capitel:tss2001
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| - | ====== Vorwort zum 2. Theil ====== | ||
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| - | Unbefangen und von der reinsten Liebe zu der Sache beseelt, der das Unternehmen meines Thüringischen Sagenschahes gilt, gab ich den ersten Band, deshalb durfte ich denselben auch bloß dichterisch bevorworten. Bei diesem zweiten scheint es mir wohlgethan, mich näher über Plan und Zweck des Werks auszusprechen, | ||
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| - | Eine Kritik in den Literarischen Blättern, welche als Beilage des Berliner Gesellschafters erscheinen, in Nr. 28, 1835, Gzl. unterzeichnet, | ||
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| - | Herr G. sagt weiter: „ich kann mir dabei nur zwei Gesichtspunkte denken: entweder giebt uns der Sammler urkundlich eine Sagengeschichte - auch der Mund des Volkes ist eine zur Sage gehörige Urkunde - dann hätte auch die Literatur durchaus berücksichtigt werden müssen, und die Weise der Erzählung etwa jene unserer alten Volksbücher sein sollen, oder der Sammler hat einen rein dichterischen Zweck, dann hätte Rundung in die einzelnen Sagen kommen, und der Styl der eines Tieck (in seinen Mährchen) oder eines Musäus sein müssen." | ||
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| - | Wenn ich nun Hrn. G. zugestehe, daß ich aus dem ersten dieser Gesichtspunkte mein Werk bearbeitet und betrachtet wünsche, so habe ich auf seine, hier allerdings achtungswerthe Meinung folgendes zu erwiedern: Ich wollte und will in diesem S. S. ein Buch für das Volk geben, darum habe ich gar wohl erwogen, daß ich nicht mit Literaturnotizen, | ||
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| - | Dasselbe gilt auch in Beziehung auf die Darstellungsweise von Tieck und Musäus. Ich gehöre nicht zu denen, die in ihrer Dünkelhaftigkeit anerkannten großen und liebenswürdigen Männern den wohlverdienten Lorbeer vom Haupt zu reißen streben, um ihre eitle Frazze davon überschatten zu lassen, ich ehre in Tiek den meisterhaften Dichter, sehe aber die Nothwendigkeit nicht ein, warum ich, selbst wenn ich einen rein dichterischen Zweck beabsichtigte, | ||
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| - | Wenn Hr. G. mir Muster aufstellen wollte, warum nannte er mir nicht die Brüder Grimm? Diese allein erkenne ich auf dem Felde, das ich zu bebauen begonnen, als solche an, diese haben in ihren deutschen Sagen den Weg vorgezeichnet, | ||
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| - | Weiter sagt Hr. G.: „Auch hätte der Verfasser den originellen Gedanken haben können, die Sagen jedesmal in dem betreffenden Volksdialekt zu schreiben. In diesen drei Fällen konnte etwas Gutes, Bleibendes geliefert werden.“ Diesen originellen Gedanken habe ich nicht gehabt. Es ist überaus schwer, in Volks - Dialekten zu schreiben. In meiner Gegend hat fast jeder Ort einen andern, und es fragt sich, ob ich mir damit den Dank aller Leser verdient hätte. Ob mein Unternehmen sich als etwas Gutes und Bleibendes, oder als etwas Schlechtes, Bergängliches ausweißt, darüber wird habent sua fata libelli das Schicksal und des Werkes Werth entscheiden, | ||
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| - | Ferner sagt Hr. G.: „Für Bechsteins Leser mag das Buch angenehm sein und lesbar, denn Alle wissen nicht Alles, und Ref. gesteht, auch einiges gefunden zu haben, was ihm noch unbekannt war. “ Und zuleht: „Auch wird, wie schon bemerkt, das Buch dem Publikum Bechsteins gefallen, wenn auch die Kritik hier einen andern Maßstab zur Hand nehmen muß.“ Ich gestehe, daß ich nicht recht weiß, was Hr. G. mit der Hindeutung auf mein Publikum sagen will. Ein Publikum wird mir zugestanden, | ||
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| - | Mit Absicht stellte ich im ersten Band die Wartburg, und die vielen auf sie bezüglichen allbekannten Geschichtssagen voran. | ||
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| - | Auf das, was der Beurtheiler ferner sagt: „B. scheint vor dem Beginn des Werkes mit sich nicht ins Klare gekommen zu sein. Die Einleitung hätte reichhaltiger sein sollen; es waren darin z. B. folgende Fragen zu erörtern, welche sind die Grundzüge der thüringer Sagen? welche Sagen des übrigen Deutschlands wiederholen sich in Thüringen? wie ist das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden? | ||
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| - | Noch finden sich in der kritischen Besprechung des Hrn. G. einige Hinweisungen auf seine Heimath, die Grafschaft Hohnstein, für welche Notizen ich ihm danke, obschon sie mir nicht unbekannt sind. Meine, Gott sei Dank! günstige Stellung macht mir die besten Schriftquellen zugänglich, | ||
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| - | Der deutsche Sagengarten ist ein großes Labyrinth. Tausendfach sind seine Windungen, Gänge und Verschlingungen; | ||
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| - | Wie häufig kommen nicht vor die Sagen von weißen Frauen und Jungfrauen; scheinbar gemischt, und doch in der Tradition streng geschieden; weiße Frauen mehr in Schlössern, | ||
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| - | Sagen von Schätzen mit ihrer Bedingniß des Schweigens, ihren Erscheinungen, | ||
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| - | Sagen von Wasserjungfrauen, | ||
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| - | Sagen von versunkenen Glocken, die von Thieren ausgewühlt werden, kommen häufig an vielen Orten vor. | ||
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| - | Wie zahlreich sind die Klostersagen, | ||
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| - | Mit Absicht führe ich auch im Werk jene Traditionen von wirklichen überreichen Erzgänzunggen in den thüringischen Bergen an, die man kaum Sagen nennen kann, sie stehen in allzunaher Beziehung zu den vielfach begegnenden Sagen von den räthselhaften Venetianern, | ||
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| - | Den Sagen aus Thüringens Frühzeit in diesem Bande, die ich nicht übergehen wollte, doch so kurz als möglich anzog, sollen im nächstfolgenden Band diejenigen aus dem Mittelalter folgen, welche eine allgemeine Färbung haben, und weder an Ort, noch Kreis sich bannen und binden lassen. Dahin rechne ich, was aus der Geschichte der spätern Herzoge noch sagenhaft hereinklingt, | ||
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| - | Und damit, lieber Leser, für dießmal Gott befohlen. | ||
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| - | Meiningen, im April 1836 | ||
| - | Ludwig Bechstein | ||
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