sagen:bergmaennischesagen044
Unterschiede
Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.
| Nächste Überarbeitung | Vorhergehende Überarbeitung | ||
| sagen:bergmaennischesagen044 [2023/02/17 10:13] – angelegt ewusch | sagen:bergmaennischesagen044 [2025/01/30 17:46] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1 | ||
|---|---|---|---|
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
| [[sagen: | [[sagen: | ||
| - | [[buch: | + | **[[buch: |
| [[sagen: | [[sagen: | ||
| - | [[autor: | + | ====== Des Berggeists Hilfe und Strafe ====== |
| + | Der Bergmann Rack musste all seine Kräfte anstrengen, ja oft Doppelschichten verfahren, um bei den damaligen geringen Löhnen und hohen Lebensmittelpreisen seine zahlreiche Familie ernähren zu können. Der Steiger, der seine Armut kannte, hatte Mitleid mit ihm und legte ihn beim Schachtabteufen mit an, wo man das höchste Gedinge bekam. Diese Arbeit aber war sehr nass, da das zu durchteufende Gestein wegen seinen vielen Klüfte viel Wasser führte, und Rack wurde, da er sich keinen Flanellanzug kaufen konnte, der ihn gegen die nasse Kälte hätte schützen können, bald schwer krank. Er lag viele Wochen am Typhus darnieder. | ||
| + | Die Familie des Kranken geriet dadurch in die größte Not. Seine Frau bügelte und wusch zwar und verrichtete auch sonstige Arbeiten bei anderen Leuten für Lohn, aber sie konnte doch nicht beständig ihre unmündigen Kinder allein lassen. Ihr Verdienst war deshalb ein kaum beachtenswerter, | ||
| + | |||
| + | Rack genas. Er hatte zwar seine frühere Körperkraft noch lange nicht wieder, aber was blieb ihm angesichts der Not der seinen übrig, als sofort wieder mutig an die Arbeit zu gehen? Konnte er das Bewusstsein länger ertragen, dass die seinen von den erbettelten Gaben anderer lebten? Nein, er war ein zu biederer, ehrlicher Bergmann und dachte an sein eigenes Wohl zuletzt. Er bat Gott inbrünstig um seinen gnädigen Beistand und ging mit frischem Mut, aber schwachen Kräften wieder zur ersten Schicht. | ||
| + | |||
| + | Der schweren körperlichen Arbeit entsprach seine spärliche, kraftlose Nahrung nicht, und es ist begreiflich, | ||
| + | |||
| + | Sein ältester Sohn Bruno, kaum 15 Jahre alt, ein zarter, schwächlicher Knabe, musste nun Arbeit suchen, um wenigstens, so viel in seinen Kräften stand, dem Elend der seinen zu steuern. Der alte Steiger, der schon früher Brunos Vater zu einer besseren Lage hatte verhelfen wollen, legte ihn als Schlepper an. Aber was verdiente der arme Junge? Er vermochte kaum den vierten Teil der Anzahl Wagen vom Ort bis zum Schacht zu stoßen als die anderen Schlepper, und die rücksichtslosen Hauer schalten ihn deshalb. Mochte er selbst mit dem festesten Willen alle seine Kräfte aufbieten, er hielt eine solche Anstrengung nicht lange aus und brach oft hinter seinem schwer beladenen Wagen trostlos zusammen. Sich über die schwere Arbeit zu beklagen und den Steiger um eine leichtere zu bitten, brachte er nicht über sich. Er fürchtete, man möchte ihm dies als Arbeitsunlust auslegen. | ||
| + | |||
| + | So saß er eines Tages mitten in der Strecke neben seinem Wagen, schweißtriefend und gänzlich erschöpft, und fing an, bitterlich zu weinen. Da trat plötzlich ein Bergmann, den er vorher weder vor sich noch hinter sich in der Strecke bemerkt hatte, und den überhaupt schon gesehen zu haben er sich nicht erinnern konnte, zu ihm heran und fragte ihn in freundlichem Ton: »Warum weinst du, kleiner Schlepper? Wird dir die Arbeit so sauer? Möchtest wohl lieber Fische fangen und Vögel stellen, wie?« | ||
| + | |||
| + | »Ach nein, Hauer«, erwiderte Bruno, »ich arbeite gern, von Herzen gern, auch wenn ich wie eben kraftlos zusammenbreche. Aber gerade, weil ich keine genügenden Kräfte zum Arbeiten habe, weil ich nur so wenig verdiene und deshalb die meinen so wenig unterstützen kann, kommen mir oft die Tränen in die Augen. Ach, warum bin ich nicht so stark wie die anderen, die ohne große Anstrengung froh und heiter ihre Schicht verfahren! Warum bin ich so schwach, dass ich kaum mehr verdienen kann, als das Öl für meine Lampe!« | ||
| + | |||
| + | »Seid ihr denn so sehr arm?«, fragte der Bergmann. | ||
| + | |||
| + | »O gewiss!«, antwortete Bruno. »Mein Vater verunglückte vor Kurzem, nachdem er, infolge einer früheren schweren Krankheit gänzlich geschwächt, | ||
| + | |||
| + | Bruno wollte sich erheben und seinen Wagen weiterschieben, | ||
| + | |||
| + | Ein anderer Knabe an Brunos Stelle wäre bei dieser Erklärung vor Schrecken vielleicht ohnmächtig geworden. Bruno aber erkannte in diesem ganzen Vorfall nichts anderes als eine Fügung des Himmels. Er wusste nun, dass seine inbrünstigen Gebete endlich erhört waren, er sah im Geist die seinen nicht mehr hungernd und frierend, sondern ohne Not und Elend ein glückliches, | ||
| + | |||
| + | »So ist’s recht, mein Sohn«, sprach der Berggeist. »Aber nun komm, jetzt wollen wir zusammen arbeiten. Ich will dir stoßen und füllen helfen. Ich bin außer dir jedem unsichtbar, du brauchst also deswegen keine Furcht zu haben.« Was war das jetzt für eine lustige Fahrt! Hei! Wie flogen die Wagen die Strecke entlang, dass dem armen Jungen anfangs der Atem auszugehen drohte. Aber bald fühlte er sich wunderbar gestärkt, fühlte er volle Manneskraft in sich. | ||
| + | |||
| + | Als er wieder mit dem leeren Wagen vor Ort kam, war dieser gefüllt, ehe sich dessen die hier arbeitenden Hauer versahen, und fort ging es wieder im schnellsten Lauf, als hätte Bruno einen Kinderkarren gestoßen. | ||
| + | |||
| + | So arbeitete der schwache, kleine Bruno nun Tag für Tag. Da aber seine Hauer nicht so viel sprengen konnten, als er jetzt mit Leichtigkeit zum Schacht fuhr, gab ihm der Steiger noch ein zweites, und bald nach ein drittes Ort, sodass er nun für drei Mann stand und in jedem einzelnen Fall das Doppelte von dem leistete, was nur der Stärkste an seiner Stelle hätte leisten können. Der Berggeist half ihm wacker dabei, und Bruno teilte redlich das Brot mit ihm, das er sich von Zuhause zur Schicht mitnahm. | ||
| + | |||
| + | Der Verdienst Brunos wurde bei solcher Arbeit ein ganz außerordentlicher. Alle Not war von den seinen mit einem Mal verschwunden. Er konnte nicht nur bald die rückständige Miete bezahlen, sondern auch seiner Mutter die Mittel in die Hand geben, kräftigere und gesündere Speisen zu bereiten. In den nächsten Monaten legte die sparsame Mutter immer etwas zurück, und es waren noch keine zwei Jahre vergangen, als sie so viel Geld zusammen hatte, dass sie das kleine Häuschen, in dem sie nun schon so viele Jahre wohnten, nebst einem Stückchen Acker käuflich erwerben konnte. | ||
| + | |||
| + | Freilich fiel dieser plötzliche Wechsel in den Verhältnissen der Familie allgemein auf. Man wusste so ganz gut, wie ein Knabe, zumal ein so schwächlicher wie Bruno, arbeiten konnte, und ahnte es gleich, dass es in Betreff den fast übernatürlichen Leistungen Brunos nicht mit gewöhnlichen Dingen zuging. Vor allen war der plötzliche Umschwung auch der Mutter aufgefallen, | ||
| + | |||
| + | So vergingen wieder einige Jahre. Bruno war ein stattlicher, | ||
| + | |||
| + | Bruno ging, seitdem er älter geworben war und es ihm seine Mittel erlaubten, hin und wieder ins Wirtshaus, um sich an einem Glas Bier zu laben. Das ganze Jahr hindurch aber freute er sich schon auf das Barbarafest – ein Fest, das auch noch gegenwärtig in vielen Regionen von den Bergleuten zu Ehren ihrer [[vip: | ||
| + | |||
| + | Das war an diesem Tag ein Jubel und Trubel in dem sonst so stillen Dörfchen! Vormittags zog die ganze Belegschaft der Zeche, voran der Steiger, alle in der schönen, sinnigen Bergmannstracht zum Dorfkirchlein zum feierlichen Gottesdienst. Nachmittags aber, und spät bis in die Nacht hinein, fand ein großes Arbeiterfest auf Kosten des Brotherrn statt. Es wurden die großen Räume des Zechenhauses vorher besonders dazu hergerichtet und geschmückt. Während hier im bunten Durcheinander die jungen Paare nach bei Klängen der Berghornisten tanzten, saßen in den angrenzenden Räumen die Älteren, die bereits Ermüdeten und die, welche am Tanzen kein Vergnügen fanden, bei frohem Gläserklang. Zu den Letzteren gehörte auch Bruno, der mit seinen Freunden an einem langen Tisch saß und gemütlich plauderte. Bald gesellten sich noch andere dazu, von denen einige bereits zu tief ins Glas geschaut hatten. Das war besonders bei Lorenz der Fall, einem Kameraden Brunos, bei sich bisher vergebens um eine von dessen schönen Schwestern bemüht hatte. Und da er diesen Misserfolg lediglich auf Brunos Einfluss zurückführte, | ||
| + | |||
| + | »Nun, mein lieber Kamerad Rack«, sagte er mit unverhohlener Bosheit, »willst du nicht so gut sein, uns auch das Mittelchen zu nennen, mit welchem man beim Hungern plötzlich zur erstaunlichsten Leistung stark genug und in wenigen Jahren als Arbeiter so wohlhabend wird, wie du? Wir sind und bleiben doch alle arme Teufel und versuchen doch auch das Möglichste zu leisten. Gib uns doch etwas von deinem Zaubertrank mit!« | ||
| + | |||
| + | »Schweig doch mit diesen albernen Redensarten«, | ||
| + | |||
| + | »Ach was, Gottes Gunst!«, entgegnete der betrunkene Lorenz, »bleib mir nur damit vom Leibe! Ich mag es wohl glauben, dass Bruno in seiner verzweifelten Lage anfänglich, | ||
| + | |||
| + | »Um Gottes willen schweig, Elender!«, riefen entrüstet Brunos Freunde, während dieser selbst vor Aufregung und unterdrücktem Zorn zitterte. | ||
| + | |||
| + | »Nein, ich schweige nicht«, schrie Lorenz, »ich will es laut heraussagen: | ||
| + | |||
| + | »Gott vergebe dir diese Verleumdung«, | ||
| + | |||
| + | Alle Anwesenden, die sich während des Streites an den Tisch der jungen Leute herangedrängt hatten, horchten gespannt auf, als Benno fortfuhr: »Ihr werdet sehen, dass ich schwer dafür werde büßen müssen; aber ich will lieber den grässlichsten Tod sterben, als meine unschuldigen Schwestern mit Unrecht von der Welt verachtet wissen – infolge der Gemeinheit dieses Niederträchtigen. So hört denn: Ich stehe in einem Bündnis mit dem Berggeist. Er hat mir den Schwur abgefordert, | ||
| + | |||
| + | Am nächsten Morgen vor dem Anfahren nahm Benno einen viel zärtlicheren Abschied als sonst, wenn er zur Schicht ging, von der Mutter und den Geschwistern, | ||
| + | |||
| + | »Glückliche Schicht!«, grüßten die seinen bei seinem Fortgehen und sahen sich fragend und kopfschüttelnd an. Sie hatten eine solche Stimmung an Bruno noch nicht beobachtet. | ||
| + | |||
| + | Bruno fuhr an. Ihm folgten seine Kameraden und die Hauer, und es dauerte nicht lange, so sandte man auch den ersten Kübel Erz zutage. Aber wie erstaunte man oben, als man in dem Gefäß anstatt des Erzes die Leiche Brunos, in zwei Hälften zerrissen, vorfand! Der rasch herbeigeholte Steiger fuhr sofort ein. Er vernahm [[lex: | ||
| + | |||
| + | Das Erstaunen und die allgemeine Aufregung erreichten aber ihren Höhepunkt, als der zweite Kübel, bei dessen Füllung der Steiger selbst zugegen war, über Tage ankam, und man in ihm lauter kleine Stücke vertrockneten Brotes vorfand. Ebenso ging es mit den folgenden Kübeln. Es war das Brot, welches Bruno täglich dem Berggeist gebracht hatte. Da aber konnten die Arbeiter ihre Angst nicht länger bemeistern und fuhren allesamt aus. Nur Lorenz, welcher am Morgen ebenfalls angefahren war, war nirgends mehr zu finden und wurde nie mehr gesehen. Die Förderung in diesem Schacht musste für lange, lange Zeit eingestellt werden, da sich jeder Bergmann sträubte, die Arbeit in diesem unheimlichen Bergwerk wieder aufzunehmen. | ||
| + | |||
| + | //Quelle: [[autor: | ||
| + | ---- | ||
| + | {{tag> | ||
sagen/bergmaennischesagen044.1676625224.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)
