capitel:tss3001
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| - | ====== Vorwort ====== | ||
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| - | Die Poesie eines Volkes ist der treuefte Spiegel seines Geistes, Gemüthes, Genius und Charakters, sie ist die Flamme des heiligen Feuers der Bildung, Sittigung und Religion, welche von dem Altare der Menschheit zum Himmel auflodert. | ||
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| - | //v. Hammer - Purgstall, in der Vorrede zur Geschichte der Osmanischen Dichtkunft// | ||
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| - | Jeder Freund der Poesie, der in ihr mehr, als eine oberflächliche Befriedigung geistiger Sinnenreize erblickt, und gern von den flachen Ufern ihrer oft breiten Ströme den heimlichen Quellen zueilt und zuflüchtet, | ||
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| - | Daher aber, weil die Sage ein unsterbliches Leben im Volke selbst fortlebt, und den ewigen Poesiefrühling als eine seiner melodischsten Nachtigallen verschönen hilft, findet sie auch zu allen Zeiten willige und erfreute Hörer und Freunde, von denen wohl Mancher sehr ernst bethätigte, | ||
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| - | Daß die Sagenpoesie einer Vertheidigung gegen Keblose und gehässige Gesinnung, wie solche sich wohl in einzelnen Stimmen ausspricht und aussprechen könnte, nicht bedarf, geht gerade in unsern Tagen aus einer Menge höchst erfreulicher gleichzeitiger Bestrebungen im deutschen Vaterlande hervor, welche von einer Seite theils vom rein wissenschaftlichen und strengen Standpunkt aus, Licht und Helle in das Dunkel früher Ueberlieferungen zu tragen, theils die noch vorhandenen , allmählich aber immer mehr verschwindenden und in Unzugänglichkeit sich schüchtern bergenden ächten Sagenblüthen aus dem Volksmunde zu sammeln bemüht sind, von der andern Seite hingegen mit großer Liebe willkommen geheißen und freudig aufgenommen und anerkannt werden. | ||
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| - | Eben so wenig als einer Vertheidigung der Sage, bedarf es eines Panegyrikus derselben. Sie ist einem sinnigen und bescheidnen Mädchen gleich das sich nicht auffallend bemerkbar macht, das sich nicht aufdringt, sondern in verschämter Zurückgezogenheit blüht, und des erkornen Freundes harrt, dem es mit zärtlichem, | ||
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| - | Bevor ich aber, zum Einzelnen mich wendend, zeige, wie die Sage das Volk nicht nur erfreut, erheitert, erhebt und rührt, sondern ihm auch eine Lehrerin, eine Warnerin, eine Trösterin ist durch die Macht des Beispiels, und forterbend mit seiner traditionellen Spruch- und Gleichnißweisheit Hand in Hand geht, muß ich mich erst noch einmal zum Allgemeinen wenden, um ein richtiges Verständniß zu bewirken. Vor Allem dürfte für Manche eine Feststellung des Begriffes: Sage, und eine Gliederung desselben erforderlich sein, um den Ausdruck Volkssage entschieden zu bestimmen und zu begrenzen. Sage ist die unverbürgte Kunde von etwas Geschehenem, | ||
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| - | Um nun eine Abmarkung dieses großen Gebietes zu bewerkstelligen, | ||
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| - | I. Göttersage\\ | ||
| - | II. Heldensage\\ | ||
| - | III. Geschichtssage\\ | ||
| - | IV. Volkssage\\ | ||
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| - | So wie der Grundbegriff des Wortes Sage auch anders defiNixt werden kann, als ich denselben hier feststelle, eben so wird es keinem mit dem Wesen der Sage Vertrauten schwer fallen, an dieser Gliederung auszusehen, oder auch jede Abtheilung derselben noch weiter in einzelne Theile zu zerfällen. Es kann jedoch bei dieser Abhandlung nicht mein Zweck sein, das innerste Wesen jeder dieser Hauptabtheilungen zu verdeutlichen; | ||
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| - | Göttersage im höhern Sinne haben wir im mittlern Deutschland (von dem ich hier ausschließlich rede), so gut als gar keine, und wo ein Nachklang derselben geblieben, der mehr als hypothetischen Grund und Beweis für sich hätte, so ist er innig mit der Volkssage verschmolzen. Von den Göttern der Vorzeit, wie die Erinnerung an sie bei den Völkern des Südens und des Nordens in mündlicher und Schrifttradition sich wohl noch finden mag, weiß unser Volk nichts mehr, Götter und Dämonen sind ihm zu gespenstischen Erscheinungen geworden. So mögen Wuotan, Frau Holle und Bertha mit dem wüthenden Heer verschmolzen sein, so blieben Götternamen und Erinnerungen an sie nur an Einzelorten und vielleicht in mancher dunkeln Redensart, in mancher Formel haften, vor allen andern Odin, Wuotan and Thor, auch einige der römischen Götternamen, | ||
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| - | Weit mehr, als von Göttermythen, | ||
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| - | Die Heldensage, welche uns fast ausschließlich in Schrifttradition überkommen, | ||
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| - | Wohl aber ist die Geschichtssage im Einzelnen dauernd lebendig; eine Menge ihrer besondern Stoffe im frischen Andenken zu erhalten, trug der Katholicismus durch die Legende sehr viel bei, und die im Volk so werth und hoch gehaltenen Chroniken geben ihm willig zur Unterhaltung in langen Winterabenden oder in einsamen Stunden das zurück, was aus dem Mund der Väter die Chronisten einst sammelten und niederschrieben. Da mischt sich denn Wahres und nur für wahr Gehaltenes mit einander; die Helden oder die Liebesthat, das Abenteuer oder das Wunder gattet sich mit der Romantik, und aus ihrer Umarmung geht die geflügelte Sage hervor, um auf ihren goldfarbigen Schwingen uns in ihr phantastisches Aelternhaus und Heimathland zu tragen. Zur Geschichtssage ist auch zu rechnen, was auf alten fliegenden Blättern, Minne - und Meistersängerliedern und dergl. dahin bezügliches wir überkommen haben, davon heute weder der Volks noch auch der Chronikenmund etwas kund thut, wie z. B. die Sage von dem Danhäuser, dem Brennberger (Grimm D. S. 2 . 499 u. 500.) Heinrich dem Löwen, dem edlen Möringer und viele dergleichen. Oft behandeln diese einen geschichtlichen Gegenstand mit mythischer oder romantischer Färbung. | ||
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| - | Eigentliche Volkssage nun im wörtlichen Sinn ist die im Volk und vorzugsweise im Landvolk noch vom Ahn auf den Enkel forterbende und sich fortpflanzende Tradition eines nicht geschichtlich genau erweislichen Ereignisses, | ||
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| - | Als Beispiele führe ich hier an die Volkssage vom Jungfernsprung, | ||
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| - | Zu den Sagen, deren Erscheinung dauernd in die Gegenwart tretend geglaubt wird, gehören die bekannten von den weißen Frauen auf noch bewohnten oder fast verödeten Schlössern, | ||
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| - | Um auch das Unbedingte der prophetischen Sage nicht ohne Beispiel zu lassen, führe ich an, daß in Thüringen eine Stelle gelegen ist, von der unter den Umwohnern die Rede geht, daß auf ihr der leste Türke werde erschlagen werden. Diese Stelle ist weit vom Kyffhäuser, | ||
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| - | So glaube ich im Wesentlichen den Begriff der Sage überhaupt, und der Volkssage insbesondere, | ||
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| - | Die Unschuld steht unter Gottes Huth. Hierher gehören belegend die vorhin schon angezogenen Sagen vom Jungfernsprung, | ||
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| - | Treue Pflichterfüllung findet ihren Lohn. Dies bewahrheiten viele Sagen, der Volksglaube bestätigt es. Wer auf Berufswegen geht, den können die Geister weder irren noch schaden, unzählige Bergmanns- und Jägersagen deuten darauf hín. Redliche arme Hirten thun reiche Funde; guten Menschen erscheinen und dienen willfährige und hülfreiche Geister, und bleiben treu, so lange nicht Vorwit und Uebermuth sie vertreibt. Der fröhliche Muth und das gute Gewissen, die aus redlicher Pflichterfüllung hervorgehn, und sich zum getrosten Vertrauen steigern, haben Glück und Segen. Dieß dokumentiren die zahllosen Sagen von Musikanten, welche zu Nacht den in Burg und Berg und Höhle verzauberten Königen und Prinzessinnen Ständchen bringen; grüne Zweige, die sich den Vertrauenden in Gold verwandeln, belohnen sie reichlich. Die Geister wollen Muth und Vertrauen von den Menschen, ohne diese hilft keine Springwurzel, | ||
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| - | Armuth schändet nicht. Das gemeine Volk, überall mehr arm, als reich, bildet selbst in seiner Tradition eine ganz natürliche Opposition gegen den Reichthum und die Reichen. Die Sage läßt redliche Arme reich und glücklich werden, sei es durch aufgefundene. Schäße oder Geistergaben. Die Reichen prangen im Glanz ihrer Hoffarth, und hundertfach variirt die Sage ihre Strafe. Das Volk übt im Gefühl seiner Unterdrücktheit, | ||
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| - | Armuth hindert der Ehren viel; Kunst ohne Geld ist Affenspiel. Armuth lehrt geigen. Reichthum ist gut für Armuth. Reichthum hat Adlers Federn, sie lassen sich nicht bannen. Mit leeren Händen fahet man keine Falken. An Armer HHooffffaarrtthh_wwiisscchhtt der Teufel seinen Hintern. Und so Hunderte. Immer wird es der Arme, der Verlassene, der Hülflose, der Unterdrückte sein, dem selbst in der Sage der urtelnde Sinn des Volkes zu Hülfe kommt. Dem armen Zitherspieler, | ||
| - | die Feuerprobe. Hierher gehörig ließen sich noch eine Menge Sagen anziehen. Ueberhaupt lehrt und predigt immerfort in den lebendigsten Beispielen die Volkssage den folgenden Ausspruch: Die Tugend wird belohnt, das Laster bestraft. Hierher deuten wieder die Jungfernsprung - Sagen, dann aber hauptsächlich jene unzähligen von irrenden Geistern, Feuermännern und gespenstigen Schäßehütern. Das Volk übt sein Gottesurtheil, | ||
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| - | Zum schwarzen Hund verwandelt, irren grausame Jäger, tyrannische Amtleute durch die Fluren. Mit Feuer straft das Volk. Noch heute kann man im Hennebergischen die Redensart hören, wenn von einem despotischen oder ungerechten Beamten die Rede ist: ,,der muß auch noch einmal als feuriger Mann umgehen. “ Hierzu eine Menge Belege in Grimms deutschen Sagen, namentlich I. Sage 281 und 285, auch in J. Grimms Deutscher Mythologie S. 515: „Ungerechte landmesser sieht man mit langer feuerstange in den furchen auf und abschweben und gleichsam das vermessene nachmessen; wer seinem nachbar abgepflügt, | ||
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| - | Das Gewissen wird in der Volkssage als sittliches Gericht anerkannt und geehrt. Hier will ich nur gleich an die bekannte Danhäusersage erinnern. Den edlen Ritter läßt es nicht ruhen und rasten im Venusberg, und er zieht von dannen, Vergebung seiner Sünden zu suchen. Die fand er nun nicht, vielmehr versagte sie grausam der Papst, da hub nach dreien Lagen der Stab an zu grünen. Nun erwacht auch des Papstes Gewissen, er schicket aus in alle Lande, wo der Danhäuser wäre hin kommen. Vergebens. Heinrich Raspe weinte bitterlich, als ihm die Räthe sein schweres Unrecht vorhielten, das er der frommen Elisabeth angethan, und er erbot sich alles zu thun, was er nur vermöge, die Gekränkte zu versöhnen, und that es auch. (Th. S. S. I. S. 193. ) Wem fiele nicht von selbst die Reue des Grafen Ludwig, welcher den Pfalzgrafen Friedrich erschlug, und seiner Gemahlin Adelheid ein, durch welche Reue Reinhardsbrunn gegründet wurde? Der Gründer des Klosters Sinnershausen, | ||
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| - | Gottesfurcht wird belohnt und vom Untergang gerettet, Gottlosigkeit von der Erde hinweggetilgt. Die biblischen Mythen vom Untergang Sodoms und Gomorras, wie von der Rotte Korah, finden in mancher deutschen Sage ihren wichtigen Nachhall. Hierher deuten die zahlreichen Ueberlieferungen von versunkenen Städten und Dörfern; man denke an Vineta, an Juvavia, an Stavoren. Im Thüringischen ist von mehr als einem Dorfe die Rede, das mit Mann und Maus in die Erde versank, wo nur wenige Gute dem Verderben entgingen, welches die Lasterhaftigkeit der Orte vom zürnendem Himmel rief. Man denke ferner an die übergossne Alp in Tyrol, an Frau Hütt daselbst (Grimm d. S. I. 233. ), an die Buben auf dem Unterharz, die ihr Brod verfluchten, | ||
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| - | Fleckenloser Lebenswandel wird von der Volkssage als ein Verdienst und Gott wohlgefällig gewürdigt. Auf tausendfache Weise preißt und ehrt die Sage den makellosen Wandel. Hier hat schon die Religion und die Heiligenlegende vorgearbeitet, | ||
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| - | Mancher tiefverborgne und verzauberte (versetzte) Schatz könnte gehoben werden mit Hülfe einer reinen Jungfrau, wenn solche sich fände; wehe der unreinen Hand, die mit frevelnder Lüge ergreifen wollte, was der reinen beschieden; nur reine Jungfrauen können das Nothhemd spinnen und weben. Nur die Reinen können verwünschte Geister erlösen, und da in unsern Tagen sich diese Unschuld bei dem erwachsenen Geschlecht nicht mehr finden will, so läßt sich die Sage bis zu Kindern herab und hofft von diesen ein Glück, das jene nicht gewähren können, wie die Jungfrau auf dem Broteroder Burgberg (Th. S. S. II. S. 93. ), wo die Erlösung höffende Erscheinung selbst sagt; | ||
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| - | Ein Knäblein von sieben Jahren\\ | ||
| - | Mit weißen Haaren\\ | ||
| - | Kann mich erretten.\\ | ||
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| - | Die Bedeutung der weißen Farbe und überhaupt die Bedeutung der Farben erscheint auch in der Sagenpoesie wichtig. So finde ich in einem alten Liede weiß als Farbe der Ausplauderei in Minnesachen bezeichnet, wo der Dichter sagt: | ||
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| - | Sie heißen woll testerer\\ | ||
| - | Die mit rocken lassen sehen\\ | ||
| - | Was in guts ist geschehen\\ | ||
| - | Von reinen seligen weyben\\ | ||
| - | Der gern gerecht wär\\ | ||
| - | Der soll die selben mer (Mähr)\\ | ||
| - | Wissen vnd nietmanns mee\\ | ||
| - | Sein lieb sein leyd sein woll sein. wee\\ | ||
| - | Soll er fürbas nit sagen. \\ | ||
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| - | Für erscheinende Jungfrauen kennt die deutsche Volkssage, so viel mir bekannt ist, keine andre. Farbe als weiß, welche Farbe an sich schon die Unschuld, die Jungfräulichkeit andeutet. | ||
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| - | Selbst an heilige Namen klammert sich die Sage und macht sie bedeutungsvoll, | ||
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| - | So wäre noch auf vielfache Weise anzuführen und nachzuweisen, | ||
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| - | Der Glaube an Gott ist tief im deutschen Volke gewurzelt, von Gottesläugnern und Gottes lästerern giebt es eine Menge abschreckende Sagen. Auch jene damonischen Mittelwesen der Sage, Zwerge und Elbe, wissen von Gott, glauben an Gott und haben Hoffnung auf einen befsern, seligen Zustand. ,,Alle guten Geister loben Gott den Herrn! " heißt die allbekannte und mächtige Zauberformel, | ||
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| - | Was ist früher geschehen für diesen Nervenäther des deutschen Volkslebens, | ||
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| - | Es sind nur Andeutungen, | ||
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