin jetzt herein. Die Wärterin winkte ihm, leise aufzutreten.
  
-»Mir wird ganz bange«, sagte sie, »die Kranke liegt bereits seit Tagesanbruch in tiefem [[typ:Schlaf]]. Vor etwa zwei Stunden schrie sie plötzlich laut und kläglich auf und entfärbte sich ganz.«+»Mir wird ganz bange«, sagte sie, »die Kranke liegt bereits seit Tagesanbruch in tiefem Schlaf. Vor etwa zwei Stunden schrie sie plötzlich laut und kläglich auf und entfärbte sich ganz.«
  
 »Vor zwei Stunden?«, fragte Martin ergriffen und seufzte. Dann neigte er sich zu dem Strohlager der Schläferin, sah ihr ins Angesicht, fasste die kühle Hand und sprach, im Innersten bewegt: »Wohl ihr! So schläft sie bis zum Jüngsten Tag.« »Vor zwei Stunden?«, fragte Martin ergriffen und seufzte. Dann neigte er sich zu dem Strohlager der Schläferin, sah ihr ins Angesicht, fasste die kühle Hand und sprach, im Innersten bewegt: »Wohl ihr! So schläft sie bis zum Jüngsten Tag.«
  
-Die alte Anne schrie laut auf, der [[typ:Obersteiger]] aber nahm das arme, gelähmte Christinchen auf den Arm und sagte zu der Wärterin: »Bringt mir die Zwillinge nach, ich will fortan ihr Vater sein!«+Die alte Anne schrie laut auf, der Obersteiger aber nahm das arme, gelähmte Christinchen auf den Arm und sagte zu der Wärterin: »Bringt mir die Zwillinge nach, ich will fortan ihr Vater sein!«
  
-//Quelle: [[autor:wrubel|Friedrich Wrubel]], [[buch:bergmaennischesagen|Sammlung bergmännischer Sagen]], 1883; [[https://www.geisterspiegel.de/?p=43227#more-43227|www.geisterspiegel.de]]//+//Quelle: [[autor:wrubel|Friedrich Wrubel]], [[buch:bergmaennischesagen|Sammlung bergmännischer Sagen]], 1883//
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-{{tag>sagen wrubel bergmaennischesagen bergbau grubenlicht 30jährigerkrieg erzgebirge obersteiger}}+{{tag>sagen wrubel bergmaennischesagen bergbau grubenlicht 30jährigerkrieg erzgebirge obersteiger hauer schlaf galgen silber zinn krämer armut diebstahl irrwisch berggeist gulden goldgülden kittel hammer erz wöchnerin traum krankheit kroaten sturz lachter wartefrau schlägel meissel hochgericht v2}}
sagen/bergmaennischesagen055.1677758290.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)